28.09.1998

LEICHTATHLETIKEin Hauch von Hollywood

Der Tod der schnellsten Frau der Welt wirft die Frage nach den Folgeschäden von Anabolika-Konsum neu auf. Dabei wurde Florence Griffith Joyner niemals positiv getestet.
Sie war wie immer besonders schnell. Als Al Joyner am Montag morgen um Punkt 6.30 Uhr ans Bett seiner Frau trat, um den läutenden Wecker auszuschalten, war es bereits zu spät. Florence Griffith Joyner, die schnellste Frau der Welt, hatte aufgehört zu atmen: Herzversagen im Schlaf. Genaueres soll die Obduktion beweisen. Doch wer will schon Genaueres wissen? Wer will eine Sphinx wecken?
Auf den Titelseiten verabschiedete sich die US-Presse tränenreich von ihrem schönen, schillernden Sprinterstar, der erstmals einen Hauch von Hollywood ins schwitzige Sportgeschäft brachte. Anabolika? Wachstumshormone? Es brauchte lange, bevor die amerikanische Öffentlichkeit bereit war, sich mit den möglichen Hintergründen dieses frühen Todes zu beschäftigen.
Schon immer rankten sich Rätsel um die extravagante Amerikanerin, die als erste und bislang einzige Sprinterin der Welt 100 Meter in 10,49 Sekunden und 200 Meter in 21,34 Sekunden zurücklegte. Doch nicht nur, weil die Zeiten so unglaublich und märchenhaft schnell waren. Mit schwarzen Haaren, die wie eine Fahne hinter ihrem rasenden Körper herwehten, mit hautengen, dünnen Anzügen in Bonbonfarben und mit bunten Fingernägeln, so lang wie Raubtierkrallen, eroberte "Flo-Jo" die Sportarenen der Welt. Wo sie hinkam, war sie Ereignis: kraftvoll, selbstbewußt, sexy.
Noch vor der Jamaikanerin Merlene Ottey war sie die erste Diva der Tartanbahn, mit ihrer Ausstrahlung ließ sie sogar Superstar Carl Lewis hinter sich. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul überwand Griffith Joyner mit ihrem provokanten Auftreten die graue, artige Sportwelt der DDR-Sprinterinnen vom Schlage einer Heike Drechsler oder einer Marlies Göhr. Sie holte sensationell Gold über 100 Meter, 200 Meter und in der 4 x 100-Meter-Staffel. Vor allem aber erlöste sie die Leichtathleitk endgültig von den Frotteehöschen mit Beinansatz. Allein dafür gebührt ihr ewiger Ruhm.
"Sie brachte ein Flair auf die Laufbahn, das wir niemals hatten", sagt Evelyn Ashford, deren 100-Meter-Weltrekord von der Rivalin bei der Olympiaausscheidung im Juli 1988 um 27 Hundertstelsekunden verbessert wurde. Dem Damensprint habe sie damit "viel Aufmerksamkeit verschafft".
Doch nicht nur positive. Die enorme Muskelmasse, die der schnellen Lady an Hals, Armen und Beinen wuchs, erinnerte verdächtig an die von männlichen Kollegen. "Das kommt, weil ich wie ein Mann trainiere", rechtfertigte sich die Athletin. Wie aber, so fragten sich Kritiker, trainiert man sich einen Bart an und eine tiefe Stimme?
Schnell machten Spekulationen die Runde: Positive Dopingbefunde von Flo-Jo seien in Seoul vertuscht worden, weil sich die scheinheilige olympische Familie nicht einen zweiten Ben-Johnson-Fall leisten wollte. Doch in den Tagen nach ihrem Tod wurde das Unliebsame virtuos vom sportlich interessierten Amerika ausgeblendet. "Fakt ist", sagte Evelyn Ashford, "Flo hat alle Tests bestanden - sie nahm die Welt im Sturm und überraschte uns alle."
Vielen Frauen galt die charismatische Sprinterin gar als Vorbild im Geschlechterkampf. "Flo war dynamisch und auffallend", preist Patricia Rico, Präsidentin des US-Leichtathletikverbandes, "mit ihr haben Frauenwettkämpfe eine neue Ära erreicht." Für die Hürdensprinterinnen Gail Devers etwa mit ihren langen Fingernägeln oder die modebewußte Sandra Farmer Patrick war Griffith Joyner eine Art Rollenmodell.
Aber keine hat ihre Ausstrahlung. Unvergessen die minutenlange Starre, in die sie vor dem Start verfiel. Unglaublich ihr kraftvoller geschmeidiger Antritt. Unverwechselbar ihre charmante Art, Interviews zu geben. Selbst im verschwitzten Leibchen bewegte sich Flo, als trage sie eine Federboa.
Ein Sonderling war die siebte von elf Geschwistern schon als Kind. Zu Weihnachten wünschte sie sich ein Gewehr, später gönnte sie sich eine Riesenschlange. Auf der University of California in Los Angeles ließ sie sich 1979 von Bob Kersee Beine machen. Dessen harte Trainingsmethoden zeigten Wirkung: Bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles holte Griffith Silber über 200 Meter. Doch ihr Auftritt war unscheinbar; kein Amerikaner merkte sich ihren Namen. Die mangelnde Popularität schlug ihr aufs Gemüt. Sie aß, bis man sie "Pummelchen" nannte. Erst zwei Jahre vor Seoul speckte Feldwebel Kersee das Talent wieder ab.
1987 heiratete sie den Dreisprung-Olympiasieger Al Joyner. Bob Kersee hatte zuvor dessen Schwester, die Mehrkämpferin Jackie, geheiratet. Der Clan war perfekt.
Ein Jahr später kam es zu der erstaunlichsten Leistungssteigerung der Leichtathletik-Geschichte. Griffith Joyner katapultierte den 100-Meter-Weltrekord in eine Dimension, die manchem deutschen Sprinter männlichen Geschlechts verwehrt blieb. Sie gewann in Seoul, schwang die US-Fahne und trat fünf Monate später überraschend zurück, ohne noch einen großen Wettkampf bestritten zu haben. Es war just jene Zeit, in der die Leichtathletik-Funktionäre ankündigten, die Dopingproben künftig auszuweiten. Der Ben-Johnson-Skandal, seine imageschädigende Wirkung, verlangte nach Reaktionen.
Zusammen mit dem geschäftstüchtigen Clan machte sich die frühere Psychologie-Studentin daran, ihre sportlichen Erfolge zu Geld zu machen. Sie begann, fürs Fernsehen Sportereignisse zu kommentieren. Sie spielte in einer Sitcom mit, sie modelte und schrieb, seit 1990 Mutter einer Tochter, Kinderbücher. Über ihre eigene Firma vertrieb sie selbstentworfene Sportanzüge, Babykleidung und Fingernageldesign. Sie agierte als Beraterin des Präsidenten Clinton in Sportgremien und beschäftigte sich mit behinderten Kindern.
Ein Ersatz für den Ruhm im Stadion war das alles nicht. Mehrfach kündigte Flo-Jo ein Comeback an. Es kam nie dazu. Im April 1996 erlitt sie plötzlich während eines Fluges von Los Angeles nach St. Louis einen kleinen Schlaganfall. Nach einem Tag konnte sie das Krankenhaus verlassen - und scherte sich offenbar nicht weiter um den Zwischenfall.
"Ich will alles werden, einfach alles", antwortete Florence Griffith einst ihrem Schullehrer. 1988, mit ihrem Erfolg in Seoul, hatte sie es geschafft: "Das ist mehr, als ich mir erträumt habe. Ich bin so glücklich, einfach so glücklich." Exakt zehn Jahre nach dem Gewinn ihrer Goldmedaillen starb die schnellste Frau der Welt.
* Im 100-Meter-Finale in Seoul 1988.
* Im 100-Meter-Finale in Seoul 1988.

DER SPIEGEL 40/1998
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