14.09.1998

Robinson und Heino

Die Ernennung von Erich Ribbeck und Ulrich Stielike hat die Branche verblüfft. Das Tandem hat nur eine Chance, wenn der eine die Schwächen des anderen ausgleicht.
Es gibt noch Menschen, die davon geträumt haben, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu trainieren. Diese zwei Herren sitzen auf gepolsterten Lehnstühlen vor 15 Fernsehkameras und hören von ihrem Vorgesetzten eine ziemlich lange Geschichte.
Sie hören Egidius Braun von vielen möglichen Bundestrainern und "Interimsteammanagern" reden, von Leuten wie Jupp Heynckes, Otto Rehhagel, Günter Netzer, Roy Hodgson, Paul Breitner, Udo Lattek, Karlheinz Feldkamp, Rainer Bonhof und Hannes Löhr. Egidius Braun hat nämlich in alle Richtungen gedacht, "revolutionär" ebenso wie "international". War er nicht ein braver und tüchtiger Präsident, tauglich für die Wiederwahl?
Nur darum geht es in Brauns Rede am vergangenen Donnerstag in der Zentrale des DFB in Frankfurt. Mit jedem Namen und jedem "Modell", das er ent- und wieder verworfen hat, entwertet Braun die zwei Herren neben sich, die er vorstellen sollte. Und am Ende vermittelt er den Eindruck, daß sein Aktionismus ein zweitklassiges Ergebnis hervorgebracht hat.
Erich Ribbeck, 62, ist seit ein paar Stunden Teamchef der Nationalmannschaft und hält so einen Vortrag aus; er lächelt, seit er den Raum betrat, und hört nicht auf damit. Ulrich Stielike, 43, ist nun "Trainer, nicht Bundestrainer" (Braun), sieht in seinem karierten Jackett aus wie ein Kirmesanimateur und sinkt während des Referats des Präsidenten langsam unter den Tisch. Aber dann dürfen auch die zwei "Botschafter unseres Landes" (Braun) etwas sagen.
Es sei etwas Besonderes, Teamchef sein zu dürfen, sagt Ribbeck, und er werde sofort mit der Arbeit beginnen: "Morgen oder in vier Wochen ist das erste Spiel in der Türkei."
Solchen Unsinn sagt Ribbeck sehr fröhlich daher; der Diplom-Sportlehrer gilt in Fußballerkreisen als Meister der Rhetorik. Schmunzelnd verspricht er noch, er werde wieder "die Besten" und also auch den 37jährigen Libero Lothar Matthäus fürs Vaterland spielen lassen. Unterwegs verliert er Sprüche wie diesen: "Siege sind besser als Unentschieden, und Unentschieden sind besser als Niederlagen."
Es ist einige Jahre her, da war Ribbeck ein Star im deutschen Fußball. Er war damals angeblich kein besonders guter Trainer. Was ihn berühmt machte, waren ein paar Dinge, die im Stadion den Mann von Welt ausweisen: Ribbeck strich sich Davidoff-Rasierwasser aufs markante Kinn, trug Textilien von Concento und eine elegante Frisur, die ihm seine Frau Ulla angelegt hatte. Man nannte ihn "Sir Erich".
Der Mann, der mit 31 Jahren einst der jüngste Bundesliga-Trainer war, arbeitete in Frankfurt, Kaiserslautern und Dortmund; er wurde Assistent des Bundestrainers Jupp Derwall, aber dann wurde nicht er, sondern Franz Beckenbauer zu Derwalls Nachfolger ernannt. Der DFB wollte Ribbeck nämlich verstärkt als Jugendtrainer einsetzen und damit, so Ribbeck, "den Direktor zum Pförtner" machen. Er kündigte, ging zu Bayer Leverkusen und gewann den Uefa-Cup. Dann zog er sich immer wieder zurück. Bei drei Comebacks scheiterte er: in Hamburg als Sportchef, in München als Trainer und nach seiner Wiederkehr auch in Leverkusen, wo Sportchef Kurt Vossen "blauäugig übersehen hatte, daß ein Trainer im Ruhestand sich innerlich vom Geschäft gelöst haben könnte".
Denn dieser Trainer machte den hochbegabten Regisseur Bernd Schuster, der noch nie verteidigen konnte, zum Abwehrchef, demontierte ihn dann und brachte Schuster so 2,8 Millionen Mark Abfindung ein, den Club in Abstiegsgefahr und sich um den Job. Als Bayer-Manager Reiner Calmund den "Ist-Zustand der Mannschaft" überprüfte, kam er zum recht deutlichen Urteil: "Beschissen." Und ein aktueller Nationalspieler sagte: "Das ist der schlechteste Trainer, den ich je hatte."
Er wisse schon, warum es solche Vorwürfe gebe, sagt Ribbeck, er sei halt ein unbequemer Trainer. Heute noch hält er sich für modern, weil er in Dortmund vor 14 Jahren den Spielern ins Ohr piksen ließ: "Ich war der erste, der Laktattests eingeführt hat."
Auch in München hatte er Reformen im Sinn. Mit Kaffeetassen und Milchbechern erklärte er die Viererkette, bis ihm der Niederländer Jan Wouters sagte: "Trainer, Sie sind der einzige hier im Verein, der von Fußball nichts versteht."
"Sir Pattex" nannte ihn "Bild", als Ribbeck nicht freiwillig ging; die Spieler sprachen bald vom "schönen Erich". "Er hat Wert darauf gelegt, daß sein Haar richtig lag", sagt Wolfgang Rolff, ehemaliger Leverkusener und jetzt Assistenztrainer in Stuttgart, "seine Eitelkeit führt auch dazu, daß er kein Gramm Fett zuviel hat."
Es ist dieses letzte Jahrzehnt seiner langen Karriere, das Ribbecks Ernennung und die späte Erfüllung seines Lebenstraumes zunächst einmal absurd erscheinen läßt. Sie wirkt wie der Beweis für Uli Hoeneß'' These, daß die Nationalmannschaften an Bedeutung verlieren und die Vereine immer wichtiger werden: Der DFB, so scheint es, kriegt nur noch die Trainer, die den Clubs nicht mehr gut genug sind. Denn weil er die Bundesliga seit 1996 meist per Satellitenfernsehen auf Teneriffa verfolgte, hatten alte Kameraden den Teamchef Ribbeck schon "Robinson Crusoe" getauft.
Brauns "Modell Nummer drei" könnte allerdings funktionieren, wenn sich Ribbeck und Stielike jeweils auf das konzentrierten, was sie beherrschen: wenn Ribbeck die Mannschaft vor den Kameras mit jener Eleganz vertreten würde, die Berti Vogts fehlte - und wenn Stielike das Fachliche erledigen würde, das Ribbeck Probleme bereitet. Dann könnten sich die zwei ergänzen und gemeinsam erfolgreicher wirken als der Solist aus Kleinenbroich.
Denn Stielike, als Spieler ehedem rustikal wie Vogts, ist noch heute einer, der sich "in Arbeitsklamotten" wohl fühlt und weniger mit seinen breiten Krawatten am Hals. Stielike war immerhin mal Schweizer Nationaltrainer und sehr erfolgreich; zu jener Zeit, diese Auskunft bekam Braun von seinem Kollegen aus Zürich, "war die Diplomatenschule allerdings geschlossen".
Weil Konversation mit den Spielern nicht seine Stärke war, wurde Stielike dann in Neuchâtel, Mannheim und Almería (Spanien) entlassen; daß er allerdings wußte, was er ihnen hätte erzählen können, bezweifeln die wenigsten. Vogts machte Stielike zum DFB-Jugendtrainer, weil er ihn für einen Experten hält.
Der Mann aus Löhrbach im Odenwald singt Volkslieder "wie Heino" ("Süddeutsche Zeitung") und verfügt über ein strammes Selbstbewußtsein. Als er am Mittwoch vom DFB-Pressesprecher erfuhr, daß er ein Kandidat sei, dachte er sogleich, er sei nun der neue Berti.
Wenig später saß er in seinem Wohnzimmer, holte einen Freund ("Ich weiß nur, daß
* Beim Halbfinale der Weltmeisterschaft 1982 gegen Frankreich. Stielike verschoß einen Elfmeter.
der Ball rund ist") herbei, der den Auftrag bekam, die Anrufe der Herren von der Presse zu koordinieren, und gab forsche Interviews. Die Profis Andreas Möller und Thomas Häßler bezeichnete Stielike als "Windeier", und der "kicker" druckte das gern.
Dann legte der Mann vom "kicker" auf, und Stielike meinte, daß "in Deutschland die Raumdeckung nicht verstanden" werde; von einem Fußballer müsse man das aber erwarten, "so wie man von einem Techniker erwartet, daß er jedes Computersystem knackt, Macintosh oder was auch immer". Schließlich stellte Stielike seiner Frau wichtige Fragen: "Glaubst du, daß die Kinder das auf die Reihe kriegen werden?" "Ja, gut", sagte Frau Stielike, "die haben eine ziemlich dicke Haut, und wir wohnen ja ein bißchen auf dem Dorf." Dann erfuhr Stielike, daß er doch bloß die Nummer zwei hinter Ribbeck sein würde.
Und am Tag danach sitzt er nun also neben seinem Chef Ribbeck in Frankfurt und ahnt, daß er sich vielleicht ein bißchen weit vorgewagt hat: "Heute, als Trainer, steht mir das nicht mehr zu." Ribbeck, der die Profis Möller und Häßler zurückzuholen wünscht, sitzt neben ihm und nickt weise.
Ob Ribbeck, der künftig auch den Trainingsanzug anziehen will, "wenn er denn paßt", seinem Stielike also wirklich die Arbeit mit der Mannschaft überlassen wird? "Das letzte Wort" habe jedenfalls er, das stellt er mehrmals heraus.
Froh können beide darüber sein, daß Berti Vogts in seinen letzten Tagen als Bundestrainer so viele Neulinge berufen hat und das Reservoir vorerst ausreichen dürfte. Mit der Auswahl von Talenten scheint nämlich selbst Fachmann Stielike hin und wieder Schwierigkeiten zu haben. Als er Waldhof Mannheim trainierte, bot ihm der italienische Club Ascoli Calcio einen Spieler namens Oliver Bierhoff an. Stielike lehnte ab.
* Beim Halbfinale der Weltmeisterschaft 1982 gegen Frankreich. Stielike verschoß einen Elfmeter.

DER SPIEGEL 38/1998
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