28.09.1998

SPIEGEL-GESPRÄCH„Jeder Krieg ist obszön“

Steven Spielberg über „Der Soldat James Ryan“, Patriotismus und sein Bild von den Deutschen
SPIEGEL: Mr. Spielberg, haben Sie gedient?
Spielberg: Ich bin während des Vietnamkriegs zweimal von Militärärzten untersucht worden und war als "I a" eingestuft. Ich stand kurz davor, meinen Einzugsbefehl zu erhalten, als das Lotterie-Prinzip eingeführt wurde. Dadurch blieb ich verschont.
SPIEGEL: Hätten Sie versucht, sich zu drücken, oder wären Sie in den Krieg gezogen?
Spielberg: Ich wäre ganz sicher zum Militär gegangen. Vermutlich hätten sie mich nicht an die Front geschickt, denn meine Untersuchungen ergaben, daß ich Plattfüße habe. Ich hätte sicher versucht, in einer Einheit meine Erfahrungen hinter der Kamera zu nützen. Nach Vietnam aber wäre ich in jedem Fall verschifft worden und womöglich eben doch in die Schlacht.
SPIEGEL: Was für einen Soldaten hätten Sie abgegeben? Identifizieren Sie sich mit einem der acht GIs, die in Ihrem neuen Film während des Zweiten Weltkriegs auf die Suche nach einem versprengten Gefreiten in der Normandie gehen?
Spielberg: Ich wünschte mir, daß ich wie Captain Miller gehandelt hätte ...
SPIEGEL: ... der von Tom Hanks gespielte tapfere Anführer des Suchtrupps ...
Spielberg: ... aber ich fürchte, ich wäre eher wie Upham gewesen.
SPIEGEL: Das ist der kampfunerfahrene und tolpatschige Übersetzer, der in den entscheidenden Momenten durchdreht, dessen Zaudern am Ende einen Kameraden das Leben kostet.
Spielberg: Ich weiß nicht, ob ich jemanden erschießen könnte. Ich nehme nur an, daß ich einer wie Upham wäre, weil ich weiß, wie schnell ich Angst kriege. Aber der Krieg stellt einen auf die Probe, man kann sein eigenes Verhalten nicht voraussagen, bis man einen Krieg wirklich erlebt hat.
SPIEGEL: Das klingt fast, als würden Sie die Erfahrung missen.
Spielberg: Um Gottes willen, nein, wirklich nicht.
SPIEGEL: Sie muten dem Zuschauer in "Soldat Ryan" die schlimmsten Grausamkeiten des Krieges zu, er wird quasi mitten in die Schlacht geworfen. Sie sprachen selbst von einer "physischen Erfahrung", die er durchmachen müsse. Warum?
Spielberg: Ich hoffe, daß jeder, der sich meinem Film aussetzt, tiefen Respekt vor den Männern gewinnt, die damals taten, was getan werden mußte. Ich wollte nicht einen weiteren glatten Hollywood-Film über den Zweiten Weltkrieg drehen, sondern endlich mal einen wahrheitsgetreuen ...
SPIEGEL: ... der die Kinokassen füllt? "Ryan" ist in den USA einer der erfolgreichsten Filme des Jahres.
Spielberg: Damit hat keiner gerechnet, ich am wenigsten. Der Kriegsfilm gilt als ausgelaugtes, unpopuläres Genre. Meine Berater hatten mir zudem eingeredet, daß Frauen wegen der Gewalttätigkeit nicht in die Kinos gehen würden. Jetzt zeigt sich, daß das Publikum in den Film strömt und daß es zur Hälfte aus Frauen besteht - "Ryan" hat sozusagen alle Regeln gebrochen. Wichtig aber ist vor allem: Die Veteranen haben das Gefühl, daß ihre Erfahrungen auf der Leinwand widergespiegelt werden.
SPIEGEL: Sie verstehen Ihren Film als eine Art Denkmal für die Veteranen?
Spielberg: Ja, als Memorial. Es ging mir darum, eine Geschichte zu erzählen, die in den USA fast in Vergessenheit geraten war. Der Zweite Weltkrieg ist vermutlich das wichtigste Ereignis dieses Jahrhunderts, weil sein Ausgang darüber entschieden hat, wie die Welt sich entwickelt, ob sie überhaupt das 21. Jahrhundert erreicht - ich als Jude wäre sicher längst von der Erdoberfläche verschwunden, hätten die Nazis gewonnen.
SPIEGEL: Der Zweite Weltkrieg ist unbestritten ein Einsatz, auf den Amerika stolz sein kann, der "gute" Krieg heißt er manchmal in den USA. Ihr Film erzählt von Anstand, Ehrlichkeit, ja Heldentum. Träumt Amerika gerade jetzt wieder besonders von diesen Werten?
Spielberg: Sein Leben auf dem Altar der Freiheit opfern: Das klang vorher melodramatisch und hohl. Viele sehen das jetzt anders. Der Film hat Generationen zusammengebracht. Jugendliche verlassen das Kino, gehen auf alte Männer zu, die in denselben Vorstellungen gesessen haben, und fragen: Haben Sie im Zweiten Weltkrieg gekämpft? Wenn die Alten bejahen, dann umarmen sie die Jungen, und viele sagen: Danke.
SPIEGEL: Waren Sie schon immer so patriotisch?
Spielberg: Ich habe nie geglaubt, daß der Zweite Weltkrieg ein "guter" Krieg war, so etwas gibt es nicht, jeder Krieg ist obszön. Aber ich glaube, es war ein notwendiger Krieg - und manche in der Geschichte mußten geführt werden, beispielsweise auch der gegen die britischen Kolonialherren.
SPIEGEL: Wurden Sie in diesem Sinn erzogen? Oder woher rührt Ihre Faszination für den Krieg, die sich schon in Ihren Teenager-Filmen zeigt und Ihr ganzes Werk durchzieht?
Spielberg: Als Jugendlicher bezog ich meine Kenntnisse über den Krieg aus zwei Quellen: von Hollywood und aus den Geschichten, die mein Vater mir erzählte. Wir lebten damals in Arizona, und dort liefen unentwegt so kitschig-heroische Kriegsfilme im Fernsehen. Damit bin ich aufgewachsen, so, dachte ich, ginge es im Krieg zu. Aber dann erzählte mir Papa von seinem Luftwaffeneinsatz in Burma, und das paßte so gar nicht zu Hollywood.
SPIEGEL: Von welchen Erlebnissen erzählte er?
Spielberg: Eines Tages machten wir ein Barbecue im Garten, ich war damals vielleicht acht oder neun. Vater grillte gerade Hühnchen, die klebten so fest, daß ihre Haut abpellte. Da begann er zu erzählen, ganz unvermittelt, von einer B 52, die notlanden mußte und in Flammen aufging, weil sie zuviel Benzin an Bord hatte. Zwei der Insassen verbrannten, und als mein Vater Stunden später mit einem Bergungstrupp versuchte, sie herauszuholen, mußten sie die Leichen buchstäblich von der Flugzeugwand abkratzen. Das war der schlimmste Augenblick, den er je erlebt hatte. Nach dieser Geschichte haben mich die Hollywood-Storys vom heldenhaften, romantischen Tod à la John Wayne weitaus weniger berührt.
SPIEGEL: Aber dann haben Sie Filme wie "Indiana Jones" gedreht, in denen der Krieg alles andere als wahrheitsgemäß geschildert wird.
Spielberg: Das stimmt. Aber diese Filme verlangten nicht von mir, daß ich ernsthafte Schlachtenszenen inszenierte. Es waren Abenteuergeschichten.
SPIEGEL: Sie haben sich diese Geschichten ausgesucht. Warum?
Spielberg: Das waren überlebensgroße Storys, in denen die Historie unwichtig war. Gleichzeitig habe ich mir dann andere Stoffe gesucht, mit denen ich mich in winzigen Schritten der wirklichen Geschichte annähern konnte: das Schwarzen-Drama "Die Farbe Lila", das Gefangenen-Epos "Das Reich der Sonne". Schließlich habe ich mich an "Schindlers Liste" und "Der Soldat James Ryan" herangewagt. Sie müssen sich das wie eine Treppe denken, auf der ich mich allmählich der wirklichen Geschichte stellen konnte.
SPIEGEL: Geschichte besteht aus vielen Ereignissen. Bei Ihnen ist auffällig, wie sehr der Krieg Ihr Werk beherrscht.
Spielberg: Krieg ist eine existentielle Erfahrung. Er ist unsere zweite Natur, und heute wirkt es manchmal, als sei er unsere erste. Man kann ihm nicht entkommen; er findet jeden Tag in den Nachrichten statt. Während des Vietnamkriegs drang er zehn Jahre lang täglich in unsere Wohnzimmer ein. Wir setzten uns zum Abendessen hin und sahen gleichzeitig die TV-Bilder. Wir mußten sie nicht sehen, aber wir wurden davon angezogen wie Motten vom Licht - und konnten es dann im Endeffekt nicht mehr aushalten.
SPIEGEL: Vietnam war der Krieg Ihrer Generation.
Spielberg: Richtig.
SPIEGEL: Sie haben nicht dagegen protestiert, Sie haben keinen Film darüber gemacht.
Spielberg: Damals konnte ich das noch nicht. Und dann haben andere Vietnamfilme gemacht - ich kenne keinen mißglückten; Oliver Stones "Platoon" und John Irvins "Hamburger Hill" waren die besten. Alle Vietnamfilme waren viel ehrlicher als die über den Zweiten Weltkrieg. Sie entstanden aus einer Riesenwut, gepaart mit unendlicher Verzweiflung. Vietnam verlangte von jedem Filmemacher absolute Offenheit, weil die gesamte amerikanische Öffentlichkeit den Krieg ja als Augenzeuge miterlebt hatte.
SPIEGEL: Vom Golfkrieg gegen den Irak gab es 1991 dagegen kaum Bilder von Opfern. Alles wirkte, als wäre es nur ein Videospiel.
Spielberg: In der Tat. Und diese Fernsehberichterstattung fand ich nicht in Ordnung. Die Journalisten haben sich viel zu sehr von der technologischen Knopfdruck-Raffinesse der Kriegsführung beeindrucken lassen: Toll, wie einfach es ist, einen Bunker in die Luft zu jagen, und die Menschen darin sah man ja aus der Höhe nicht. Dazu
diese Pentagonsprache vom "collateral da-
mage", dem "begleitenden Schaden", mit dem sie die Toten meinten! Ich bin nicht stolz auf diesen Krieg.
* Mit Redakteuren Susanne Weingarten und Erich Follath.
SPIEGEL: Aber Sie sind stolz auf Amerikas Rolle im Zweiten Weltkrieg.
Spielberg: Ja.
SPIEGEL: Und Sie nannten ihn "notwendig". Gibt es für Sie derzeit einen anderen "notwendigen" Krieg, etwa in Bosnien?
Spielberg: Ich glaube, da sind die Dinge noch halbwegs unter Kontrolle. Aber denken Sie an das Abschlachten der Menschen in Ruanda vor ein paar Jahren: Das war ein Völkermord, und dagegen hätte etwas geschehen müssen. Manchmal müssen Kriege geführt werden, auch noch in der heutigen Zeit. Moralische Führung ist wichtig.
SPIEGEL: An moralischer Führung fehlt es gerade jetzt in Washington. Die Hauptschuld daran trägt Präsident Clinton, ein guter Freund von Ihnen und ein Staatsmann, den Hollywood wie kaum einen Präsidenten zuvor unterstützt hat. Erst vor ein paar Wochen haben Sie sich in Ihrem Haus getroffen ...
Spielberg: ... zu einer privaten Unterhaltung, über die ich nichts erzählen werde. Schon gar nicht äußere ich mich zum Privatleben des Präsidenten in der Öffentlichkeit. Das Volk hat sein Vertrauen in den Staat nach und nach verloren, vermutlich begann dieser Prozeß nach der Kennedy-Zeit. Der Stolz, einer großen Nation anzugehören, nahm ab. Er hat sich bei vielen in Zynismus verwandelt - das Sternenbanner hat seine einstige Bedeutung verloren, weil es von zu vielen Lügen beschmutzt wurde.
SPIEGEL: Sie lassen die amerikanische Flagge sehr demonstrativ am Anfang und am Ende Ihres Filmes wehen.
Spielberg: Das tue ich mit Absicht. Ich dachte, daß viele Zuschauer mit einem Neunziger-Jahre-Zynismus ins Kino kommen. Und ich hoffe, daß die Jüngeren am Ende die Stars and Stripes mit einem Respekt sehen, den sie so noch nie empfunden haben.
SPIEGEL: Kann man das: einen gesunden Patriotismus wiederbeleben?
Spielberg: Ich als Filmemacher kann''s wohl nicht. Aber ich würde gern sehen, wenn sich mein Land wieder der Werte, der Prinzipien einer Solidargemeinschaft besänne, die wir in der Weltkriegszeit und wohl auch noch während der Kennedy-Ära hatten.
SPIEGEL: Halten Sie "Ryan" für einen Kriegsfilm oder einen Antikriegsfilm - oder ist die Unterscheidung unsinnig?
Spielberg: Es gibt Kriegsfilme, die zum Verkauf von Kriegsanleihen anhalten sollten: Das waren Propaganda-Instrumente, völlig unrealistisch in ihrem Kitsch und Glamour. Nach einem realistischen Film wie "Ryan" muß jeder, der blind und begeistert in die Schlacht zieht, total verrückt sein.
SPIEGEL: Ihr Sohn ist 13. Sie haben ihm verboten, den Film zu sehen. Warum?
Spielberg: Er kann es noch nicht verarbeiten. Mit 15 darf man in manchen US-Bundesstaaten Auto fahren. Wer alt genug dafür ist, der ist, denke ich, alt genug für "Ryan".
SPIEGEL: Sie haben "Ryan" Veteranen gezeigt, "Schindlers Liste" Holocaust-Überlebenden. Wie unterschiedlich waren die Reaktionen?
Spielberg: Die Veteranen sind eher bereit, sich "Ryan" anzusehen; KZ-Überlebende sind dagegen oft nicht in der Lage dazu, "Schindlers Liste" zu betrachten. Der Holocaust ist das furchtbarste Verbrechen der Geschichte, und darum ist die Erinnerung daran viel zu schlimm, als daß sich die meisten dieser Erfahrung, wenn auch nur im Film, noch einmal aussetzen wollen. Und wenn, dann haben sie mir gesagt: Es war alles noch schlimmer.
SPIEGEL: Was sagen die Veteranen?
Spielberg: Sie finden ihre Erfahrungen sehr viel genauer wiedergegeben. Viele haben ein halbes Jahrhundert lang nicht über den Krieg gesprochen, allenfalls mal an den Feiertagen. Aber jetzt erzählen sie, und ich schalte mich oft ein in die Debatten im Internet.
SPIEGEL: Wenn Sie eine Rangliste Ihrer Filme aufstellen müßten - welcher wäre der wichtigste für Sie?
Spielberg: Immer noch "E. T.".
SPIEGEL: Nicht "Schindlers Liste"?
Spielberg: "E. T." hat mich gelehrt, die Kraft des Filmemachens zu respektieren. Danach war ich ein anderer Regisseur. "Schindlers Liste" und "Der Soldat James Ryan" haben sicher größere gesellschaftliche Wirkung. "Schindlers Liste" hat sogar entscheidend daran mitgewirkt, daß Vorschriften geändert wurden: Polizeianwärter in Österreich mußten sich eine Zeitlang meinen Film anschauen, bevor sie ihren Dienst antreten durften.
SPIEGEL: Was fällt Ihnen heute als erstes ein, wenn Sie an Deutschland denken?
Spielberg: Der Fall der Mauer. All die Jugendlichen, die Graffiti-Stücke abklopfen und in Plastiktüten packen. Die Männer und Frauen, die auf der Mauer stehen und tanzen.
SPIEGEL: Nicht mehr Hitler?
Spielberg: Nein.
SPIEGEL: Was bedeutet Ihnen Ihr Bundesverdienstkreuz?
Spielberg: Ich habe mich sehr darüber gefreut und hatte keinerlei Hemmungen, es anzunehmen.
SPIEGEL: Sie haben den Opfern des Holocaust ein filmisches Denkmal gesetzt, den amerikanischen Sklaven, den Weltkriegsveteranen. Sehen Sie so Ihre künftige Rolle - als "Sankt Steven", Mahner und Erinnerer?
Spielberg: Ganz lange habe ich gedacht, daß ich meinen Zuschauern nur eines zu sagen hätte: Leute, geht rein und amüsiert euch. Ich habe erst mit der Zeit begriffen, daß ich der Welt noch mehr geben kann, was nicht heißt, daß ich mich auf diese großen, ernsten Stoffe festlegen lasse.
SPIEGEL: Was drehen Sie als nächstes?
Spielberg: "Die Geisha", eine japanische Aschenputtelgeschichte. Ich liebe die japanische Literatur, das Tee-Ritual, die Tänze, die Kimonos. Ich bin heute etwas reifer als etwa bei "Die Farbe Lila", und darum werde ich versuchen, den Kitschfaktor niedriger zu halten. Aber der Film wird trotzdem schön kitschig werden.
SPIEGEL: Sie sind ein Kino-Besessener. Was zählt sonst noch in Ihrem Leben?
Spielberg: Dank meiner Kinder und meiner wunderbaren Frau weiß ich heute auch ohne Drehbuch, wer ich bin. Und mit jedem Film erfahre ich etwas mehr über mich. Das heißt für die Zukunft hoffentlich: Meine besten Filme kommen noch.
SPIEGEL: Mr. Spielberg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit Redakteuren Susanne Weingarten und Erich Follath.
Von Weingarten, Susanne, Follath, Erich

DER SPIEGEL 40/1998
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