14.09.1998

IMPOTENZ

Das Aaahh und Ooohh

Mehrere Konkurrenzprodukte zu Viagra sind in der Entwicklung - die blaue Pille wird nicht mehr lange die einzige bleiben.

Der 65jährige Bankangestellte fühlte sich, als hätte man ihn in einen Jungbrunnen getunkt: "Neulich im Büro bin ich aufgestanden - und mußte mich sofort wieder hinsetzen", berichtet er hingerissen. "Peinlich, aber wunderbar!"

Der Herr ist ein Proband der US-Firma Erogenex. Seit er deren neues Wundermittel schluckt, kann er sich angeblich vor Erektionen nicht mehr retten. Die Pille, die ihn von der Plage der Impotenz erlöst hat, ist ein Extrakt aus Avena sativa, vulgo: Hafer. In den USA wird der Getreidemix bereits per Post vertrieben, 60 Kapseln für rund 70 Mark. In den nächsten Monaten soll das Mittel auch rezeptfrei im Laden zu bekommen sein.

Erogenex eröffnet den Kampf um jenen ungeheuren Markt, den Viagra im Sturm erobert hat und einstweilen komplett beherrscht: Ziel der Wundermittel ist, die schlaffen Geschlechtsteile von weltweit schätzungsweise 100 Millionen Männern zu neuem Leben zu erwecken. Darüber hinaus sollen die neuen Mittel auch die Geldbeutel potenter Männer und vor allem die der Frauen öffnen - mit der uralten Verheißung, daß Lust und Genuß grenzenlos steigern kann, wer nur das richtige Aphrodisiakum schluckt.

Insgesamt, so schätzt Ira Sharlip, Mitglied eines Richtlinien-Komitees im US-Urologenverband, könnten die neuen Produkte 80 Prozent aller impotenten Männer zum erfolgreichen Akt verhelfen.

Schon sucht sich Viagra-Hersteller Pfizer auf Konkurrenz einzurichten: Forscher des USamerikanischen Konzerns arbeiten an einer Viagra-Variante für die Frau sowie an einer verbesserten Version ihres blaßblauen Megasellers, die vom Sexhungrigen erst wenige Minuten vor dem Vollzug eingenommen werden soll. Bisher muß er den Beischlaf eine halbe bis eine Stunde vorher planen.

Mittel wie der Haferextrakt von Erogenex zielen auf jenen Teil der Kundschaft, der nicht unbedingt Wunder an Stehvermögen, sondern schlichte Luststeigerung erhofft. Die Naturmedizin erhöht, eher unspezifisch, die Konzentration des männlichen Sexualhormons Testosteron im Körper.

Das Ziel der Hormonstimulation steuert auch die US-Firma Unimed Pharmaceuticals an: Dort wird an den Wirkstoffen von Androgel and Andractim gearbeitet, zubereitet als Gel, mit dem der Penis eingerieben wird. Zur Zeit sind die Medikamente in der klinischen Erprobung; wenn alles nach dem Willen der Hersteller geht, könnten sie nächstes Jahr auf den Markt kommen.

Die größte Konkurrenz aber wird Viagra wohl aus solchen Mitteln erwachsen, die ebenso wie Pfizers chemische Penis-Pumpe direkt in den Erektionsmechanismus eingreifen, in das feine Zusammenspiel von Stoffen wie "cAMP", "cGMP" oder "PDE5". Wenn deren Chemie nicht stimmt, läuft gar nichts im Bett - diese Moleküle sind gewissermaßen das Aaahh und Ooohh beim Liebesspiel.

Zyklisches Adenosinmonophosphat (cAMP) und Guanosinmonophosphat (cGMP) öffnen dem Blut den Weg in die Schwellkörper, was den Penis in die Höhe hievt. Ihr Gegenspieler ist die Phosphodiesterase (PDE5). Sie verringert den Rohrdruck, indem sie die Türöffner-Moleküle langsam zerstört. Daraufhin fließt das Blut ab, die Muskelpforten schließen sich wieder (siehe Grafik).

Der Viagra-Wirkstoff funktioniert, indem er die PDE5 zum Narren hält: Er tut so, als sei er cGMP. Die Phosphodiesterase bindet daran und läßt das echte cGMP in Ruhe weiter die Tür aufhalten.

Eine in Zukunft wahrscheinlich wichtige Viagra-Konkurrenz, Vasomax, nutzt einen anderen Pfad des Stoffwechsels: Das von der Firma Schering-Plough vermarktete Medikament soll die Türschließer blockieren - das Mittel hemmt Hormone, die die Muskeln zusammenziehen und damit dem Blut den Weg in den Penis versperren.

Die Sex-Pille, in Mexiko unter dem Namen Z-max bereits erlaubt, wurde Mitte Juli bei der amerikanischen Gesundheitsbehörde zur Zulassung eingereicht. Angeblich kann Z-Max innerhalb von 15 bis 30 Minuten dem Penis verläßlich und lang anhaltend aufhelfen.

Die kalifornische Firma Vivus arbeitet derweil an einer neuen Variante ihres - schon vor der Viagra-Hysterie erfolgreichen - Medikaments "Muse" (Medicated Urethral System for Erection). Der Wirkstoff kurbelt die Produktion von cAMP und damit den schwellenden Blutfluß an. Nachteil der gut wirksamen Minipille: Der sexlustige Patient muß sie in den Harnleiter schieben, damit der Wirkstoff von dort ins umliegende Gewebe wandern kann.

Dabei ist Muse immer noch komfortabler als etwa der Erektionssaft Caverject, den Männer sich mit einer Spritze direkt ins schlaffe Organ drücken müssen. Aber auf Dauer werden wohl orale Verabreichungen wie das zur Zeit noch im Test befindliche Apomorphin das Rennen um die Gunst der Männer machen.

Zwar ist der Wirkmechanismus dieses von der Firma TAP Pharmaceuticals entwickelten und erprobten Medikaments noch nicht genau geklärt. Die Tierversuche jedoch lassen die Forscher hoffen: Rattenmännchen brachten es mit Apomorphin zu ungewöhnlich harten Erektionen.

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Strom der Lust Die Wirkung verschiedener Potenzmittel Blut strömt über Arte- rien in schwammartige Schwellkörper im Penis; danach fließt es über Venen wieder ab. Ring- förmige Muskeln in der Arterienwand steuern die Blutzufuhr. Potenz- mittel greifen an unter- schiedlichen Stellen in den Prozeß ein. 1 Im nicht erregten Zustand werden die Muskeln dauerhaft durch Adrenalin angespannt. Sie schnüren die Arterien ab, der Penis bleibt schlaff. 2 Sexuelle Erregung führt zur Aus- schüttung zyklischer Monophospha- te. Diese Stoffe geben den Muskeln den Befehl zur Entspannung. Blut strömt in den Penis, er wird steif. 3 Die Erektion endet, wenn das Molekül PDE5 in Aktion tritt. Es spaltet die zyklischen Mono- phosphate, die Muskeln in der Arterienwand spannen sich wieder an.

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Die Wirkung verschiedener Potenzmittel

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Strom der Lust Die Wirkung verschiedener Potenzmittel Blut strömt über Arte- rien in schwammartige Schwellkörper im Penis; danach fließt es über Venen wieder ab. Ring- förmige Muskeln in der Arterienwand steuern die Blutzufuhr. Potenz- mittel greifen an unter- schiedlichen Stellen in den Prozeß ein. 1 Im nicht erregten Zustand werden die Muskeln dauerhaft durch Adrenalin angespannt. Sie schnüren die Arterien ab, der Penis bleibt schlaff. 2 Sexuelle Erregung führt zur Aus- schüttung zyklischer Monophospha- te. Diese Stoffe geben den Muskeln den Befehl zur Entspannung. Blut strömt in den Penis, er wird steif. 3 Die Erektion endet, wenn das Molekül PDE5 in Aktion tritt. Es spaltet die zyklischen Mono- phosphate, die Muskeln in der Arterienwand spannen sich wieder an.

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Die Wirkung verschiedener Potenzmittel

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DER SPIEGEL 38/1998
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