28.09.1998

MEDIZINSchmierseife fürs Hirn

Ein Stimmungsaufheller aus der Natur schlägt in Deutschland alle synthetisch hergestellten Antidepressionsmittel aus dem Feld. Das Ausland wundert sich über den deutschen Sonderweg - und interessiert sich nun ebenfalls für die grüne Psychodroge.
Der Bodendecker hat es in sich. Seit Jahrhunderten zählt das von Mai bis August gelb blühende Johanniskraut (Hypericum perforatum) zum festen Repertoire der Volksmedizin.
Aus der mehrjährigen Pflanze gewonnene Tees greifen heilsam in die Verdauung ein, Öle helfen gegen Gicht und Rheuma. Paracelsus rühmte 1525 die Kräfte des Heilgewächses gegen Geister und "tolle Phantasien".
Mittelalterliche Medizi schätzten den Pflanzensud als Entzündungshemmer und Schmerzmittel. Der christgläubige Volksmund bedankte sich für das aus Gottes eigener Apotheke stammende Wunderkraut: Er nannte es Christi Kreuzblut, Gottesgnadenkraut oder Herrgottsblut.
Seit der Jahrhundertwende haben synthetisch hergestellte Arzneimittel dem Gesundheitsbringer bei vielen Krankheiten den Rang abgelaufen. Doch zur Überraschung vieler Schulmediziner kehrt die vielseitige Heilpflanze jetzt zurück auf die Rezeptblöcke der Ärzte: Johanniskraut-Präparate sind in Deutschland die Bestseller unter den Mitteln gegen Depression.
Seit Pharmahersteller Anfang der neunziger Jahre hochdosierte, standardisierte Zubereitungen des Pflanzenwirkstoffs auf den Markt gebracht haben, wird er immer häufiger verordnet: Dreimillionenmal pro Jahr verschreiben deutsche Mediziner den Stimmungsaufheller aus dem Garten der Natur.
Als Mittel gegen die Schwermut haben Johanniskraut-Dragees der "Glückspille" Prozac (in Deutschland: Fluctin) bei traurig gestimmten Deutschen den Rang abgelaufen: Viermal öfter als die synthetische Droge aus der jüngsten Generation der Antidepressiva verabreichen Psychiater und Hausärzte ihren Schutzbefohlenen das Naturprodukt. Über die Gründe für den weltweit einmaligen Boom, so Dieter Naber, Psychiatrie-Chef am Hamburger Uni-Klinikum in Eppendorf, könne man "nur spekulieren": Im westlichen Ausland ist die Pflanzendroge bislang so gut wie unbekannt.
Der Markt für die synthetischen Antidepressiva wächst in Deutschland um jährlich 13 bis 14 Prozent. Aus Johanniskraut gewonnene Präparate legen um rund 20 Prozent pro Jahr zu.
Marktführer unter sämtlichen in Deutschland verkauften Stimmungsaufhellern ist das von der Berliner Firma Lichtwer Pharma GmbH hergestellte Mittel Jarsin 300, das als einziges Johanniskraut-Präparat seit Februar dieses Jahres die amtliche Zulassung mit der Indikation "leichte bis mittelschwere depressive Episoden" besitzt. Mit Tages-Therapiekosten von 1,35 Mark sind die Jarsin-Dragees gut dreimal billiger als die Tagesdosis Prozac. Außer Jarsin sind mindestens 100 weitere Hypericum-Präparate im Handel, darunter Hypericum Stada, Viviplus und Remotiv von der Firma Bayer.
Wirksamer als synthetische Antidepressiva nimmt der natürliche Wirkstoff dem Leben die Kanten und zerreißt die düsteren Wolken, die sich bei 17 Prozent der Deutschen immer wieder aufs Gemüt legen. Bei über einem Dutzend kontrollierter klinischer Studien schnitt der Johanniskraut-Extrakt erfolgreicher ab als Scheinmedikamente (Placebos), wie das "British Medical Journal" vor zwei Jahren berichtete.
Auch dem Vergleich mit sogenannten trizyklischen Antidepressiva wie Imipramin oder Amitriptylin hielten die natürlichen Stimmungsaufheller stand: 64 Prozent der Probanden, die das Gotteskraut gegen ihre innere Müdigkeit schluckten, fühlten sich hinterher besser - im Vergleich zu nur 59 Prozent bei den chemischen Antidepressionsklassikern.
Nur jeder fünfte Johanniskraut-Verwender registrierte während der Therapie leichte Nebenwirkungen. Dagegen klagten 36 Prozent aus der Kontrollgruppe mit den chemischen Psychopharmaka über Irritationen und Beschwerden. Voraussetzung der Johanniskraut-Wirkung: Die Patienten mußten dreimal täglich mindestens 300 Milligramm Hypericum-Extrakt in Form von Dragees zu sich nehmen. Bei niedrigeren Dosen bleibt die Therapie in der Regel erfolglos.
Entschlüsselt ist mittlerweile der pharmakologische Wirkungsmechanismus der Pflanzendroge. Depressionen entstehen, wenn im Kopf bestimmte Nervenzelltypen, die durch die Ausschüttung des Botenstoffs Serotonin miteinander kommunizieren, nur noch vermindert "funken".
Synthetische Helfer wie die trizyklischen Antidepressiva oder die neueste Medikamentengeneration der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, zu denen auch Prozac gehört, funktionieren bei der Signalübertragung wie Schmierseife: Sie verhindern, daß die in die Synapsen ausgeschütteten Botenstoffe schon nach Sekundenbruchteilen wieder in die Neuronen zurückgepumpt werden.
An den Kontaktstellen zu den benachbarten Nervenzellen steht dadurch eine erhöhte Konzentration der Neurotransmitter zur Verfügung - die stimmungsaufhellenden Signale werden intensiviert und verlängert, die Traurigkeit weicht.
Der Johanniskraut-Extrakt wirkt ganz genauso, wie jetzt Experten von der Uni Frankfurt erstmals nachgewiesen haben. Der natürliche Wirkstoff verzögert den Rücktransport der Botenstoffe ins Nerveninnere. "Die Natur", wundert sich Walter Müller, Leiter des Pharmakologischen Instituts für Naturwissenschaftler am Biozentrum der Uni Frankfurt, "beschreitet den gleichen Weg wie die moderne Pharmakologie."
Die Entdeckung, daß sich die biochemischen Wirkungsmechanismen in Labor und Natur fast aufs Haar gleichen, könnte, wie die Forscher hoffen, dazu beitragen, das in Deutschland notorische Mißtrauen gegen synthetische Psychopharmaka abzubauen.
Doch die "weiche" Naturdroge ist zur Überraschung der Wissenschaftler den chemischen Konkurrenten noch einen Schritt voraus: Sie steuert neben Serotonin auch die Botenstoffe (Neurotransmitter) Noradrenalin, Dopamin und Gamma-Aminobuttersäure - allesamt wichtige Mitspieler beim Depressionsgeschehen im Kopf. Die Wirkungsbandbreite des Heilkrauts ist damit größer als die der synthetischen Konkurrenz. Pharmakologe Müller: "Ich kenne kein anderes Antidepressivum, das auf alle vier Systeme gleichzeitig wirkt."
Auch das Agens im Gotteskraut, das die trüben Gedanken vertreibt, ist mittlerweile enttarnt. Nicht Hypericin, ein Wirkstoff der Pflanze, der Mitte der neunziger Jahre fälschlich als Mittel gegen die Immunseuche Aids erwogen wurde, verleiht dem Gewächs die stimmungsaufhellende Eigenschaft. Als psychowirksame Substanz wiesen die Frankfurter Forscher vielmehr Hyperforin nach, dem mit einem Gehalt von zwei bis fünf Prozent auch der Menge nach wichtigsten biologisch aktiven Bestandteil der Pflanze.
Anders als die chemische Konkurrenz ist der multipotente Stimmungsaufheller aus der Natur gut verträglich - vermutlich weil er auf mehrere Botenstoffe gleichzeitig wirkt. Allergische Reaktionen, Verdauungsprobleme, Müdigkeit oder Unruhe traten während der klinischen Studien nur bei wenigen Probanden auf.
Die Mittel verringern nicht die Reaktionsfähigkeit, wie Fahrtauglichkeitsstudien gezeigt haben. "Man kann nicht viel falsch machen damit", erklärt Naber. Auch Abhängigkeit und Entzugssymptome wurden nicht beobachtet. Einzige Ausnahme: Schwangere und stillende Frauen sollten auf das Johanniskraut verzichten.
Seit einem Jahr hat die Johanniskraut-Euphorie auch auf die USA übergegriffen. Der US-Markt für das pflanzliche Antidepressivum ist von 8 Millionen auf rund 100 Millionen Dollar gewachsen. Amerikanische Mediziner sind nach anfänglicher Skepsis begeistert: "Ich habe vor neun Monaten angefangen, Johanniskraut-Extrakt zu verschreiben, und ich erlebe eine Erfolgsgeschichte nach der anderen", berichtet Norman E. Rosenthal, Psychiater aus Rockville, Maryland.
Auslöser für den US-Run auf das "Prozac der Natur" ("Time") war eine Sendung im Fernsehkanal ABC, bei der Experten einem Millionenpublikum die Vorzüge der Pflanzendroge schilderten. Die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen über den Stimmungsaufheller ist seither auch in den USA sprunghaft gestiegen. Das deutsche Gotteskraut ist der Renner in den Supermärkten und Healthstore-Ketten zwischen New York und Kalifornien.
Angesichts des Siegeszugs haben sich auch die US-Gesundheitsbehörden zum Handeln entschlossen. Mit 4,5 Millionen Dollar finanzieren die amerikanischen National Institutes of Health eine Dreijahresstudie, bei der der Pflanzenstoff erstmals nicht nur gegen die älteren Trizyklika, sondern auch gegen den modernen Prozac-Cousin Sertralin (Zoloft) getestet werden soll.
Das Geld ist gut angelegt: Bei jährlich 17 Millionen Amerikanern breitet die Krankheit ihren Schatten über die Seele. In Deutschland gehen nach Schätzungen von Experten zwei Drittel aller Selbstmorde auf Depressionen zurück, gegen die womöglich das gelbblühende Kraut gewachsen ist.
Allerdings setzen die Mediziner der Selbstbehandlung Grenzen: Bei leichten bis mittleren Depressionen sollte das Pflanzenheilmittel drei Wochen lang ausreichend dosiert genommen werden, um zu sehen, ob die Psyche darauf reagiert. Bleibt der heilsame Effekt aus, empfehlen die Experten den Seitenwechsel zu einem synthetischen Antidepressivum.
Auskurieren lassen sich die Verstimmungen nur, wenn die Erkrankten die Dragees mindestens drei Monate lang zu sich nehmen.
Als Gegenindikationen für die heilsame Substanz gelten schwere Depressionen und Psychokrisen, denen körperliche Ursachen wie beispielsweise Schilddrüsenstörungen, Infektionen oder Tumoren zugrunde liegen. "In solchen Fällen wäre es Blödsinn", warnt Naber, "pfundweise die Pillen zu schlucken."

DER SPIEGEL 40/1998
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