Von Augstein, Rudolf
Manchmal tut man nicht gut daran, mit dem letzten Kapitel eines Buches anzufangen, so auch bei dem neuen, freudig aufgenommenen Werk "Hitler. 1889 - 1936" von Ian Kershaw*.
Der 55jährige Professor für Neuere Geschichte und Direktor des Historischen Instituts der Universität Sheffield präsentiert uns, was offensichtlich alle 25 Jahre unerläßlich ist: eine neue Hitler-Biographie, mit der er, auf den Schultern der früheren Standard-Biographen stehend, neue Erkenntnisse und einen neuen Ausblick zu vermitteln sucht. Viele der vorgelegten Erkenntnisse sind bekannt, wirklich Neues war auch nicht zu erwarten.
Hätte ich nur dieses letzte Kapitel "Dem Führer entgegenarbeiten" des leider in zwei Teilen erscheinenden Werkes gelesen, in dem Kershaw mit einem nur von den Angelsachsen beherrschten, nüchternen Erzählton den Einmarsch Hitlers in das bis
* Ian Kershaw: "Hitler. 1889 - 1936". Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 972 Seiten; 88 Mark.
1936 entmilitarisierte Rheinland schildert, so hätte ich die im nächsten Jahr erscheinende zweite Hälfte wohl kaum mit Spannung erwartet. Die Passagen über die "Nürnberger Rassegesetze" sind zwar durchaus lesenswert, aber auch nicht ganz neu.
Auf den Anfang des vorliegenden Kershaw-Buches machte mich ein Freund aus Oxford aufmerksam. Die Figur Hitler wird darin durch eine zugespitzte, aber im Kern gleichwohl sehr einleuchtende These illustriert: Seine Macht "hing von der Bereitschaft der anderen ab, in ihm ,heroische'' Fähigkeiten zu erkennen". So wie Hitler als Dreh- und Angelpunkt der nationalsozialistischen Bewegung und ihres in den Untergang führenden Reiches für Kershaw feststeht, so stellt sich ihm - und der Leser kann das nachvollziehen - die Zeit des gescheiterten Putschversuchs Hitlers am 9. November 1923 als die entscheidende Entwicklungsphase jenes Mannes dar, der sich bis dahin "König von München" genannt hatte.
Erst während der bequemen 13monatigen Festungshaft in Landsberg fand der damals 35jährige Adolf Hitler zu seiner eigentlichen Berufung: nicht einer unter vielen völkischen Führern, sondern alleiniger Führer zu sein. Diese Festungshaft in Landsberg, was ihr vorausging und was ihr folgte, ist bisher wohl nie so einleuchtend beschrieben worden.
Was sich mir besonders einprägt, ist Ian Kershaws erzählende Schilderung, wie sich der Österreicher Hitler, ausgezeichnet mit dem preußischen Eisernen Kreuz Erster Klasse - zum Unteroffizier angeblich nicht geeignet -, durch und während seiner Haft vom Trommler für eine große Sache zum Führer entwickelte, der alle seine wahnwitzigen Träume wahr macht, vielleicht sogar seine suizidalen Neigungen, ihm unbewußt, bis zur Heirat und zum Tod in der Reichskanzlei.
Der im Dezember 1924 als freier Mann aus dem Gefängnis trat, war eben der Führer.
War in Hitlers Gedankensammelsurium bis zum Zeitpunkt seines Gefängnisaufenthalts noch für mehrere Varianten Platz gewesen, so festigten sich seine Phantasien nun zu einer unumstößlichen Weltsicht, die dann 1925 als erster Band unter dem ihm vom Verleger Max Amann zugespielten Titel "Mein Kampf" erschien. Das Buch wurde von mehreren Anhängern bearbeitet, aber sogar Hitler hielt es am Ende immer noch für schlecht geschrieben.
Nur zu wahr. Seine Unlesbarkeit nützte dem Fehlurteil, ein schlecht geschriebenes Buch könne keine explosiven Gedanken enthalten. Man nahm es bis in höchste Parteikreise nicht ernst. Der Führer dagegen nahm sich von nun an um so ernsthafter als einen solchen wahr und ließ davon auch nicht mehr ab.
Seine beiden Grundziele schienen auf seltsame Art zusammenzupassen:
Der Marxismus war der Weltfeind, Rußland wurde vom bolschewistischen Judentum zersetzt und bot dem deutschen "Volk ohne Raum" grenzenlose Möglichkeiten der Kolonialisierung im Osten. Diese Haltung änderte er auch nicht mehr, wie wir wissen, ganz im Gegenteil. Je weniger er eines seiner beiden großen Ziele, die Eroberung des Ostraumes, verwirklichen konnte, desto fanatischer ließ er die noch verbliebenen Juden ausrotten. Aus Ungarn wurden im Jahre 1944 von insgesamt über 700 000 fast 500 000 Juden deportiert, viele von ihnen in Auschwitz umgebracht.
In der Gewichtung hätte sich Kershaw in seinem modernen Meisterwerk manchmal doch etwas bescheiden können. Es kann allenfalls einen Biographen des 1946 in Nürnberg hingerichteten "Reichsministers für die besetzten Ostgebiete", Alfred Rosenberg, interessieren, daß Rosenberg vom künftigen Führer vor Antritt seiner Haftstrafe nicht deswegen zum provisorischen Parteiführer bestimmt wurde, weil der die Partei am sichersten schwächen und zersetzen würde. Vielmehr war es so, daß Hitler keinen besseren wußte. Hier ist unser Autor zu sophisticated.
Etwas verwunderlich muß es einem wiederum erscheinen, daß Kershaw immer wieder betont, wie wenig Hitler unternommen habe, um seine Stellung zu festigen, zu untermauern und auszubauen. Hitler mußte nur noch "wenig" tun, um zum "Mythos" zu werden. Zu statuieren, daß da ständig eine Wechselwirkung von unten nach oben und von oben nach unten stattfand, ist, pardon, eine Banalität. Anders geht und ging Politik niemals vor sich. Natürlich mußte Hitler nicht alles selber machen. Werner Willikens, Staatssekretär im preußischen Landwirtschaftsministerium, lesen wir bei Kershaw, forderte 1934 von den Parteigenossen, "dem Führer entgegen" zu arbeiten. Hitler wird das recht gewesen sein. So war er für falsche Entscheidungen im Tagesgeschäft nie verantwortlich.
In einem Punkt ziehe ich Joachim Fests Standardwerk, vor 25 Jahren erschienen, unbedingt vor. Fest geht bei Hitler nicht von einem eher mäßig Begabten aus. Kershaw tut das und betont in einem Fernsehinterview: Hitler sei ein Mann von "begrenzten Fähigkeiten" gewesen, lediglich ein begabter Redner und talentierter Schauspieler. Solche Charakterisierung kann man auf viele Menschen anwenden.
Es stellt sich doch gerade bei Hitler die Frage, wie ein solch mäßig begabter Mensch ein im ganzen völlig verrücktes und nicht erreichbares politisches Ziel ins Auge fassen konnte; und erst dann kann man sich fragen, wie er anderen diesen ersichtlichen Irrsinn einhämmern konnte, wobei er dabei auch wiederum taktisch vorging.
Daß Kershaw genug studiert hat und genug weiß, zeigt nicht nur seine Biographie als Wissenschaftler, sondern nun auch dies lesbare Buch. Nur mag man sich seine Grundvoraussetzung nicht zu eigen machen.
Historiker und auch andere Wissenschaftler neigen dazu, die Methode ihres wissenschaftlichen Ansatzes überzubewerten. Auch Kershaw läuft in diese Falle. Er geht von den Belangen der Eliten und der einfachen Leute aus, die sich nach dem Desaster des - wie die Engländer sagen - "Großen Kriegs", eine neue Ordnung, eine Aufhebung des Friedensdiktats von Versailles und eine gemäßigte Diktatur wünschten.
Dies alles war zweifelsfrei vorhanden. Aber warum konnte die Hitler-Bewegung in den sogenannten goldenen Jahren der Weimarer Republik keine nennenswerte Ausbreitung finden?
Warum fand sie sich überhaupt zu einer nennenswerten und zum Schluß unüberwindlichen Kraft zusammen?
Man kann nicht anders, man muß hier Hitler, und nicht seine Bewegung, für maßgebend halten.
Wenn Hitler gar nicht geboren wäre, wenn den tapferen Gefreiten ein Granatsplitter vernichtet hätte; wenn er, anstelle des Arm in Arm mit ihm marschierenden Balten Max Erwin von Scheubner-Richter von der bayerischen Landespolizei erschossen worden wäre; wenn er, wovor er mit Recht Angst hatte, in Landsberg nicht nach 13 Monaten begnadigt worden wäre, sondern noch drei Jahre, 333 Tage, 21 Stunden und 50 Minuten hätte absitzen müssen; wenn er, und dies erklärt manches Benehmen in der ehrenvollen Haft, in sein Geburtsland Österreich ausgeliefert worden wäre, wovor er ebenfalls mit Recht Angst hatte, was dann mit der deutschen Geschichte?
Übrigens, es hat Österreichs Bundeskanzler selbst, Prälat Ignaz Seipel, die Entgegennahme des auszuliefernden Landsmannes Adolf Hitler verhindert. Es scheint so, als hätte Seipel von den Münchner Aktivitäten des besagten Hitler sattsam gehört gehabt.
Die angelsächsische Welt hat sich nach dem Krieg als erste mit dessen Ursachen und Hitler befaßt. Der Historiker Alan Bullock schrieb 1952 die erste klassische Hitler-Biographie. Er sah in ihm einen Abenteurer und "prinzipienlosen Opportunisten". Diese Ansicht änderte er allerdings. In einem Interview mit dem Journalisten Ron Rosenbaum gab er zu, daß die nationalsozialistische Ideologie Hitlers entscheidende Antriebskraft war. Er näherte sich damit - nicht ganz - seinem Landsmann Hugh Trevor-Roper an, der Hitler schon 1947 als "irregeleiteten, aber leidenschaftlich an seine Sache glaubenden Weltverbesserer" beschrieb.
Ich erinnere mich, daß meine Familie 1934 zwei 14jährige blonde Zwillingsschwestern, die auf dem Obersalzberg lebten, kannte. Fuhr der neue Reichskanzler an ihnen vorbei, stieg er aus und tätschelte sie. Nachdem man ihm gesagt hatte, dies seien Halbjüdinnen, nahm er sie nicht mehr wahr. Es sieht also so aus, als habe der Führer sich seine wahnsinnigen Vorstellungen von der Judenherrschaft in aller Welt ganz ohne Schauspielerei zu eigen gemacht.
Kershaw erwähnt das wichtige Hitler-Buch Sebastian Haffners, um zu zeigen, daß dessen Erklärung, der Führer habe den Deutschen den mörderischen Antisemitismus gewissermaßen eingeimpft, nicht richtig sein kann. Das ist tatsächlich der Fehler in den verdienstvollen Untersuchungen Haffners. Und Kershaw rückt auch den in Deutschland ja beinahe verehrten Daniel J. Goldhagen ins rechte Licht. Der gehe, so sagte Kershaw dem Fernsehen, "viel zu undifferenziert, viel zu plump vor". Er geht sogar so weit, sich von dessen wissenschaftlichem Ansatz "klar zu distanzieren". Mehr Kritik ist wohl nicht möglich.
Wie es geschehen konnte, daß die deutschen Eliten, der gehobene Mittelstand, am Ende auch noch die damals vorhandene Arbeiterklasse dem Führer, dem Rattenfänger, anheimfiel, davon handelt dieses um jederlei Objektivität bemühte Buch des Engländers Ian Kershaw. Zweifelhafte Quellen meidet er.
Entgegen seinen Intentionen, die mehr auf das Umfeld und die Zeitgenossenschaft abzielen, bleibt sein Gegenstand doch der Mann aus Braunau am Inn. In Kershaws Sicht, und es gibt da nicht die geringste Verteidigung des Bösen, hat "Hitler wie kein anderer dieses Jahrhundert geprägt", ja, er sagte in seinem Fernsehinterview, was gefährlich wäre, wenn einer das Buch nicht liest, Hitler ist der "Mann des Jahrhunderts", er ist "absolut unersetzlich, ohne Hitler kein Holocaust, kein Krieg, kein Polizeistaat". Warten wir ab, ob Kershaw im zweiten Band dabei bleibt.
Fest steht: Hitler war kein "Gottesunglück", wie Thomas Mann meinte, Gott scheint für alle Unglücke dieser Welt doch nicht verantwortlich zu sein.
DER SPIEGEL 42/1998
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