12.10.1998

FERNSEHTECHNIKWiederkehr der Pappbrille

Seit Jahrzehnten arbeiten Film- und Fernsehtechniker am dreidimensionalen TV-Bild - erfolglos. Pro Sieben wagt diese Woche einen neuen Versuch.
Die Rot-Grün-Euphorie war nur von kurzer Dauer. Im März 1982, als Ingrid Steeger, die Verona Feldbusch jener Jahre, für lange Schlangen vor norddeutschen Optikerläden sorgte, gab es für 70 Pfennig Pappbrillen mit roter und grüner Plastikfolie zu kaufen. Durch sie sollten die Kurven der Steeger auf dem Bildschirm dreidimensional erscheinen. "Wenn die Fernsehbilder plastisch werden" hieß die von der Nordkette in ihrem dritten Programm ausgestrahlte Sendung, in der mit 3D-Effekten gespickte Beiträge über 3D-Effekte gezeigt wurden. Doch die Bilder gerieten nicht plastisch genug.
Zwar wurden noch zwei 3D-Spielfilme im dritten Programm nachgeschoben, aber dann war das Experiment auch schon wieder vorbei. Der räumliche Effekt funktionierte mäßig und auch nur in schwarzweiß. Zu teuer war das Verfahren auch. Erst 1991 wagten sich die Sender wieder in die dritte Dimension vor: Busen und Po in greifbare Nähe rücken wollte Hugo Egon Balder in der RTL-Ausziehshow "Tutti Frutti". Immer noch war der Effekt von einer Pappbrille abhängig. Wieder konnte sich das Verfahren nicht durchsetzen.
Nun wagt der Münchner Sender Pro Sieben einen weiteren Vorstoß in die dritte Dimension und ruft die "3D-Woche" aus. Vom 18. bis 25. Oktober strahlt der Sender drei Tierdokumentationen der Reihe "Wildlife hautnah" mit 3D-Sequenzen aus sowie diverse Beiträge in seinen Magazinsendungen (unter anderem "Welt der Wunder" und "taff") und der Talkshow "Andreas Türck". So sollen "gefährliche Haie, kämpfende Warane, mächtige Löwen, unberechenbare Tiger und seltene Menschenaffen in besonderer Qualität auf dem Bildschirm lebendig werden".
Die nötigen Brillen (mit gelbgrüner und violetter Plastikfolie) werden von der Getränkefirma Coca-Cola gesponsert und von der Zeitschrift "TV Movie" in zwei Ausgaben beigelegt. 6,8 Millionen Exemplare sollen so unters Fernsehvolk kommen. Ob die Neuauflage der Pappbrille diesmal Furore macht, wird sich frühestens am kommenden Sonntag um 18 Uhr zeigen.
Die Aussichten sind nicht schlecht, denn die Bilder wirken auch ohne Brille scharf, wenn auch nicht plastisch. Thomas Hohenacker, 42, Inhaber und Geschäftsführer der Münchner Firma Telcast International, entdeckte 1990 in den USA die neue 3D-Technik und erwarb die Rechte. Hohenacker war auch für die Abstecher in die dritte Dimension bei RTL verantwortlich. Doch inzwischen habe er das "Nuoptix-Verfahren" weiterentwickelt zum "Telcast-Verfahren" - und das sei viel ausgereifter.
Hohenacker besitzt jetzt globale Patentrechte am 3D-Produktionsverfahren und an den Brillen. Es habe sich "als einziges 3D-System fürs Fernsehen weltweit durchgesetzt", bewirbt Telcast ihr Produkt. Fast 50 Länder haben mittlerweile 3D-Produktionen der Firma gezeigt. So strahlte ein französischer Sender das Weihnachtsprogramm 1996 (40 Sendungen) dreidimensional aus und erzielte damit Einschaltquoten von bis zu 77 Prozent. Im schwedischen Fernsehen lief ein dreiviertel Jahr lang eine wöchentliche 3D-Sendung. Ein Sender in Mexiko zeigte im letzten Jahr über 100 Sendungen in der dritten Dimension - sie wurden durch 20 Millionen 3D-Brillen gesehen. Mit einem US-Sender sei er gar in Verhandlungen über eine tägliche dreidimensionale Tiersendung, sagt Hohenacker: "3D-Fernsehen ist inzwischen längst mehr als ein Gimmick."
Während früher zwei rot und grün verschlüsselte Teilbilder mit Hilfe der Brille mehr oder weniger erfolgreich in ein räumliches, aber schwarzweißes Bild verwandelt wurden, werden nun "die beiden verschiedenen Perspektiven, die stets für räumliches Sehen benötigt werden, um eine Fünfzigstelsekunde zeitversetzt aufgenommen".
Ohne 3D-Brille wird die zeitliche Verzögerung nicht wahrgenommen - das Bild erscheint gewohnt scharf und flach. Mit Brille erreichen die Bilder das rechte Auge minimal verzögert: Beide Perspektiven erscheinen dem Betrachter allerdings zeitgleich, und das Bild wirkt dreidimensional. Das Verfahren eignet sich laut Telcast besonders für Tier- und Naturfilme, aber auch für Shows. Die Produktionskosten steigen durch die neue Aufnahmetechnik im Schnitt um zehn Prozent.
Ein räumliches Fernsehbild ohne Brille wird wohl noch lange ein Traum bleiben - obwohl die Gerätehersteller seit Jahrzehnten daran arbeiten. Zwar titelte der "Economist" schon 1978: "Philips' Geheimnis: 3D-Fernsehen ohne Brille", doch beim Geheimnis ist es wohl geblieben. Auch 3D-Entwicklungen von Siemens, Grundig, Saba, Sanyo und Sharp waren Flops.
Telcast und Pro Sieben hoffen, daß die wilden Tiere die Zuschauer stärker zu fesseln vermögen als seinerzeit die nackten Früchtchen.
[Grafiktext]
TV mit Tiefgang Dreidimensionales Fernsehen in Telcast 3D-Technik Die 3D-Kamera zeichnet zwei Perspektiven (rechtes Auge, linkes Auge) um 1 / 50 stel Se- kunde zeitversetzt auf. Bei der Ausstrahlung ist diese Abweichung mit bloßem Auge nicht zu erkennen, das Bild sieht aus wie gewohnt. Die 3D-Brille ist auf dem rechten Auge ver- dunkelt. Sie filtert die Farben des TV-Bildes so, daß die Informationen vom Gehirn lang- samer verarbeitet werden. Dieser Effekt gleicht die Zeitdifferenz aus: Beide Bilder werden gleichzeitig wahrgenommen - es entsteht ein dreidimensionaler Effekt.
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Dreidemonsionales Fernsehen in Telcast 3D-Technik
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TV mit Tiefgang Dreidimensionales Fernsehen in Telcast 3D-Technik Die 3D-Kamera zeichnet zwei Perspektiven (rechtes Auge, linkes Auge) um 1 / 50 stel Se- kunde zeitversetzt auf. Bei der Ausstrahlung ist diese Abweichung mit bloßem Auge nicht zu erkennen, das Bild sieht aus wie gewohnt. Die 3D-Brille ist auf dem rechten Auge ver- dunkelt. Sie filtert die Farben des TV-Bildes so, daß die Informationen vom Gehirn lang- samer verarbeitet werden. Dieser Effekt gleicht die Zeitdifferenz aus: Beide Bilder werden gleichzeitig wahrgenommen - es entsteht ein dreidimensionaler Effekt.
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Dreidemonsionales Fernsehen in Telcast 3D-Technik
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DER SPIEGEL 42/1998
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