05.10.1998

ISRAEL „Alles nicht ganz koscher“

Der israelische Katastrophen-Jumbo hatte beim Absturz in Amsterdam vor sechs Jahren Chemikalien an Bord, die auch zur Herstellung von Kampfgas dienen.
Eine Linde am Groeneveen in Bijlmermeer bei Amsterdam. Am Stamm hängen Fotos, Blumensträuße, Zettel mit Gedichten. Es ist "die boom, die alles gezien heeft", der Baum, der alles gesehen hat. Der Baum blieb heil, als sich am 4. Oktober 1992, kurz nach 18.30 Uhr, ein vollbetankter Fracht-Jumbo-Jet der israelischen Fluggesellschaft El-Al 200 Meter entfernt in zwei Wohnblocks bohrte. In dem Höllenfeuer, das die abstürzende Maschine entfachte, kamen mindestens 43 Menschen ums Leben.
Sechs Jahre nach dem Absturz ist noch immer ungeklärt, was die Unglücksmaschine alles an Bord hatte. Nun soll eine Untersuchungskommission des niederländischen Parlaments Licht in die Sache bringen. Sie soll auch prüfen, ob die Regierung in Den Haag mit Rücksicht auf ihre "besonderen Beziehungen" zu Israel eigene Sicherheitsinteressen verletzt hat.
Ungeklärt sind noch immer die Ursachen der körperlichen Beschwerden, unter denen 700 Menschen in Bijlmermeer seit dem Unglück leiden. Die Ärzte am "Akademischen Krankenhaus" von Amsterdam klagen, daß sie die Patienten nicht angemessen behandeln können, solange sie nicht wissen, mit welchen Giftstoffen sie in Berührung kamen. Doch die Israelis verweigerten stets jede Zusammenarbeit.
Das angesehene Rotterdamer "NRC Handelsblad" wartete jetzt mit einer sorgsam recherchierten Enthüllungsgeschichte zur Sache auf. Beigefügt war im Faksimile eine "Absendererklärung für gefährliche Güter". Aus dem Dokument geht hervor, daß El-Al-Flug LY 1862 mindestens zehn Fässer mit jeweils 18,9 Liter Dimethyl-Methylphosphonat, kurz DMMP, an Bord hatte.
Aus 189 Litern DMMP lassen sich, wenn man die übrigen Zutaten hat, rund 270 Kilo Sarin herstellen. Sarin ist jenes schleichende Gift, mit dem der irakische Diktator Saddam Hussein 1988 in dem Gebirgsort Halabdscha über 5000 Kurden umbringen ließ und mit dem die japanische Aum-Sekte im März 1995 ein verheerendes Attentat in der U-Bahn von Tokio verübte.
Zunächst hatte die El-Al-Direktion behauptet, die Ladung hätte nur aus Parfüm und Tulpenzwiebeln bestanden. Als der Amsterdamer Fernsehsender Nova Frachtbriefe präsentierte, auf denen Metall deklariert war, schob sie die Erklärung nach, es handle sich um Maschinenbauteile.
Es sei "alles nicht ganz koscher" gewesen, sagt Henk van de Belt, Vorsitzender der Einwohnervereinigung Kikkenstein, welche die Interessen der Betroffenen vertritt. Die Israelis haben jedenfalls alles getan, um die Art der Ladung und die Ursachen des Absturzes zu verschleiern.
Unbeantwortet ist bis heute die Frage nach dem Verbleib des Voice Recorders, der das letzte Gespräch zwischen dem Cockpit und dem Kontrollturm des Ben-Gurion-Flughafens in Tel Aviv aufgezeichnet hat. Er war zunächst in den Trümmern gefunden, kurz darauf aber gestohlen worden.
Unstrittig ist, daß Jumbo-Kapitän Jizchak Fuchs über Funk aus Israel die widersinnige Order erhielt, unbedingt nach Schiphol zurückzukehren, als zwei Triebwerke der Maschine schon ausgefallen waren. Fuchs hatte auf dem nur vier Meter tiefen Ijsselmeer landen wollen. Er wußte, daß er keine Chance hatte, das schwer beschädigte Flugzeug auf der Flughafenpiste heil herunterzubringen. Aber er parierte.
Und wer waren die geheimnisvollen Männer in den weißen Schutzanzügen, die in der Nacht nach dem Unglück in dem Wrack herumstöberten? Waren sie auch verantwortlich für den mysteriösen Einbruch in den Kommandowagen der Einsatzleitung? Kamen sie mit dem Hubschrauber, der nachts unangemeldet im Amsterdamer Luftraum auftauchte und dann unerkannt wieder verschwand?
Nur soviel ist sicher: Für 20 der insgesamt 114 Tonnen Fracht, die damals mit verbrannten, fehlen die Papiere. Die Regierung in Jerusalem verweigert dazu bis heute jede Auskunft. Im Juni traf zwar ein Paket mit Belegen aus Jerusalem ein. "Aber das war nur Zeug, das wir sowieso schon lange kannten", sagt Rob van Gijzel, Luftfahrtexperte der regierenden niederländischen Arbeiterpartei PvdA. Die wirklich interessanten Dossiers seien zurückgehalten worden mit der Begründung, daß es der "Staatssicherheit Israels" schade, wenn Unbefugte sie sähen.
"Um Sarin herzustellen, braucht man vier Komponenten", sagte van Gijzel zum SPIEGEL, "in dem abgestürzten Flugzeug waren drei davon, außerdem wahrscheinlich noch eine Menge Materialien, von denen wir keine Ahnung haben." Darunter war auch Rüstungsware. Das geht aus einem angekohlten Schriftstück hervor, das bei den Aufräumarbeiten gefunden wurde. Darauf werden Munition sowie Teile für Sidewinder-, Hawk- und Patriot-Raketen und F-16-Düsenjäger ausgewiesen.
Immerhin steht auch fest, daß in der Maschine zur Stabilisierung 390 Kilogramm schwach radioaktives Uran verbaut waren. Lange wurde deshalb vermutet, die rätselhaften Erkrankungen der Anwohner seien Folgen von Strahlenschäden.
Die Israelis führen sich trotz allem in ihrem Terminal in Schiphol-Süd noch immer auf, als wären sie die alleinigen Hausherren. Das - quasi exterritoriale - El-Al-Abfertigungsgebäude wird durch 80 israelische Geheimdienstleute vom übrigen Flughafenbetrieb streng abgeschirmt. Über Schiphol läuft - abgesehen vom Schwergut - fast der gesamte Materialnachschub für die Streitkräfte und die Rüstungsindustrie des jüdischen Staates.
Der ehemalige El-Al-Lademeister Jeroen Plettenberg, der die Beladung der Unglücksmaschine überwacht hatte, zeigte 1995 in später Reue seinen Arbeitgeber wegen Urkundenfälschung an. Ein Gericht in Haarlem wies die Anzeige aber mit der Begründung zurück, der Vorwurf sei nicht hinreichend belegt.
El-Al-Sprecher Nachman Kleiman bestätigte am Donnerstag in Tel Aviv, daß der Jumbo DMMP an Bord hatte. Das habe aber nichts zu bedeuten. Seine Gesellschaft transportiere schließlich auch Zucker, was noch kein Beweis sei, daß sie auch Kuchen transportiere. Das Amt des Premiers schob anderntags die Erklärung nach, man habe das DMMP benötigt, um Filter für Gasmasken auf Dichtigkeit zu prüfen.
Kleiman hatte recht, als er sagte, DMMP als unverarbeiteter Rohstoff sei nur mäßig gefährlich. Die Einfuhr war nicht mal illegal. Im übrigen läßt DMMP sich auch für nichtmilitärische Zwecke verwenden. Dafür werden allerdings nur geringe Mengen benötigt. Die Uno-Organisation für das Verbot chemischer Waffen teilte mit, Europas Laboratorien verbrauchten alle zusammen jährlich nur einige hundert Gramm davon. Die fragliche Menge lasse sich nur durch "große Feldversuche" mit Sarin erklären.
Für die Uno-Experten bestätigt das noch nicht die Annahme, daß die Israelis im großen Umfang tödliches Kampfgas herstellen. Dazu seien mehrere Tonnen DMMP erforderlich. Aber außer den Beteiligten weiß niemand, wieviel DMMP das "Israel Institute for Biological Research" (IIBR) in Ness Ziona bei Tel Aviv, an das die Sendung gerichtet war, über die Jahre erhielt. Die Lieferfirma Solkatronic Chemicals in Morrisville (US-Bundesstaat Pennsylvania) teilte auf Anfrage mit, sie habe nur zweimal - und zwar als Zwischenhändlerin der Herstellerfirma Albright & Wilson Americas in Virginia - Sarin-Grundstoff nach Israel geliefert. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß es noch andere Lieferanten gab.
Jean Pascal Landers vom schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri will jedenfalls "verdächtige Lieferungen von Chemiefirmen an Israel" registriert haben, die den Verdacht rechtfertigen, daß dort C-Waffen produziert würden. Das würde auch erklären, warum die Regierung in Jerusalem den Chemiewaffensperrvertrag von 1993 zwar unterzeichnet, aber nicht ratifiziert hat.
Das IIBR ist auch vielen Israelis nicht geheuer. Aufschluß über die Produkte seines Instituts könnte der ehemalige Vizedirektor Marcus Klingberg liefern, der Anfang letzten Monats aus einer Haftanstalt
* Mit Satellitenfoto vom geheimen IIBR-Gelände.
in der Negev-Wüste entlassen wurde. Klingberg war 1983 aus Ness Ziona verschwunden. Erst 1993 kam heraus, daß er wegen Spionage für Moskau zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt und seitdem versteckt worden war. Daß er auspackt, ist aber unwahrscheinlich - weil er 24 Stunden am Tag von der Polizei überwacht wird.
Die Zeitung "Haaretz" hat berichtet, seit 1993 sei bekannt, daß auf dem IIBR-Gelände in Ness Ziona 100 Kühlschränke stünden, gefüllt mit "tödlichen Viren, die bei ihrer Freisetzung eine Katastrophe verursachen" würden. Im August meldete der britische Informationsdienst "Foreign Report", in den vergangenen Jahren seien bei verschiedenen Pannen vier Mitarbeiter in Ness Ziona ums Leben gekommen und weitere 25 verletzt worden. Bei einem dieser Unfälle habe die Institutsleitung gar erwogen, die umliegenden Stadtviertel Malibu und Sela zu evakuieren.
Bürgermeister Josef Schwo hat davon erst aus der Presse erfahren: "Offenbar sind wir die letzten, die man unterrichtet." Die Institutsleitung versucht nicht den Eindruck zu vermeiden, daß es in Ness Ziona einiges zu verbergen gibt: Vier Reihen Stacheldraht, die unter Strom stehen, eine zweieinhalb Meter hohe Einfriedungsmauer, das Werk ist eine Festung. Direktor Avigdor Schafferman räumt ein, daß sich seine Wissenschaftler außer mit zivilen Projekten - ganz am Rande - auch mit der Erforschung biologischer und chemischer Kampfstoffe befassen. Das sei aber harmlos und für die Bewohner von Ness Ziona ungefährlich.
Bürgermeister Schwo sieht das anders. "Am meisten Angst habe ich davor, daß biologische Kampfstoffe entweichen." Das Giftzeug würde durch den Mittelmeerwind "im Nu die ganze Region verseuchen". Schwo hat beim Gericht in Berscheba Klage gegen Schaffermans Plan eingereicht, das Betriebsgelände um viereinhalb Hektar zu erweitern: "Solange ich nicht weiß, was die da drin machen, kommt das nicht in Frage."
Der Bürgermeister ist General der Reserve. Er war acht Jahre lang Oberkommandierender der Truppen im Gaza-Streifen, später Militärattaché in verschiedenen israelischen Botschaften. Er gilt offiziell als Geheimnisträger erster Ordnung. Er sagt: "Wenn die einem wie mir nicht mal was erzählen, dann werde ich aber mißtrauisch."
* Mit Satellitenfoto vom geheimen IIBR-Gelände.

DER SPIEGEL 41/1998
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