21.09.1998

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ich fordere mehr Demut“

Der Dortmunder Regisseur und Generalintendant John Dew, lange berüchtigt als Provokateur des Musiktheaters, über seine neue Unlust an schrillen Inszenierungen
SPIEGEL: Herr Dew, die Theater starten in die neue Saison, allerorten herrscht Hochbetrieb. Nur vom Regisseur John Dew ist weit und breit nichts zu sehen. Was ist los mit Ihnen?
Dew: Das Dew-Museum ist in Berlin und Leipzig ab und zu geöffnet. Ich habe schon immer das Gefühl gehabt, eine Ein-Mann-Avantgarde zu sein. Wenn ich heute die Arbeit der jungen Regiegeneration sehe, begegne ich meinen Inszenierungen von vor 15, 20 Jahren wieder. Keine Entwicklung, keine neuen Ideen.
SPIEGEL: Sie gehörten lange zu den umstrittensten Provokateuren des Regietheaters, haben die hehrsten Opern gern auf den Kopf gestellt und sich selbst als "Weltmeister im Aktualisieren alter Stoffe" gefeiert. Sind Sie, der "Shocky-Johnny", out?
Dew: Ich habe eine Entwicklung durchgemacht und warte jetzt darauf, daß meine daraus resultierenden Ideen und Vorstellungen allgemein anerkannt werden. Damals, als ich mit meinen radikalen Umsetzungen anfing, dauerte es auch ein paar Jahre bis zur allgemeinen Zustimmung.
SPIEGEL: In 26 Regie-Jahren zwischen Bielefeld, Hamburg, Berlin, Wien, London und Leipzig haben Sie über 140 Inszenierungen geliefert, meist frisch und frech gegen den Strich: Bei Ihnen liebten sich Wagners Wälsungen-Geschwister in der Wohnküche, Taminos "Zauberflöten"-Bildnis war bezaubernd schön auf dem Monitor, Ihre Engel tobten in knallengen Jeans durchs Himmelreich. Hat Dew sich ausgetobt?
Dew: Ich war nie in Mode. Ich habe so manchen Flavour-ofthe-month-Regisseur kommen und gehen sehen. Im Gegensatz zu mir verstanden diese Eintagsfliegen ihr Handwerk nicht. So sah es jedenfalls aus.
SPIEGEL: Wenn Sie soviel besser wären, müßten sich die Bühnen doch um Sie reißen.
Dew: Was vor allem die Medien heute fordern und erwarten ...
SPIEGEL: ... aha, wieder mal die Medien ...
Dew: ... sind Neuentdeckungen, die was Schräges hinstellen, nur was Schräges und immer wieder was Schräges.
SPIEGEL: Aber Sie haben doch selbst gern und ausgiebig den schrägen Vogel gespielt.
Dew: Ich komme mir schon schräg vor, weil ich glaube, daß ich einer der wenigen bin, die begriffen haben, daß die Siebziger vorbei sind. Das Werk ist wichtiger als die Interpretation - das sind die Neunziger. Und ich habe bei jeder Inszenierung versucht, das zu interpretieren, was mich im Augenblick berührt hat. Eine Aufführung muß immer so aufregend sein wie eine Uraufführung. Ich habe einem Stück nie einen Stil aufgepfropft. Ruth Berghaus war immer Ruth Berghaus, egal bei welchem Werk. Auch mein Kommilitone Bob Wilson ist - mal toll, mal so lala - immer Bob Wilson. John Dew war und ist jedesmal anders und hat nie epigonal gearbeitet oder sich selbst kopiert. Aber um mich herum sehe ich nur Epigonen und Nachäffer.
SPIEGEL: Da Ihr Selbstbewußtsein offensichtlich ungebrochen ist: Was wollen Sie jetzt, nach Ihren wilden Jahren?
Dew: Ich fordere eine Rückbesinnung, ich plädiere für eine Wende, ich mache mich stark für eine Reform.
SPIEGEL: Welcher Art und warum?
Dew: Gerade als Intendant, der nun in Dortmund über vier Jahre im Amt ist, beobachte ich, daß jener Teil des Publikums langsam ausstirbt, der die großen Opern noch in relativ traditioneller Sicht kennen-, verstehen und lieben gelernt hat. Diese bejahrte Kundschaft des soliden deutschen Stadttheaters tritt allmählich ab. Die heute 30jährigen aber sehen, wenn sie überhaupt noch ins Theater gehen, "Figaro" und "Freischütz" nur noch verfremdet, aktualisiert, politisiert, aufgegagt und aufgemotzt und nicht mehr als Geschichte von Menschen und Menschheitsgeschichte.
SPIEGEL: Aus Ihrem Mund klingt das wie Verrat. Woher der Sinneswandel?
Dew: Weil ich zweifle, ob man heute überhaupt noch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen Stücken will. Ich fürchte nein. Den meisten reicht ein verrücktes Tableau, das irgendwie shocking ist und irgendwelche Stil-Tricks bietet.
SPIEGEL: Wollen Sie allen Ernstes die Flucht zurück zu Sarastro unter Palmen, zu Siegfried im Lendenschurz und zu Lohengrin mit dem Schwan?
Dew: Natürlich nicht. Es geht nicht um eine Rückkehr zu naturalistischen Kulissen und zum wortwörtlichen Gehorsam gegenüber den Szenenanweisungen im Libretto. Aber ich möchte in den alten Stücken eine neue Empfindsamkeit aufspüren und vermitteln: Delikatessen statt Holzhammer. Alle wichtigen Opern haben einen abendfüllenden Rhythmus und einen Herzschlag, den muß das Publikum spüren. Bei "Tosca" muß den Leuten der Atem stocken, sonst stimmt was nicht. Heute sind die meisten "Toscas" Langweiler.
SPIEGEL: Wann ist Ihnen diese überraschende Einsicht gekommen?
Dew: Es ist noch eine relativ frische Erkenntnis. Wenn ich mit Assistenten und Jung-Regisseuren arbeite, merke ich, daß sie kaum mehr die Chance gehabt haben, das Repertoire naturalistisch oder, besser gesagt, unbelastet zu erfahren. Es fehlt ihnen sozusagen der Boden unter den Füßen.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß der neuerdings feinfühlige Psychotherapeut Dew beim Publikum besser ankommt als die abgehobenen Jung-Regisseure?
Dew: Es wäre jedenfalls manchen Versuches wert. Ich kriege hier in Dortmund stapelweise Briefe, daß die Leute nach einem schweren Arbeitstag im Theater Erholung und Entspannung suchen.
SPIEGEL: Und - was raten und bieten Sie diesen Leuten?
Dew: Gehen Sie lieber in die Operette! Oper ist nicht zur Entspannung geeignet. Sie muß aufwühlen. Die Crux ist unser heutiges Abonnementsystem. Dem Publikum wird dabei nämlich etwas Unmögliches abverlangt: Es muß sich, pauschal und gleichzeitig, auf "Gräfin Mariza", "Zar und Zimmermann", die schrill-verquere Ver-
* Im Malersaal des Dortmunder Theaters.
sion eines "Tannhäuser" und auch noch auf eine brandneue Oper festlegen. Das ist zuviel verlangt.
SPIEGEL: Aber dieses Abo-System ist die tragende Säule unserer Theater.
Dew: Deshalb ist die Sache ja so gefährlich. Läuft die Stammkundschaft gar weg, bröckelt diese Säule; bröckelt aber diese Säule, kommt der gesamte Apparat in eine bedrohliche Schieflage. Das Abonnentensystem ist in einer abgrundtiefen Krise, und die erfaßt früher oder später das ganze Theaterwesen.
SPIEGEL: Mußten Sie, um das zu erkennen, erst mal Intendant werden? Als Regisseur waren Ihnen die roten Zahlen vermutlich schnuppe.
Dew: Mitnichten. Meine Inszenierungen sind meist sehr populär gewesen - ein Grund, warum mir die Intellektuellen mißtrauen.
SPIEGEL: Was wollen Sie denn nun gegen die Abwanderung und die Aushöhlung des Systems tun?
Dew: Wir müssen herausfinden, warum unser Publikum unglücklich ist.
SPIEGEL: Und - was haben Sie gefunden?
Dew: Wir haben die Wünsche des Publikums viel zu lange ignoriert. Sehen Sie, die Theater bieten heute vor allem Produkte an, die einfach nicht mehr aufregend sind. Wie oft sehen Sie innerhalb einer Spielzeit nichts anderes als schwarze Löcher oder graue Betonkästen auf der Bühne? Überall herrschen Öde und bleiernes Mißbehagen. Die Oper wird immer leb- und liebloser, sie lähmt und langweilt.
SPIEGEL: Aber da kann doch der Intendant Dew gegensteuern.
Dew: Ich engagiere Leute nach bestem Wissen und Gewissen; aber ich weiß vorher nicht, was sie produzieren. Ich habe gerade dreimal hintereinander von jungen Künstlern große, graue Schachteln auf die Bühne gestellt bekommen, und jeder verteidigt seine Schachtel als Ergebnis besonderer geistiger Herausforderung und Auseinandersetzung.
SPIEGEL: Und nirgends sehen Sie junge Regisseure, die es bunt mögen und lustvolles Theater veranstalten, das seinerseits Spaß macht?
Dew: Kaum. Ich weiß nicht, wie ich an die nächste Regisseurgeneration herangehen soll. Die ist vom Geist unserer Hochschulen verdorben. An den Hochschulen wird echte Kreativität genauso ängstlich betrachtet wie an den meisten Theatern. Hier wie da haben sie Angst vor der Unberechenbarkeit der Kreativität.
SPIEGEL: Mit Ihrer Kreativität als Regisseur hatte das Publikum jahrelang aber auch seine liebe Not. Dew war stets für Buhs gut.
Dew: Und wenn! Die Buhs waren immerhin Zeichen von Leben und Auseinandersetzung im Theater. Die größte Sünde in der Kunst ist Langeweile. Heute dienen die Opernhäuser vor allem der Selbstbefriedigung der Macher. Das geht so weit, daß jüngst ein namhafter Kollege stolz behauptete, er mache Theater ohne Publikum, die Leute seien ihm egal. Viele nehmen heute die Proben wichtiger als die Vorstellungen. Wenn sie beim Einstudieren Probleme haben, verlangen sie allen Ernstes vom Intendanten, er solle einfach ein paar Aufführungen absagen, damit sie weiter ungestört herumwuseln können. Eine hanebüchene, unverschämte Arroganz, vor allem gegenüber unserer zahlenden Kundschaft.
SPIEGEL: Wer hat diesen Narzißmus der Künstler geweckt und gepäppelt?
Dew: Das sind die Nachwehen des 68er Phänomens. Damals durften ja auch die Schüler bestimmen, was sie lernen wollten, und die Auswirkungen dieser Groteske torpedieren heute die Theaterarbeit: Die Mängel des Erziehungssystems führen dazu, daß Theater nicht mehr moralische Anstalten sind, sondern Bildungsinstitute werden müssen. Wir sind jetzt dazu aufgerufen, die kollektive Erinnerung unserer Kultur wachzuhalten und weiterzugeben.
SPIEGEL: Das funktioniert aber wohl nur dank unseres hochgelobten Subventionssystems?
Dew: Dieses System ist unverzichtbar, ich verteidige es bis zum letzten. Aber natürlich hat es auch die Arroganz vieler Künstler gefördert. Nach ''68 haben sich die Macher immer ungenierter in dem Irrglauben hochgeschaukelt und wichtig genommen, sie und nur sie hätten ein Anrecht auf die Gelder der öffentlichen Hand. Eine idiotische Verdrehung: Nur das Publikum hat dieses Recht. Aber das geht bis heute in die Köpfe der meisten Künstler nicht rein. Ich fordere mehr Demut.
SPIEGEL: Nur von den Regisseuren und Bühnenbildnern?
Dew: Beileibe nicht. Wie oft erleben wir lustlose Vorstellungen, Darsteller ohne An-
teilnahme, gelangweilte Orchestermusiker,
die weniger die Noten der Partitur als die Segnungen des sozialen Netzes im Kopf haben. Da darf man sich nicht wundern, wenn auch die Zuschauer lustlos und gelangweilt herumsitzen und die Freude am Theater verlieren. Übrigens ist das ein weitgehend deutsches Phänomen.
SPIEGEL: Wieso das?
Dew: Hierzulande pflegt man über englische und vor allem amerikanische Bräuche und Gegebenheiten herablassend zu lächeln. Aber in den USA gibt es eine viel vitalere neue Musikszene, dort finden heute die wichtigen Uraufführungen statt.
SPIEGEL: Sehen Sie Deutschland, einst das klassische Land der Musik, auf dem Weg ins Abseits?
Dew: Jenseits unserer Grenzen ist die Musikentwicklung weitergegangen, dort arbeitet eine Avantgarde, die auch beim Publikum ankommt und die Säle füllt. Wir aber kämpfen immer noch mit den Schatten von Donaueschingen ...
SPIEGEL: ... dem ideologischen Hochsitz der Avantgarde ...
Dew: ... dessen Stacheldrahtmusik zwar niemand hören will, aber dank der Möglichkeiten der staatlichen Subventionen weiter und weiter und weiter produziert wird. Da leisten wir uns immer noch einen ebenso lächerlichen wie - früher oder später - tödlichen Luxus. Dieser Schwachsinn geht nicht mehr lange gut.
SPIEGEL: Die jungen Regisseure sind arrogant und einfallslos, die Bühnenbildner tummeln sich in grauen Kästen, die Sänger und Instrumentalisten öden an, und das Publikum hat von all dem die Nase voll und zieht sich zurück - sehen Sie in Ihrem Frust nicht reichlich schwarz?
Dew: Durchaus nicht, warten Sie''s ab! Zum erstenmal, seitdem es das ruhmvolle deutsche Staatstheater-System gibt, spüren wir Theatermacher, daß die Politik nicht mehr hinter uns steht und auch nicht länger die finanzielle Verantwortung für das Theater tragen will. Das große Bühnensterben kommt noch, und dann werden wir erleben müssen, daß das Publikum nicht auf unserer Seite steht. Wir haben es verprellt.
SPIEGEL: Glauben Sie nicht, daß das Publikum gegen einen staatlich verordneten Theatertod protestieren würde?
Dew: Beim Schiller-Theater in Berlin ging das große Publikum nicht auf die Straße. Ich bin aber überzeugt davon, daß ein Publikum wieder neugierig auf die "Aufregung Oper" gemacht werden kann. Positive Reaktionen, wie wir sie in Dortmund für vermeintlich verstaubte Werke wie "Die Trojaner", "Padmâvatí" oder neue Musik wie Philip Glass'' "La Belle et la Bête" geerntet haben, geben mir Grund zu hoffen, daß die Oper nicht im Antiquitätenladen ad acta gelegt wird, sondern eine pulsierende Kunstgattung für das nächste Jahrtausend bleibt.
SPIEGEL: Herr Dew, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mit Redakteur Klaus Umbach in der Dortmunder Intendanz.
* Im Malersaal des Dortmunder Theaters. * Mit Redakteur Klaus Umbach in der Dortmunder Intendanz.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 39/1998
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