05.10.1998

KINODer Sündenfall des Predigers

Hollywood-Star Robert Duvall, trotz Auftritten in Welterfolgen wie „Der Pate“ oder „Apocalypse Now“ der ewige zweite Mann, erfüllte sich einen Traum. Er produzierte „Der Apostel“, den Film über einen bizarren Gottesmann. Von Thomas Hüetlin
Es ist nicht der direkte Weg, der von Hollywood an den Eßtisch des Schauspielers Robert Duvall führt. Zwischen seinem Arbeitsplatz und seiner Farm hat er einen Sicherheitsabstand von 2667 Meilen gelegt.
Dort im Arlington County, zwischen den grünen, rollenden Hügeln von Virginia, hat er sich verschanzt vor dem Jahrmarkt der Exhibitionisten, auf einer Farm mit 146 luxuriösen Hektar Land - umsorgt von seiner Freundin, einer 26jährigen Argentinierin namens Luciana; beschützt von Pferden und seinem Mittagsschlaf.
Es ist drei Uhr nachmittags, und der Hollywood-Star, der heute früher aufgestanden ist, deutet mit einem Krug Eiswasser in der Hand auf seine Bäume. "Die ältesten im ganzen County", sagt er. Das sei aber auch alles, was er über seine Bäume wisse, "keine Ahnung, wie die genau heißen".
Robert Duvall, mittlerweile 67, hat nie zu den Filmstars gehört, die wegen eines neuen Mädchens oder eines neuen Paars Schuhe die Paparazzi selbst anrufen und auch sonst dauernd ihr Leben nach Gründen absuchen, um sich wichtig zu machen.
Richtig aufgedreht hat er seit 36 Jahren eigentlich nur im Kino, und er tat das, indem er runterdrehte aufs Einfache, aufs wichtige Detail, aufs Understatement. Und diese Arbeit macht er seit Jahrzehnten so gut, daß ihn viele für die amerikanische Antwort auf den englischen Schauspieler Laurence Olivier halten. Nur, wenn sich einer vor ihm hinstellt und das ausspricht, dann fällt Duvalls Kinn auf seine Brust wie ein Sack Zement, und er benimmt sich auch sonst wie einer, dem solch ein Lob irrsinnig peinlich ist und der gleichzeitig vor Stolz fast explodiert.
Natürlich gewinnt so ein zurückhaltender Bursche gern einen Oscar, aber obwohl er inzwischen fünfmal dafür nominiert war, hat es bis jetzt nur einmal geklappt mit dem Film "Tender Mercies" - Duvall spielt einen versoffenen Country-Sänger, der von seiner Frau tyrannisiert wird.
Bis zu dieser Nacht im März 1984 war Duvall auf den meisten Besetzungslisten als brillanter zweiter Mann geführt worden. Und er gehört zu den wenigen Hollywood-Schauspielern, die auch nach solch einer siegreichen Märznacht genau das bleiben: der brillante zweite Mann. Nur daß er der einzige ewige zweite Mann war, der trotzdem immer besser wurde.
Als er in diesem Jahr wieder im schwarzen Smoking im Auditorium saß und auf einen Oscar wartete, hatte er eigentlich nur einen Konkurrenten, den er ernst nehmen mußte: Jack Nicholson. "Ist doch egal, wer von uns beiden das Ding gewinnt", hatte Nicholson vorher im Eingang zu Duvall gesagt und dazu ein höhnisches Grinsen gezeigt. "Jack, du weißt genau, daß es nicht egal ist", hatte Duvall geantwortet. "Du willst ihn und ich will ihn, und nur einer wird ihn bekommen." Natürlich bekam ihn Nicholson. Der holte sich das Ding ab, und Duvall ging mit seiner jungen Frau zu einer Party des Teenagerschwarms Brad Pitt, weil sie den immer schon mal treffen wollte. Da war es wieder: das Leben als ewiger zweiter Mann.
Dabei hatten sogar die Buchmacher in Las Vegas Duvall vorne im Oscar-Rennen gesehen. Mit seinem Film "Der Apostel", der in dieser Woche in Deutschland anläuft, hatte Duvall eine Erfolgsgeschichte nach dem Muster "Einer gegen alle" hingelegt.
Seit 15 Jahren wollte er diesen Film über das Leben eines Predigers in den Südstaaten der USA machen, aber mit wem in Hollywood er auch sprach, er erntete meist nur Achselzucken oder Gelächter oder beides. "Wenn sich Filmemacher des Themas Spiritualität annehmen", sagt Duvall, "dann betrachten sie die Leute von oben herab - als Scharlatane oder Schlangenbeschwörer."
Also nahm Duvall alles selbst in die Hand. Er schrieb das Drehbuch, er führte Regie, er spielte die Hauptrolle, er bezahlte das Budget von fünf Millionen Dollar. Und als die "New York Times" das Ergebnis als ein Werk voller "Herz und Soul" feierte, stand Duvall als Held da. Er hatte es allen gezeigt.
Dabei ist Duvall alles andere als ein religiöser Eiferer. Er war nur vor 30 Jahren einmal in einem kleinen Nest namens Hughes in Arkansas hängengeblieben und hatte festgestellt, daß die einzige Show der Stadt in der Kirche stattfand. "Ich habe inzwischen vollkommen vergessen, was der Inhalt ihrer Gebete war", sagt Duvall. "Aber ich weiß immer noch genau, was für Rhythmen ihre Predigten hatten und wie sie ihre Beine dazu bewegten."
"Der Apostel" erzählt den Sündenfall des Predigers Euliss "Sonny" Dewey - die Geschichte eines Burschen, der mit seinem weißen Anzug und seiner Pilotenbrille aussieht wie ein Zocker aus Las Vegas und rastlos durch Texas reist, um die Leute den "Holy Spirit" spüren zu lassen. Weil Dewey in den Kirchen der Schwarzen aufgewachsen ist, beherrscht er die Choreographie aus Gebeten und Gospel so perfekt, daß sein Publikum vor den Radios nicht weiß, wer da zu ihnen predigt: ein Weißer oder ein Schwarzer?
In einem Anfall von Eifersucht streckt Dewey den Geliebten seiner Frau mit einem Baseballschläger nieder. Er muß verschwinden, versenkt sein Auto im Fluß, nimmt in Louisiana eine neue Identität als "Apostel E. F." an, arbeitet tagsüber in einer Autowerkstatt und baut, weil ihm der "Holy Spirit" keine Ruhe läßt, in seinen freien Stunden aus einer alten Scheune seine neue Kirche: "The One Way Road to Heaven Church". Drinnen gibt er Schwarzen und Weißen Kraft, draußen wird er wegen Mordes gesucht.
Natürlich wäre es für einen Regisseur leicht gewesen, den Prediger Dewey mit seinem Irrsinn, seinem Angebertum und seiner Selbst- und Nächstenliebe einfach lächerlich zu machen und ihn in die Nähe verbrecherischer Fernsehprediger zu schubsen. Aber genau das tut Duvall nicht. Er erforscht nur mit großer Präzision den Charakter eines Archetyps der Südstaaten: den des charismatischen Fremden, der in eine Stadt kommt und die einzelnen zu einer Gemeinschaft zusammenbindet.
Es ist eine fremde und rätselhafte Welt, die Duvall zeigt, wenn Dewey vor einem Sterbenden in einem kaputten Auto steht und dem Unfallopfer erzählt: "Hier in diesem Auto sind Engel", und freudig seiner Mutter berichtet: "We made news in heaven this morning, Mama." Oder wenn er vor einem Rassisten, der Deweys Kirche mit einem Bulldozer forträumen will, eine Bibel ins Gras legt und es schafft, daß der Mann weinend zusammenbricht.
Sosehr Duvall davor zurückschreckt, die religiösen Schwärmereien des Predigers und seiner Gemeinde zu verhöhnen, sosehr vermeidet er es, deren Rituale in den Himmel zu singen. Sein Verhältnis zur Religion ist eher pragmatisch-amerikanisch: Was funktioniert, kann nicht ganz verkehrt sein. Und wenn es einer schafft, Schwarz und Weiß zusammenzubringen und aus einsamen Leuten mit ihren Ängsten und Vorurteilen eine im Gospel sich selbst feiernde Gemeinde zu formen, dann macht er einen guten Job, der Respekt verdient. So viel Respekt, daß Duvall jahrelang Priester interviewte und das Drehbuch aus deren Geschichten zusammenschrieb.
Als Schauspieler und Regisseur hat Duvall meist darauf geachtet, die Widersprüchlichkeit einer Sache nicht einer simplen Botschaft zu opfern. Wie kaum ein anderer Hollywood-Star ist er ein Spezialist für zerrissene Charaktere, die, von ihren Passionen getrieben, dazu verdammt sind, an sich selbst zu scheitern.
Der Sohn eines herumziehenden Navy Admirals und einer Sängerin aus den Südstaaten betrieb seine Schauspielerei von Anfang an mit dem heiligen Ernst eines Gottesdienstes - nur auffallen sollte es niemandem. Duvall haßt Schauspieler, denen man ihre Arbeit anmerkt: "Die meisten Filmstars des alten Hollywood waren nicht besonders gut", sagt Duvall, "die Regisseure ließen ihnen kaum Raum und deshalb wirken sie heute, als würde sie dauernd jemand rumkommandieren." Leute, wie Bob Mitchum, die das Ganze eher lässig angingen, seien eine Seltenheit gewesen.
Er wollte es anders machen, als er Anfang der sechziger Jahre in New Yorker Theatern auftauchte und dort einen sterbenden Alkoholiker derart eindringlich spielte, daß die Leute dachten, er sei wirklich einer. Nur - das Gegenteil war der Fall. "Bis heute trinkt und raucht er nicht", sagt sein Freund, der Autor Horton Foote, "nur damals ging er jeden Abend hinunter in die Bowery und beobachtete die Säufer."
Als ihn Francis Ford Coppola als Anwalt der Familie Corleone für den "Paten" engagierte, schaute er sich die richtigen Details von einem Untergebenen eines New Yorker Mafiabosses ab. Die Art, wie der Junge den Kaffee für seinen Chef holte, war ebenso wichtig wie die Geistesgegenwart, genau in dem Augenblick mit dem Feuerzeug unauffällig zur Stelle zu sein, wenn der Boß sich eine Zigarette in den Mund steckt. Neben Al Pacino und Marlon Brando avancierte Duvall zu den großen Sympathieträgern im "Paten".
Rastloser Wahrheitssucher, der er ist, setzte er die Publikumsliebe gleich wieder aufs Spiel, als er in "Apocalypse Now" einen Air-Force-Offizier spielte, der mit der Musik Richard Wagners den Dschungel beschallen ließ, bevor er vietnamesische Dörfer bombardierte und dabei den Satz schrie: "Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen." Nur, am Ende sagte die Figur von Lieutenant Colonel Kilgore mehr über den psychedelischen Drogenkrieg in Vietnam als eine Batterie von gutgemeinten "Make love, not war"-Filmen zusammen.
Im Laufe seiner Karriere hat Robert Duvall lernen müssen, daß es solch legendäre Rollen nicht jedes Jahr gibt, und er hat sich daran gewöhnt, auch für manchen Schrottfilm sein Gesicht hinzuhalten, solange das Geld stimmt und er das Gefühl hat, zumindest seine Sache mit Anstand hinter sich zu bringen.
Mit diesem Kapital riskiert er dann auch seltsame Produktionen, und dabei wird er zum Puristen, vor allem wenn es um die innere Wahrheit einer Sache geht. Deshalb hat es ihm zwar geschmeichelt, als Coppola und Marlon Brando ihm zum "Apostel" gratuliert haben, aber richtig hat ihn am Ende nur das Lob einer unbekannten Frau gefreut, die ihn auf dem New Yorker Flughafen stoppte: "Ich habe Ihren Film gesehen", sagte sie, "und Ihr Apostel war genau so einer wie mein Onkel in West Virginia. Der predigt jede Woche einmal zu Hause in seiner Garage."
Natürlich weiß er, daß sein Leben manchen Kompromissen zum Trotz sehr gut zu ihm war. Und, wenn ihm trotzdem manchmal Zweifel kommen, weil er es nie in die große erste Geldliga von Hollywood geschafft hat, dann nimmt er seine Frau und führt sie in einen ehemaligen Stall seiner Ranch, den er zu einem Tanzsaal umbauen ließ. Dort federt er dann mit ihr in Tangoschritten über die Bretter.
Wahrscheinlich vollendet sich in dieser späten Passion seine seelenvolle Eleganz, die stets von einer bebenden Disziplin zu einer oft verzagten Coolness zusammengehalten wurde. Cool und trotzdem leicht zu sein, das war nie seine Sache. Vielleicht ruft er deshalb jetzt seinen Hund, einen Terrier, über den endlosen, militärisch kurz geschnittenen Rasen und versorgt ihn mit einem Ball.
Duvall hält sein Eidechsengesicht wie ein Gentleman in die warme Brise. "Der Bursche heißt Jimmy Johnstone", sagt er, und seine graubraunen Augen funkeln vor Stolz.
"Jimmy wer?" "Jimmy Johnstone, ein legendärer Dribbler der schottischen Nationalmannschaft der sechziger Jahre. Ich werde meinen nächsten Film über ihn machen."
Jimmy Johnstone, auch so ein hoffnungslos brillanter, ewiger zweiter Mann, den heute gerade noch ein paar Irre kennen und sonst niemand mehr.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 41/1998
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