22.08.2011

JUSTIZ

Plädoyer für den Teufel

Von Prosinger, Julia

Wenn sie ihre Kriege verlieren, landen Diktatoren inzwischen vor internationalen Gerichten. Ihre Verteidiger kämpfen für rechtsstaatliche Prinzipien, selbst wenn der Mandant Gaddafi heißt. Je grausamer der Schlächter, desto größer der Ruhm seines Anwalts. Von Julia Prosinger

Wenn der Krieg in Libyen vorbei sein und Muammar al-Gaddafi vor Gericht stehen wird, dann wird er einen Anwalt brauchen.

"Ich würde ihn sofort verteidigen", sagt der Mann, der derzeit Charles Taylor, den ehemaligen liberianischen Diktator, vertritt. "Wenn er mich will", sagt der Mann, der Radovan Karadžić, angeklagt wegen Völkermordes, vertritt. "Was spricht dagegen?", sagt der Mann, der General Perišić, angeklagt wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, vertritt.

Courtenay Griffiths, Peter Robinson und Gregor Guy-Smith sind Strafverteidiger vor internationalen Gerichten. Sie verteidigen Menschen, die als Monster gelten. Sie arbeiten überall dort, wo das Recht erreichen soll, was Politik und Diplomatie nicht gelungen ist. In Kriegszeiten sollen diese Gerichte Verbrecher abschrecken, in Friedenszeiten Opfer versöhnen. Dass diese einfache Idee so schwer umzusetzen ist, liegt auch an Männern wie Griffiths, Robinson und Guy-Smith. Sie haben Verteidigungsstrategien, die solche Prozesse quälend in die Länge ziehen, und je länger die Verfahren dauern, um so teurer werden sie.

Peter Robinson, 58, klein und kompakt, braungraue Locken, fährt auf seinem gelben Fahrrad auf ein Backsteingebäude zu, in dem er gleich den Mann treffen wird, den er "Radovan" nennt. Er findet Radovan liebenswert und gebildet. Robinson betritt das Gefängnis im Haager Stadtteil Scheveningen, nur wenige hundert Meter vom Meer entfernt, und bittet um einen Termin mit "Dr. Karadžić". Dr. Karadžić, Radovan Karadžić, der ehemalige Präsident der Republika Srpska. Angeklagt vor dem Jugoslawien-Tribunal in Den Haag wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und wegen Genozids an etwa 8000 Muslimen in Srebrenica.

Zwölf Jahre lang hatte sich Karadžić vor dem Haftbefehl des Tribunals hinter einer falschen Identität als Alternativmediziner mit Vollbart versteckt. 2008 wurde er in Belgrad festgenommen und nach Den Haag überstellt. Jetzt wartet er im Besucherraum auf Anwalt Robinson.

An diesem Tag hat Robinson Karadžić acht Anträge zur Unterschrift mitgebracht. Robinson will, dass das Gericht neue Zeugen vorlädt und die bosnische Regierung zwingt, Dokumente freizugeben. Auf diese Weise möchte er einen der schwersten Vorwürfe der Anklage in Zweifel ziehen. Karadžić soll für "ethnische Säuberungen" verantwortlich gewesen sein.

Danach muss Karadžić noch Robinsons monatliche Honorarabrechnung abzeichnen, 71 Euro erhält der Rechtsbeistand pro Stunde. Da Karadžić sein Verteidigungs-Team nicht bezahlen kann und Robinson keine Zahlung von dubiosen Quellen wie serbischen Extremisten annehmen will, kommt das Geld vom Tribunal; etwa 22 000 Euro erhält sein Verteidigungs-Team jeden Monat.

Auch Karadžić bringt dem Anwalt oft etwas mit, in einem blauen Plastikeimer: Fruchtsäfte und selbstgemachte Hackfleischbällchen. Er hat Zugang zur Gemeinschaftsküche in seinem Gefängnis, hier steht er gelegentlich am Herd. Zu Beginn ihrer Zusammenarbeit hat Karadžić noch Fanta serviert, jetzt gibt es nur noch frische Säfte. Karadžić ist die Gesundheit seines Rechtsberaters wichtig.

Zwei Stunden später verlässt Robinson das Gefängnis und radelt den kurzen Weg zum Tribunal. "Heute musste ich Dr. Karadžić bremsen, er wollte gern die Intervention in Libyen diskutieren. Aber wir hatten viel zu tun." Erst am Vortag ist Robinson von einer Reise nach Kopenhagen und Genf zurückgekommen, er hat dänische Militärs getroffen und in vertraulichen Uno-Archiven gewühlt, immer auf der Suche nach entlastenden Beweisen für seinen Mandanten.

"Wenn es gut für uns läuft, dauert der Prozess noch lange", sagt Robinson. Karadžić hofft auf drei weitere Jahre, in denen er seine Sicht auf den Konflikt erklären will. Deshalb verteidigt er sich selbst vor Gericht, Robinson ist formell nur sein Rechtsberater.

Robinson schließt sein Fahrrad vor einem beigefarben gekachelten Gebäude ab, dem Jugoslawien-Tribunal. Der Uno-Sicherheitsrat hatte zu Beginn der neunziger Jahre nach einem Werkzeug gesucht, um Frieden zu schaffen. Den Internationalen Strafgerichtshof von Den Haag, der im Juni einen Haftbefehl gegen Gaddafi erlassen hat, gab es damals noch nicht, aber die Idee, die blutigen Kriege auf dem Balkan mit Strafjustiz und Abschreckung zu beenden, war schon da. Mit einer Resolution gründete der Sicherheitsrat 1993 sein erstes Tribunal: ein Gericht nur für die Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien.

161 Anklagen hat es dort gegeben, 64 Verurteilungen, 13 Freisprüche. 35 Verfahren laufen noch. Eine Erfolgsgeschichte, das sagen die Zahlen, aber das Tribunal ist auch bekannt für sein Scheitern. Slobodan Milošević etwa, der wichtigste Angeklagte bis heute, wurde nie verurteilt. Sein Prozess endete 2006 mit seinem Tod. In wenigen Jahren muss das Tribunal seine Tore schließen, der Uno-Sicherheitsrat will es nicht weiter finanzieren. Der Karadžić-Prozess läuft seit 2009, und vor kurzem haben die Verfahren gegen die beiden letzten mutmaßlichen Kriegsverbrecher begonnen, Ratko Mladić und Goran Hadžić. Mit diesen Prozessen kann das Tribunal ein letztes Mal beweisen, dass es sein Geld wert ist. Weit über 1,5 Milliarden Dollar hat es bereits gekostet.

Robinson geht durch die Sicherheitsschleuse des Tribunals. Vor zehn Jahren war er hier zum ersten Mal, sah sich Prozesse an und staunte über dieses gerade entstehende Rechtsgebiet, das Völkerstrafrecht. Nach den Nürnberger Prozessen gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher hatte es mehr als 40 Jahre gedauert, bis sich Einzelne wieder vor internationalen Gerichten für schwerste Menschenrechtsverletzungen verantworten mussten. Man kann diese Entwicklung als den Schritt zu einem Weltbürgertum begreifen: Bestimmte Werte sollen überall gelten.

Den Haag ist inzwischen der zentrale Ort, an dem sich Kriegsverbrecher verantworten müssen. Es gibt den Internationalen Strafgerichtshof; es gibt das Jugoslawien-Tribunal; es gibt ein Sondergericht für Verbrechen im Libanon oder auch ein Tribunal, das über die Taten von Charles Taylor verhandelt.

Robinson kommt aus kleinen Verhältnissen, der Vater war Vertreter für Budweiser-Bier, die Mutter Sekretärin. Er hatte Ehrgeiz, besuchte eine Privatschule, studierte Recht und stieg schnell auf zum Staatsanwalt. Später wurde er Anwalt und lernte, die Frage von Schuld oder Unschuld den Richtern zu überlassen.

Vom Jugoslawien-Tribunal las er zum ersten Mal in einer Broschüre. Er kaufte sich 20 Bücher über die Balkan-Kriege und zog mit seiner Familie aus den USA nach Den Haag. Monatelang lungerte er am Gericht herum, hoffte, dass irgendein Angeklagter ihn zum Verteidiger ernennen würde. Er sah sich Prozess um Prozess an - und wunderte sich. Über Ankläger, die Opferzahlen in die Höhe trieben, so schien es ihm jedenfalls. Und über Anwälte, die er für Stümper hielt. Ein Mandant ist ein Mandant, auch wenn der Mandant ein Teufel ist. So sieht Robinson das.

Nach einigen Monaten bekam er seinen ersten Fall. Es ging um Srebrenica und um die Frage, ob der Mord an etwa 8000 muslimischen Männern den juristischen Tatbestand des Völkermords erfüllte. Bei der Arbeit an diesem Fall, sieben Jahre vor Karadžić' Festnahme, kam Robinson zu der Überzeugung, dass eben- dieser Karadžić, falls er jemals vor Gericht käme, tatsächlich freigesprochen werden könnte. Karadžić, dachte Robinson damals, schien räumlich so weit von den Gräueltaten in Srebrenica entfernt, dass es dem Gericht schwerfallen würde, eine Schuld nachzuweisen. Denn schuldig sprechen kann das Gericht nur, wenn es Beweise für Morde vor Ort hat, Zeugen, die diese Morde gesehen haben - und der Nachweis der Befehlskette oder der Mitwisserschaft gelingt. Und Peter Robinson, der immer so freundlich lächelt, den die Richter mögen am Tribunal, weil er höflich und leise ist, dieser Peter Robinson also beschloss, Radovan Karadžić zu verteidigen. Robinson kannte Karadžić bis dahin nur vom Fahndungsplakat des Tribunals.

Er übernahm andere Fälle, an anderen Gerichten, verteidigte Völkermörder vor dem Ruanda-Tribunal, lernte die Besonderheiten des Völkerstrafrechts immer besser kennen. Nur wenn ihm ein Fall angeboten wurde, der ihn in einen Interessenkonflikt zu Karadžić gebracht hätte, lehnte er ab. Er wartete. Er hatte sich "Radovan" versprochen.

Dann endlich kam der 21. Juli 2008, der Tag, an dem Karadžić in Belgrad verhaftet wurde. In den Tagen nach der Festnahme hörte der mutmaßliche Völkermörder von jenem kleinen Mann, der seit Jahren ganz Den Haag von seinen Verteidigungsträumen erzählte.

Er wolle sich zwar selbst verteidigen, da er die Fakten besser kenne als jeder andere, erklärte Karadžić Robinson bei dessen erstem Besuch im Gefängnis. Aber er habe keine Ahnung von Recht, er brauche einen obersten Rechtsberater.

Jetzt sitzt der oberste Rechtsberater, wie so oft, in der Kantine des Tribunals. Früher musste er sein Sandwich an der Tankstelle hinter dem Tribunal kaufen. Die Verteidigung durfte die Kantine nicht betreten, die Anklage schon. Das war eine dieser Regelungen, die nicht zu Robinsons Rechtsverständnis passten.

Robinson redet in der Kantine mit einem Mitarbeiter über eine Granate, die 1994 auf dem Markale-Marktplatz in Sarajevo explodierte, 68 Menschen tötete und 144 verletzte. Als schuldig gilt - das haben frühere Verfahren festgestellt - die Armee der bosnischen Serben, der Republika Srpska. Karadžić könnte als damaliger Präsident für die Taten verantwortlich gemacht werden. Das Tribunal hat juristische Modelle entwickelt, um auch jene verurteilen zu können, die Taten vom Schreibtisch aus befohlen haben. "Vorgesetztenverantwortlichkeit" oder "Mitgliedschaft in einem gemeinsamen verbrecherischen Unternehmen" heißen solche Modelle.

Robinson will von seinem Mitarbeiter wissen, ob es möglich sei, dass die muslimische Armee die Granate gezündet habe, dann wäre Karadžić in diesem Punkt entlastet. Robinson sucht nach Lücken in der Geschichtsschreibung. Es geht darum, Zweifel zu säen.

Ein Stockwerk unter ihm sitzt ein Kollege, bei dem man den Eindruck hat, dass der Zweifel sein Lebensantrieb ist. Gregor Guy-Smith ist auf einem der schwarzen Ledersessel in der Lobby des Jugoslawien-Tribunals zusammengesunken. Er trägt eine schwarze Baskenmütze und einen Trenchcoat über dem Anzug, seinen Bart hat er zu einem langen Zopf geflochten. Hinter Guy-Smith hängt das Banner, das ihn in den letzten Jahren zu vielen Wutausbrüchen veranlasst hat. "Kriegsverbrecher ihrer gerechten Strafe zuführen, Opfern Gerechtigkeit bringen", steht auf dunkelblauem Grund geschrieben. Wer also hier, wo die Uno Gerechtigkeit schaffen will, auch nur angeklagt sei, der sei bereits ein Kriegsverbrecher, so deutet Guy-Smith das Plakat. "So viel zur Unschuldsvermutung", sagt er.

Gerade hat er sein Schlussplädoyer gehalten für General Momčilo Perišić, den ehemaligen Chef der jugoslawischen Armee. Tausende Zivilisten sollen mit seiner Beihilfe verletzt oder getötet worden sein. Die Anklage hat lebenslänglich für Perišić gefordert.

Dann kam Guy-Smith mit seinem Schlussplädoyer. "Ich habe ihre wundervoll geplante Hochzeit zerstört, diesen gedeckten Tisch, diese arrangierten Blumen. Das ist die Haltung der Anklage hier", sagt er. Ganz langsam hat er sein Plädoyer gehalten, hat seinen schweren Körper auf ein kleines Pult aus Plexiglas gestützt, seinen Bart gezwirbelt und die rechte Augenbraue hochgezogen. Flüsternd fast hat er den Richtern seine Version von Rechtsstaatlichkeit erklärt. Er hat von Präzedenzfällen und Beweislast gesprochen. Die Beweislast - bei dem Wort begann er zu brüllen - trage nicht der Angeklagte, die Beweislast trage die Anklage. Dann brüllte er weiter, nämlich dass es keine Beweise gebe in diesem Fall, dass die Anklage die Richter zu bloßer Spekulation verleite.

Der Auftritt hat ihn Kraft gekostet, matt passiert er die wenigen Straßen zu seinem Büro. Er fühlt sich als Außerirdischer hier in Den Haag, gemieden von den "Guten", der Anklage, gehasst von den Angehörigen der Opfer seiner Mandanten. Aber etwas treibt ihn.

"Siehst du den Typen dort drüben?", schreit Guy-Smith plötzlich, und zeigt auf einen jungen Holländer im Anzug, der zufällig um die Ecke einer kleinen Straße biegt. "Ist dieser Typ kein Mensch, der von der Norm abweichen kann?" Guy-Smith gibt nicht gern Antworten, er antwortet, indem er Fragen stellt.

Das Recht auf einen fairen Prozess mitsamt Verteidiger ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Noch der blutrünstigste Kriegsverbrecher hat dieses Recht verdient. Das ist das Wesen von Rechtsstaatlichkeit, das Recht gilt kategorisch. Dafür kämpfen Verteidiger wie Guy-Smith. "Wenn ich einen Fall gewinne, dann habe ich gezeigt, dass das System funktioniert", sagt er.

Als Sicherheitsrisiko sieht man ihn in Den Haag trotzdem. Ein Verteidiger darf große Teile des Gebäudes nicht betreten, er ist der Inhaber der "roten Karte", die an seinem Hals hängt wie ein Warnschild. Die Mitarbeiter der Anklage tragen keine rote Karte. Die Anklage ist ein Organ des Gerichts. Die Verteidigung nicht.

Mehr Räume, mehr Ressourcen, mehr Respekt fordern viele der Anwälte vor internationalen Gerichten. Sie kennen einander. Sie gründen Vereinigungen und treffen sich mit den Sekretariaten der Gerichte. 20 bis 30 Juristen gehören zu diesem Kreis in Den Haag. Abends, in den Bars der kleinen Stadt, bleiben sie oft unter sich.

Courtenay Griffiths, 55, Siegelring, Dreiteiler, sitzt in seiner Londoner Kanzlei und trommelt mit den Fingern auf den Schreibtisch. "Es gilt einen Kampf zu kämpfen vor diesen internationalen Gerichten, und ich will dabei sein." Für all die Dämpfer, die Robinsons Rechtsverständnis erleiden musste, und all die Fragen, die Guy-Smith stellt, hat Griffiths eine Erklärung. "Diese Gerichte sind politische Gerichte", sagt er.

"Politisch", damit meint er: einseitig, interessengeleitet. Und deshalb führt auch Griffiths nicht immer nur rechtsstaatliche, sondern gern auch politische Debatten. Er verweist darauf, dass der Internationale Strafgerichtshof in den acht Jahren, die es ihn gibt, nur Afrikaner angeklagt habe und auch nur die, die nicht mehr Verbündete des Westens seien. So wie Gaddafi.

Wie auch Charles Taylor. Taylor ist der ehemalige Präsident Liberias, angeklagt vor dem Sondergerichtshof für Sierra Leone wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Er wurde ausgelagert mit seinem Prozess nach Den Haag, weil sonst in Freetown Revolten zu befürchten seien, befand das Gericht. Er soll den Krieg vom benachbarten Liberia aus durch Waffen- und Diamantenschmuggel angeheizt, Mörder und Vergewaltiger unterstützt haben. Griffiths verteidigt einen, von dem ein Zeuge sagt, er habe Kinderherzen gegessen.

Griffiths bekommt Hassbriefe und Exkremente geschickt, in Sierra Leone wollte man ihn umbringen. "Menschen halten mich für einen Dämon, sie suchen mein Gesicht nach Hörnern ab", sagt er.

Griffiths hat sich daran gewöhnt. Denn er hat Terroristen, Gangster, Mörder, Vergewaltiger und Messerstecher verteidigt. Als Schwarzer habe er es leichter, Richter und Jurys zu überzeugen. "Ich kann ihnen die Lebenswelt der Kriminellen übersetzen." Zum Beispiel, indem er im Gerichtssaal Songtexte von Bob Marley zitiert. Und Taylors Lebenswelt, die könne er eben auch vermitteln.

Griffiths erzählt seinen Lebenslauf, als würde er sich selbst vor Gericht verteidigen. Mit großen Gesten, Kunstpausen und eindringlichem Blick. "Anwalt sein ist eine darstellende Kunst", sagt er und: "Ich mag den Klang meiner Stimme." Griffiths spricht langsam, sein britischer Akzent klingt vornehm. Seine Familie, der Vater Zimmermann, war in den Sechzigern von Jamaika ins englische Coventry gezogen. Sie waren die einzigen Schwarzen in der Stadt. Griffiths, so erzählt er, wurde von der Polizei verprügelt und in der Schule bespuckt. Er wurde Anwalt aus Wut gegen den Staat. Fälle mit politischer Dimension faszinieren ihn.

Der Fall Taylor ist für ihn so einer. Vor mehr als vier Jahren ging Griffiths gerade durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen, da klingelte sein Telefon, und jemand fragte, ob er Charles Taylor verteidigen wolle. Taylor hatte gerade sein gesamtes Anwalts-Team gefeuert. Griffiths sagte sofort zu. Es wurde sein erster Fall vor einem internationalisierten Gericht. Ein Teil der Richter kommt aus Sierra Leone, ein Teil kommt aus dem Ausland.

Eine Woche lang las sich Griffiths durch Taylors Akten, dann war ihm klar, was seine Strategie sein würde. "Warum Afrika?", "Warum nur Taylor?", fragte Griffiths seitdem und warf dem Gericht Neokolonialismus vor. Überall auf der Welt gebe es Diktatoren, warum habe man gerade Taylor herausgegriffen?

In den letzten Jahren haben sich Taylor und Griffiths fast täglich gesehen. Sie haben über Weltpolitik und panafrikanische Ideen gesprochen. Sie haben auch viel über Gaddafi gesprochen, Taylors alten Freund und Kriegsverbündeten. Griffiths würde ihn wirklich gern verteidigen, eine Strategie hätte er schon.

Doch zuerst muss jetzt das Urteil fallen über Charles Taylor. Taylor, sagt Griffiths, sei optimistisch, er glaube an einen Freispruch. Griffiths glaubt nicht mehr daran. Hätte der Fall vor seinem Strafgericht um die Ecke der Londoner Kanzlei stattgefunden, behauptet er, könnte er das Ergebnis voraussagen: Freispruch. Die Beweislage gegen Taylor sei dürftig, es gebe zwar Zeugen, die Anklage habe aber wenig Sachbeweise, keine Belege über schwarze Konten, keine Mitschnitte von Telefonaten und keine Satellitenbilder.

"Aber an den Tribunalen gelten eigene Gesetze", sagt Griffiths. "Wie soll ich einen Angeklagten verteidigen, von dessen Schuld bereits die ganze Welt überzeugt ist?" Die Tribunale seien einzig gegründet, um Männer wie Taylor, Karadžić und Perišić zu verurteilen. Für Griffiths steht fest: Ein Freispruch wäre eine Blamage für den Westen.

Vor einigen Monaten hat Griffiths den Gerichtssaal bei laufender Verhandlung verlassen. "Es ist nicht im Interesse meines Mandanten, zu bleiben", sagte er damals. Die Richter hatten sich geweigert, seinen zu spät eingereichten Schlussantrag anzunehmen. Griffiths hatte den Abgabetermin um 13 Arbeitstage überschritten.

Wegen seines Ausbruchs musste er ein Disziplinarverfahren befürchten, er hätte dann selbst einen Verteidiger gebraucht. Griffiths suchte einen der Besten und fand Peter Robinson. Der kam und lächelte, Griffiths entschuldigte sich bei den Richtern, es gab keine Strafe für ihn.

Robinson fragt nicht viel, er tobt auch nicht, Robinson arbeitet. Es ist ein ganz normaler Tag in Gerichtssaal II des Tribunals, in der Mitte sitzen die Richter in schwarz-roten Roben, links sitzt Robinson, eine Reihe dahinter steht Karadžić, der sein eigener Anwalt ist, und nimmt einen Zeugen der Anklage ins Kreuzverhör. Das hat Robinson mit ihm geübt.

Karadžić, sagt Robinson, sei inzwischen ein guter Verteidiger geworden. Nur manchmal könne er sich seine politischen Kommentare nicht verkneifen. Dabei hat Robinson ihm beigebracht, wie er Fragen stellen und gleichzeitig politische Aussagen machen kann. Damit er den Prozess nutzen kann, um seine Seite des Konflikts darzustellen.

Karadžić ist nicht nur ein guter Verteidiger, Karadžić, der noch vor Jahren die Vernichtung der bosnischen Muslime im Fernsehen propagierte, ist auch ein höflicher Angeklagter. Er bedankt sich bei den Zeugen und macht Pausen, damit ihm die Simultanübersetzer folgen können. Im Gerichtssaal ist er gut gekleidet - rosa Hemd, rote Krawatte, hellblaues Hemd, dunkelblaue Krawatte - und trägt stets eine Anstecknadel mit der Flagge der Republika Srpska, jener serbischen Einheit im heutigen Bosnien und Herzegowina, deren Präsident er einst war. Robinson hat sich die Idee abgeschaut, er trägt inzwischen auch eine Anstecknadel, mit den Flaggen der USA und der Uno.

Während des Prozesses dreht er sich nicht zu seinem Mandanten um, er durchsucht den Computer vor sich nach Dokumenten, markiert und kopiert Absätze, bespricht sich online mit seinen Mitarbeitern. Während Karadžić fragt, bereitet Robinson die nächsten Kreuzverhöre vor. Der Fall hat zwei Millionen Aktenseiten.

In den Pausen verschwindet Robinson mit Karadžić in Raum Nummer 24, einer winzigen Kammer mit blauer Tür. Hier lernt Karadžić die Menschen kennen, die für ihn arbeiten. Acht Mitarbeiter finanziert ihm das Tribunal, drei davon sind Ermittler auf dem Balkan, die anderen arbeiten mit Robinson in Den Haag. Bis zu zehn Praktikanten hat das Team.

Zum Dank verschenkt Karadžić gern Autogrammkarten von sich in einem braunen Anzug, mit gestreifter Krawatte und weißem Hemd. "Thank you for your work" schreibt er darauf. Die Praktikanten nehmen sie mit als Erinnerung nach China und Australien.

Fast liebevoll erzählt Robinson von seinem Mandanten. In letzter Zeit fehle Karadžić die kreative Energie, um jene Gedichte zu schreiben, für die er auf dem Balkan bekannt ist. Über Karadžić' Schuld will Robinson nicht spekulieren. Das, sagt er, sei die Aufgabe der Richter. "Ich könnte aber auch nicht sagen, dass ich in allen Punkten von seiner Unschuld überzeugt bin." Robinson kann seine persönlichen Zweifel begraben, damit Karadžić ein faires Verfahren bekommt. Rechtsstaaten funktionieren nur mit Männern wie Robinson.

Wenn der Krieg in Libyen vorbei sein und Muammar al-Gaddafi vor Gericht stehen wird, dann wird er einen Anwalt brauchen: Vielleicht empfiehlt ihm sein alter Freund Charles Taylor Courtenay Griffiths, den heimlichen Politiker. Vielleicht spielt Gaddafi Basketball im Gefängnishof mit General Perišić und hört von Guy-Smith, dem Mann mit den philosophischen Fragen. Karadžić würde ihm Robinson empfehlen. Und Robinson würde seine Pflicht erfüllen.


DER SPIEGEL 34/2011
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