22.08.2011

SYRIEN

Die bösen Geister von Damaskus

Ramadan in Damaskus: Die Menschen fasten, beten und halten still. Sie haben Angst, dass auch sie der Gewaltsturm trifft, den das strauchelnde Regime des Assad-Clans entfacht. Ein Bericht aus einem Land, dessen Menschen es nicht mehr ertragen, dass sie wie Vieh behandelt werden.

Jeden Abend kommen die "Geister". Sie lachen, sie kauen Nüsse und wiegen ihre Schlagstöcke in den Händen. Sie heißen tatsächlich so: Schabiha, Geister. Die Schergen des Regimes, die zu Tausenden nach dem Fastenbrechen ausschwärmen und vor Moscheen in Damaskus Position beziehen. Um zehn, wenn das Abendgebet endet, warten sie, stehen drohend vor dem Tor, lauern bewaffnet zwischen geparkten Autos. Bereit, jeden niederzudreschen, der sein Wort gegen den Präsidenten und das System erhebt.

Rasch, schweigend und jeder für sich verlassen die Gläubigen die Moscheen und gehen auf in der Menschenmenge der festlich beleuchteten Stadt, die im Fastenmonat Ramadan erst in der Dunkelheit zum Leben erwacht.

Eine gespenstische Schwebe. Was ist unheimlicher? Die Normalität? Oder das blitzhafte Hereinbrechen des Schreckens, wenn zwischen den Flaneuren in der Salhija-Straße ein weißer Kombi vor der Polizeiwache hält, zwei Männer in Zivil einen gefesselten, schreienden Gefangenen hineinschleifen und davonfahren? Während alle vorbeischauen.

Es sei doch nichts, lässt der Palast verlautbaren, nur eine Verschwörung von Zionisten, al-Qaida-Anhängern und arabischen Satellitensendern. Dass in der Hafenstadt Latakia ein kleines Mädchen getötet wurde? Nur eine Herzattacke. Dass schon vor Monaten im Stadtteil Midan Tausende demonstrierten? Die seien nur für ein Dankgebet auf die Straße gegangen, weil es endlich geregnet habe.

Doch wer nach Damaskus kommt, erlebt tatsächlich eine Stadt, die an der Oberfläche ganz unverändert, ganz glatt erscheint. Es stehen keine Panzer in der Innenstadt, es wird nicht geschossen.

Doch schon 40 Minuten Fahrt führen in eine andere Welt. Sabadani, ein Ausflugsort in den Bergen des Anti-Libanon, ist von der Armee umstellt. Seit Wochen sind fast jeden Abend mal 500, mal 4000 Menschen in dem Kurort auf die Straße gegangen. Erst knüppelten die "Geister", dann schoss die Polizei Tränengas, nun töten die Beamten der diversen "Sicherheitsdienste". Es gibt keine Touristen mehr in Sabadani, allein die Vorbereitung der Fahrt dorthin dauert zwei Tage.

Nur über einen Internetdienst, unter der Identität eines vor Wochen erschossenen Freundes, ist einer der Führer des örtlichen Oppositionskomitees erreichbar. Erst in letzter Minute wird der Treffpunkt genannt: ein Gemüselaster an einer Kreuzung. Der Fahrer nickt kurz, über Kurvenpfade geht es an den Ortsrand. In einer Ferienwohnung warten die Männer vom Komitee. Noch hat die Demonstration nicht begonnen, also erzählen sie: Wie unfassbar es anfangs gewesen sei, dass in Syrien Menschen den Mut aufbrachten, sich gegen eine Diktatur zu erheben, die Zehntausende hat umbringen lassen. Von der Angst vor den allgegenwärtigen Spitzeln, selbst in der eigenen Familie. Vom Grauen und vom Grotesken des Regimes.

Ali, der Kontaktmann, war vom Politischen Sicherheitsdienst verhaftet worden, einem der vier großen unter den angeblich 17 Geheimdiensten des Landes: "Sie hatten Bilder von mir auf einer Demonstration, aber dachten, ich sei nur ein Mitläufer." Was sie nicht davon abhielt, ihn bis zur Ohnmacht zu prügeln, ihn gefesselt an die Decke zu hängen und nackt stundenlang mit verbundenen Augen stehen zu lassen, mit kaltem Wasser zu überschütten und mit Elektroschocks zu quälen. "Du glaubst, Gott wird dir helfen?", habe der Offizier gebrüllt: "Gott hilft dir nicht!"

Er solle Namen nennen! "Dann habe ich Namen genannt: von denen, die gerade von der Staatssicherheit verhaftet worden waren - was sie nicht wussten."

Ein anderer Offizier habe ihn gefragt: "Haben wir dir früher je etwas getan?"

"Nein", habe er geantwortet, "aber ich will in Freiheit leben."

"Weißt du überhaupt, was das ist, Freiheit?"

"Nein", sagte er. Noch nicht.

Nach drei Wochen ließen sie ihn laufen: "Sie brauchten den Platz. Wir waren schon 70 Mann in einer Zelle von vier mal vier Metern." Ein anderer im Raum war 60 Tage lang in Haft. Er hatte auf einer Demonstration die Mittelfinger zum Gruß an den Präsidenten erhoben. Sie brachen ihm beide Finger. Vor allen anderen erzählt er, wie sie ihm Elektroden an die Hoden hefteten und ihn so lange mit Stromstößen traktierten, bis er Blut urinierte. Die 60 Tage hätten ihn stärker gemacht, sagt er. Aber seine Hände zittern, wenn er den Kaffee einschenkt.

Plötzlich klingt eine Stimme aus dem Funkgerät: "Sie kommen! In eure Richtung. Mannschaftswagen mit Bewaffneten, einer, zwei, fünf, mindestens acht." Geduckt schaut Ali über die Brüstung des Balkons. Am unteren Ende der Straße patrouillieren bereits Männer mit Kalaschnikows, "weg, weg!", rasend werden Funkgeräte, das kostbare Satellitentelefon und Taschen gegriffen, durch Garten und Dunkelheit geht es zu einem anderen Quartier. Von überall her melden sich die Beobachter aus anderen Vierteln: Mehrere hundert Mann sind eingerückt, das Stakkato von Maschinengewehren ist zu hören. Das, erklärt Ali erleichtert, sei die Armee, "die schießen nur in die Luft, um Angst zu verbreiten". Gefährlicher sei das Einzelfeuer der Killer von den Sicherheitsdiensten. Aber eine Demonstration werde es diese Nacht nicht mehr geben.

Fast überall in Syrien gehen mittlerweile täglich Menschen auf die Straße und fordern den Sturz des Assad-Regimes, von Daraa im Süden bis Latakia im Norden, von Sabadani im Westen bis Deir al-Sor am Euphrat. Und fast überall tun sie dies weiterhin friedlich. Nicht, weil sie keine Waffen hätten, sondern weil das Regime nur auf einen Vorwand wartet zurückzuschlagen. Das wäre der Beginn des Bürgerkrieges, den die Führung jetzt schon schürt, indem es die Konfessionen gegeneinander aufhetzt und sich als Schutzmacht der Minderheiten gegen die stets beschworenen sunnitischen Fanatiker stilisiert.

Seit Beginn der Unruhen im März haben die Führer des Westens das Regime kritisiert, sich um eine direkte Rücktrittsaufforderung an Baschar al-Assad aber gedrückt - weil sie genau den Bürgerkrieg fürchten, vor dem das Regime warnt.

Vorige Woche überwanden sie diese Furcht: Assad führe das Land nicht aus der Krise, sagte US-Präsident Barack Obama, es sei Zeit für ihn, "zur Seite zu treten". Brüssel, Berlin, Paris und London schlossen sich an. Was nach ihm kommen soll, blieb offen; ob sich die Uno, ob sich die Türkei und Saudi-Arabien über ein gemeinsames Vorgehen einig werden, ist unklar. "Nichts daran wird einfach sein", warnte ein hoher Beamter der US-Regierung in der "New York Times".

Homs, die drittgrößte Stadt Syriens in der Mitte des Landes, spiegelt das fragile Gemisch der Konfessionen wider: Die knappe Mehrheit der Bewohner sind Sunniten, etwa 20 Prozent Alawiten, ein Zehntel orthodoxe Christen, dazu Saiditen und Jesiden. Knapp 700 Menschen sind in Homs getötet worden, seit am 18. März die ersten Demonstranten hier auf die Straße gingen. Hunderte weitere sind seit Monaten spurlos verschwunden.

"Wir sind die, die noch da sind", stellt Awad, so sein Tarnname, das Komitee des Stadtteils vor: Studenten, Techniker, ein Textilkaufmann und ein Koranstudent. Gleich aber, sagt Awad, komme der Mann, der das tue, was am wichtigsten sei: filmen! Den Kontakt zu al-Dschasira halten. "Ohne Videos gibt es keine Revolution, sind wir nichts. Dann weiß die Welt doch gar nicht, dass wir überhaupt existieren." Eine halbe Stunde später, ein Klingeln, ein Kennwort, kommen der Kameramann und zwei Freunde herein, von einer "fliegenden Demo", wie sie es nennen. Zu Mittag haben zwei Dutzend Demonstranten den Sturz des Regimes gefordert und Transparente ausgerollt.

"Wie lange?", fragt Awad.

"Zehn Minuten."

"Wahnsinn!"

Nabil, so möchte er genannt werden, ist ein sanfter Mittzwanziger, der trainierte Sprinterbeine und sehr viel Glück hat. Bislang. Er wird von überall in der Stadt angerufen, wenn es etwas zu filmen gibt. Er holt die Festplatte aus dem Versteck, eine filmische Enzyklopädie des Grauens. "Wir wollen dokumentieren, was geschieht", sagt er und zeigt Sequenz um Sequenz der letzten Monate. Bilder vom Sit-in am 18. April, als das Feuer auf die Menge eröffnet wurde. Bilder von den zu Tode gefolterten Körpern des Pharmaziestudenten Dschamal al-Fatwa, des Lehrers Chalid Murat und des Taxifahrers Mumtas Halu, dessen Leiche im Morgengrauen auf der Straße lag. Bilder von den letzten Minuten ihres Freundes Adnan Abd al-Daim, eines Informatikstudenten, der am 1. August ein kleines Transparent hochgehalten hatte: "Silmi! Silmi!", friedlich! Und: "Syrien ist für alle Syrer!"

In den letzten Momenten seines Lebens ist er von hinten zu sehen, wie er stehen bleibt, als andere fortrennen. Dann kommt er noch einmal hinter einem parkenden Auto hervor, nachdem ein Feuerwehrzug mit Löschkanone vorbeigezogen ist. Einsam hält er sein Transparent hoch. Dann fallen Schüsse.

So geht das zwei Stunden lang, Nabil spielt Dutzende Videos ab, die auch al-Dschasira nicht zeigt: Sequenzen von abgerissenen Köpfen, zerfetzten Körpern, abgetrennten Füßen, gezielten Einschüssen in Ohr, Auge, Stirn. Bilder von Schwerverletzten, die in improvisierten Krankenstationen notdürftig behandelt werden. Denn aus vielen Krankenhäusern werden die Verletzten verschleppt. In einer Szene springen Bewaffnete aus einem Krankenwagen. "Schabiha oder Sicherheitsdienste", sagt Awad, "das ist so oft geschehen, dass die Leute sich vor Angst mit Verletzten nicht mehr zu den Ambulanzen wagen."

Manchmal gehen in Homs die Schlägertrupps auf Demonstranten los. Manchmal wird ohne Vorwarnung in die Menge geschossen, selbst mit großkalibrigen Maschinengewehren. Davon zeugen die aufgesammelten daumendicken Geschosshülsen und das, was mit den Zielen geschehen ist: wie jenem Mann in einem von Nabils Videos, von dessen Kopf nur noch ein bisschen Unterkiefer und ein wenig Haut am Rumpf hängen.

Manchmal geschieht auch gar nichts. So wie auf dieser Abenddemonstration im Hamra-Viertel. Vielleicht 300 Menschen sind anfangs dort. 26 Minuten lang skandiert die anwachsende Menge in der Straßenschlucht, hallt das Echo ihrer Rufe zwischen den Häuserfronten. Keiner weiß, was in der nächsten Minute geschehen wird. Bis klar wird, warum es so ruhig geblieben ist: Im Nachbarviertel Bab Sabaa haben Einheiten der Staatssicherheit die Fatima-Moschee gestürmt und in die Menge der Betenden geschossen. Andere Truppen haben das Feuer auf die nahe gelegene Rauda-Moschee eröffnet. Der Kontaktmann aus dem Birr-Hospital ruft an, brüllt ins Telefon: "Kommt nicht hierher! Sie stürmen das Krankenhaus!"

Awads Knie zittern so sehr, dass er sich hinlegen muss: "Manchmal frage ich mich, was ich morgen tun werde. Ob es die Toten nicht besser haben? Andererseits: Ich will nicht sterben, ohne einmal frei gewesen zu sein. 40 Jahre lang haben wir ja sagen müssen. Ich ertrage das nicht mehr. Die Assads behandeln das ganze Land wie ihre Farm - und wir sind das Vieh darin."

Nur, wie dieses Regime tatsächlich zu stürzen sei, wissen auch sie nicht. Alle von den "Lokalen Koordinierungskomitees", dem lose verbundenen Netz des Widerstands, wollen ausländischen Druck, aber niemand will eine Militärintervention. Auch nach fast 2000 Toten, 15 000 Verhafteten und vielleicht Hunderten weiteren nicht, die in Massengräbern vermutet werden. "Das hier ist erst der Anfang", fürchtet Awad.

Stadt um Stadt lässt das Regime nun von Panzern und Truppen einnehmen. Am 31. Juli begann es mit Hama, dann folgte Deir al-Sor, danach Latakia, seit letzter Woche sammeln sich Panzer am Rand von Homs. Dabei ist es weniger die Armee, die Tod und Schrecken verbreitet. Denn für die regulären Truppen, die zu weiten Teilen aus Wehrdienstleistenden bestehen, ist jede Stadt ein Stresstest.

Hunderte toter Soldaten wurden ihren Familien mit Schusswunden und ohne nähere Einzelheiten ihres Todes übergeben, 1000 oder mehr sind desertiert. In Deir al-Sor soll ein Oberst mit Teilen seiner Truppe übergelaufen sein. Die Furcht des Regimes um seine eigene Armee wachse, beschreibt es ein Soldat in Damaskus: "Bis vor fünf Wochen reichte noch der Militärausweis, um ungehindert durch die Kontrollposten im ganzen Land zu kommen. Jetzt muss man einen Passierschein für jede Strecke haben, sonst verdächtigen sie einen als Deserteur."

Per Dekret wurde die Dienstzeit aller Wehrpflichtigen um drei Monate verlängert. Der Kern des Regimes aber sind die Sicherheits- und Geheimdienste mit wohl bis zu 400 000 Mann, ein Netz konkurrierender Schreckenseinheiten, die foltern und töten. Ihr Schöpfer Hafis al-Assad hat ihre Mitglieder einst bis herunter auf mittlere Offiziersränge gesteuert.

Doch ihr Schöpfer ist tot und niemand mehr da, das wuchernde Eigenleben dieser Monster unter Kontrolle zu halten. Hafis' Sohn Baschar wird als Fähnchen im Wind der Generäle beschrieben, sein gewaltbeseelter jüngerer Bruder Mahir, offiziell Kommandeur der Republikanischen Garde, verbringe seine Zeit lieber mit nächtlichem Kartenspiel als mit militärischen Details. Internationaler Druck könnte zu noch mehr Gewalt führen.

Niemand an der Spitze habe einen Plan, wie dem Aufstand zu begegnen sei, beschreiben es Kenner: So habe in Hama, wo Hafis al-Assad 1982 Zehntausende umbringen ließ, ein mächtiger Oberst vom Militärischen Sicherheitsdienst Anfang Juni erst Dutzende Demonstranten niederschießen lassen. Dann hätten sich Verteidigungsminister Ali Habib Mamduh und der Gouverneur von Hama durchgesetzt, den Oberst zu entmachten und die Truppen zurückzuziehen.

Für einige Wochen war Hama die erste Stadt, deren Notabeln mit dem Gouverneur verhandelten und sie friedlich hielten. Bis Assad den Gouverneur absetzte, den Oberst zum General beförderte und Ende Juli nach Hama zurückschickte. Dort begraben sie die Toten mittlerweile in den Parks.

"Dieses System ist nicht reformierbar", sagt in Damaskus ein einstiges Mitglied der Elite, das die Generäle abwechselnd verhaften und zu bestechen versuchen: "Denn es ist nicht einmal ein System. Es ist eine Mafia, deren Macht auf Korruption und Angst beruht. Jede Änderung bringt sie zu Fall. Sie werden alles tun, um nicht die Macht zu verlieren, alles!"


DER SPIEGEL 34/2011
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