22.08.2011

Parcours des Elends

Von Knaup, Horand

Global Village: In einem afrikanischen Flüchtlingslager bewährt sich ein deutscher Minister in einem Amt, das seine Partei einst abschaffen wollte

Er scheint geahnt zu haben, dass er häufiger mal senkrecht unter der Sonne stehen würde. Vielleicht machte er deshalb die Einzelkämpfermütze zu seinem Markenzeichen, als er das Ministerium übernahm. Viele haben ihn dafür ausgelacht. Aber der Mann ist trotzig. "Die Kappe bleibt", sagte er.

Und so stapft Dirk Niebel, Deutschlands Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, durch den Staub des Flüchtlingslagers Dadaab. Es ist heiß, Niebels Schweiß perlt auf der Stirn, darüber sitzt staub- und sturmfest die Mütze.

Dadaab, nahe an Kenias Grenze zu Somalia, ist die größte Zeltstadt Afrikas, drei riesige Lager in der Halbwüste, Agglomerationen aus weißen Plastikplanen, die allmählich aufeinander zuwachsen. Mehr als 400 000 Menschen haben sich inzwischen hier versammelt, täglich kommen über 1000 hinzu.

Für die Emissäre aus der ganzen Welt, Politiker, Prominente, Medienleute, die täglich ein- und ausfliegen, um das Flüchtlingsdasein zu besichtigen, hat sich eine Art Parcours eingespielt: Registrierungsstelle, Decken- und Geschirrausgabe, Krankenhaus, Lebensmittellager, Essensstation.

Man kann es Elendstourismus nennen. Füttern, fragen, fotografieren. Man kann es zynisch sehen und sagen: Die Flüchtlinge sind das Warten ja gewohnt.

Niebel sieht es nicht zynisch, er registriert das Unwürdige des Moments und drängt an der Essensstation zum Aufbruch: "Je schneller wir hier wegkommen, desto schneller gibt es für die Leute was zu essen."

Weiter durch den Sand. Hier ein Gespräch mit einem Helfer, dort mit einer Mutter, die am Tag zuvor ihr Kind verloren hat. Ein 21-jähriger Mann kommt auf den Minister zu. Sein ganzes Leben hat er im Lager zugebracht. In flüssigem Englisch bittet er um deutsche Hilfe. Somalia brauche Frieden, der Minister und Deutschland mögen sich engagieren.

Das tut Niebel, denn eine solche Krise ist auch eine Gelegenheit für jeden Politiker, der etwas zu verteilen und Reporter im Schlepptau hat. Er stopft sich das Hemd fernsehgerecht in die Hose, nimmt die Mütze ab, wischt sich damit den Schweiß von der Stirn und baut sich zum Interview auf. Er spricht von den vielen Millionen, die Deutschland gewähren wird, und von einer "afrikanischen Lösung" für den Somalia-Konflikt. Geld und Lebensmittel aus dem Westen allein könnten das Land nicht befrieden. Er empfiehlt Verhandlungen mit den moderaten Islamisten.

Lieber hätte er sich in Mogadischu interviewen lassen. Der erste deutsche Minister seit knapp 18 Jahren in Somalias Hauptstadt - das wäre so recht nach dem Geschmack des ehemaligen Fallschirmjägers gewesen. Aber dann befanden Bundesnachrichtendienst, Bundeskriminal- und Außenamt: Ein Trip nach Mogadischu? Zu gefährlich.

Am Vortag, noch in Nairobi, hatte er vom Somalia-Gesandten der Afrikanischen Union erfahren müssen, wie viel westliche Prominenz trotz der heiklen Sicherheitslage in Mogadischu vorbeischaut. Als er aus dem Gespräch herauskam, leuchtete sein Kopf rot, und seine Stimme war gereizt: "Ich fühle mich richtig verarscht - jeder fährt doch da hin."

Nur Niebel nicht. Stattdessen streift er nun durch das Riesencamp. Und während der heiße Wind den Staub aufwirbelt, scheint ihm klarzuwerden, dass Dadaab und die Dürre keine vorübergehenden Probleme sein werden, sondern dauerhafte.

Niebel beginnt umzudenken. Bisher hieß das Credo der Entwicklungshilfe, Wirtschaft sei der Schlüssel für Nachhaltigkeit. Das stimmt - meistens. Im Sand von Dadaab drängt sich aber eine andere Erkenntnis auf: dass es vielleicht sogar noch Wichtigeres gibt als Wirtschaft und Nachhaltigkeit, dass hier ein Volk Hungernde aufnimmt, das selbst am Rande des Hungers lebt.

Er will mehr Geld für die ländliche Entwicklung bereitstellen als jeder seiner Vorgänger, sagt Niebel. Auch das stimmt wohl - aber erst, seit die Hungertragödie in Ostafrika sichtbar geworden ist. Als die deutsche Welthungerhilfe im vergangenen Jahr Gelder für die Dürrevorbeugung in Kenia beantragte, gab es - nichts. Nun werden allein für Kenia 50 Millionen Euro bereitgestellt, auch wenn noch keiner genau weiß, wohin genau die Mittel fließen sollen.

Niebel hat gelernt, dass viel Geld noch lange nicht bedeutet, dass auch wirksame Hilfe geleistet wird. Und dass man die einheimische Bevölkerung nie außer Acht lassen darf bei der Nothilfe. Denn wenn am Ende die Flüchtlinge mehr zu essen haben als die Kenianer selbst, ist der nächste Konflikt programmiert.

Die Bilder wirken, auch unter den Katastrophen-Profis in Dadaab. Ein lernwilliger Minister inmitten des Elends, eine stolze Summe, die er zur Bekämpfung der Not ausschüttet, nachdenkliche Sätze wie: "Ich kann mir kein Land in Europa vorstellen, das ähnlich klaglos 400 000 Flüchtlinge aufgenommen hätte." Die Beobachter in Kenia benoten seinen Auftritt gut; der Minister, dessen Partei, die FDP, sein Amt vor der letzten Wahl noch abschaffen wollte, darf zufrieden sein.

Nur die Sache mit Mogadischu arbeitet nach. Das soll nicht noch einmal passieren. "Das nächste Mal schreiben Sie nicht so einen Mist auf", mault er zum Abschied einen Diplomaten an, als er die Journalisten außer Hörweite wähnt.

Mist? Noch am selben Abend fliegen in Mogadischu wieder Granaten.


DER SPIEGEL 34/2011
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