22.08.2011

WIDERSTAND

Humanistisches Handwerk

Von Reinhardt, Nora

Der Franzose Adolfo Kaminsky ist einer der größten Fälscher des 20. Jahrhunderts. Er rettete Juden vor dem Holocaust und Verfolgte in der Dritten Welt. Sogar die Tochter war ahnungslos.

Das Leben im Untergrund hat sei-ne Spuren hinterlassen, immer noch. Es ist ein Sommertag, Adolfo Kaminskys Tochter Sarah lehnt mit einer roséfarbenen Blume im Haar am Küchenfenster und raucht in den Hinterhof hinaus. Ihr Vater blickt skeptisch und fragend in ihre Richtung.

Eine Freundin hat ihn mal verlassen, irgendwann in den sechziger Jahren, weil er jeden Abend verschwand und ihr partout nicht verraten wollte, dass er nachts in seinem Labor Ausweise produzierte.

Nun soll er öffentlich über sein Leben als Fälscher sprechen - etwas, was er immer tunlichst vermieden hatte. "Schweigen war immer das oberste Gebot", sagt Kaminsky. "Man hat nicht das Recht, andere in Gefahr zu bringen."

Mit 18 fälscht er den ersten Pass, mit 20 arbeitet er für Geheimagenten, mit 42 hilft er den Revoluzzern. Er hatte so viele Decknamen, dass er sich nicht an alle erinnern kann, zuweilen wechselte er alle drei Monate Namen und Wohnort. Kaminsky, schwarz gelockt, die Augen wach, war ein weltweit gesuchter Fälscher, die Polizei suchte nach ihm, immer vergebens.

Heute, mit 85 Jahren, die Haare weiß, die Augen schwach, sitzt er auf der Couch in seiner Pariser Wohnung, drei Straßen vom Eiffelturm entfernt. 1971 beendete er sein Dasein im Untergrund, seitdem lebt er sein "Bonus-Leben", wie er es nennt. Er ist ziemlich klapprig mittlerweile, jeden Mittwoch liest er die traditionelle Wochenzeitung "Le Canard enchaÎné", humorvoll und links, genau wie er.

Für Kaminsky war Humanismus immer Handarbeit. Er stellte täuschend echte Blanko-Ausweise her, um Juden während des Zweiten Weltkriegs vor dem sicheren Tod zu retten. Später versorgte er in großem Stil linke Untergrundorganisationen mit falschen Papieren. Niemand wusste davon. Sogar seine Tochter Sarah, die heute 32 Jahre alt ist und Drehbücher schreibt, hatte immer nur eine sehr vage Vorstellung von seinem Vorleben, bis sie beschloss, ihren alten Vater besser kennenzulernen, bevor er, wie sie sagt, "mit seinen Geheimnissen verschwindet".

Sie unternahm eine Forschungsreise in sein erstes Leben, traf Weggefährten in Algier, Paris, New York. "Ich fand heraus, dass mein Vater sein Leben riskiert hat, um andere vor dem Tod zu bewahren", sagt Sarah Kaminsky. Sie schrieb ein Buch über die Lebensgeschichte ihres Vaters, nun erscheint die pointiert und unpathetisch geschriebene Biografie auf Deutsch(*).

Eigentlich wollte Kaminsky Künstler werden. "Als ich 1944 meinen ersten Ausweis fälschte", sagt er mit brüchiger Stimme, "hatte ich nicht die geringste Ahnung, dass dies der Beginn eines langen Fälscherlebens werden würde."

Er war gerade 18 Jahre alt und selbst zweimal nur knapp dem Abtransport aus dem Sammellager Drancy nach Auschwitz entgangen. Ein Genosse der französischen jüdischen Organisation Ugif hatte ihn mit falschen Papieren versorgt. Papiere ohne den fetten, roten Stempel "Juif", Papiere, die aus Adolfo Kamin-sky, dem argentinischen Juden, Julien Adolphe Keller, einen elsässischen Franzosen machten.

Marc Hamon, Deckname "Pingouin", war der Name des Genossen, der ihm half. Die illegale Zelle, für die Hamon arbeitete, hieß "La Sixième". Kaminsky wollte mittun, doch seine künstlerischen Fähigkeiten waren zunächst zweitrangig, wichtiger war etwas anderes: "Drei Ta-ge testeten sie mich, ob ich von der schwatzhaften Sorte bin", erinnert sich Adolfo Kaminsky. Er war es schon damals nicht.

Weil der "Juif"-Stempel durch keine Essenz spurlos aus einem Ausweis getilgt werden konnte, begann Kaminsky, Ausweise selbst zu produzieren: den Karton, das Papier, das Wasserzeichen, den Stempel, die Farben für das Stempelkissen, die Fotos, die er mit einer Lochmaschine hineinstanzte. Er berieselte die Papiere anschließend mit einem speziellen Staub, um sie älter aussehen zu las-sen. Am Ende, sagt Kaminsky, waren seine Ausweise nicht zu unterscheiden von denen aus der Regierungsdruckerei. "Es gab nie Probleme mit meinen Papieren", sagt er.

Bald wurde sein Labor in der Rue des Saints-Pères zum größten Lieferanten falscher Dokumente für Nordfrankreich und Belgien. Täglich wurden 30 bis 50 Papiere produziert, in manchen Wochen waren es sogar 500. Kaminsky und seine Leute arbeiteten besessen und perfektionistisch: "Ein Sekundenbruchteil Unaufmerksamkeit kann sich als verhängnisvoll erweisen, von jedem Papier hing Leben oder Tod eines Menschen ab." Er fühlte sich, sagte er später seiner Tochter, als arbeite er am "Fließband einer Schicksalsfabrik".

Im Sommer 1944 schließlich bestellte Pingouin, der Genosse aus der Untergrundzelle, bei ihm Papiere für 300 Kinder: Lebensmittelmarken, Taufscheine, Geburtsurkunden, Personalausweise. 900 Dokumente insgesamt, sie hatten nur drei Tage Zeit. Nach zwei Nächten ohne Schlaf fiel Kaminsky in Ohnmacht, die letzten Dokumente fabrizierten seine Kameraden.

Später erfuhr Kaminsky, dass sein Freund Pingouin und eine Gruppe Kinder nach Auschwitz deportiert worden waren. "Weder er noch die Kinder sind zurückgekommen." Mit diesem schlichten Satz endet das vierte Kapitel des Buchs.

Bis heute weiß Kaminsky nicht, was damals passiert ist; ob Pingouin mit den gefälschten Dokumenten in der Tasche kontrolliert wurde, ob die Papiere fehlerhaft waren oder die Polizei einen Hinweis erhielt.

Und bis heute erzählt Kaminsky nicht, was damals in ihm vorging. Auch an diesem Sommertag in seinem Wohnzimmer bleiben seine Antworten vage und etwas ratlos.

"Mein Vater", sagt die Tochter Sarah, "kann seinen Schmerz nicht artikulieren." Während der Recherche für das Buch habe sie immer wieder danach gefragt, wie ihn die Arbeit im Untergrund und der Tod der Kinder und des Freundes verändert hätten, stattdessen erzählte Kaminsky seltsame Anekdoten, deren Sinn die Tochter erst entschlüsseln musste. "Ich denke, mein Vater machte sich starke Vorwürfe nach dem Tod Pingouins", sagt sie.

"Oui", sagt Adolfo Kaminsky. "Sein Tod hat mich wirklich sehr bedrückt. Aber, so traurig es klingt, es war nicht die Ausnahme, wir waren daran gewöhnt, dass geliebte Menschen verschwanden und umgebracht wurden." Seine Mutter wurde nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris von Nazis ermordet, da war er gerade 15.

Nach der Befreiung von Paris fälschte Kaminsky immer weiter. Er arbeitete für den französischen Geheimdienst, den er mit gefälschten deutschen Personalausweisen versorgte. Die Agenten hatten den Auftrag, die unbekannten Konzentrationslager in Deutschland aufzuspüren. Es war die einzige Zeit in seinem Leben, in der er mit dem Fälschen Geld verdiente. "Ich wollte mir immer die Freiheit bewahren, Aufträge ablehnen zu können", sagt Adolfo Kaminsky.

Nach Kriegsende arbeitete er fast ununterbrochen in seinem Atelier, tagsüber als Fotograf, nachts als Fälscher.

Mitte der fünfziger Jahre lernte er in Paris die amerikanische Fotografin Sarah Elisabeth Penn kennen. Als sie zurückging in die USA, versprach Adolfo Kaminsky, dass er nachkommen werde, um sie zu heiraten. Er kam nicht. Er entschied sich gegen die Liebe und für den meistgesuchten Mann Frankreichs: Francis Jeanson, französischer Intellektueller. Der war prominenter Unterstützer der FLN, der algerischen Befreiungsfront, die für die Unabhängigkeit Algeriens kämpfte. Warum Kaminsky sie damals sitzenließ, erfuhr die Fotografin erst 50 Jahre später durch seine Tochter: "Sie sagte: Ich wusste immer, dass er kein schlechter Mensch war", so erzählt es Sarah Kaminsky.

Später arbeitete er auch für Befreiungsbewegungen in Südamerika und Afrika. Kaminsky hat seine Erfahrungen mit Kriegen gemacht. Befreiungskampf und Terror, das ist nicht immer leicht zu trennen. Die humanistische Idee war immer wichtiger als die Ideologie. Als er den Auftrag bekam, eine Bombe zu bauen, schickte er eine Attrappe. "Ich wollte nur, dass niemand verfolgt wird und jeder in Freiheit leben kann."

Während des Algerien-Kriegs Anfang der sechziger Jahre hatten er und seine Kameraden die Idee, Frankreich mit Falschgeld zu überschwemmen, um so die Wirtschaft zu destabilisieren.

Kaminsky produzierte rund einen Kubikmeter Hundert-Francs-Scheine, es müssen um die einhundert Millionen gewesen sein. Doch bevor das Geld in Umlauf gebracht werden konnte, wurde am 18. März 1962 der Waffenstillstand in Algerien verkündet. Kaminsky erfuhr davon aus dem Radio, das Geld verbrannten sie in einem "Freudenfeuer". "Es ist uns nie in den Sinn gekommen, die Scheine zu behalten. Geld führt unweigerlich zu Problemen", sagt Kaminsky.

Anfang der siebziger Jahre schließlich beendet Adolfo Kaminsky sein Leben als Fälscher. Die Polizei war ihm auf der Spur. In Algerien lernte er seine jetzige Frau kennen, sie heirateten, bekamen drei Kinder: Atahualpa, 36, Rocé, 34, einen in Frankreich bekannten Rapper, und Sarah, 32. Das Bonus-Leben begann.

Für seine Verdienste während des Zweiten Weltkriegs wurde Adolfo Kaminsky inzwischen mehrfach ausgezeichnet. "Ich bin stolz auf meinen Vater", sagt Sarah Kaminsky und streicht ihm durch den weißen Bart. Dass er ein "héro" sei, ein Held, hört Adolfo Kaminsky nicht gern, er sei eher eine "zéro", eine Null. Dann schweigt er wieder.

(*) Sarah Kaminsky: "Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben". Kunstmann-Verlag, München; 224 Seiten; 19,90 Euro.

DER SPIEGEL 34/2011
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