22.08.2011

KARRIEREN Vielosoph to go

Wie wird man zur Instanz im Mediengeschäft? Am Aufstieg Richard David Prechts zur intellektuellen Allzweckwaffe lassen sich zehn Regeln ableiten. Von Thomas Tuma
Der Elefantenrüsselfisch ist als Intellektuellen-Accessoire ein Traum. Richard David Precht, 46, lächelt. Hinter ihm blubbert das mehrere Meter breite Aquarium in seiner Kölner Wohnküche. Precht ist gern bereit, die Besonderheiten seines schuppigen Untermieters zu erklären.
Es ist elf Uhr morgens, er hat sich gerade ein schwarzes Hemd übergeworfen und sieht in dieser elegant verwahrlosten Viertelunfertigkeit noch besser aus, als wenn er bei "Anne Will" über al-Qaida diskutiert oder bei "Maischberger" den "Ausverkauf der Moral".
Sagen wir's, wie's ist: Philosophie sah in Deutschland schon deutlich älter und hässlicher aus. 1,5 Millionen Mal hat sich allein Prechts Erklärfibel "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" verkauft. Gefühlt scheint er mittlerweile in jeder zweiten Talkshow zu sitzen. In nur drei Jahren ist Precht ein Star geworden. Mehr noch: eine multimediale Allzweckwaffe.
Wenn ein Chefredakteur früher für irgendein Thema noch nach Tiefgang suchte, raunzte er: Mach doch 'n Interview mit dem Dings, dem Sloterdings! Heute hat man dafür Precht. Denn Peter Sloterdijk wird nicht jünger, und Jürgen Habermas ist mühsam, wenngleich alle drei Mitglieder eines ganz besonderen Clubs sind.
Sie gehören zu einer Art Zoo, der nur in unseren Köpfen existiert, aber ein verlässliches Koordinatensystem liefert. Es ist ein Menschenzoo oder besser: ein Koryphäen-Park. Seine Bewohner sind große Tiere, die einem die weite Welt näherbringen.
Dieser Garten reicht vom aufgeregten Geflatter einer Alice Schwarzer über angriffslustige Nischenbewohner wie Thilo Sarrazin bis zu den Gehegen uralter Dickhäuter wie Marcel Reich-Ranicki oder Günter Grass. Sie eint vielleicht nicht dieselbe intellektuelle Gewichtsklasse, aber ihre Glaubwürdigkeit. Man nimmt sie ernst - welchen Blödsinn sie auch verzapfen. Und nicht wir füttern sie, sondern sie uns. Mit Meinungen und Analysen, Bonmots, Standpunkten oder schierem Lifestyle wie Karl Lagerfeld, der modische Ober-Pfau in diesem Zoo.
Richard David Precht ist darin eben der Elefantenrüsselfisch, dessen Besonderheiten er nun endlich erklären darf. Das elektrische Feld etwa, das die Fische um sich aufbauen, um ihre Umwelt noch besser wahrnehmen zu können, obwohl sie gut sehen. Eine Art Radar also.
Die möglichen Analogien zwischen Fisch und Philosoph sind kaum auszuhalten, obwohl Precht höflich genug ist, die Suche dem späteren Wikipedia-Geschick seines Gastes zu überlassen: Zum Beispiel unterstellt die Elefantenrüsselfischforschung dem Tier eine hohe emotionale Intelligenz. Sein Gehirn ist im Vergleich zur Körpergröße voluminöser als das des Menschen. Der Fisch führt ein höchst komplexes Sozialleben. All so was eben.
Gerade kommt Prechts Frau nach Hause. Sie heißt Caroline und ist TV-Journalistin in Luxemburg. Zusammen haben sie vier Kinder aus früheren Beziehungen und sehen sehr glücklich aus zwischen Aquarium und Bücherwänden. Vielleicht ist das Geheimnis von Prechts unglaublichem Erfolg auch, dass man sich in dunklen Momenten ganz Deutschland so wünscht: mit alten Folianten, neuem Patchwork-Glück und hippen Vorträgen über komische Fische.
Von Prechts Aufstieg jedenfalls lassen sich Regeln ableiten für die ideale Koryphäen-Karriere, obwohl er das selbst natürlich nie tun würde, weil er auch seinen Ernst Jünger kennt, der einst gesagt hat: "Wer sich selbst kommentiert, geht unter sein Niveau."
1) Lern was Gescheites!
Einerseits: Wer, bitte, kennt Peter Grünberg, Harald zur Hausen oder Gerhard Ertl? Allesamt deutsche Nobelpreisträger aus den vergangenen vier Jahren. Andererseits geht heute kaum noch was ohne Studium, denn das verspricht Grund- und Fachwissen sowie Branchenvokabular, das einen später über jeden Prosecco-Empfang auf der Buchmesse rettet.
Mit einem vergeigten Hauptschulabschluss schafft man's vielleicht noch an die Spitze von "Deutschland sucht den Superstar", aber nicht on top of the Nahrungskette nationaler Geistesgrößen. Okay: Franz Beckenbauer ist auch nicht gerade der hellste Stern am Baum, beschränkt sich aber klug auf das Terrain, auf dem er sich auskennt: Fußball.
Richard David Precht ist übrigens Fan von Dynamo Kiew, was zu seiner durchaus deutschen Bildungsbürgerkarriere prima passt: Aufgewachsen in sehr linkem Solinger Akademikerhaushalt, Zivildienst und Studium der Philosophie, Germanistik sowie Kunstgeschichte in Köln samt Promotion, vor der heutzutage allerdings gewarnt werden muss.
Man sollte sicherstellen, später nicht allzu offensichtlicher Plagiate überführt werden zu können (siehe Punkt 10). Dr. Precht promovierte mit 29 über die "Ästhetische Selbstreflexivität in Robert Musils ,Mann ohne Eigenschaften'". Das schreckt bislang sogar WikiPlag-Schnüffler ab. Mit seinem akademischen Vorlauf könnte Precht zwar auch "Deutsch für Ausländer" an der Fern-Uni Hagen unterrichten oder Taxi fahren. Aber nach einigen schriftstellerischen Gehversuchen fand er eher zufällig das weiterführende Erfolgsrezept.
2) Erklär die Welt!
"Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" sollte ursprünglich ein Jugendbuch werden. Dann sagte die Lektorin, sie finde seine Philosophie-Erklärungen auch für sich total lehrreich. Also wurde der Grundton modifiziert, heraus kam ein Ich-nehm-dich-an-die-Hand-Leser-Buch.
In komplizierten Zeiten wie den heutigen schaffen es Welterklärer einfacher in den Koryphäen-Zoo: Peter Scholl-Latour nuschelt sich selbst im hohen Alter noch durch jeden arabischen Volksaufstand. Ökonomen wie Hans-Werner Sinn oder Peter Bofinger sind sich zwar nie einig, vermitteln aber das Gefühl, sie allein wüssten, wie der Euro zu retten ist. Und Helmut Schmidt war als Kanzler nie so unumstritten wie als pensionierter Weltendeuter.
3) Geh ins Fernsehen!
Selbst von "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" wären indes allenfalls 15 000 Stück verkauft worden, wenn Precht nicht der Zufall zu Hilfe gekommen wäre. Im Januar 2008 lobte Elke Heidenreich das Buch in ihrer damaligen ZDF-Literaturshow "Lesen!". Danach ging's rund.
Auf dem Weg in den Koryphäen-Zoo darf man sich nicht nur im Fernsehen loben lassen, man muss sich dem Medium ausliefern. Daniel Kehlmann hat ebenfalls einen Millionen-Bestseller geschrieben, ist aber viel zu wenig fernsehpräsent, um echte Instanz zu werden.
Selbst Jesus von Nazareth käme heute kaum darum herum, sich zu "Beckmann" oder Maybrit Illner zu setzen, um für seine Sache zu werben - vorausgesetzt, die wollten ihn überhaupt. Simultanübersetzungen gelten in Talkshows als Quotengift.
4) Geh öfter ins Fernsehen!
So folgte eine Phase, in der Precht sehr viele TV-Einladungen annahm. Er arbeitete ein bisschen an seiner Körpersprache, konnte von Anfang an gerade Sätze formulieren und sah sehr gut aus. Das half ungemein. Nachdem er in einer einzigen Woche bei Bettina Böttinger, Johannes B. Kerner und in der NDR-Talkshow gesessen hatte, war er ein bekanntes Gesicht, eine Marke, was den Buchabsatz weiter befeuerte. Wer erst mal in der SPIEGEL-Bestsellerliste ist, nährt den Erfolg eine gute Weile aus sich selbst heraus - einfach, weil dann auch Menschen zugreifen, die noch ein Geburtstagsgeschenk für Tante Inge suchen.
Precht hat einen weiteren Vorteil, denn Talkshows werden nach dramaturgischem Proporz besetzt. Meist dabei: Parteidödel, Verbandsfuzzi, Promi-Laie, Experte, Mann/Frau von der Straße sowie Hans-Ulrich Jörges als Hans-Ulrich Jörges. Precht kann sich als leicht distanzierter Tellerrandgucker ganz der interdisziplinären Draufsicht widmen. Das kommt unabhängig und glaubhaft rüber.
5) Print wirkt!
TV-Wiedererkennung ist das eine, Nachhaltigkeit schafft aber doch erst das gedruckte Wort: Der "Stern" hob Precht auf den Titel ("Auf der Suche nach Sinn" samt Extra-Gimmick: "Plus: Zehn wichtige Denker einfach erklärt"). Noch wichtiger ist ein fortwährender Ausstoß an Interviews und/oder Essays in Leitmedien wie "Zeit" und SPIEGEL. Solche Aufsätze reißen sich nicht nur Lehramtsanwärterinnen gern aus den Lesezirkelmappen beim Ergotherapeuten, um sie zu Hause an den WG-Kühlschrank zu magneteln.
Viele Feuilleton-Redakteure hassen Leute wie Precht schon deshalb, weil die so erfolgreich sind, wollen von der Popularität aber profitieren und sind deshalb bei der Verkaufe behilflich: "Ein philosophischer Einwurf von …" oder "Eine Provokation" geht als Unterzeile für jeden Firlefanz. Wenn's aus Versehen lustig ist, bietet sich das Etikett "Polemik wider …" an.
Geistig verstrahlten Quark kann man noch "Utopie" nennen. Und einem Nachwuchsintellektuellen, der nur die letzte Sommerfrische steuerlich absetzen will, sei geraten, sein Urlaubstagebuch "Die Hermeneutik der Bretagne - ein Streifzug" zu nennen. Das macht Eindruck und führt zu weiteren Talkshow-Einladungen.
6) Mach erst mal alles!
Richard David Precht schenkte sich nichts: Er hat mit der "Sächsischen Zeitung" über das Ende des Kapitalismus gesprochen, mit "Playboy" und "Brigitte" über so Männersachen und fürs "Handelsblatt" einen Gastkommentar verfasst. Er diskutierte auf dem Kirchentag über "Deutschland 2030 - zurück in die Zukunft" und trat auf dem "Festival der Philosophie" in Hannover ebenso auf wie im ARD-"Presseclub" und bei "Markus Lanz".
Er beherzigte: Sei zu allen nett, leg dich nicht mit Springer an, werd nicht plötzlich medienkritisch, und zeig Journalisten ab und zu deine Elefantenrüsselfische! In drei Jahren hat er zwei weitere Bücher veröffentlicht, die Bestseller wurden.
7) Expand your Brand!
Im November will Goldmann Prechts neues Buch rausbringen - einen Philosophie-Ratgeber für Kinder. Es ginge jetzt noch mehr. Er könnte alljährlich weitere Philosophie-Fibeln schreiben - für Hausfrauen, Hundebesitzer, Blumenzüchter, Veganer et cetera. Oder er könnte mit Werbung Millionen machen. Irgendwas Nachhaltiges müsste es halt sein. Ein Hybrid-Van oder Ökostrom. Günther Jauch oder Harald Schmidt (beide hoher Koryphäen-Faktor) hat es auch nie geschadet, für jeden Klimbim Reklame gemacht zu haben.
Das ZDF werkelt seit zwei Jahren an einer Philosophie-Sendung mit Precht. Man sei "im Gespräch für 2012", heißt es auf dem Lerchenberg. Noch imageträchtiger ist, dass er zum Wintersemester eine Honorarprofessur übernommen hat. Ort: die Leuphana Universität Lüneburg, die gern der Elefantenrüsselfisch unter Deutschlands Hochschulen werden würde.
Prof ist Prof. Von dem Titel hat Precht früher immer geträumt, und er muss nicht mal die Seminararbeiten irgendwelcher Nachwuchs-Legastheniker redigieren.
Um es auf der Koryphäen-Leiter allerdings nach ganz oben zu schaffen, muss man die Welt nicht nur erklären können.
8) Wage Thesen!
Precht braucht jetzt allmählich Meinung. Meinung bleibt bei den Leuten im Gedächtnis. In einer Talkshow hat er schon mal seine Sympathie zum Einmarsch in Libyen bekundet, aber das Feld ist weit für einen Generalisten im platonschen Sinne, als den er sich völlig zu Recht begreift. Neulich hat ihn die "Zeit" zusammengesetzt mit dem 93-jährigen Stéphane Hessel, dessen in jeder Hinsicht dünnes "Empört euch!"-Bändchen nicht nur in Frankreich zum Bestseller geworden ist. Es war Altenpflege auf Weltniveau - und ein ziemliches Geschwafel in der "Mischt euch ein!"-Kategorie, aber doll dialektisch. In die Richtung ginge schon noch mehr, wobei gerade die Provokationsnischen leider bereits gut besetzt sind:
Katholizismus = Kollege Matussek.
Ausländer raus = Sarrazin.
Frauen, Ficken, diese ganzen Untenrum-Sachen = Charlotte Roche.
9) Pflege deine Feinde!
Manchmal ist Precht selbst überrascht über die Etiketten, die man ihm bereits anpappt. "Plötzlich wird man als etwas dargestellt, was man in sich selbst gar nicht sieht", sagt er. Und es gibt viele Etiketten. Mal gilt er als arrogant und eitel. Mal sehen seine Gegner in ihm eine Art Sky Du Mont für Buchhändlerinnen, einen André Rieu des Wissenschaftsbetriebs, einen politisch korrekten Stand-up-Philosophen oder Coffeeshop-Denker, Vielosophie to go sozusagen.
Das sollte ihn nicht weiter grämen - und tut es auch nicht. "Man muss das ertragen", sagt Precht. "Wer das nicht kann, sollte aufhören."
Feinde zu haben ist ohnehin ein Riesenvorteil im Koryphäen-Business: Das öffentliche Gestänker hält den eigenen Namen bei Desinteressierten bis Gegnern im Gespräch und sorgt an der Fan-Basis für wohlig-einende Empörung.
Dieter Bohlen etwa verehren die einen, weil-es-einer-ist-der-wo-derbe-hart-sagt-was-er-denkt-echt-ey. Die anderen hassen ihn eben dafür. So wurde selbst aus ihm eine Art Instanz.
10) Mach dich rar!
Die allerbegehrtesten und -spannendsten Akteure im Koryphäen-Zoo sind indes jene, die man nie zu Gesicht bekommt, sondern nur noch erahnt. Den wenigsten gelingt das Verschwinden allerdings so elegant wie Loriot, der irgendwann einfach aufhörte, Fernsehen zu machen, und es seither von seinem Heim am Starnberger See aus lächelnd begleitet.
Die Strategie ist riskant, denn nicht alle machen sich freiwillig rar: Karl-Theodor zu Guttenberg war mal der Elefantenrüsselfisch der Politik. Jetzt sitzt er in Amerika, nennt den Absturz Sabbatical, und Berlin ruft nicht an.
Das Moralgeschäft, in dem auch Precht nach oben gespült wurde, ist so easy wie gefährlich. Michel Friedman hätte einst so was wie der Ethikbeauftragte der Republik werden können. Aber die osteuropäischen Nutten werden die Deutschen ihm vielleicht nie verzeihen, während Margot Käßmann überhaupt erst dadurch zur Heiligen werden konnte, dass sie betrunken Auto fuhr.
Precht fährt am liebsten Zug. Innerdeutsch lehnt er Flüge in der Regel ab. Ökologisch ist das ja auch Wahnsinn. Nachhaltigkeit und Wachstums- bis Kapitalismuskritik könnten seine Nische werden. Er möchte aber künftig auch weniger machen. "Ich bin ja eine Art Ein-Mann-Unternehmen, will aber nicht weiter wachsen", sagt er.
Precht ist wählerischer geworden. Vorsichtiger. Misstrauischer auch.
Elefantenrüsselfische sind im Süßwasser zu Hause. In ihrer westafrikanischen Heimat werden sie auch als Speisefisch genutzt. Die einen werden gefressen, die anderen tauchen ab! Und manche glänzen am Ende als Zierfisch. ◆
Von Tuma, Thomas

DER SPIEGEL 34/2011
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