29.08.2011

INDIENGroßer Bruder

Im ganzen Land erhebt sich eine Protestbewegung gegen die Regierung, die in einem Sumpf aus Vetternwirtschaft und Korruption versinkt.
Jeden Tag um elf Uhr morgens erscheint der Messias. Dann betritt Anna Hazare, 74, die Bühne auf dem Ramlila-Platz in Neu-Delhi. Eine Weile steht er da oben und blickt huldvoll auf die Massen, die sich zu seinen Füßen versammelt haben. Die Menschen schwenken Fahnen, skandieren seinen Namen, brüllen gegen die Regierung.
Hazare hält einen Augenblick lang inne, dann spricht er mit brüchiger Stimme: "Ich werde meinen Hungerstreik nicht aufgeben, ehe die Regierung schärfere Gesetze gegen die Korruption erlassen hat." Dann legt er sich wieder hin. Hinter seiner Liege ist ein Porträt Mahatma Gandhis aufgebaut, überlebensgroß. Die Menge tost.
Übertragen wird das Spektakel auf unzähligen Fernsehkanälen. Wie Frontberichte werden die medizinischen Werte des alten Mannes verkündet. Ein Ärzteteam steht in Bereitschaft. Der Mann, dem seine Anhänger den Namen "Anna", großer Bruder, gegeben haben, spielt mit seinem Leben, und die riesige Nation verfolgt das makabre Schauspiel.
Der Herausforderer aus dem Westen Indiens, der immer in einem weißen Baumwollgewand und mit einem Schiffchen auf dem Kopf auftritt, ist seit Jahrzehnten stets zur Stelle, wenn es eine Ungerechtigkeit anzuprangern gilt. Auch das Mittel des Hungerstreiks gehört seit langem zu seinem Repertoire. Diesmal weiß er sich der Unterstützung einer Gruppe sicher, die mehr Gewicht hat als je zuvor: Indiens wachsender Mittelschicht. Sie leidet besonders unter der Geißel der Korruption, einem der größten Hindernisse auf Indiens Weg zur Wirtschaftsgroßmacht. Schüler und Studenten gehen jetzt auf die Straßen, junge Menschen, die sich um ihre beruflichen Chancen betrogen sehen. An Wochenenden sind es Hunderttausende.
Der Software-Ingenieur Vaibhav Chopra, 22, der bei Microsoft arbeitet, ist einer von ihnen. "Unsere Politiker sind korrupt, das ganze Land ist korrupt", klagt der junge Mann. Bei jeder Verkehrskontrolle müsse er Schmiergeld zahlen, selbst seinen Führerschein habe er erst bekommen, nachdem er die Beamten bestochen habe. Sein Freund Amit Kubba, 25, berichtet, sogar das Callcenter, in dem er arbeitet, unterstütze den Protest und habe ihm einen Tag freigegeben. Nebenan schimpft Ranbir Singh, 60, er habe Polizist werden wollen, aber weil er nicht das nötige Kleingeld gehabt habe, sei er um seine Ausbildung gebracht worden.
Demonstranten belagern die Bungalows von Ministerpräsident Manmohan Singh und einigen seiner Minister, sie ziehen durch Mumbai und Bangalore. Die Bewegung hat in kurzer Zeit so viel Kraft entfaltet, dass sie sogar auf andere asiatische Länder überzugreifen scheint. Aus der thailändischen Hauptstadt Bangkok werden Proteste gegen die Korruption gemeldet, auch in Pakistan sind Aktionen geplant. Schon fühlen sich viele an die Aufstände erinnert, die derzeit die arabische Welt erschüttern.
Dabei sind Korruption, Vetternwirtschaft und Kapitalflucht keine neuen Phänomene. Zwischen 1948 und 2008 sind laut "Global Financial Integrity Report" 213 Milliarden Dollar illegal aus Indien ins Ausland transferiert worden. Das indische Nachrichtenmagazin "Outlook" schätzt die Summe des seit 1992 in Skandalen veruntreuten Geldes auf mehr als eine Billion Euro.
Obwohl die Regierung Singh seit ihrem Antritt 2004 der Korruption den Kampf angesagt hat, fallen die bislang größten Skandale ausgerechnet in ihre Amtszeit: So kostete die Ausrichtung der Commonwealth-Spiele 2010 den indischen Steuerzahler rund sechs Milliarden Dollar - mehr als 22-mal so viel wie anfangs geschätzt. Nun sitzt Suresh Kalmadi, ehemaliger Chef des Organisationskomitees und suspendierter Politiker der regierenden Kongress-Partei, in Untersuchungshaft. Von einem Großteil des Geldes fehlt immer noch jede Spur.
Im Februar wurde der Telekommunikationsminister Andimuthu Raja verhaftet, weil er Lizenzen für ein Mobilfunknetz unter Wert verkauft haben soll, der Schaden beträgt angeblich 40 Milliarden Dollar. Er bestreitet die Vorwürfe.
"Nicht nur die Politik ist korrupt in diesem Land", sagt die bekannte Bürgerrechtlerin Aruna Roy und schimpft über "eine ineffiziente und faule Bürokratie in Indien".
Mit seinem Kampf gegen Korruption renne Anna Hazare zwar bei vielen Indern offene Türen ein, doch seien auch seine Methoden fragwürdig. Mit seiner Forderung nach der Todesstrafe für korrupte Politiker schieße er weit über das Ziel hinaus. Auch gefährde sein populistischer Ansatz das fragile Gleichgewicht der Ethnien und Konfessionen des Riesenstaats: Muslime fürchteten seine Nähe zu radikalen Hindu-Nationalisten.
Die überwiegend hinduistische Mittelschicht stört das nicht. Viele Mitglieder der "Unberührbaren" dagegen sehen den neuen Guru nicht als einen der Ihren. Auf einem der prominentesten Plätze Delhis haben sie eine Gegendemonstration organisiert. "Diese Regierung hat viel für uns getan", ruft Rajiv Valmiki, 42, und ballt die Fäuste, "das lassen wir uns von diesem Rattenfänger nicht nehmen."
Von Padma Rao und Thilo Thielke

DER SPIEGEL 35/2011
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