DER SPIEGEL



KINO

Der Versteckspieler

Von Voigt, Claudia

Der Oscar-Preisträger Christoph Waltz kehrt mit zwei sehr unterschiedlichen Filmen zurück auf die Leinwand. Und wie immer wirkt er wie jemand, der zwar mitmacht, aber Distanz wahrt.

Er schätzt Genauigkeit. Für alles Mittelmäßige hegt er eine höfliche Verachtung. Und er weigert sich, über seine Rollen zu sprechen. Über den Schauspieler Christoph Waltz ist viel geschrieben worden, seit er vor zwei Jahren zum Weltstar wurde, doch im Grunde lässt sich alles in diesen drei Sätzen zusammenfassen. Ein großer Versteckspieler.

Als Schauspieler ist Waltz immer dann am besten, wenn er undurchschaubare Charaktere darstellt. Den Entführer von Richard Oetker damals 2001 im großen Sat.1-Film, oder eben Hans Landa, den brillant-intelligenten SS-Mann in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds", die Rolle, die so viel veränderte in Waltz' Schauspielerleben. Der Interviewte zu sein ist für Waltz nur eine weitere Rolle, er spielt sie mit der gleichen eleganten Undurchschaubarkeit.

Pünktlich um halb eins erscheint er im Café Einstein an der Berliner Kurfürstenstraße. Graublaues Jackett, hellblaues Hemd, Vollbart, nicht modisch zipfelig, sondern ein richtiger Rauschebart. An den Nachbartischen dreht niemand den Kopf nach Waltz, dem deutschsprachigen Schauspieler, der immerhin nach Emil Jannings und Maximilian Schell einen Oscar gewann.

Ein Mittagessen ist verabredet, er hat anderthalb Stunden Zeit, dann muss er zum Flughafen. Paris. Gemeinsam mit Roman Polanski wird er zum ersten Mal die Verfilmung von "Gott des Gemetzels" anschauen, dem Theaterstück von Yasmina Reza über zwei Ehepaare, die einen Streit ihrer Söhne schlichten wollen und sich darüber zerfleischen.

Polanski hat "Der Gott des Gemetzels" im vergangenen Winter in Paris gedreht. Es ist sein erster Film nach seinem siebenmonatigen Hausarrest. Diese Woche wird er bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigt.

Rezas Theaterstück ist in Frankreich und Deutschland, England und Amerika enorm oft gespielt worden und erhielt viele Preise.

Erste Frage: Warum ist das Stück relevant?

Erste Antwort: "Es ist erfolgreich, das heißt aber nicht unbedingt, dass es relevant ist." Während gebackenes Hendl mit Kartoffelsalat serviert wird, spricht Waltz über den Dramatiker Johann Nepomuk Nestroy, der um 1850 in Wien so erfolgreich war, dass er nicht ungestört über die Straße spazieren konnte, dessen Stücke aber heute deutlich seltener gespielt werden. Ein kurzer Monolog eines belesenen Schauspielers. Erfolg, das wird deutlich, bedeutet aus Waltz' Sicht erst mal gar nichts.

"Gott des Gemetzels" sei ein gutgebautes Theaterstück mit großartigen Rollen, in dem der Mythos der aufgeschlossenen Bürgerlichkeit begraben werde. Nicht mehr, nicht weniger. Im Vergleich zu den wirklich großen Dramen ist es gehobenes Mittelmaß. Er sagt das nicht wörtlich, aber es klingt durch.

Warum haben Sie die Rolle des Alan angenommen?

"Allein die Möglichkeit geboten zu bekommen, mal zu erleben, wie Polanski wirklich arbeitet."

Und wie arbeitet er?

"Sehr, sehr genau, präziser als jeder andere."

Worin liegt die Präzision?

"Er sucht seine Kameraeinstellungen buchstäblich auf den Millimeter genau, dann lässt er die Kamera um wenige Zentimeter hin und her bewegen, und dann fängt er oft noch mal von vorn an, weil er den idealen Standpunkt nicht gefunden hat."

Macht einen das als Schauspieler nicht nervös?

"Manche macht es nervös, ich liebe das, weil ich auch so bin. Ich liebe diese nervenaufreibende Genauigkeit. Es enttäuscht mich, wenn jemand zu schnell zufrieden ist."

Waltz hat im deutschen Fernsehen rund hundert Rollen gespielt, manche auch im Kino. Er fiel immer durch Empfindsamkeit auf, durch seine helle Stimme und durch den Minimalismus des Könners. Doch oft wirkte er wie jemand, der zwar mitmacht, aber nicht dazugehört. Während sich die Kollegen wacker durch die Dialoge schauspielerten, schien er ihnen, aber auch sich selbst, immer etwas amüsiert bei der Arbeit zuzuschauen.

Über 30 Jahre lang hat er hierzulande alles Mögliche gespielt. Und jetzt, da er international erfolgreich ist, macht er es nicht anders. In dieser Woche kommt "Die drei Musketiere" ins Kino, Popcorn-Kino von Paul W. S. Anderson, nichts Besonderes, aber ein Riesenspaß. Bewährt distanziert spielt Waltz darin den Kardinal Richelieu.

In einer Szene überrascht Richelieu Ludwig XIII. beim Spiegelfechten. "Man erlebt den Stolz des Sieges ohne das Risiko einer Niederlage", sagt Richelieu daraufhin zu dem König.

Der Satz passt gut zu Waltz und zu seiner Karriere. Auftritte wie in "Die drei Musketiere" scheinen ihm nicht wirklich etwas abzuverlangen, er kann das, er macht das gut, er verdient damit eine Menge Geld.

Doch erst die Risikorolle als Hans Landa forderte ihn wirklich heraus. Im ersten Teil von Tarantinos "Inglourious Basterds" verhört der SS-Mann Landa einen Milchbauern, der eine jüdische Familie versteckt hält. Waltz spielt ihn als einen höflichen, geradezu eleganten Mann, schließlich fragt er nach einem Glas Milch und trinkt es in einem Zug leer. Jeder andere Schauspieler hätte wahrscheinlich ein genießerisches "Aah" hinterhergeschickt, Waltz aber stellt das Glas stumm ab. Allein dafür hätte er alle Schauspielpreise der Welt verdient. Er hat sie dann auch bekommen.

Aus deutscher Sicht ist sein Ruhm auch deshalb faszinierend, weil da jemand, der jahrelang auf dem Bildschirm im eigenen Wohnzimmer zu sehen war, plötzlich ohne Mühe mit den besten Filmschauspielern der Welt mithält. "Kate kommt auch", sagt er und meint Kate Winslet, die in "Der Gott des Gemetzels" seine Ehefrau spielt und gemeinsam mit ihm und Polanski in Paris den Film anschauen wird. Und Jodie habe auch privat diese grüblerische, ernsthafte Art. Jodie Foster spielt in dem Film die zweite weibliche Hauptrolle.

Wie ist das, wenn mit Anfang fünfzig ein solcher Quantensprung im eigenen Leben stattfindet?

"Das ist großartig", sagt Waltz. "Kennen Sie das Gefühl, die letzten 10, 15 Jahre Ihres Lebens wiederholen zu wollen mit der Erfahrung, die Sie heute haben? So ist das Erlebnis: Ich fange neu an mit der Erfahrung von 35 Jahren."

Ist das das große Glück?

"Das große Glück, ja, und Quantensprung ist genau der richtige Ausdruck."

In diesem Herbst beginnen für Waltz die Dreharbeiten zu seinem zweiten Tarantino-Film, einem Western, dafür hat er sich auch den Bart wachsen lassen, "Django Unchained" wird der Film heißen. Waltz spielt einen Kopfgeldjäger, der einen Sklaven befreit, zur Besetzung gehören auch Leonardo DiCaprio, Kevin Costner und Samuel L. Jackson.

Bei der Verleihung der Goldenen Palme hat sich Waltz bei Tarantino dafür bedankt, dass der ihm seine Berufung zurückgegeben habe. Es war ein ergreifender Moment, auch weil dabei sichtbar wurde, zu wie viel Genügsamkeit sich Waltz im deutschen Fernsehen gezwungen hatte.

Gilt der Satz noch immer?

"Von Tag zu Tag mehr. Denn es hat einen Auslöser gebraucht für die große Veränderung in meinem Leben. Und dieser Auslöser war nicht etwa der Erfolg von 'Inglourious Basterds', sondern die Tatsache, dass Tarantino etwas in mir entdeckt hat."

Das Mittagessen ist fast vorüber, Waltz hat schon einen kleinen Braunen ohne Zucker getrunken, die Presseagentin drängt, er muss zum Flughafen, doch über Tarantino will er noch sprechen. "Es ist ein bisschen dreist, das zu behaupten", sagt Waltz, "aber ich glaube, Tarantino kann ebenso viel mit mir anfangen wie ich mit ihm. Und zum Glück haben wir dabei unterschiedliche Perspektiven, dadurch kommt so ein großartiger Fluss zustande."

Tarantino interessierten keine klugen Beurteilungen, er könne voller Begeisterung über einen "beschissenen Film" reden, solange er darin etwas entdecke, was ihn interessiere. "Urteile schließen Dinge ab", sagt Waltz, das habe er von Tarantino gelernt. Deshalb seien Urteile langweilig.

Und Preise, sind die auch langweilig?

"Eher bedrohlich."

Wo bewahren Sie eigentlich Ihre vielen goldenen Statuen auf?

"In einem Schrank. Tür zu. Es ist unmöglich, die permanent zu sehen. Ich erschrecke, wenn ich die Tür öffne."

Aber so ein internationaler Preisregen ist doch auch ganz schön?

"Ich sag ja nicht, dass es ein schlimmes Erschrecken ist. Aber ich erschrecke jedes Mal."


DER SPIEGEL 35/2011
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