Der Sieger hat wohl einen neuen Freund gewonnen: den Verlierer. Gerhard Schröder und Helmut Kohl tragen sich Verletzungen aus dem Wahlkampf nicht nach und sind von dieser Woche an unter einem Dach vereint.
Gegen Zahlung einer Monatsmiete von 2600 Mark darf Kohl in den Privatgemächern des Kanzlerbungalows am Rhein wohnen bleiben. Der Nachfolger erledigt derweil in den offiziellen Salons der Residenz Amtliches - bei gemeinsamer Küchenbenutzung. Privat quartiert Schröder sich bis zum Umzug nach Berlin in der Dienstvilla des Außenministers auf dem Venusberg ein, einst Residenz von Willy Brandt.
"Wenn man gewonnen hat, kann man großzügig sein", sagt der Neue, und der Alte revanchiert sich mit guten Ratschlägen: "Lassen Sie sich bloß nicht von diesen Ministerialräten unterkriegen", warnte Kohl in einem anderthalbstündigen Gespräch den künftigen Regierungschef, "wenn die sagen: Das haben wir immer so gemacht, rufen Sie mich einfach an."
Der Wechsel vom sechsten zum siebten Kanzler geschieht so reibungslos geschäftsmäßig, fast schon freundschaftlich, wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland - obwohl der Umbruch stärker ist als jemals zuvor. Zum erstenmal hat die SPD zusammen mit der bunten Bande von Bündnis 90/Die Grünen eine Mehrheit links von der Mitte.
Das rot-grüne Projekt "Aufbruch und Erneuerung" kann beginnen. Doch die verbreitete Stimmung ist gar nicht freudig erwartungsvoll. Die Kohl-kritischen Medien haben sich etwas anderes vorgestellt:"Kalte Küche" befindet der "Stern" "Hasenfüße am Werk" titelt "Die Zeit", und "Die Woche" urteilt enttäuscht: "Zu viel Klein-Klein, zu konfus, zu zerfahren".
Die früheren Kohl-Freunde aus dem Unternehmerlager sind mit dem neuen Wirtschaftsmann im Kanzleramt auch nicht zufrieden. Besonders die Steuerreform mißfällt heftig. Ein "Abschreckungsprogramm für Investitionen und Wachstum", nörgelte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Der Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Hanns-Eberhard Schleyer, wähnte gar einen "Leitfaden zur Behinderung mittelständischer unternehmerischer Tätigkeit" vor sich.
Schuld am halbherzigen, verwässerten Konzept, da sind sich fast alle einig, ist der Mann hinter - neben, vor? - dem Kanzler: der SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine, Schröders roter Schatten.
Selbst in der neuen Koalition machen manche den heimlichen Rivalen für den Fehlstart verantwortlich. Der "Umverteiler" Lafontaine, ärgert sich der grüne Haushaltsexperte Oswald Metzger, treibe das Land mit seinem "Vulgärkeynesianismus" ins Unglück. Sein Kollege Fritz Kuhn klagt, die Grünen hätten mit einer "strukturkonservativen Partei" verhandelt. Gegen Lafontaine "waren die reformerischen Kräfte in der SPD zu schwach".
"Ich bin mittlerweile das Ekel Alfred, der Bad guy", gab der rundum gescholtene Parteichef selbst fröhlich zu, "aber das kratzt mich nicht."
Der neue Kanzler nimmt es schwerer. Denn die Enttäuschung über die Steuerreform, das Gezänk um den Ausbau von Lafontaines Finanzressort zu einem Schatzamt, der öffentliche Streit mit Ex-Fraktionschef Rudolf Scharping und der Abgang des designierten Wirtschaftsministers Jost Stollmann, an dessen Stelle Werner Müller tritt, haben ihm den Amtsantritt verdorben. "Der Start", sagt Schröder mit gebremstem Unmut, "hätte besser sein können."
Der strahlende Sieger sieht sich plötzlich einem schwelenden Verdacht ausgesetzt: Schröder stehe als Kanzler auf der Bühne, sein Souffleur aber sei Lafontaine.
Mit seiner Regierungserklärung in der übernächsten Woche will sich Kanzler Nummer sieben deshalb noch einmal als Schröder pur präsentieren: einer, der die "Leistungsträger im High-Tech-Bereich" anspricht, die sich zuvor noch nie nach einem Sozi umgedreht haben; einer, der eine neue "Gründermentalität" in die verschlafen-verknöcherte Republik bläst.
Ein paar Schlüsselbegriffe haben die Schröder-Berater in zwei Brainstorming-Runden schon ausgewählt, ein Motto müssen sie noch finden. Nicht die historische Fallhöhe wie einst Willy Brandts "Mehr Demokratie wagen" soll es haben. Das, fürchtet die Schröder-Crew, paßt weder in die Zeit noch zur Person.
Für kräftige Veränderungen stehe dieser Kanzler, aber nicht für revolutionäre Brüche, soll die Botschaft vermitteln - für Modernität, Aufbruch, Bewegung, aber immer "verbunden mit sozialer Gerechtigkeit".
Für die Gerechtigkeit fühlt sich Lafontaine zuständig. "Jetzt wird das vollzogen, was wir dem Volk versprochen haben", verkündete er gleich nach Unterzeichnung des Koalitionsvertrags in der Bonner NRW-Landesvertretung. Dort hatte sich am vorigen Dienstag zur Zeremonie ein rot-grünes Oktett eingefunden, mit aufgesetztem Frohsinn wie Wotans Götterriege in Wagners "Rheingold" beim Einzug nach Walhall.
Lafontaine (als Feuergott Loge) spielt in dieser Aufführung eine Sonderrolle. Das merkte jeder in der Verhandlungsrunde.
Lafontaine führte und moderierte die Konsultationen. Wer von den Grünen Wirtschaftskompetenz signalisieren und den Spitzensteuersatz auf 47 Prozent senken wollte, den verdächtigte Lafontaine, die Interessen der Besserverdienenden zu vertreten.
Der Wahlsieger genoß derweil unbekümmert seinen großen Erfolg. Locker ließ er Lafontaine gewähren. Schröder vertraut darauf, so der Eindruck der Grünen, daß er als Kanzler schließlich das Sagen hat, was auch immer im Koalitionsvertrag steht.
Doch wie lange hält die Partnerschaft des Spitzenduos? Wann endet die schwer erträgliche Harmonie und beginnt der offene Kampf um die Macht?
"Ich denke nicht in solchen Kategorien", sagt Schröder (siehe Gespräch Seite 34). Lafontaine hält Schlagzeilen über Personalintrigen und latente Machtkämpfe zwischen Traditionalisten und Modernisierern für eine "künstliche Diskussion". Die werde schon in einem halben Jahr vorbei sein: "Wir brauchen den Erfolg des Kanzlers Schröder, und ich will dafür alles tun."
Beide wissen, daß sie vorerst aufeinander angewiesen sind - aneinandergekettet, wie Schröder nur halb spaßig witzelt. Sie müssen sich auf ein Geben und Nehmen verständigen. Auch in den Koalitionsverhandlungen steckte Lafontaine aus Rücksicht auf Schröder in manchen Bereichen zurück. Etwa bei der Zustimmung zu einem Nato-Einsatz im Kosovo ("Da hab'' ich Bauchschmerzen"), beim verhaltenen Szenario zum Atomausstieg oder dem moderaten Einstieg in die Ökosteuer ("Da wäre ich stärker rangegangen").
* Nach Lafontaines Wahl zum Vorsitzenden auf dem SPD-Parteitag in Mannheim im November 1995, Mitte: Johannes Rau, Sigrid Skarpelis-Sperk, Dieter Spöri.
"Das Experiment kann nur gelingen, wenn Vertrauen da ist", sagt Lafontaine. Und der neue Kanzler sieht sich und den Parteivorsitzenden in eine Vernunftehe eingebunden.
Ungewöhnlich ist, daß sich ein Parteivorsitzender unterordnet und als Fachminister der Kabinettsdisziplin unterwirft. Die Konstruktion ist nicht ungefährlich: Macht der Kanzler allzu energisch von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch, ramponiert er die Autorität des Parteivorsitzenden. Der aber ist gewohnt zu befehlen und empfindlich, wenn sein Rang nicht gewürdigt wird.
Daß Lafontaine wie Schröder Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen sind, vaterlos, von aufopfernden Kriegerwitwen großgezogen, gehört längst zum gängigen Psychogramm des Duos. Doch der nur wenige Monate ältere Lafontaine war immer schneller oben als der andere Aufsteiger - nur jetzt eben ist er nicht ganz oben.
Der Saarländer wurde 1976 in der Hauptstadt seiner Heimat jüngster Oberbürgermeister der Bundesrepublik - da kannte noch keiner den Rechtsanwalt in Hannover. Als Lafontaine 1985 zum Ministerpräsidenten an der Saar vorrückte, bereitete sich Schröder gerade - vergeblich - darauf vor, die CDU in Niedersachsen abzulösen. 1990 schaffte er es knapp mit grüner Hilfe, ein Mandat Mehrheit - Lafontaine holte im selben Jahr für die Saar-SPD überwältigende 54,4 Prozent und wurde zum Kanzlerkandidaten ausgerufen.
Nach der Niederlage bei der Einheitswahl 1990 tauchte Schröder zum erstenmal als Konkurrent um die Macht an der Spitze auf, doch für ihre nächste Wahlschlappe 1994 bestimmten die Sozialdemokraten Rudolf Scharping als Kandidaten. Die berüchtigte SPD-Troika demontierte sich. Erst servierte Scharping den wirtschaftspolitischen Sprecher Schröder ab, der sich erstmals bundesweit als Modernisierer profilierte. Dann nahm Lafontaine auf dem Mannheimer Putsch-Parteitag 1995 Scharping den SPD-Vorsitz ab. Nach seiner fulminanten Rede war Lafontaine der Star der Partei - doch Schröder wurde alsbald zum Star der Medien.
Geschmeidig der eine, doktrinär der andere - so entsteht ein Nimbus: Schröder der Erneuerer und Lafontaine der Gerechte.
Dabei profilierte sich auch Lafontaine anfangs gegen die anerkannte SPD-Linie. Nach der Abwahl von Helmut Schmidt 1982 trat er frech gegen den Nato-Doppelbeschluß auf und demonstrierte mit den Friedensbewegten gegen die Raketen in Mutlangen. In seinem ersten Buch, "Angst vor den Freunden" (1983), plädierte er für einen Austritt aus der militärischen Integration der Nato. Schmidt warf er 1982 "Sekundärtugenden" wie "Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit" vor. "Damit kann man auch ein KZ betreiben."
Auch mit Linken und Gewerkschaften legte sich Lafontaine an. Er forderte flexible Arbeitszeiten und Arbeitszeitverkürzungen ohne vollen Lohnausgleich. 1987 kritisierte er das Grundsatzprogramm der SPD mit dem Satz: "Wir müssen unser Steuersystem so einrichten, daß die Unternehmer etwas unternehmen." Das trug ihm Lob ein von einem Wirtschaftsmanager, der Lafontaine heute für die Inkarnation des rot-grünen Teufelspakts hält. Damals noch IBM-Manager, befand der heutige BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, "daß sich das Verhältnis zwischen der Industrie und der SPD langsam entspannt. Und Oskar Lafontaine ist die Integrationsfigur für diesen Kurs".
Ideologisch festgelegt ist der Intellektuelle Lafontaine kaum, doch in der Machtbalance mit dem Pragmatiker Schröder spielt er eine bestimmte, abgesetzte Rolle: als Advokat der alten Mitte, der Facharbeiter und Kumpel, der kleinen Angestellten und Rentner, die sich von Schröders Modernisierung und Jost Stollmanns schöner neuer Netzwelt bedroht fühlen. Im Wahlkampf trug die Rollenverteilung, aber hat sie auch im Regierungsalltag Bestand?
Die Sozialdemokraten haben reichlich Erfahrung mit geteilter Führung. Immerhin 13 Jahre lang lenkten Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner die Geschicke der SPD in der sozial-liberalen Koalition.
Das nach dem Machtverlust 1982 zum Triumvirat verklärte Trio war auch nicht mehr und nicht weniger als ein Zweckbündnis. Aber es hielt, jedenfalls nach außen, wundersamerweise selbst schwersten persönlichen Zerwürfnissen stand.
Das heutige SPD-Duo trat dem grünen Partner so geschlossen gegenüber, daß der Koalitionsvertrag unerwartet schnell und schmerzlos fertig wurde. "Nahezu eins zu eins", rühmte sich Schröder im Genossenkreis, habe man das SPD-Wahlprogramm zum Regierungskonzept erhoben.
Doch so geschmeidig der Vertrag auch zustande gekommen sein mag - er hat seine Tücken. Viele möglicherweise strittige Komplexe wurden in Kommissionen ausgelagert oder weit hinausgeschoben.
Wie die "demographische Komponente" in die Rentenformel eingebaut werden soll - ungeklärt. Wie die im Koalitionsvertrag versprochenen höheren Ausgaben für Bildung und Hochschulen, für Erziehung und Grundrente, für Forschung und Kindergeld finanziert werden sollen - ungeklärt. Wie das Gesundheitssystem bei gleichbleibenden Leistungen zu reformieren ist - ungeklärt.
Der Richtungsstreit in der SPD schwelt fort. "Einen Riesenärger" sagt nicht nur Juso-Chefin Andrea Nahles voraus, wenn demnächst die "Spar- und die Nachfragepolitiker aufeinanderprallen". Unvereinbar scheinen die ökonomischen Glaubensbekenntnisse von Parteichef Lafontaine
* Am vorletzten Samstag in Speyer mit Noch-Verteidigungsminister Volker Rühe.
("Wir müssen die Massenkaufkraft stärken") und Schröders Kanzleramtsminister Bodo Hombach ("Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt").
Hombach verspottet in bester neoliberaler Manier den "Rundum-sorglos-Staat", will "individuelle Leistung" durch "Wohlstand" belohnt sehen und propagiert eine "Angebotspolitik von links". Lafontaine dagegen hält etwas ganz anderes für ökonomisch geboten: "Umverteilung" - von oben nach unten.
Vor allem mit der von Lafontaine geprägten Steuerreform sind viele Parteifreunde, die grünen Finanzexperten zumal, höchst unzufrieden. Nachbesserung verlangen die Kritiker. Und Schröder hat sich, sanft in der Tonlage, aber entschieden im Anspruch, an ihre Spitze gesetzt.
Verheißene Steuerentlastungen für den Mittelstand sollen nun, soweit es die Kassenlage erlaubt, vorgezogen werden. Die Liste der Grausamkeiten - welche Steuererleichterungen werden künftig gekappt oder gestrichen - soll noch einmal überprüft werden.
Die weiße Fahne hißte die Schröder-Gruppe schon vor der Agrarlobby. Massiv - und erfolgreich - hatte sich der neue Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (SPD), der Schröder aus Hannover nach Bonn folgt, dagegen verwahrt, seine Klientel zu schröpfen. Die günstige pauschale Besteuerung der meisten Landwirte wird nun, anders als im Steuerkonzept vorgesehen, nicht abgeschafft. Auch andere Vergünstigungen sollen den Bauern bleiben.
Den Steuerreformern fehlen so schon einmal 1,7 Milliarden Mark. Und Gunda Röstel, Vorstandssprecherin der Grünen, tobt, die Sozis sollten "das rot-grüne Projekt nicht durch einseitiges Herausgehen" gefährden. Gebe man den Bauern nach, verstärke sich der Druck anderer Lobbys.
Da gibt es einige, die viel zu verlieren haben. Den Kernkraftwerksbetreibern sollen die Rückstellungen gekappt werden (675 Millionen Mark), ebenso den Versicherungen (über zwei Milliarden Mark). Die Giftliste ist 75 Positionen lang (siehe Seite 136).
Nach Schröders Hinweis, die ungeliebte Streichliste der Steuervorteile noch einmal zu durchforsten, macht sich vor allem der Mittelstand Hoffnung.
Wenn die Möglichkeit fällt, aktuelle Verluste nachträglich mit Gewinnen aus den Vorjahren zu verrechnen, müßte die Wirtschaft allein dafür 1,1 Milliarden Mark mehr an Steuern zahlen - wenn es die betroffenen Betriebe denn überleben.
Andererseits, wenn Schröder und Co. zu großzügig sind, bricht die Finanzierung der ohnehin bescheidenen Steuersenkungen weg. Und daran, die Abgabensätze für alle Unternehmen schon im übernächsten Jahr auf 35 Prozent zu senken und auch den Rabatt für private Spitzensteuerzahler vorzuziehen, wäre dann gar nicht mehr zu denken.
Noch gar nicht richtig in ihren Amtsräumen, müssen der Kanzler und sein Schatten schon einen zweiten Start in den Aufbruch planen. Vielleicht dann schon wird sich zeigen, wer in wessen Schatten steht.
DER SPIEGEL 44/1998
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