26.10.1998

POLITISCHES BUCH Die Bestie Krieg

Moralische Feldzüge lehnt sie ab, sie bevorzugt diejenigen, die das nationale Interesse des Staates in den Vordergrund stellen. In ihrem neuen Buch feiert die Publizistin Cora Stephan das Ende des Pazifismus und lobt den „maßvollen Krieg“. Von Barbara Supp
Faszinierend ist er, der Krieg: "Er weckt die Bestie - und das Beste im Mann. Er verbindet Altruismus mit höchster Aggression. Er läßt die Liebe zu den einen in das Töten der anderen münden." Er ist uralt und immer präsent, er ist erbarmungslos und blutig, soll er deshalb geächtet werden? "Besser nicht."
Cora Stephan schreibt das, die ehemals linke Frankfurter Publizistin, in ihrem neuesten Buch**. Es handelt vom Töten und der Lust daran, vom Blut, vom Morden und der Moral. Es ist keine Abrechnung mit dem Militär, das keinesfalls, sondern ein Essay, der sich emotionslos und vernünftig gibt und dennoch genau dem zu verfallen droht, was er kühl analysieren will: einer "sich hinterrücks anschleichenden Faszination für den Krieg".
Es ist der richtige Moment, sich mit dem organisierten Töten zu befassen, das stimmt. Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt und hat sich auf
* Holzstich nach einer Zeichnung von Hermann Freihold Plüddemann: "Karl Martell in der Schlacht bei Tours und Poitiers 732", um 1850.
** Cora Stephan: "Das Handwerk des Krieges". Rowohlt Verlag, Berlin; 320 Seiten; 38 Mark.
dem Balkan festgefressen; regional begrenzte Kriege sind möglich, führbar und alltäglich geworden. Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Sowjetunion hat das Militär seine Bedeutung nicht verloren, im Gegenteil; die entfernte, theoretische Möglichkeit des Ernstfalls rückt plötzlich ganz nah.
In Deutschland demonstriert niemand mehr, wenn US-Marschflugkörper im "Krieg gegen den Terror", wie es heißt, eine Pharmafabrik im Sudan zerstören. Der Pazifismus ist müde geworden, Friedensmärsche sind selten, nur bei öffentlichen Rekruten-Gelöbnissen wird manchmal noch pflichtschuldig protestiert. Und daß deutsche Soldaten in Bosnien im Einsatz sind, dagegen ist nicht einmal mehr der Grüne Jürgen Trittin.
Zeit also, über den Krieg neu nachzudenken, über die Frage, ob er unausrottbar ist und was daraus folgt, wenn das stimmt. Er ist ewig, sagt Stephan, und universal, also heimisch in jeder Kultur. Wie ihre US-Kollegin Barbara Ehrenreich ("Blutrituale") sieht sie im organisierten Töten eine Verarbeitung des "Urtraumas" des Menschen, das seine Existenz seit seinem Ursprung bestimmt: die Angst vor dem Raubtier, das sein Leben bedroht, und der verzweifelte Kampf darum, nicht Beute zu bleiben, sondern selbst Jäger zu werden.
Der Mensch, folgert Cora Stephan, habe nicht die Wahl zwischen Krieg und Frieden, sondern nur zwischen zwei Arten von Krieg: Es gibt das entfesselte Gemetzel, im 20. Jahrhundert heißt es der "totale Krieg" - ein hemmungsloses Abschlachten ohne Schonung für Zivilisten oder Gefangene. Und die "gemäßigte" Variante, einen "gezähmten" Krieg. Für diesen Krieg wirbt die Autorin, weil sie glaubt, daß er einem Regelwerk folgt, das für die Gemeinschaft nützlich ist. Ein ritualisierter Krieg nämlich "läßt sich als eine Art Geschlechtervertrag lesen: Die Männer tragen Konflikte stellvertretend für alle aus, damit das Gewebe der Gesellschaft selbst nicht gestört oder zerstört wird".
Ist so etwas möglich: eine moderate Apokalypse? Ein gezähmtes Gemetzel? Ein massenhaftes Töten, das noch im Blutrausch unterscheidet zwischen legitimen Grausamkeiten und solchen, die verboten sind? Es klingt paradox, und doch, es hat solche Versuche der Mäßigung ja immer wieder gegeben.
Bei den griechischen Hopliten etwa, einem der Lieblingsbeispiele Stephans, forderten Kriege zwar hohen Blutzoll - bei den Siegern starben bis zu 10 Prozent, bei den Verlierern bis zu 20 Prozent der Kämpfer -, aber sie fielen wenigstens nach Plan. Ihre Schlachten im fünften Jahrhundert vor Christus verliefen so geregelt wie Rugbyspiele, nur daß man unter Umständen dabei starb. Man traf sich am Nachmittag auf dem Kampfplatz, versammelte sich unter Schild und Speer, krachte dann in Phalanx-Formation aufeinander. Nach ein oder zwei Stunden waren die Streitigkeiten geklärt, und wer nicht zu Tode getrampelt oder vom Speer aufgeschlitzt worden war, ging nach Hause und goß seine Olivenbäume.
Da schwingt Nostalgie mit, wenn sich Cora Stephan auf die Schlachtfelder der Antike oder des Mittelalters phantasiert, wenn sie sich berauscht an Trommeln und Gesängen und sich vorstellt, wie die Luft vibrierte "von den Geräuschen der Schlacht: von den Schreien der verwundeten Pferde und dem Schwertergeklirr der kämpfenden Knechte; vom dumpfen Donner der Hufe der angaloppierenden Streitrösser, vom Zerbrechen der Lanzen auf den Schilden, von den Schreien und Ausrufen der aus ihren Sätteln gehobenen Ritter" und so weiter - hier streiten Helden, wie es sie schon lange nicht mehr gibt.
Und nicht mehr geben kann. Der Krieg blieb ja nicht so, wie ihn sich beispielsweise die "Gottesfriedensbewegung" wünschte, eine kirchliche Initiative seit Ende des zehnten Jahrhunderts. Die Bischöfe und Konzilien forderten Schlachten nach Absprache und Stundenplan: sonntags nie, niemals an heiligen Orten, nicht mit der Armbrust, die eine Distanzwaffe war und als ehrlos galt. Der Krieg sollte sich auf diejenigen beschränken, die er etwas anging, die Ritter nämlich. Und als Opfer, so bestimmte es das Konzil von Narbonne im Jahr 1054, waren jetzt nur noch Heiden vorgesehen: "Kein Christ töte einen anderen Christen."
Die Gründung des Roten Kreuzes im 19. Jahrhundert, die Haager Friedenskonferenzen, die offizielle Unterscheidung zwischen Krieg und Kriegsverbrechen, die Ächtung von biologischen oder chemischen Waffen - all das ist Teil des Kampfes um die "Zähmung des Kriegs", um die "schwankenden Inseln des Humanen inmitten eines unzivilisierten Geschehens", dem sich Stephan verschreibt: ein im Grundsatz nachvollziehbares, legitimes Plädoyer. Aber ein ziemlich aussichtsloses.
Denn die Regeln und Vorschriften gibt es ja schon lange, nur nützen sie leider wenig. Hilflos recherchiert das Uno-Kriegsverbrechertribunal den Tätern aus dem Balkankrieg hinterher. Vergebens wurde versucht, die Verbreitung von Atomwaffen zu stoppen; immer neue Mächte erwerben Massenvernichtungswaffen. Bei den Kriegen am Anfang dieses Jahrhunderts war jedes siebte Opfer ein Nichtkombattant. Jetzt, kurz vor dem Jahr 2000, gehören drei Viertel der Toten der Zivilbevölkerung an. Was helfen da neue Regeln? Ist es nicht besser, den Krieg als solchen zu ächten?
Nein, sagt die Autorin. Wer das tut, macht es sich in "moralischer Selbstgewißheit" bequem.
Cora Stephan, die ehemalige "Pflasterstrand"-Redakteurin, hat sich seit Jahren schon von ihrer Sponti-Vergangenheit verabschiedet und dem Kampf gegen alles verschrieben, was nach Innerlichkeit riecht, nach Moral oder nach Gefühl. Noch immer tut sie so, als müsse sie den Deutschen den Teufel Betroffenheit austreiben - auch wenn der schon lange nicht mehr die Politik bestimmt. Niemand strickt mehr im Bundestag, niemand sagt mehr: "Wenn ich mich mal einbringen dürfte", aber Stephan kämpft weiter gegen diese Haltung an, sie zieht vehement für Pragmatismus ins Feld - für einen abstrusen Pragmatismus. Einen gefährlichen sogar.
Sie fürchte, schreibt sie, den Krieger der Leidenschaft. Sie glaube, daß es "kaum eine gefährlichere Waffe gibt als den mit seinem Gemeinwesen identifizierten Soldaten". Moralische Missionen, behauptet sie, seien das beste Mittel, einen Krieg über die Schranken der Mäßigung hinauszutreiben, und weiter: "Zu moralischem Overkill neigen insbesondere Demokratien - ganz einfach: weil ihre zivil gesonnenen Bürger besonders schwer in Bewegung zu setzen sind." Und ebendas mache "paradoxerweise ausgerechnet eine Staatsform, von der man sich erhofft, daß sie Kriege unnötig macht, im Falle eines Falles besonders kriegerisch".
Mal abgesehen davon, daß im Zweiten Weltkrieg kein demokratisches, sondern ein nationalsozialistisches Deutschland den barbarischen Vernichtungskrieg im Osten betrieb; daß im Kongo nicht demokratisch ausgesandte Soldaten, sondern Krieger eines Terrorregimes dabei sind, ihre Gegner niederzumetzeln; wenn es denn stimmen würde, daß die Demokratie im Kriegsfall kriegerischer wäre als andere Staatsformen - was folgte daraus? Soll sie abgeschafft werden? Geopfert werden, damit der gemäßigte Krieg zu seinem Recht kommt?
Sie schreibt, als meine sie das alles bitterernst. Sie wirbt für die Umerziehung in diesem Land, dessen Bürger sich in den vergangenen Jahrzehnten so häufig dem Kampf gegen den Krieg verschrieben haben.
Die Deutschen, sagt Stephan, müßten das wieder verlernen, was ihnen "eingebrannt" worden ist: "Nie wieder Krieg." Sie brauchten eine Berufsarmee. Sie müßten begreifen, wann deutsche Soldaten etwas im Ausland verloren haben. Nicht als Apostel einer "deutschen Moralmission", nicht also, um Menschen daran zu hindern, andere abzuschlachten, nein, im Sinne des "mäßigen Krieges" müsse nicht "leidenschaftliche Überzeugung" im Vordergrund stehen, sondern etwas ganz anderes: kühl betriebenes "nationales Interesse".
Eine gruselige Botschaft, denn im Klartext heißt das: Ein Krieg um Öl ist angemessen, ein Krieg um Menschenrechte ist es nicht. Die Präsenz deutscher Soldaten in Bosnien oder im Kosovo ist gerechtfertigt, aber nicht, um Menschen zu schützen, sondern nur, wenn es dem deutschen Interesse dient. Und weil ein demokratischer Staat im Kriegsfall womöglich engagierter auftritt als eine Diktatur, sollte man wohl dennoch darauf achten, daß man die Demokratie nicht unnötig in Krisengebiete exportiert.
Die Bestie Krieg sei domestizierbar, sagt Cora Stephan, man könne sie an die Kette legen wie einen Haushund und gelegentlich loslassen, wenn es dem Staatswesen dient. Nur: Wenn ausschließlich nationales Interesse die Politik bestimmt, wenn Humanität oder Moral nur noch schmutzige Wörter sind, von denen man sich eilig distanzieren muß, dann gibt es auch keine Hoffnung, daß im Ernstfall irgend jemand vom Raubtier verschont bleibt. Es frißt dann doch, wen es will.
* Holzstich nach einer Zeichnung von Hermann Freihold Plüddemann: "Karl Martell in der Schlacht bei Tours und Poitiers 732", um 1850. ** Cora Stephan: "Das Handwerk des Krieges". Rowohlt Verlag, Berlin; 320 Seiten; 38 Mark.
Von Supp, Barbara

DER SPIEGEL 44/1998
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