26.10.1998

ZEITGESCHICHTEHitler in Agfacolor

Filmmaterial aus dem Dritten Reich lagerte über 50 Jahre im Haus eines ehemaligen US-Sergeants - seltene Farbdokumente, die Adolf Hitlers Pilot Hans Baur aufgenommen hatte.
Die Fahrt ging durch die Trümmerlandschaft des zerbombten München im Winter 1945/46. Vor einer Villa in den Außenbezirken stoppte der schwere Mercedes mit dem Faltdach und der Aufschrift "MGE Bavaria", der früher dem NS-Gauleiter von München-Oberbayern als Dienstwagen gedient hatte.
Sergeant Herbert St. Goar, 29, Chef der 70köpfigen Ermittlungsgruppe der "Intelligence Branch" des 196th Field Artillery Battalion der amerikanischen Militärregierung, folgte dem hageren Deutschen hinter das Haus. Der Mann, der sich beim Verhör als einer der Piloten Adolf Hitlers vorstellte, hatte ihm interessantes Filmmaterial versprochen. Im Garten begann der Deutsche zielstrebig vor einem verwilderten Blumenbeet zu graben. In rund 70 Zentimeter Tiefe kam schließlich ein brauner Jutesack zum Vorschein. Inhalt: zwölf tellergroße Blechdosen, teilweise angefressen vom Rost. Sergeant St. Goar befahl, den brisanten Fund zu verladen.
Der Deutsche in Zivil wurde ohne besondere Auflagen entlassen. Auch in den Akten des Washingtoner Nationalarchivs findet sich kein Hinweis auf seine Identität. Damals passierten täglich bis zu 40 Personen, die wegen möglicher Kriegsverbrechen vernommen wurden, den altdeutschen Schreibtisch St. Goars im Gebäude der ehemaligen Reichszeugmeisterei in München-Giesing.
Das Material, das der Sergeant erbeutet hat, stammt von Adolf Hitlers Chefpiloten Hans Baur. Der Lufthansa-Mann wechselte nach der Machtergreifung 1933 in den Dienst des neuen Reichskanzlers Hitler. Bis Kriegsende saß er als "persönlicher Pilot" am Steuerknüppel der Junkers Ju 52 mit der Kennung D-2600, wenn der Führer auf Luftreisen ging.
Der Major und spätere General der Polizei hatte Zugang zum engsten Kreis der nationalsozialistischen Führungsschicht. Ihm oblag die Oberaufsicht über zunächst 6 und später bis zu 30 Flugzeuge, mit denen die Elite des Dritten Reiches reiste.
Ob Staatsbesuche in Rom oder Finnland, Visiten an der Ostfront oder geheime Urlaubstrips nach Stuttgart und Wiesbaden, Baur war immer dabei. Und fast immer hatte der Hobbyfilmer eine 16-Millimeter-Kamera an Bord, mit der er, ungehindert von Hitlers Leibwächtern und der Zensur des Reichspropagandaministeriums, filmte, was ihm vor die Linse kam.
Über ein halbes Jahrhundert später führt der Sergeant a. D. Herbert St. Goar in seinem Haus in Chattanooga im amerikanischen Bundesstaat Tennessee dem deutschen Besucher auf einem 16-Millimeter-Projektor vor, was er 1946 in München hatte ausgraben lassen: Adolf Hitler in allen
* Zum Reichsparteitag 1935.
Lebenslagen. In dem Wohnzimmer des Ehepaars St. Goar erscheint der Diktator auf der Leinwand. Zusammen mit Reichspropagandaminister Joseph Goebbels und NSDAP-Getreuen hat er es sich in der engen Kabine der Ju 52 bequem gemacht. Auf dem Weg nach Nürnberg zum Reichsparteitag liest er seine Lieblingszeitung, den "Völkischen Beobachter".
Es ist ein ruhiger Flug. Hitlers beleibter Adjutant Wilhelm Brückner nutzt in der engen Kabine der Junkers die Zeit für ein Nickerchen. Vorn im Cockpit läßt sich Pilot Baur filmen.
In Nürnberg wird Hitler - September 1935, "Reichsparteitag der Freiheit" - begeistert auf der Straße begrüßt. Mehrere Tage begleitete ihn Baur mit der Kamera, noch in Schwarzweiß, zu den diversen Großveranstaltungen: Eröffnung im Kongreßsaal; Rede vor 54 000 Hitlerjungen ("zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl"); Marschkolonnen des Reichsarbeitsdienstes ("diese strammen und tadellosen jungen Spatenmänner"); Appell der neuen Regimenter der bewaffneten SS-Truppen sowie der Leibstandarte SS "Adolf Hitler".
Nach einem selbstgestalteten Zwischentitel "Der Führer begrüßt die Werkscharen" stellt Hobbyfilmer Baur die ebenfalls neugeschaffenen uniformierten Verbände der Deutschen Arbeitsfront mit Spielmannszügen vor dem Hotel Deutscher Hof vor.
Zwei Jahre später stieg Baur für seine filmischen Reisenotizen auf Farbe um. Der neuartige "Agfacolor Umkehrfilm" wurde in Deutschland erstmals 1936 von den Herstellern vertrieben. Pilot Baur überlieferte damit die ersten bewegten Farbbilder, während die offiziellen Wochenschauen das Dritte Reich in Schwarzweiß abbildeten - für Filmhistoriker eine Sensation.
In Rom und Neapel beim Staatsbesuch Hitlers in Italien 1938 hielt Baur die wichtigsten Stationen im Bild fest - die gewaltigen Säulenhallen der faschistischen Musterstadt bei Rom, Hitlers Begegnungen mit dem italienischen König Viktor Emanuel III. oder ein in Hakenkreuzform gepflanztes Blumenbeet.
Aber auch das touristische Begleitprogramm der Führerreisen wie die römische Engelsburg, das Kolosseum, Forum Romanum und der Strand von Ostia wurden dokumentiert. Unter der Rubrik "Schönes Rom" sind nicht nur die adrette Faschistenjugend, sondern auch moderner Wohnungsbau zu sehen.
Bei dem legendären Blitzbesuch von Adolf Hitler am 28. Juni 1940 im kurz zuvor besetzten Paris war Baur ebenfalls mit der Kamera dabei. Um fünf Uhr morgens landete er auf dem Pariser Flughafen Le Bourget. Hitler verwirklichte sich einen Jugendtraum: Er war zuvor noch nie in der französischen Metropole gewesen.
In den Aufzeichnungen Baurs ist die Stippvisite penibel dokumentiert:
Vom Flugplatz ging es über die Champs d'' Elysées zum Denkmal des unbekannten Soldaten. Hitler entbot dem Mahnmal seinen Gruß und besichtigte dann eingehend den Arc de Triomphe. Wir fuhren noch zum Louvre, zum Trocadéro, zum Eiffelturm, zur Oper und abschließend zum Invalidendom. Hier besuchte Hitler das Grab Napoleons. Nach einer guten Stunde - also gegen sechs Uhr - waren wir wieder auf dem Flugplatz. Der Start verzögerte sich etwas, weil aus dem Schwanzrad die Luft entwichen war.
Selbst die ersten Schwerverwundeten aus dem Frankreichfeldzug 1940 erweisen in den Filmausschnitten Hitler auf einem Fluglatz ihre Reverenz. Es sind die bisher einzigen Filmdokumente in Farbe von Kriegsverletzten mit dem Führer. Solche Bilder wurden von der Zensur im Berliner Reichspropagandaministerium unterdrückt.
Im französischen Compiègne läßt sich Hitler die zerbombten Gerippe gegnerischer Flugzeuge vorführen. Auf einem französischen Flugfeld erörterte Hitler dann
* Mit Architekt Albert Speer (3. v. r.) und dem Bildhauer Arno Breker (r.).
mit Generalfeldmarschall Hermann Göring anhand von Kartenmaterial die militärische Lage. Dann heißt es antreten zum Essenfassen an einer Feldküche.
Vor allem Faschistenführer Benito Mussolini spielt in den Filmen eine große Rolle. In Rom und Neapel dreht Baur Hitler und Mussolini bei einer Vorführung militärischer Schlagkraft der Italiener. Zu sehen sind auch abessinische Kamelreiter, Luftbombardements südlich von Civitavecchia an der Küste, Schlachtschiffe beim Abfeuern schwerer Geschütze und U-Boote. "Zuletzt wurden zwei Frachtschiffe, die vor uns lagen, bombardiert", beobachtet Baur.
Auch in Berlin kommt der Duce vor Baurs Objektiv, etwa beim Staatsbesuch 1937. Weiß-rote Hakenkreuzfahnen beherrschen die Prachtstraße Unter den Linden. Von einem Podest vor der Technischen Hochschule nehmen Hitler und der italienische Diktator eine dreistündige Militärparade ab.
Der Mann, der die Filme im ersten Nachkriegswinter in die Hand bekam, hatte die Aufgabe, deutsche Dokumente und Urkunden auf ihre Echtheit zu untersuchen und vor allem deutsche Raketenwissenschaftler in die USA abzuwerben. Herbert St. Goar, Sohn eines vermögenden jüdischen Kaufmanns, stammt aus Hamburg. Noch vor der Pogromnacht im November 1938 emigrierte er nach Amerika und gelangte über New York nach Chattanooga. Sein Vater kam im Hamburger Konzentrationslager Fuhlsbüttel um.
Eigentlich hätte der US-Sergeant alle Filmrollen beim Kriegsministerium in Washington abliefern müssen. Doch er behielt vier als Kriegsmitbringsel für sich und schickte sie ungeöffnet heim nach Chattanooga.
Anfang der fünfziger Jahre überspielte er sie sorgfältig auf eine größere Rolle, da die "alten Dosen so rostig" waren. Der gelbe Aufkleber auf der Kodak-Dose bekam die Beschriftung "Hitlers Movies".
Dann gerieten die Filme des Führers in Chattanooga in Vergessenheit. St. Goar machte Karriere als Präsident des Lebensmittelgroßhandels Dixie Savings Stores. Die Filmdokumente verstaubten zusammen mit einigen selbstgedrehten Kinderfilmen von Tochter und Sohn im Regal.
Bis sich St. Goar in diesem Frühjahr der Souvenirs aus Hitler-Deutschland und seiner staatsbürgerlichen Verantwortung erinnerte, um sie der zeitgeschichtlichen Forschung in Deutschland zugänglich zu machen.
Hans Günter Voigt vom Berliner Bundesfilmarchiv hält den Fund aus Tennessee für "authentisch" und "als zeitgeschichtliches Dokument für äußerst interessant". Gutes Filmmaterial von "Amateuren" aus jener Zeit sei "sehr rar". So sind auch von Eva Braun Privatfilme auf dem Obersalzberg in US-Archiven zu finden, die SPIEGEL-TV bereits ausgewertet hat. Und Christian Hartmann vom Münchner Institut für Zeitgeschichte sieht in dem Material eine "wichtige Ergänzung" der bisherigen Bildquellen über Hitler.
Bislang verfügt nur das in Jerusalem ansässige Spielberg-Filmarchiv über eine von Pilot Baur gedrehte Filmrolle. Darin ist der italienische Diktator Mussolini auf dem Weg zur Ostfront im Cockpit "steif wie ein Ölgötze" zu sehen. Hitler plante, ihm ein Exemplar der neuen, Anfang der vierziger Jahre in Dienst gestellten, viermotorigen Führermaschine Condor, Focke Wulf 200, zu schenken. Die mit Bordkanone und Bordküche ausgestattete Maschine hatte in Hitlers Reisesessel sowohl einen Fallschirm als auch eine Bodenklappe eingebaut, die als Notausstieg für den obersten Feldherrn dienen sollte. Er mußte nur den roten Griff ziehen.
Baur kam 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft, nachdem er bei einem Ausbruchsversuch aus der Reichskanzlei schwer verwundet worden war. Ein Bein wurde amputiert, und die Sowjets verhörten den Piloten monatelang, da sie nicht an Hitlers Selbstmord glaubten. Baur, so die Vermutung, habe den Führer heimlich in ein sicheres Land ausgeflogen.
Der Pilot kehrte erst 1955 aus dem Lager zurück und schrieb ein kämpferisches, aber detailgetreues Erinnerungsbuch "Ich flog Mächtige der Erde" über seine Pilotenjahre und Filmarbeiten. Der überzeugte Nazi wohnte bis zu seinem Tode 1993 in seinem Haus in Herrsching am Ammersee.
In seinem Wohnzimmer hängen noch immer diverse Fotos mit Originalwidmungen Hitlers. Auf der Anrichte steht eine Grußpostkarte von Hitlers offizieller Propagandafilmerin Leni Riefenstahl, und vor der Gästetoilette zieren Kriegserinnerungen im Hakenkreuz-Rahmen die Wand. Seit dem Tod Baurs verwaltet seine Witwe Centa, 91, das Erbe des Piloten. Von Filmen will die Witwe allerdings nicht viel wissen.
Auf dem Dachboden verwahrt sie jedoch in einer polierten Holzkiste einen Filmprojektor für 16-Millimeter-Streifen. "Ja mei, die Kinder haben daran ja kein Interesse", sagt die alte Dame, "irgendwann wird das alles weggeworfen."
Wäre schade. Denn irgendwo liegen weitere Rollen mit Baurs Filmnotizen vom "Gröfaz", dem größten Führer aller Zeiten. Sergeant Herbert St. Goar hatte zwar vier Filmrollen aus dem Jutesack behalten, zwölf aber seinem Vorgesetzten weitergegeben. Die Filme sind noch immer verschollen.
* Zum Reichsparteitag 1935. * Mit Architekt Albert Speer (3. v. r.) und dem Bildhauer Arno Breker (r.).
Von Sebastian Knauer und Michael Kloft

DER SPIEGEL 44/1998
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