05.09.2011

ENERGIE

Finsternis im Sonnental

Von Hawranek, Dietmar; Jung, Alexander; Klawitter, Nils; Wagner, Wieland

Millionenverluste, Jobabbau, Pleiteangst: Die Solarindustrie stürzt ab, auch die Windkraftbranche ist angeschlagen. Die Konkurrenz aus Fernost macht deutschen Produzenten grüner Energien das Leben schwer - trotz aller Subventionen. Oder gerade wegen der Milliardenhilfen?

Petra Wust kennt sich aus mit Aufstiegen und Abstürzen. Die Oberbürgermeisterin von Bitterfeld-Wolfen erlebte mit, wie in dieser Region die Chemieindustrie der DDR abgewickelt wurde. Gut 50 000 Menschen verloren damals ihren Job. Und sie begleitete den steilen Aufstieg der Gegend zum "Solar Valley", als Finanzdezernentin förderte sie 1999 die Ansiedlung von Q-Cells.

Jeden Stein habe man versucht, "denen aus dem Weg zu pusten", sagt Wust. Es war ein Einsatz, der sich lohnte. Das Geschäft mit Solarmodulen florierte, das Unternehmen, das mit 19 Mitarbeitern begonnen hatte, beschäftigte bald über tausend Menschen. Beim Börsengang wurde ein Q-Cells-Betriebsrat gar zum Millionär.

Für viele Menschen und für die Region schien sich ein Traum zu erfüllen. In der Gegend, in der jahrzehntelang Braunkohlekraftwerke und Chemieanlagen die Luft verpestet hatten, siedelte sich ein Photovoltaik-Unternehmen nach dem anderen an. Die saubere Zukunftsbranche sorgte für Arbeit und Einkommen und sollte einmal bis zu 10 000 Mitarbeiter beschäftigen.

Doch jetzt kämpft Q-Cells ums Überleben. Im zweiten Quartal machte das Unternehmen mehr Verlust als Umsatz. Man muss kein Betriebswirt sein, um zu ahnen, in welch verzweifelter Lage sich der einst größte Solaranlagenhersteller der Welt befindet.

Das Solar Valley droht sich in ein Jammertal zu verwandeln. Petra Wust fürchtet, dass wieder ein historischer Einschnitt bevorsteht. Diesmal geht es um das Schicksal von 3000 Beschäftigten.

Die Perspektive hat sich für die gesamte Solarindustrie verdüstert. Unternehmen, die noch vor kurzem von Politik und Börse gefeiert wurden, erleben nun einen heftigen Niedergang. Sie schreiben Millionenverluste und bauen Stellen ab, die Aktienkurse sind abgestürzt.

Bei Phoenix Solar, einem Systemanbieter aus dem bayerischen Sulzemoos, brach der Umsatz zwischen März und Juli im Vergleich zum Vorjahresquartal um mehr als 60 Prozent ein. Das Management von Solon in Berlin sorgt sich um den Fortbestand des Unternehmens; seine Zukunft hängt daran, dass die Banken einen Kredit verlängern, der zum Jahresende ausläuft.

In den USA ist schon einigen namhaften Solarfirmen das Geld ausgegangen, in der vorigen Woche erst musste Solyndra Gläubigerschutz beantragen, 1100 Mitarbeiter wurden arbeitslos.

Zugleich geraten in Deutschland einige Firmen ins Zwielicht: Der ehemalige Aufsichtsratschef von Conergy, Dieter Ammer, muss sich wegen Bilanzfälschung und Insider-Handels vor dem Hamburger Landgericht verantworten; er bestreitet die Vorwürfe. Und bei Solar Millennium geht die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth der Frage nach, ob es beim Engagement von Top-Manager Utz Claassen mit rechten Dingen zugegangen ist (siehe Kasten Seite 63).

Da ist es kaum tröstlich für die einstigen Sonnenkönige, dass einigen ihrer Kollegen aus der Windkraft ebenfalls bange zumute ist. Nordex, ein Pionier dieser Industrie, stürzte im ersten Halbjahr in die roten Zahlen, muss über hundert Arbeitsplätze streichen und die Kosten um 50 Millionen Euro senken. Insgesamt sind bei den deutschen Windanlagenbauern 2010 erstmals Umsatz und Zahl der Arbeitsplätze gesunken.

Die tristen Nachrichten aus der Solar- und Windkraftindustrie überraschen. Nach der Katastrophe von Fukushima und dem Beschluss der Bundesregierung zum Atomausstieg schien es ausgemacht, dass die Hersteller von Anlagen zur Erzeugung regenerativer Energie zu den Gewinnern der Energiewende zählen.

"Deutschland ist Weltmarktführer im Bereich der erneuerbaren Energien", frohlockte unlängst Bundesumweltminister Norbert Röttgen, "wenn wir diese Stellung ausbauen, dient das der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie und unseres Landes." Und Kanzlerin Angela Merkel versprach sich "Chancen für Exporte, Entwicklungen, Technologien und Arbeitsplätze".

Doch ausgerechnet jetzt schwächeln die grünen Zukunftsbranchen. In weite Ferne ist das Ziel gerückt, eine neue Leitindustrie mit globalem Anspruch aufzubauen. Auf den Weltmärkten spielen die deutschen Vertreter nur noch eine untergeordnete Rolle, sie verlieren stetig Marktanteile - trotz aller Subventionen. Oder vielleicht gerade wegen dieser Milliardenhilfen.

Kaum eine andere Branche wurde von der Politik so üppig gefördert wie die Erzeuger grünen Stroms, allen voran die Solarindustrie. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), vor elf Jahren eingeführt, verhalf ihr zu einem phänomenalen Aufschwung. Doch der Boom ist teuer erkauft.

Das EEG garantiert jedem Betreiber über 20 Jahre eine feste Einspeisevergütung, bezahlt von den Verbrauchern. Allein für den Ausbau der Photovoltaik bis Ende 2010 müssen die Stromkunden nach Rechnung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) knapp 81,5 Milliarden Euro aufbringen; dieser "Kosten-Tsunami", so das RWI, werde noch weiter anschwellen.

Der Geldsegen trug dazu bei, dass innerhalb weniger Jahre aus Öko-Klitschen stattliche Konzerne wurden. Hunderttausende Hausbesitzer ließen ihre Dächer mit Paneelen belegen. Noch im vergangenen Jahr entfielen von 16 Gigawatt an Modulen, die weltweit verbaut wurden, knapp die Hälfte auf Deutschland.

Die Modulproduzenten konnten sich auf einen steten Auftragsfluss verlassen. Das Problem: Er hat sie träge gemacht. Heute sind deutsche Hersteller bei weitem nicht so innovativ, wie ihr dynamisches Image vermuten lässt. Nur zwei bis drei Prozent ihres Umsatzes investiert die Branche in Forschung und Entwicklung, weit weniger als etwa der Maschinenbau.

Kein Wunder, dass die Unternehmen mit ihren Produkten nicht mehr richtig ankommen. Die Lager sind voll mit Ware. "Acht Gigawatt Solarzellen liegen weltweit auf Halde", schätzt Frank Asbeck, Chef von Solarworld. Und die Preise fallen ins Bodenlose.

Noch vor gut einem halben Jahr kostete es rund 28 000 Euro, ein hundert Quadratmeter großes Dach mit Markenmodulen zu bestücken, sagt Asbeck. Heute liege der Preis bei 22 000 Euro.

Viele deutsche Hersteller können kaum mithalten, seit chinesische Anbieter die Welt mit Paneelen überschwemmen. Sie haben vor allem Deutschland ins Visier genommen, es ist der wichtigste Markt für Firmen wie Suntech oder Yingli.

Suntech tritt als Sponsor für den TSV 1899 Hoffenheim in der Fußball-Bundesliga auf, Yingli lässt sein Logo in der Allianz-Arena bei Bayern München leuchten. Ergebnis der Marketingoffensive: Auf den Dächern zwischen Flensburg und Füssen glitzern immer öfter Module "made in China". Sie sind, so versichert selbst die Konkurrenz, mittlerweile keinesfalls schlechter als Produkte aus deutscher Fertigung, aber in jedem Fall billiger, im Schnitt um ein Drittel.

In der Zentrale von Suntech in Wuxi bei Shanghai produzieren weißvermummte Arbeiter in staubfreien Räumen die Solarzellen. Schon in der Lobby lächelt Shi Zhengrong, der Firmengründer, von riesigen Monitoren den Besuchern entgegen. Shi gehört zu den "Meeresschildkröten", so nennen sie hier die Aufsteiger, die aus dem Ausland nach China zurückgekehrt sind.

Heute ist der 48-Jährige einer der reichsten Unternehmer der Volksrepublik. Konzerne wie Suntech oder Yingli dominieren inzwischen den Weltmarkt für Photovoltaik. Die Chinesen vereinen schon fast die Hälfte des globalen Umsatzes auf sich und annähernd 60 Prozent der Profite, die in der Branche erzielt werden, wie Analysten der Unternehmensberatung PRTM in einer Studie herausgefunden haben: "Damit gehören die Chinesen zu den großen Gewinnern des vergangenen Jahres." In den Top Ten der wachstumsstärksten Unternehmen finden sich acht aus China und Taiwan. Deutsche Namen sind nicht mehr darunter.

Das bedeutet: Die Milliarden aus den Einspeisevergütungen kommen neuerdings weniger den heimischen Produzenten zugute als der chinesischen Konkurrenz. Deren Aufstieg wird zu einem Gutteil von deutschen Stromkunden mitfinanziert. Knapp 123 Euro zahlt laut RWI ein Durchschnittshaushalt pro Jahr für die Subventionierung grünen Stroms.

Die großzügige Förderung ist ein Musterbeispiel dafür, wie die Politik mit Finanzhilfen Prozesse in die falsche Richtung lenkt. Photovoltaik ist mit Abstand die teuerste und ineffizienteste Methode der Energiegewinnung, sie verschlingt Milliarden, und dennoch kann sie gerade mal zwei Prozent des deutschen Strombedarfs decken. Eine Initiative zum Stromsparen wäre mindestens so ergiebig, vor allem weitaus billiger - aber so etwas macht weniger her als die Produktion funkelnder Kollektoren. Von dieser umstrittenen EEG-Förderpolitik profitieren auch die Betreiber von Windkraftanlagen, allerdings klaffen bei ihnen Aufwand und Ertrag nicht derart auseinander.

Doch auch auf diesem Markt verschieben sich gerade die Gewichte. Vor fünf Jahren waren unter den zehn größten Unternehmen vier deutsche Namen, jetzt sind es nur noch zwei, Siemens und Enercon. Dafür gehören nun vier chinesische Hersteller zu den Top Ten.

Die Chinesen profitieren bei ihrem Vormarsch auf die Märkte in Europa und Nordamerika ebenfalls von Staatshilfe. Allerdings setzt China mit seiner Förderung nicht bei den Verbrauchern an, sondern direkt bei den Unternehmen. Das Land unterstützt den Aufbau großer Produktionskapazitäten, mit denen die Hersteller ihre Kosten weiter drücken können. Die staatlichen Banken helfen den Windanlagenproduzenten dann beim Vormarsch auf Exportmärkte.

Chinesische Banken bieten den Betreibern von Windparks die Finanzierung neuer Anlagen an. Bei einem Offshore-Windpark geht es schnell um eine Milliarde Euro. Und natürlich erhalten chinesische Hersteller dann die Aufträge für die Lieferung der Anlagen.

So finanzierte die China Development Bank den Bau mehrerer Windfarmen in Irland. Die werden nun vom chinesischen Hersteller Sinovel gebaut.

Die deutsche Windkraftindustrie dagegen ist eher mittelständisch geprägt. Es fällt den Unternehmen nicht leicht, die nötigen Mittel für Investitionen und die Expansion ins Ausland aufzubringen. Mitunter mangelt es auch an Erfahrung im weltweiten Geschäft. Schon 1998 hatte Nordex ein Werk in China aufgebaut und auf Aufträge gehofft. Doch die Deutschen mussten feststellen, dass chinesische Lieferanten oft bevorzugt wurden.

Ein Weltkonzern wie Siemens dagegen verfügt nicht nur über das Kapital, sondern auch über die Verbindungen, um sich als einer der größten Hersteller von Windanlagen zu etablieren. Die Münchner, die mit anderen Unternehmen des Konzerns bereits über viel Erfahrung im China-Geschäft verfügen, gehen anders vor. Sie wollen ein Gemeinschaftsunternehmen mit Shanghai Electric gründen. Damit dürften sie bessere Chancen auf Aufträge haben.

So sortieren sich in diesen Monaten die beiden wichtigsten grünen Energiebranchen in Deutschland neu. In der Windkraft wie im Solarzellenbau werden einige Betriebe wohl von der Bildfläche verschwinden. Andere versuchen sich in die Arme finanzkräftiger Investoren zu retten. Konzerne wie General Electric, Samsung, Sharp und Total halten Ausschau nach interessanten Solar-Kandidaten, sie wollen ihre Größenvorteile ausspielen und eine Massenproduktion aufziehen.

Damit gehen die jungen Industrien durch einen ähnlichen Reifeprozess, wie ihn Anfang des 20. Jahrhunderts die Autobauer und später die Unterhaltungselektronik erlebt haben. Aus Dutzenden von Pionieren mendelt sich eine Handvoll überlebensfähiger Unternehmen heraus.

Grüne Energietechnik wird eine Wachstumsbranche bleiben. Behaupten können sich aber auf Dauer nur die kapitalkräftigen und forschungsstarken Konzerne, die global ausgerichtet sind. Sie beschränken sich nicht auf den Heimatmarkt, auch wenn es verführerisch ist, sich auf nationale Subventionen zu verlassen.

In der Windkraft geht vor allem Siemens diesen Weg. Bei der Photovoltaik geben Experten Bosch gute Chancen, in der globalen Liga mitspielen zu können.

Zwei Milliarden Euro haben die Stuttgarter in den Solarsektor investiert, in den kommenden sechs Jahren will Bosch-Chef Franz Fehrenbach die Zahl der Beschäftigten hier auf rund 7000 verdoppeln. In diesem "äußerst hart umkämpften Markt", so Fehrenbach, könnten auf Dauer nur Hersteller bestehen, die in die Massenproduktion gehen. Und die ihr Glück im Ausland suchen.

Bosch will in Äquatornähe eine Solarmodulfabrik errichten und dort eine halbe Milliarde Euro investieren. Das neue Solar Valley entsteht auf der malaysischen Insel Penang.


DER SPIEGEL 36/2011
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