05.09.2011

Gefahr in den Bergen

Von Stark, Holger

Wie der Bundesnachrichtendienst dem heutigen afghanischen Präsidenten Hamid Karzai Ende 2001 das Leben rettete

Die Mission, die Hamid Karzai im Herbst 2001 nach Afghanistan führte, war lebensgefährlich. Karzai, einer der Hoffnungsträger des Westens, hatte sein Exil im pakistanischen Quetta verlassen und war auf dem Weg in die Provinz Oruzgan. Dort wollte er mit Stammesältesten zusammentreffen, die bis dahin die Taliban unterstützt hatten. Die Clanchefs sollten zu Karzai überlaufen und damit den Fall des Regimes beschleunigen. Das Treffen war für den 4. November 2001 angesetzt.

Doch in den unwegsamen Bergen in Zentralafghanistan erwarteten Karzai nicht die erhofften Überläufer, sondern schwerbewaffnete Einheiten der Taliban, die offenbar gezielt auf den Gast gewartet hatten. An die 700 Kämpfer, melden später Nachrichtenagenturen, hätten Karzai und seinen Begleitern aufgelauert. Der spätere afghanische Präsident sei nur knapp entkommen.

Zehn Jahre danach enthüllen bislang unbekannte Geheimdienst-Informationen, dass es offenbar der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) war, der Karzai damals das Leben rettete.

Am 1. November, so geht es aus den Aufzeichnungen des BND hervor, hatten die Funkaufklärer des Geheimdienstes ein Gespräch mitgehört, das zwei Kommandeure von Taliban-Chef Mullah Omar miteinander führten. Einer der beiden gab dabei eine Weisung von Mullah Omar weiter, die sich auf Karzai bezog. Offenbar hatten die Taliban herausgefunden, wann Karzai in Oruzgan eintreffen wollte, sie kannten präzise seine Pläne.

Man möge mit dem "Freund der Amerikaner" genauso verfahren "wie mit Abdul Haq", sagte einer der beiden Taliban, das sei ein Befehl von Mullah Omar. Der Paschtune Abdul Haq, ein wichtiger Verbündeter der amerikanischen Regierung, war einige Tage zuvor ebenfalls nach Oruzgan gereist, um mit den Stammesfürsten zu verhandeln. Am 26. Oktober hatten ihn die Taliban gefangen genommen. Die amerikanische Luftwaffe war Abdul Haq zwar zu Hilfe geeilt und hatte Stellungen der Taliban bombardiert, konnte aber nicht verhindern, dass er öffentlich hingerichtet wurde.

Als die Auswerter des Bundesnachrichtendienstes in Pullach erkannten, welche Brisanz das abgehörte Gespräch vom 1. November 2001 hatte, informierten sie sofort die US-Armee. Sie hatte Karzai zwar seit Mitte Oktober 2001 Sicherheitsberater der Special Forces zur Seite gestellt, ahnte aber nichts von der Gefahr in den Bergen.

Der Alarm kam gerade noch rechtzeitig. Die Taliban hatten Karzais Kämpfer bereits unter Beschuss genommen, als amerikanische Kampfhubschrauber auftauchten, Karzai retteten und nach Karatschi ausflogen. Am nächsten Tag berichtete der damalige amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Reportern von der dramatischen Rettungsaktion, ohne allerdings den deutschen Anteil zu erwähnen.

Karzai selbst kaschierte die Hilfe des Westens mit einer Legende. Nicht die Amerikaner hätten ihm geholfen, sondern ein freundlicher Dorfbewohner, der ihn an jenem Tag vor dem geplanten Hinterhalt gewarnt habe. Daraufhin sei er mit seinen engsten Gefolgsleuten drei Tage zu Fuß durch die Berge geflohen, nur mit etwas Brot und grünem Tee als Proviant.


DER SPIEGEL 36/2011
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