05.09.2011

VÖLKERMORDDer Menschenversenker

Er steht in Den Haag vor Gericht, angeklagt des schlimmsten Massakers in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch der serbische General Ratko Mladi#263ist sich keiner Schuld bewusst, auch nicht am Selbstmord seiner Tochter. Das Porträt eines Besessenen. Von Erich Follath
Wer diesem Hobby verfallen ist, muss ein bisschen Diktator sein und ein bisschen auch Diener. Er muss die ihm anvertrauten Völker genau kennen. Er darf nicht von Skrupeln geplagt sein, wenn ihm der eine oder andere seiner Zöglinge wegstirbt, nicht zimperlich werden, wenn ein Stich ihn selbst schmerzlich trifft.
Ratko Mladić weiß das alles. Ratko Mladić kennt sich aus mit Überleben und Sterben, mit erzwungenen und freiwilligen Opfern, mit Volksschädlingen und ihrer Bekämpfung. Ratko Mladić ist der perfekte Bienenzüchter.
Vertraut wie kaum ein anderer sei er mit dem Bau von Waben, der Betreuung des komplexen Kollektivs - darin sind sie sich ausnahmsweise einig, die alles entschuldigenden Freunde ebenso wie die erbitterten Feinde des Generals. Ein Imker par excellence, der seine Leidenschaft seit frühester Jugend und bis zu seinen letzten Tagen in Freiheit mit Begeisterung und Hingabe verfolgt hat. Meist verschenkte er den Honig, manchmal verkaufte er ihn auch in kleinen Mengen. Wer die Chance bekommt, ihn zu probieren, solle das auf jeden Fall tun, sagen die Kenner. Es ist ein liebevoll erzeugtes, durch und durch reines Spitzenprodukt. Bio vom Balkan, made by Mladić.
Ansonsten aber scheiden sich bei der Nennung dieses Namens die Geister.
Der ehemalige Oberbefehlshaber der bosnischen Serben gilt einer knappen Mehrheit der Menschen in Belgrad immer noch als Held, als ein Patriot, der bei seinen rücksichtslosen militärischen Kreuzzügen nur von dem Streben nach nationalem Stolz, nach Würde, nach der Rache für das von seinem Volk empfundene Unrecht geleitet war. Mehr als zwei Drittel seiner Landsleute hätten, wären sie über das Versteck im Bilde gewesen, seinen geheimen Aufenthaltsort nicht verraten und damit seine Überstellung an das Internationale Kriegsverbrechertribunal für das frühere Jugoslawien in Den Haag gern verhindert.
Kroaten, Kosovaren und vor allem die muslimischen Bosnier sehen ihn ganz anders - als Inbegriff des Teuflischen. Und auch für die allermeisten im Westen ist Mladić der Mann, der die schlimmsten Massaker an Zivilisten in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu verantworten hat. Der Belagerer von Sarajevo, wo in über dreieinhalb Jahren währendem Dauerbeschuss mehr als 10 000 Menschen starben. Der Schlächter von Srebrenica, dessen Schergen in einem Blutrausch über 8000 Jungen und Männer zwischen 11 und 77 Jahren umgebracht haben.
Völkermord gleich in zwei Fällen, Verbreitung von Terror, Geiselnahme, Verbrechen gegen die Menschlichkeit - es sind die furchtbarsten Vergehen, die das Strafgesetz kennt, die da von den Juristen der Uno unter dem Kennzeichen IT-09-92 zusammengefasst sind, solch grausamer Taten wurde nach den Nürnberger Prozessen gegen die Nazi-Größen in Europa niemand mehr angeklagt.
Die erste Anklage gegen Mladić stammt aus dem Jahr 1995, fast 16 Jahre lang war er ein gesuchter Mann - und damit fast so lange wie dieser andere unter den "Most Wanted" auf der Flucht, Osama Bin Laden. Für den General a. D. wie für den Top-Terroristen war eine Belohnung in zweistelliger Dollar-Millionenhöhe ausgesetzt. Und beide konnten sich den internationalen Verfolgern so verblüffend erfolgreich nur entziehen, weil sie von höchsten politischen, militärischen oder geheimdienstlichen Stellen gedeckt wurden.
Mladićs Leben im Untergrund verlief lange Zeit viel abenteuerlicher, abwechslungsreicher und absurder noch als das Bin Ladens. In den letzten Tagen seiner Freiheit war er aber wie der Terroristenchef reduziert auf minimale Kontakte zur Außenwelt, auf familiäre Hilfe, auf ein dunkles, kleines Versteck - eine karge Klosterzelle, den halbverfallenen Schuppen eines Bauernhauses.
Damit allerdings enden die Parallelen: Bin Laden wurde Anfang Mai von US-Soldaten im pakistanischen Abbottabad gezielt getötet, seine Leiche wohl im Indischen Ozean entsorgt, die Chance für eine juristische Bewältigung seiner Untaten vereitelt; Mladić wurde von einer serbischen Spezialeinheit am 26. Mai in Lazarevo gefasst und fünf Tage später an das internationale Gericht ausgeliefert. Die Anhörungen gegen ihn laufen. Wie schwierig die Aufarbeitung der Gräuel noch werden wird, das zeigte sich schon bei den bisherigen Auftritten des Angeklagten in Den Haag im Juni und Juli.
Bei der ersten Anhörung ist der körperliche Verfall des Generals zu besichtigen: Da steht kein bulliger Hüne, rotgesichtig und strotzend vor Lebenskraft, wie er aus dem Bürgerkrieg in Erinnerung ist. Sondern ein fahler, gebückt gehender, eisgrauer Mann, der älter wirkt als 68 Jahre. Wenn er aber die Stimme erhebt, dann ist der Ton ganz der gewohnte, raue, arrogante: Als "General" wolle er angesprochen werden, verfügt er barsch, es seien "monströse" Vorwürfe, die da gegen ihn vorgebracht würden, er erkenne im Übrigen das Gericht gar nicht an. Auftritt eines Unbelehrbaren.
Und bei einer weiteren Anhörung provoziert Mladić dann mit seinen Pöbeleien gegenüber dem niederländischen Richter Alphons Orie einen handfesten Eklat.
- Herr Mladić, seien Sie so nett und setzen Sie bitte während der Verhandlung Ihre Mütze ab.
- Ohne die ist es mir kalt.
- Würden Sie dem Gericht bitte die Ehre erweisen und die Mütze jetzt abnehmen.
- (Mladić nimmt widerstrebend seine graue Kappe vom Kopf.) Was ist das denn überhaupt für ein Gericht? Sie wollen meine Verteidigung bestimmen.
- Wir zwingen Ihnen gar nichts auf, die Frage Ihrer Verteidigung wird noch diskutiert.
- Nein, nein, nichts lesen Sie mir vor aus der Anklage. Ich will das nicht hören.
- Herr Mladić, Sie werden bald die Gelegenheit bekommen, sich zu äußern.
- Sie lassen mir ja nicht mal die Möglichkeit zum Atmen. Mit welchem Recht? Wer sind Sie denn schon?
- Herr Mladić, ich verfüge Ihre Entfernung aus dem Gerichtssaal. Wenn sich ein Angeklagter zu den erhobenen Vorwürfen nicht äußert, werten wir das als Willensbekundung für nicht schuldig.
Immer wieder hat Mladić die Zuschauer im Gerichtssaal fixiert, die erhobenen Finger aus ihrer Richtung mit abfälligen Gesten beantwortet. "Er hat nichts begriffen, keinen Hauch von Reue gezeigt", sagt unter Tränen Munira Subasić, die mit einigen anderen aus Srebrenica gekommen ist. Nie wird sie diesen heißen Sommertag 1995 vergessen, an dem sie General Mladić zuletzt gesehen und ihn auf Knien gebeten hat, doch ihren 18-jährigen Sohn zu schonen. "Allah kann euch jetzt nicht helfen, aber ich kann es. Keine Sorge, gute Frau, es wird ihm nichts passieren", hat Mladić ihr versichert. Er brach sein Wort, ihr Sohn wurde fortgeführt. Er ist nie wieder aufgetaucht, nicht einmal begraben konnte Frau Subasić ihn. Keine Knochen, kein erfolgreicher DNA-Abgleich, kein eigener Gedenkstein.
"Hollywood könnte keinen überzeugenderen Darsteller für einen Kriegsverbrecher finden", hat der 2010 verstorbene amerikanische Unterhändler Richard Holbrooke in seiner Bosnien-Bilanz über Mladić geschrieben. "Er war eine dieser furchtbaren Gestalten, welche die Geschichte immer wieder hervorbringt: ein charismatischer Mörder."
Ganz anders sieht ihn Sohn Darko Mladić, der in Belgrad als Informatiker arbeitet und seinen Vater bis heute zum Vorbild stilisiert. Der habe sich, wenn möglich, immer für Frieden entschieden, ansonsten nur tapfer und ehrlich sein Land verteidigt. Ein so liebevoller Familienmensch könne die ihm angelasteten Grausamkeiten gar nicht befohlen haben.
Warum aber konnte der General, der so gern Gott spielte, dann nicht verhindern, dass sich seine Tochter gegen ihn richtete und Selbstmord beging? Wo lernte er, Völker des Tierreichs zu lieben und Menschen bis zum Völkermord hin zu verachten? Und wenn dieser Mann wirklich ein "Monster" ist, wie das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" formulierte - wie wurde er es?
In Ratko Mladićs Weltbild, in seiner Lebensgeschichte gibt es zwei klar umrissene Gruppen: seine böswilligen Verfolger, seine idealistischen Retter.
Den Part des Bösen spielen die Deutschen. Er war noch nicht einmal zwei Jahre alt, als die kroatischen Nazi-Verbündeten von der Ustascha 1945 in der Herzegowina unweit von Sarajevo seinen Vater umbrachten. Später dann, im Jahr 1991, haben deutsche Politiker durch ihre "Serbenfeindlichkeit" und die Anerkennung des abspenstigen Kroatiens "sein" Jugoslawien zerstört und sich auch noch "mit den Muselmanen" gemeingemacht.
Die Vorbildrolle gebührt Fürst Lazar und seinen Kämpfern, die sich 1389 bei der Schlacht auf dem Amselfeld seiner Überzeugung nach für Serbien und das Christentum geopfert haben - eine Großtat, die als Nationalmythos den meisten seiner Landsleute geläufig ist, die für ihn aber stets mehr war: eine Handlungsanleitung zur Rache, zur Wiederherstellung der "Ehre" seines Volkes. Sein Auftrag.
Was für ein merkwürdiger Zufall, dass sich die Linien zwischen Helden und Hassenswerten gerade am letzten Fluchtort des Generals überschneiden. In Lazarevo, Anfang des 19. Jahrhunderts von deutschsprachigen Donauschwaben gegründet, 86 Kilometer nördlich von Belgrad. Dort, wo sie ihn vor drei Monaten morgens gegen fünf aus dem Haus seines Cousins zerrten und ihm Handschellen anlegten.
Flirrend heiß ist jetzt die Luft über der Provinz Vojvodina, flach und eintönig die Landschaft - so, als sei sie von einer riesigen Dampfwalze plattgedrückt worden. Vogelgezwitscher in früchtesatten Zwetschgenbäumen, das Summen von Bienen: Wie aus der Zeit gefallen wirkt dieses Idyll am Rande Europas.
Das gelbe Schild am Rand der Provinzstraße 7 - 1 hat jemand mit schwarzer Farbe übersprüht, den alten Ortsnamen durchgestrichen, durch einen neuen ersetzt: Mladićevo. 3000 Einwohner, zwei Kneipen, ein Hauch von Globalisierung. Die Gaststätte links, orange gestrichen, setzt auf Volksmusik und Slibowitz, die rechte, rot gestrichen, spielt Lady-Gaga-Songs unter Sonnenschirmen mit Beck's-Bier-Reklame. Der Gemischtwarenladen nebenan wird von einer Einwanderin aus Shanghai betrieben. Während die Männer sich feindselig hinter ihren Krügen verschanzen, als brauchten sie die dringend als Schutzschilde gegen Eindringlinge, beschreibt die Chinesin bereitwillig den Weg zum Mladić-Haus.
Kann das sein: ein ganzes Dorf von Verschwörern und Verheimlichern, Lazarevo gegen den Rest der Welt?
Vorbei am Friedhof mit den verwitterten Grabsteinen der Müllers und Schneiders, vorbei am Puppenstuben-Postamt, die lange, von den deutschen Siedlern adrett geplante Hauptstraße hinauf, dann in die Karadžić-Gasse nach rechts (nein, sie ist nicht nach Radovan, diesem anderen mutmaßlichen Massenmörder, benannt, sondern nach dem schon von Goethe gepriesenen serbischen Dichter Vuk Karadžić). Da steht, unscheinbar und der gelbe Putz schon abblätternd, das Haus Nummer zwei. Branko Mladićs Heim. Im unkrautübersäten Vorgarten ist ein schrottreifer Golf geparkt, an der Wand zum Schuppen lehnt ein rostiger Rechen.
Das Grundstück war wie so viele hier lange im Besitz von Donauschwaben. Als Hitlers Wehrmacht in die Region vordrang, haben sich wohl manche der Lazarfeld-Deutschen gegenüber den Serben als Herrenmenschen aufgeführt; nach der Rückeroberung des Banats durch die Truppen Titos und der Roten Armee Ende 1944 traf die Kollektivstrafe dann alle, sie wurden vertrieben, ihre Häuser beschlagnahmt. Zu den aus Bosnien Zugezogenen, die von dieser ethnischen Säuberung profitierten und sich hier ansiedeln durften, zählte auch die Mladić-Sippe: Vier Häuser in Lazarevo gehören den Cousins des Kriegsverbrechers.
Branko Mladić, 59, in dessen Haus sie den Berüchtigten verhafteten - "Gratuliere, ihr habt den Richtigen", soll Ratko laut offiziellem Protokoll gesagt und widerstandslos Personalausweis und zwei Pistolen abgegeben haben -, kommt spätabends mit dem Traktor angeknattert.
Pranken, die so aussehen, als könnten sie rohe Kartoffeln zerquetschen: ein Held der Arbeit, wie dem Gemälde eines Sozialistische-Ideale-Malers entsprungen. Er ist kein Mann vieler Worte, kein Freund von Fremden. Als die Journalisten am Tag nach der Festnahme ins Dorf einfielen, verjagte er sie alle. Und auch jetzt spricht der misstrauische Junggeselle nur, weil die Schwester eines Nachbarn ein gutes Wort einlegt und selbst übersetzt. Weil die Hühner versorgt sind und der Tagesstress langsam abfällt und man sich zwanglos auf die Treppen vor dem Haus setzt: ein Plausch, kein Interview.
- Mögen Sie Ihren Cousin?
- Die allermeisten Serben verehren Ratko Mladić.
- Sie glauben nicht, dass er an Kriegsverbrechen beteiligt war?
- Es herrschte damals Krieg. Grausamkeiten gab es von allen Seiten, gerade auch die Muslime begingen sie. Aber die Welt spricht nur von den serbischen. Den angeblich von Ratko angezettelten.
- Ihr Cousin war 16 Jahre lang auf der Flucht und wurde bei Ihnen im Haus verhaftet. Wie lange hat er hier gelebt, wie lange haben Sie ihn versteckt?
- Kann ich nicht sagen. Ich wurde fünf Stunden lang vernommen, bevor man mich dann freigelassen hat …
- … unter der Auflage zu schweigen, weil die Regierung sonst zugeben müsste, wer Ratko Mladić alles geschützt hat?
- Sie waren korrekt zu mir, aber ja, es gab schon Auflagen.
- War Ratko Mladić bettlägrig, als er bei Ihnen wohnte?
- Er hat zwei Monate vor seiner Verhaftung hier einen Herzinfarkt erlitten.
- Und Sie haben ihn gepflegt? Allein oder mit ärztlicher, mit kirchlicher Hilfe?
- Kein Kommentar. Aber das werde ich jetzt verraten: Ratko hat mich vor einigen Tagen aus Den Haag angerufen. Ich glaube, gesundheitlich bekommt ihm Den Haag ganz gut - und auch sonst wirkt er sehr kämpferisch. Er wollte Papiere …
- Welche Papiere?
- Nein, das war's jetzt wirklich mit meinen Erzählungen. Ich muss ins Bett, morgen geht's wieder ganz früh raus.
Zwei Monate in Lazarevo, das könnte hinkommen, sagt später einer der Freunde Branko Mladićs, der die Unterhaltung auf den Treppenstufen beobachtet hat und deshalb Vertrauen fasst. Der Cousin sei meist im Schuppen versteckt gewesen, alle hätten ihn gedeckt.
So ganz ohne Gegenleistung?
"Das war doch eine Frage der Ehre. Aber Branko hat uns in diesen Tagen immer mal wieder etwas geschenkt. Einweckgläser, die sein Cousin nach Lazarevo mitgebracht hatte. Gläser mit Honig, köstlichem Honig."
Vielleicht weil er seinen Vater so früh verloren hat, vielleicht weil die Mutter überfordert war und er bei seinem Onkel Mile aufwuchs, hat Ratko Mladić immer die Familie als etwas Heiliges hochgehalten, fast so wichtig für ihn wie die heilige serbische Nation. Er sei ein "vorbildliches, höfliches Kind" gewesen, sagt der Verwandte, der immer noch in dem Kaff Kalinovik nahe Sarajevo lebt.
Die einzige Chance, schnell aufzusteigen, sieht Ratko im Militär. An der Belgrader Militärakademie für Offiziere schneidet er 1965 als einer der Besten ab - und dient sich die Ränge hoch. Präsident Josip Broz Tito hält damals den Vielvölkerstaat Jugoslawien noch mit eiserner Hand zusammen, nationalistische Töne haben erst nach dem Tod des kommunistischen Diktators in den achtziger Jahren Erfolg.
Im Mai 1992 - Bosnien hat gerade, nach einer von den Serben boykottierten Volksabstimmung mit der Mehrheit der dort lebenden Muslime seine Unabhängigkeit erklärt - wird Mladić in der Region Kommandeur der Serben, die sich in einer eigenen "Republika Srpska" organisieren. Mit der Rückendeckung Belgrads beginnt Mladić die Belagerung Sarajevos. Seine Truppen vergöttern ihn. Er ist keiner dieser Generäle, die sich im Krieg selbst bereichern, die saufen und herumhuren und ihre Autorität nur von ihrem Rang ableiten. Er robbt mit seinen Männern durch den Schlamm, und als er einmal durchnässte und frierende Soldaten sieht, soll er aus seinem Geländewagen gestiegen sein und Wasser über seine Uniform gekippt haben, um anschließend bis zum nächsten Stützpunkt an ihrer Seite zu bleiben.
Mladić ist ein Überzeugungstäter, ein Mann mit Mission. Ein Kreuzzügler für Nation und orthodoxes Christentum - die Serben verteidigten sich nur in einem ihnen aufgezwungenen Waffengang und korrigierten historisch erlittenes Unrecht, behauptet er: "Glaubt jemand, es macht Spaß, Krieg zu führen? Wenn es nach mir ginge, ich würde alle Waffen verbieten, sogar Kriegsspielzeug für Kinder."
Er wird an der Front gebraucht. Aber wann immer er kann, reist er zur Familie nach Belgrad. Der Kämpfer mit den kalten, stahlblauen Augen zeigt da seine sanfte Seite. Er hat eine ihm treuergebene Frau gefunden, die er zärtlich mit Kosenamen "Bosa" nennt, er verwöhnt Sohn Darko; Ana, die Tochter, ist das über alles geliebte Nesthäkchen. Dass die Medizinstudentin Bestnoten nach Hause bringt, scheint Mladić mindestens so viel Genugtuung zu verschaffen wie das allmähliche Erwürgen des Widerstands in Sarajevo und die ethnische "Säuberung" der Region. Oder der jüngste Hochzeitsflug seiner Bienenköniginnen.
Ljiljana Bulatović, 71, die langjährige Vertraute der Familie und Verehrerin des Generals, erzählt, dass an den Familienwochenenden auf Vater Ratkos Wunsch in der Wohnküche Schiffeversenken gespielt wurde. Dabei hat der Hausherr manchmal sogar zugunsten der Tochter geschummelt und die Selbstdemontage herbeigeführt - H 4, tatsächlich, ein Treffer, U-Boot versenkt: Kriegs-Spiel in heimischer Idylle. Politische Diskussionen oder gar Auseinandersetzungen über Opfer im realen Krieg waren dagegen tabu. Und auch Ana hält sich daran. Bis zum Februar 1994.
Sie verliebt sich in einen Kommilitonen, gemeinsam mit ihm und einer Gruppe anderer Medizinstudenten besucht sie einen Fachkongress in Moskau. Der Vater ist gegen die Reise. Die Mutter hat ihm die Bedenken ausgeredet, Ana und ihr neuer Freund Goran erleben in der russischen Hauptstadt romantische Tage.
Immer wieder aber sehen sie in den TV-Nachrichten furchtbare Bilder aus Sarajevo, die Taten Ratko Mladićs. Goran, wie Ana 24 Jahre alt, aber in einer Familie von Menschenrechtsaktivisten sozialisiert, nimmt seine Geliebte ins Gebet. Er sagt, sie müsse ihren Vater stellen, sich mit den Gräueln auseinandersetzen, sonst habe ihre Beziehung keine Zukunft. Sie streiten. Ana weint, sie wähnt dunkle Mächte am Werk, die ihren Vater verleumden. Aber sie will mit Goran zusammenleben, Kinder haben. Schließlich verspricht sie ihrem Freund die Aussprache.
Was dann folgt, wird Goran M. nie vergessen - und weil er bis heute Angst hat vor dem langen Arm des Ratko Mladić und dessen militanten Mitstreitern, besteht er auf der Verfremdung seines Namens. Er arbeitet als Arzt an einem Belgrader Krankenhaus, seine Verbindung zu Ana ist nur wenigen bekannt. Wer ihn so sieht in einem Café der Belgrader Fußgängerzone Skadarlija, braungebrannt und sportlich, ahnt, warum die junge Frau sich in Goran verliebt hat. Und wie schwer er sich immer tun wird, die damalige Auseinandersetzung zu verdrängen. Goran zitiert sie so:
- Ana, hast du mit deinem Vater über Sarajevo gesprochen?
- Ich wollte es, ich habe zweimal angesetzt …
- Und was hat dich zurückgehalten?
- Er war wieder so herzlich. Die ganze Familie saß zusammen, es war ja auch nur ein kurzer Besuch von der Front. Er hatte ein Geschenk mitgebracht …
- Du hast es also nicht geschafft. Du wirst es nie schaffen. Du kannst nicht akzeptieren, dass du einen Kriegsverbrecher als Erzeuger hast.
- Hör auf damit, bitte.
- Ich höre nicht auf, ich kann so nicht mit dir leben. Du hast dich offensichtlich entschieden.
- Warte doch. Ich habe Papa gesagt, ich kann nicht fertigstudieren, ich will als Krankenschwester an die Front, um mir selbst ein Bild zu machen. Aber er hat nur gelacht und gesagt: Mach mal halblang, mein Engelchen …
- Du getraust dich nicht, du wirst dich nie getrauen.
Der Abend endet im Streit. Es ist das letzte Mal, dass Goran seine Ana sieht. In der nächsten Nacht begeht sie, die den Vater nicht konfrontieren kann, die ultimative Tat, um ihn zu bestrafen, zu zerstören, zu demütigen - und schafft so auch ein Vermächtnis für ihren Verlobten. Sie sucht sich aus dem Schrank, in dem drei Waffen Ratko Mladićs aufgehoben sind, dessen Lieblingspistole heraus. Es ist sein stolzester Besitz, Auszeichnung für den Erfolg an der Militärakademie. Diese Waffe, hat der Vater geschworen, werde nur aus Freude abgefeuert und zum ersten Mal, wenn Ana ihm ein Enkelkind schenke.
Sie nimmt die Pistole und schießt sich in den Kopf - kein Abschiedsbrief, aber für die Familie eine unmissverständliche Botschaft: Auf diese Weise, muss Ana gedacht haben, erhält Vater sein Urteil, mein Urteil. Das wird ihn für immer begleiten. Es lautet: lebenslänglich.
Natürlich kann der General den Suizid seines Engels nicht akzeptieren; ein Mord müsse es gewesen sein, behauptet er nach seiner hastigen Rückkehr zur Familie steif und fest, obwohl es dafür keine Indizien gibt. Er fährt ins Leichenschauhaus, um sich tränenüberströmt eine Locke von Anas Haar abzuschneiden. Und bringt ihren Schminkkasten mit, Rouge und Lidschatten, um sie noch einmal auf Schönheit zu trimmen, herzurichten für ein neues Leben, wer weiß, vielleicht nach hundert Jahren. Sein Schneewittchen. Und lässt erst ab, als er am zerstörten Körper steht und sieht, dass das nicht geht. Beim Abschied von der Toten im engsten Freundeskreis eine Woche nach der Beerdigung ist auch Ljiljana Bulatović eingeladen. Die Wegbegleiterin erzählt von einem Vater in tiefer Trauer, der die Verwirrung seiner Tochter nach der Moskau-Reise bestätigt. Am letzten Abend habe sie über starke Kopfschmerzen geklagt, davon gesprochen, an der Front als Krankenschwester dienen und ihr Studium erst später beenden zu wollen. "Meine Tochter, die Bienenfleißige, als Versagerin, na, das wär ja mal was Neues", habe er gescherzt.
Aber Ratko Mladić wäre nicht Ratko Mladić, würde er nicht auch noch in der Stunde der Trauer seine eigene Legende spinnen. Nachts sei er schweißgebadet aufgewacht und habe sofort gewusst, dass etwas Schlimmes passiert sei. Habe alle Kommandoposten anwählen lassen, keine besonderen Vorkommnisse. Und dann der Anruf aus Belgrad - Sohn Darko mit der Schreckensmeldung. Und trotz des stechenden Schmerzes eine kaltblütige Reaktion. "Wo? Zu Hause? Rühr jetzt nichts an, bis ich komme …"
Auf dem Tisch, erinnert sich Bulatović, standen bei der Feier drei Fotos der Toten. Zwei mit Familienmitgliedern, das dritte, das frischeste, das sie gerade abgezogen hatten und auf dem Ana besonders hübsch und glücklich aussah, mit einem Mann, der ihnen allen unbekannt war, "wohl ein Freund aus Moskau".
Der General funktioniert weiter professionell als Oberbefehlshaber. Aber er reduziert seine sozialen Kontakte auf ein Minimum, brüskiert den politischen Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadžić, indem er der Hochzeit von dessen Tochter fernbleibt. Im Kampf wird er noch rücksichtsloser, noch unmenschlicher, Muslime werden für ihn zu Objekten, die es zu zerstören gilt. Selbst dem brutalen Politiker an seiner Seite wird das unheimlich, der General habe "den Verstand verloren", er sei "ein Psychopath", sagt der gelernte Psychiater Karadžić.
Mladić wütet, ein selbsternannter Rächer. Er rächt alles Leid, das den Serben zugefügt wurde und seiner Meinung nach immer noch zugefügt wird; er rächt seinen Vater, indem er den "langen Arm der deutschen Eroberer auf dem Balkan" bekämpft; er rächt mit jedem Getöteten vielleicht auch seine tote Tochter. Als er Mitte Juli 1995 nach Potočari kommt, in ein Dorf, in das damals 28 000 muslimische Bosnier von Srebrenica geflohen sind, ruft er nach Aussage der Augenzeugin Nedzida Sadiković seinen Truppen glückstrunken zu: "Da sind so viele, das wird ein Fest! Das Blut wird euch bis an die Knie stehen!"
Sind die Kameras an, kann Mladić immer noch den Charmeur spielen. Bewirtet und beflirtet in seinem Hauptquartier nordöstlich von Sarajevo die SPIEGEL-Korrespondentin Renate Flottau. Stellt sich auch deren kritischen Fragen. Pro-testiert nur verhalten, als sie Menschenrechtsverletzungen anspricht: "Seit je werden Grenzen mit Blut gezogen."
Bei den Blauhelmen der Uno, die Srebrenica zur "sicheren Zone" deklariert haben, aber laut Auftrag auf den Feind nicht schießen sollen, erkennt Mladić mit sicherem Instinkt entscheidende Schwächen. Er nimmt Geiseln, er brüllt und beschwichtigt so lange, bis die niederländischen Spitzenmilitärs vom Dutchbat-Regiment nur noch daran denken, ihre eigene Haut zu retten, und ihm die Schutzbefohlenen überlassen. Für Mladić heißt das: zum Abschlachten. Darauf trinkt er dann mit Kommandant Thom Karremans ("Ich bin doch bloß der Klavierspieler, erschießen Sie nicht den Klavierspieler!") gern ein Gläschen.
Aber es gibt nicht nur die Eingeschüchterten, es gibt auch die Überzeugten. Die Autorin Bulatović hält Mladić bis heute für einen verkannten Friedensstifter, eine Art Mahatma Gandhi des Balkans. Die Zuneigung ist gegenseitig. So bedingungslos, dass er ihr seine geheimen Srebrenica-Tagebücher anvertraut hat - das behauptet jedenfalls die selbstbewusste Dame im schlichten Kostüm. Sie berät sich mit ihm über einen serbischen Anwalt seiner Wahl, seit neuestem vertritt ihn der Landsmann Branko Lukić. Aber sie sei sicher, sagt sie und nimmt einen letzten Schluck Tee, bevor sie sorgfältig das weiße, gefaltete Spitzentaschentuch in ihr Täschchen zurücksteckt, Den Haag sei ein abgekartetes Spiel. "Er wird keinen fairen Prozess bekommen, die Welt hat sich gegen uns Serben verschworen. Und gegen ihren militärischen Führer."
Nach dem Versagen der Uno in Srebrenica im Juli 1995, nach einem neuen, fürchterlichen Granateneinschlag auf dem Marktplatz von Sarajevo, bombardiert die Nato Serbien. Am 21. November 1995 wird unter amerikanischer Vermittlung von allen Kriegsparteien der Friedensvertrag von Dayton unterzeichnet. Er zementiert die Teilung Bosniens, und er bestätigt auch den für die Serben nicht unerfreulichen Status quo; die Republika Srpska bleibt autonom.
Mladić war nicht in Dayton, spielte beim Friedensschluss keine Rolle. Er ist, so könnte man denken, von seinem Freund, dem Immer-noch-Präsidenten und serbischen Kriegstreiber Slobodan Milošević, im Stich gelassen worden. Doch das scheint nur so. Der General hat nichts zu befürchten, der Haftbefehl aus Den Haag, ausgestellt schon am 25. Juli 1995, wird nicht vollstreckt - Mladićs Netzwerk von Freunden und Beschützern reicht offensichtlich bis nach ganz oben.
Während am Flughafen und an den Grenzübergängen sein Steckbrief hängt, lebt Mladić jahrelang unbehelligt in seinem Haus im Belgrader Diplomatenviertel. Die Fahndung nimmt teilweise groteske Züge an. Europas Meistgesuchter sitzt während des Fußball-Länderspiels gegen China in der Ehrenloge des Partizan-Stadions, isst mehrfach mit Freunden im Restaurant Ruderclub an der Donau Fisch. Und noch Jahre bezieht er seine Militärpension.
Die Farce findet erst ein Ende, als Zoran Djindjić im Jahr 2001 die Wahlen gewinnt und Milošević nach Den Haag ausgeliefert wird; der prowestliche Djindjić will auch Mladić loswerden, beauftragt seine Militärs mit der Verhaftung - ein Verfolgungseifer, der wahrscheinlich für Djindjićs gewaltsamen Tod verantwortlich ist. Mitglieder einer Spezialeinheit des früheren Regimes lauern ihm am 12. März 2003 auf und erschießen ihn vor dem Regierungsgebäude.
Die Gerüchte wollen nicht verstummen, auch der französische und russische Geheimdienst hätten zeitweise ihre schützende Hand über Mladić gehalten. Die ehemalige Chefanklägerin des Den Haager Tribunals, Carla Del Ponte, klagt in ihren Memoiren über die mangelnde Kooperation der CIA. Einmal wird ihr die geheime Information zugespielt, Mladić halte sich "in der Nähe von Valjevo in einem Feriendorf der Armee auf und gehe dort dem Hobby der Imkerei nach".
Ein gutes halbes Jahr nachdem die ebenso unerbittliche wie umstrittene Ermittlerin Ende 2007 das Tribunal nach achtjähriger Amtszeit verlassen hat, feiert ihr Nachfolger einen Durchbruch: Karadžić wird gefasst und Den Haag übergeben. Der Psychiater hat sich einen Bart wachsen lassen und im Untergrund eine neue Existenz aufgebaut, als esoterischer Heiler. In Sachen Mladić gilt weiter: viele Fährten, wenig Fortschritte.
Doch die Politik treibt ihn nun in die Enge. Der neue serbische Präsident Boris Tadić hat erkannt, dass sein wirtschaftlich zurückgebliebenes Land nur eine Perspektive innerhalb der EU hat. Aufnahmeverhandlungen aber macht Brüssel abhängig von einer Verhaftung und Auslieferung Mladićs. Ende 2008 muss er untertauchen.
Verlass, so muss er damals gedacht haben, ist wohl nur noch auf die Verwandtschaft - und die serbisch-orthodoxe Kirche. Als das Haus im Belgrader Diplomatenviertel, in dem seine Frau und der Sohn wohnen, mehrfach durchsucht wird, muss er den Kontakt abbrechen. Eine Krebserkrankung mit anschließender Chemotherapie zwingt ihn angeblich zu einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt; unter falschem Namen wird er von einem Mediziner-Freund in Belgrad behandelt. Sobald er wieder auf den Beinen ist, verlässt er die Hauptstadt. Er macht sich auf ins Banat, zu den Geistlichen seines Vertrauens. Und findet mit ihrer Hilfe ein perfektes Versteck: das Kloster der heiligen Melanie bei Zrenjanin. Der General, gewohnt an das Herumkommandieren von Männern, lebt nun unter Nonnen und deren Regiment.
Ja, gelegentlich habe man zahlende Hausgäste angenommen, sagt später eine Nonne unwirsch zum SPIEGEL, Ratko Mladić habe sie hier nie gesehen. Die Oberin ist nicht zu sprechen. Aber einer der Klosterlieferanten, der hier ein- und ausgeht, sagt bereitwillig: "Natürlich war er hier. Die Nonnen beteten für ihn, als es ihm immer schlechter ging, sprachen sie sogar davon, ihm in der Krypta ein Ehrengrab mit Sarkophag herzurichten." Dann habe sich der Patient erholt, sei in der Gegend sogar auf die Jagd gegangen.
Ende 2010 wird offensichtlich auch der Druck auf die Orthodoxen zu stark: Mladić muss verschwinden. Er geht in die Nachbarschaft, zu den Verwandten. Vom Kloster bis zum Haus des Neffen sind es nicht einmal zehn Kilometer. Ob seine Verfolger ihn schon in Zrenjanin beschattet haben, ob sie ihm erst in Lazarevo durch einen Tipp auf die Spur kamen - bis heute bleibt das unklar.
Bekannt ist nur der letzte Wunsch Mladićs vor seiner Auslieferung: Er will noch einmal zum Grab seiner Tochter. Dem Schlächter, der so wenig Mitleid mit anderen hatte, wird Mitleid zuteil, eine humanitäre Geste. Er verabschiedet sich auf dem Waldfriedhof Topčider in Belgrad das vermutlich letzte Mal von Ana. Er darf - streng bewacht - einen kleinen Rosenstock vor die granitschwarze Gedenkplatte pflanzen. Die Blumen gedeihen prächtig, stehen jetzt in voller roter Blüte. Geradezu unsterblich schön.
Srebrenica heute, das ist ein verwundeter Ort. Mehrheitlich leben hier Serben, aber immerhin sind auch einige hundert muslimische Bosnier zurückgekommen, meist Frauen. Junge Familien gibt es fast gar nicht. Ein Hauch von Neuanfang: eine kleine Moschee im Bau, eine gerade eröffnete Bar namens Acapulco, mit EU-Geldern wiederaufgebaute Häuser am Stadtrand. Alles wirkt noch provisorisch, als wagte man nicht, an die Zukunft zu glauben.
Vor den Toren des Ortes liegt die Fabrikhalle, in der die Menschen damals zusammengepfercht waren. "United Nations" steht an den verfallenden Wänden, jemand hat das zweite Wort durchgestrichen und "United Nothing" daraus gemacht - das "Vereinte Nichts". An der Gedenkstätte mit den weißen Stelen über den Gräbern ist in einen Stein eine Zahl eingraviert, hinter ihr drei Punkte: 8372 … Jeder begreift: Es dürften noch mehr Opfer werden, deren Gebeine man findet.
"Es sollten alle hierher kommen, die es getan haben, und alle, die es nicht verhindert haben", sagt der Bosniake Hasan Nuhanović, der damals als Übersetzer für die holländischen Uno-Offiziere arbeitete. Und dem sie sagten, er könne bleiben, er habe ja einen Vertrag mit der Weltorganisation, aber nicht seine Familie, die müsse das Uno-Quartier leider verlassen. "Ich habe ihnen das übersetzt, wir wussten, das ist ihr Todesurteil." Hasan wüsste gern, wie er nicht weiter hassen sollte. Er schafft es nicht.
Beim Jugoslawien-Tribunal in Den Haag könnte man zufrieden sein: 161 Haftbefehle wurden ausgestellt, alle 161 mutmaßlichen Täter sind ausgeliefert, als letzter der Anführer der kroatischen Serben Goran Hadžić vor sechs Wochen. In Den Haag verkneift man sich aus gutem Grund Triumphgefühle. Verurteilt wurden bis jetzt eher die kleinen Fische. Und es stehen zähe Prozesse bevor, mit allen Winkelzügen erfahrener Anwälte und uneinsichtiger Angeklagter.
Zwischen den Balkan-Völkern bleiben auch nach der Aufteilung Jugoslawiens in Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Mazedonien und Kosovo schwere Spannungen. Die Kosovaren und die Serben lieferten sich erst Ende Juli blutige Grenzstreitigkeiten. In Bosnien-Herzegowina scheint das ethnische Gleichgewicht fragiler denn je. Der Traum von den "Jugoslawen", die sich untereinander verstehen, ist Geschichte.
Aber ist er wirklich ganz ausgeträumt? Gescheitert? Überall?
Jugoslawien existiert noch - im Gefängnis von Scheveningen. Dort, wo die Untersuchungshäftlinge des Jugoslawien-Tribunals sitzen und man beim Spaziergang auf dem Gefängnishof das Salz des nahen Meeres riechen kann, so, wie an der einst umkämpften dalmatinischen Küste, gibt es nach Aussagen des Wachpersonals keinerlei Probleme. Die Männer, die ihre Völker gegeneinander aufgehetzt haben, gehen zivilisiert miteinander um, spielen Karten, haben sogar für die Witwe eines verstorbenen Mithäftlings gemeinsam ein Geschenk gekauft, wie die Autorin Slavenka Drakulić recherchiert hat. Sie verstehen sich.
Wie sich Ratko Mladić da einfügen wird: Man weiß es noch nicht. Wie alle hat er in seiner bequemen Zelle Anspruch auf die Zuschaltung von TV-Satellitensendern seiner Wahl, auch solchen vom Balkan. Er kann ankreuzen, ob er morgens zum Frühstück Marmelade oder Honig will - wohl keine schwere Entscheidung für Mladić, den ewigen Imker.
Im Augenblick beschränkt er seine Sozialkontakte auf ein Minimum, hält sich von den gemeinsamen Spielabenden fern, will an seiner Verteidigung feilen. Die Ironie wird ihm nicht entgangen sein, dass wieder einmal ein Deutscher in sein Schicksal hineinpfuscht: Christoph Flügge, 64, Ex-Justiz-Staatssekretär aus Berlin, ist einer der Richter in dem Verfahren.
Der mutmaßliche Massenmörder mit dem Hang zur Familie empfängt derzeit nur Frau und Sohn. Vielleicht aber wird er, wenn die Einsamkeit in der Zelle in ihm hochkriecht, die Mithäftlinge zu einer Runde Schiffeversenken auffordern. Und sie alle von der Karte radieren, die kroatischen Kreuzer, die slowenischen Kampfschiffe und vor allem diese besonders lästigen bosnisch-muslimischen U-Boote. Er wird siegen wollen, es ihnen allen zeigen, er, Ratko der Rächer, der große Menschenversenker.
An die Bienenvölker wird der Angeklagte Mladić wohl auch häufiger denken. Und an Ana. Seine Königin, die den Stachel gegen sich selbst gerichtet hat. Und gegen ihn, den Übervater. ◆
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 36/2011
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VÖLKERMORD:
Der Menschenversenker

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