05.09.2011

EXTREMSPORTFledermäuse im Sturzflug

Das Schweizer Dorf Lauterbrunnen ist zur Pilgerstätte für Basejumper geworden. In der Hochsaison stürzen sich dort im Minutentakt Springer von den Felswänden - und immer wieder gibt es Tote.
Bevor Dominik Loyen, 43, in den Abgrund springt, setzt er seine Sonnenbrille auf. Der Basejumper aus Deutschland steht am Rand einer 800 Meter hohen Felswand im Berner Oberland. Unten im Tal liegt das Dorf Lauterbrunnen. Der Himmel ist klar, in der Ferne funkeln Gletscher. Loyen macht zwei schnelle Schritte nach vorn und stürzt sich in die Tiefe.
Er rauscht, Kopf voraus, knapp an einem Felsvorsprung vorbei. Nach 18 Sekunden im freiem Fall, rund 150 Meter über dem Boden, zieht Loyen den Fallschirm. Kurz darauf landet der Springer weich auf einer Wiese im Tal.
Basejumping ist eine Variante des Fallschirmspringens, ein Sekundenkick für Adrenalinjunkies. Basejumper hechten nicht aus Flugzeugen, sondern von Hochhäusern oder Brücken. Wer wirklich das Gefühl vom Fliegen haben will, kommt nach Lauterbrunnen.
Das Dorf ist das Dorado für Basejumper. Gigantische Felswände ragen hier bis zu 1100 Meter senkrecht empor. Aus aller Welt kommen Extremsportler, um sich den ultimativen Kick zu holen. Rund 15 000 Absprünge gab es vergangenes Jahr in Lauterbrunnen.
Viele Einheimische sind allerdings nicht glücklich über die Besucher. 28 Base- jumper sind in Lauterbrunnen bereits umgekommen. Im Juni stürzte beispielsweise ein Springer aus Frankreich in den Tod. Sein Fallschirm hatte sich nicht geöffnet. Die Leute im Ort sehen in den Basejumpern eine Plage des Himmels.
Dominik Loyen stammt aus Viersen am Niederrhein, er lebt seit sechs Jahren in Lauterbrunnen. In Deutschland braucht er für jeden Sprung eine Genehmigung, Absprungstellen und Landeplätze müssen freigegeben sein. In der Schweiz sind keine Behördenstempel nötig. "Jeder ist für sich selbst verantwortlich, die Klippen gehören allen", sagt Loyen. Er liebt den Moment kurz vor dem Absprung. "Jedes Haar stellt sich auf, der Körper sträubt sich gegen das, was der Kopf will. Wenn man es schafft, in dieser extremen Situation die Kontrolle zu behalten, gibt einem das einen Kick, man fühlt sich überlegen, groß", sagt Loyen.
Im Sommer ist Hochsaison für die Basejumper in Lauterbrunnen. An der Touristeninformation hängt ein Plakat mit einem Hinweis für sie. "Respect your limits" steht darauf: "Respektiert eure Grenzen". Schon frühmorgens marschieren die Sportler, bepackt mit Rucksack, Helm und Fallschirm, zur Talstadion der Seilbahn. Eine Gondel bringt die Basejumper hinauf zu den Bergdörfern Mürren und Winteregg. Nach einer kurzen Wanderung gelangen die Springer zu den Absprungstellen, den sogenannten Exits. Sie haben Namen wie "Nose", "High Ultimate" oder "Via Ferrata".
Manche Basejumper tragen "Wingsuits", Ganzkörperanzüge mit Stoffflächen unter den Armen und zwischen den Beinen. Die Spezialkluft verleiht den Springern im Flug Vortrieb. Mit ausgebreiteten Armen schießen sie im Sturzflug ins Tal, sie sehen aus wie Fledermäuse. Wegen der Luftströmung entsteht ein Geräusch, ein feines Rauschen, das klingt wie ein weit entferntes Düsenflugzeug.
Jeder in Lauterbrunnen kennt diesen Ton. Die Wand, von der die Basejumper springen, grenzt unmittelbar an das Dorf. Bei gutem Wetter sieht man Batman im Minutentakt auf den Ort zufliegen.
Gleich neben der Gondelstation liegt die Grundschule Stechelberg. Auch von hier aus hat man einen guten Blick auf die Wand. Anfang Juli feierten die Schüler ihr Jahresabschlussfest. Es gab eine Theatervorführung, später wurde auf dem Fußballplatz ein kleines Buffet aufgebaut. Es war ein Tag mit stahlblauem Himmel. Basejumper-Wetter. Immer wieder waren die Fluggeräusche der Springer zu hören - und einmal ein gellender Schrei.
"Wir sahen, wie ein Springer ein paarmal gegen den Fels knallte. Am Ende ist der Mann leblos in einem Waldstück am Hang liegengeblieben", erzählt Rahel Charrois. Die Lehrerin ist heute noch fassungslos.
Charrois sagt, sie habe noch kein Jahr ohne Unfälle erlebt. 2009 musste eine Klasse bei einer Fahrradtour miterleben, wie sich ein Basejumper in den Tod stürzte. Der Preis für den Nervenkitzel sei zu hoch, sagt die Lehrerin: "Wir bringen den Kindern bei, dass es wichtig ist, vorsichtig über die Straße zu gehen. Wie sollen wir ihnen gleichzeitig erklären, dass Menschen Basejumping machen?"
Der Unmut im Dorf wächst. Schon seit längerem beschweren sich Bauern über die Basejumper, weil die in ihren Wiesen landen. Aus dem plattgetrampelten Gras können sie kein Heu mehr machen. "Das Schlimmste aber sind die Toten", sagt der Landwirt Mathias Feuz.
Er sitzt in seinem Stall auf einem Schemel. Früher hatte Feuz eine Abmachung mit zwei Basejumpern, sie und ihre Freunde durften auf seinen Feldern landen. Er sei kurz davor gewesen, den Sport zu akzeptieren. Dann sind beide Männer tödlich verunglückt. Insgesamt sieben Unfälle hat Feuz von seinem Hof aus mit ansehen müssen. Er erträgt es nicht mehr. "Ich will nicht, dass weiterhin auf meinem Grund und Boden Menschen sterben", sagt Feuz.
In Lauterbrunnen prallen jetzt die Welten aufeinander. Die Einheimischen im Alpenidyll fühlen sich als Bewohner einer Todeszone. Den Basejumpern geht es einfach nur um den nächsten Adrenalinrausch. Kommende Woche soll im Lauterbrunnental ein Basejump-Weltcup ausgetragen werden.
In der Nähe der Gondelstation haben die Springer ein kleines Camp eingerichtet, das Basehaus. Es ist eine Blockhütte mit Feuerstelle davor. Auf einem Plastikstuhl sitzt Jonathan, ein junger Amerikaner aus Kalifornien. Er hat rot unterlaufene Augen und eine Narbe auf der Stirn. Er wurde erst vor kurzem aus dem Krankenhaus entlassen. Bei einem Sprung in Frankreich war er an einem Baum hängengeblieben. Ein Ast bohrte sich in seinen Unterleib, seine Blase riss. Die Ärzte erklärten ihm, mit einer leeren Blase wäre das nicht passiert. Ab jetzt würde er vor seinen Sprüngen immer pinkeln gehen, sagt Jonathan. Ans Aufhören habe er noch nie gedacht.
Die Basejumper in Lauterbrunnen gehen ein hohes Risiko ein. Wer falsch abspringt, den Wind nicht richtig einschätzt, muss damit rechnen, mit der Wand zu kollidieren. Dann gibt es keine Rettung mehr. In den vergangenen zwölf Monaten stürzten sechs Basejumper in Lauterbrunnen in den Tod. Aber die Gemeinde will das Springen nicht verbieten. Die Region gehört zu den wenigen in der Schweiz, die im Sommer ein besseres Tourismusgeschäft machen als im Winter. Auch wegen der Basejumper.
Peter Wälchli, der Bürgermeister von Lauterbrunnen, sitzt an seinem aufgeräumten Schreibtisch in der Gemeindeverwaltung, ein großer Mann mit rundem Gesicht. "Wir haben hier für unsere Gäste alles, außer dem Meer. Diese Vielfalt möchten wir erhalten und nicht einzelne Sportarten verbieten", sagt Wälchli.
Dann spricht er vom Zivilgesetzbuch und vom Luftfahrtsrecht. Er kennt sich gut aus. Nach jedem Todesfall flammten ja im Ort die Diskussionen auf. Wälchli sagt dann immer: "Die Basejumper bewegen sich im legalen Umfeld, sie verstoßen nicht gegen Gesetze."
Landwirt Feuz gerät in Rage, wenn er seinen Bürgermeister so reden hört. Neulich ist ein Australier verunglückt, er blieb mit dem Schirm in den Seilen der Gondelbahn hängen. Es ist eine Frage der Zeit, bis es zur nächsten Tragödie kommt.
"Die Gemeinde will das Springen nicht verbieten, weil auch ein toter Basejumper noch Geld bringt", schimpft der Bauer. Viele im Ort würden daran verdienen, "der Arzt, die Bergrettung" und auch das Gastgewerbe - "wenn die Angehörigen anreisen", sagt Feuz.
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 36/2011
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