09.11.1998

TERRORISTENBesonders mutige Kämpfer

Die RAF-Sympathisantin Andrea Wolf, die seit drei Jahren für die kurdische PKK focht, wurde in Deutschland und in der Türkei als Staatsfeind gesucht. Sie soll liquidiert worden sein.
Das Leben der Guerrillera mit dem Kampfnamen "Ronahi" endete am 24. Oktober im Südosten der Türkei. Nahe dem Ort Van wurden sie und weitere Kämpfer der kurdischen PKK von türkischen Spezialeinheiten gestellt und beschossen.
Ronahi blieb unverletzt, wurde aber gefangengenommen. Wenig später, so berichten Überlebende ihrer Gruppe und Dorfbewohner, fielen noch einmal Schüsse: Ronahi sei kurzerhand liquidiert worden.
Vom Tod der Kämpferin wurden in Deutschland die Spitzen der Sicherheitsbehörden und sogar die Bundesregierung durch eilige Fernschreiben des Bundeskriminalamtes (BKA) informiert. Denn mit Ronahis "Festnahme und Erschießung" (BKA) starb in den Bergen Kurdistans eine Frau, die auch in Deutschland als Staatsfeind galt - Andrea Wolf, 33.
Die gebürtige Münchnerin wird seit drei Jahren von der Bundesanwaltschaft mit Haftbefehl gesucht. Sie steht im Verdacht, 1993 am letzten großen Auftritt der inzwischen untergegangenen Roten Armee Fraktion beteiligt gewesen zu sein: dem Bombenanschlag auf den Gefängnisneubau im hessischen Weiterstadt, bei dem ein Schaden von 130 Millionen Mark entstand.
Wolf setzte sich in den Nahen Osten ab. Staatsschützer verdächtigten sie, dort der Kopf einer neuen Terroristen-Generation zu sein, die in den Reihen der PKK für die Wiederaufnahme des Kampfes in Deutschland trainiere.
Wolf dürfte nicht das letzte deutsche Kriegsopfer im türkisch-irakischen Grenzgebiet sein. Mindestens ein Dutzend Sympathisanten, möglicherweise weit mehr, dienen immer noch in der "Internationen Brigade" der kurdischen Guerrilla. Alle stammen aus der linken Szene, die meisten Legionäre sind Frauen. Den Kurden gelten sie als besonders mutige Kämpfer.
Spätestens seitdem Ankara im Oktober der syrischen Nachbarrepublik die Zusage abgepreßt hat, den kurdischen Freischärlern nicht länger Zuflucht zu gewähren, leben die PKK-Brigadisten gefährlich. Das türkische Militär sucht mit aller Macht einen Bürgerkrieg zu beenden, der seit 1984 mehr als 30 000 Menschen das Leben gekostet hat.
Sollten die Angaben über die Exekution tatsächlich stimmen, wäre das ein Verstoß gegen alle Regeln, wie mit Gefangenen umzugehen ist - ein kaltblütiger Mord. Dem Auswärtigen Amt scheinen die Aussagen über die Exekution jedenfalls so glaubwürdig, daß Diplomaten unverzüglich in Ankara protestierten. Auch der türkische Gesandte in Bonn wurde einbestellt, lückenlose Aufklärung verlangt.
Wenn sich der Verdacht, Wolf sei hingerichtet worden, zur Gewißheit verdichtet, droht dem ohnehin angespannten deutschtürkischen Verhältnis eine ernste Belastungsprobe. Deutsche Behörden warnten schon mal vor Aktionen der linksextremen Sympathisanten gegen türkische Einrichtungen in der Bundesrepublik.
Die ersten deutschen Freiwilligen meldeten sich Anfang der neunziger Jahre bei den kurdischen Guerrillaeinheiten. Im Hauptlager, im Norden des Irak, bezogen sie gemeinsam mit anderen Europäern ein separates Camp. Kurden-Führer Abdullah Öcalan brüstete sich: "Ich habe hier eine ganze Einheit."
Nach Erkenntnissen der Verfassungsschutzbehörden vermitteln in Deutschland lebende PKK-Kader die Reise in den Krieg. Nach einem Sprachkurs und militärischer Grundausbildung im Libanon müssen die idealistischen Rekruten an die Front.
Der militärische Einsatz der Laien-Krieger gegen die mit deutscher Waffenhilfe hoch gerüstete türkische Armee endet oft genug in einem Fiasko: Eine deutsche Genossin soll im Nordirak bei Kämpfen zwischen rivalisierenden Kurden-Gruppen von einer Granate zerfetzt worden sein, eine andere sich versehentlich selbst in die Luft gesprengt haben. Einer kehrte nach einem halben Jahr Front-Frust wieder nach Hause zurück. Seitdem gilt er als Verräter.
Auch wenn der Kampf der Deutschen nicht gerade kriegsentscheidend ist, schlachtet die PKK die Hilfe der "solidarischen Unterstützerinnen" ordentlich aus. Auch Andrea Wolf trat in einem Propagandastreifen des Kurden-Senders Med-TV auf. Mit Kampfanzug bekleidet, warb sie für den bewaffneten Einsatz: "Auch wenn ein Volk ganz unterdrückt ist, es kann sich befreien."
Mit Wolf posierten zwei weitere deutsche Guerrilleras: Die gelernte Altenpflegerin Eva Juhnke (Kampfname "Kani") wurde im September vom Staatssicherheitsgericht in Van wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 15 Jahren Haft verurteilt (SPIEGEL 39/1998). Zuvor soll sie von türkischen Polizisten mißhandelt worden sein. Von der Hamburger Krankenschwester Vera Heese ("Medya") fehlt seit dem Filmauftritt jede Spur, Staatsschützer halten sie für tot.
Als enger Gefolgsmann von Wolf galt Jörg Ulrich, vor seinem Söldner-Auftritt Mitglied des "Antifaschistischen Plenums" in Braunschweig. Bei einem Feuergefecht wurde er Ende des vergangenen Jahres im Nordirak schwer verletzt und in die Stadt Erbil verschleppt. Wieder genesen, steht er heute unter Hausarrest der Iraker.
Obwohl das Bonner Kanzleramt erreichte, daß Ulrich nach Deutschland zurückkehren dürfte, lehnte der Fanatiker ab: "Ich bin Kämpfer und Kriegsgefangener." Ulrich will sich nur an die PKK überstellen lassen.
Daß die PKK gerade in der Bundesrepublik so viele Kämpfer und Unterstützer findet, ist auch eine Folge des Niedergangs der RAF. Die gewaltbereiten Teile der linksextremen Szene sind auf der Suche nach "einer neuen Perspektive des Kampfes" (Wolf) und nach Anschluß. Das Ringen der Kurden gegen die türkische Regierung liefert einen willkommenen Anlaß, die Desperado-Phantasien auszuleben.
* Nach ihrer Verurteilung in der Türkei im September.
Anfang der achtziger Jahre organisierte Wolf in Frankfurt Hausbesetzungen und unterstützte 1989 die RAF-Gefangenen bei ihrem Hungerstreik. 1992 lernte sie in München den vom Verfassungsschutz in die Szene eingeschleusten Klaus Steinmetz kennen. Die beiden wurden Freunde.
Steinmetz führte die Behörden auf die Spur der RAF-Spitze und ermöglichte im Juni 1993 den Polizeizugriff in Bad Kleinen. Die Top-Terroristin Birgit Hogefeld wurde dabei verhaftet, ihr Begleiter Wolfgang Grams und der Beamte Michael Newrzella starben.
Im Zuge der Ermittlungen geriet V-Mann Steinmetz in Verdacht, von dem RAF-Anschlag in Weiterstadt gewußt zu haben. Auch Wolf, die das Motorrad des Freundes gekauft hatte, kam ins Fadenkreuz der Ermittler: An der Suzuki wurden Spuren des benutzten Sprengstoffs gefunden.
Nach drei Hausdurchsuchungen in ihrer Frankfurter Wohngemeinschaft, in der 16 Erwachsene und zwei Kinder lebten, tauchte Wolf im Juli 1995 aus Angst vor Verhaftung unter, um "aus sicherer Entfernung zu beobachten, was weiter passiert".
Fünf Monate später stellte die Polizei an der deutsch-österreichischen Grenze einen Kurier, der Kassiber aus den Lagern der PKK zu deutschen Linksextremisten transportierte. Auch ein Dossier von Andrea Wolf war darunter.
Offenbar hatte Wolf in den Bergen Kurdistans den Plan für eine Nachfolgeorganisation der RAF skizziert. Sogar einen programmatischen Namen hatte sie schon ausgesucht: "Antiimperialistischer Widerstand - Kein Friede". Wolf war von der PKK begeistert. Die habe es geschafft, von einer "kleinen isolierten Guerrillagruppe zu einer breiten Volksbewegung zu werden". Konsequent entwickelte sie die Idee einer Zusammenarbeit mit der PKK, bei der man "praktische Kampferfahrung" sammeln könne. Das trug Wolf ein zweites Ermittlungsverfahren bei der Bundesanwaltschaft ein - wegen versuchter Gründung einer terroristischen Vereinigung.
Noch immer mühen sich Verfassungsschützer und Staatsanwälte festzustellen, ob eine solche Gruppe tatsächlich existiert. Im Februar wurden in Köln und Hamburg Wohnungen mutmaßlicher Mitglieder und Sympathisanten durchsucht.
Aber seit die Truppen der PKK in die Defensive geraten sind, hat die türkische Armee den deutschen Behörden das Problem auf makabre Weise abgenommen: Die deutschen Weltanschauungskrieger kämpfen im wilden Kurdistan um ihr Leben.
FELIX KURZ, GEORG MASCOLO
* Nach ihrer Verurteilung in der Türkei im September.
Von Kurz, Felix, Mascolo, Georg

DER SPIEGEL 46/1998
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