09.11.1998

ASIENKRISE„Opfer der Amerikaner“

Der japanische Politiker Shintaro Ishihara über die Bankenkrise und die Schuld am ökonomischen Abstieg des Landes
Ishihara, 66, gilt neben dem malaysischen Premier Mohamad Mahathir als prominentester Verfechter asiatischer Werte. Von 1968 bis 1995 gehörte er als Abgeordneter der regierenden LDP dem japanischen Unterhaus an. Im Jahr 1988 kandidierte Ishihara, der zuvor Transportminister war, vergebens für das Amt des Ministerpräsidenten. Derzeit wird der nationalistische Politiker als Anwärter auf den Posten des Gouverneurs von Tokio gehandelt.
SPIEGEL: Herr Ishihara, in Ihrem Buch "Kriegserklärung" fordern Sie die "Befreiung Japans von der finanziellen Versklavung durch die USA". Sind die USA schuld an Japans Abstieg?
Ishihara: Was die Bankenkrise betrifft, hat unser Land schwere Fehler gemacht - kein Zweifel. Kläglich versagt hat vor allem das Finanzministerium. Man stelle sich vor: Dort gibt es höchstens drei Beamte, die sich mit den sogenannten Derivativen - also hochspekulativen Finanzprodukten - auskennen. Wahr ist aber auch, daß wir der globalen Finanzstrategie der Amerikaner zum Opfer gefallen sind.
SPIEGEL: Japans Banken haben acht Jahre Zeit gehabt, ihren Berg an faulen Krediten abzubauen. Nun sollen die Amerikaner schuld sein?
Ishihara: Nicht einmal Ex-Premier Ryutaro Hashimoto wurde von der Bürokratie in das wahre Ausmaß der faulen Kredite eingeweiht. Doch am schlimmsten ist: Japan hat sich von den USA drängen lassen, das bisher behütete Finanzwesen im Zuge des "Big Bang" - der großen Reform - bis zum Jahre 2001 abrupt zu öffnen. Auf diese Weise will das größte Schuldnerland der Welt USA das größte Gläubigerland der Welt Japan unterjochen.
SPIEGEL: Angeschlagene japanische Institute flüchten in Fusionen mit US-Banken. Fällt Japans Finanzsektor am Ende völlig in amerikanische Hände?
Ishihara: Wenn wir uns das gefallen lassen, ja. Im Zuge der Globalisierung der Finanzmärkte und mit der Macht des Dollar bestimmen ja die USA, was als "fair und frei" zu gelten hat. Klar, daß beim Kasino-Kapitalismus die Amerikaner, die früh ihre Finanzmärkte liberalisierten, überlegen sind. Wenn man den profitorientierten "amerikanischen Standard" in Asien einführt, strauchelt unsere Wirtschaft wie eine Konkubine, der die Füße gefesselt sind.
SPIEGEL: Ist es nicht legitim, daß ausländische Investoren durchsichtige Spielregeln verlangen?
Ishihara: Auch ich bin für faire Regeln. Aber daß die Amerikaner nicht fair sind, haben wir doch im November 1997 beim Zusammenbruch von Yamaichi, Japans viertgrößtem Brokerhaus, erlebt: Zuerst verhandelten US-Investmenthäuser wie Merrill Lynch mit Yamaichi über eine Übernahme. Als Yamaichi dann über seine Schulden aufklärte, dachten die Amerikaner sich: Wir können Yamaichi auch billiger schlucken - wir machen es einfach kaputt. Als die US-Rating-Agenturen Standard & Poor's und Moody's Yamaichis Rating senkten, haben sie dessen Untergang besiegelt. Später hat Merrill Lynch dann einen großen Teil des Filialnetzes von Yamaichi öffentlich übernommen. Daß der Chef von Yamaichi, Shohei Nozawa, öffentlich geweint hat, geschah in Wirklichkeit aus purer Verzweiflung über das eiskalte, brutale Vorgehen der Amerikaner.
SPIEGEL: Washington verlangt, Japan solle endlich seine Wirtschaft in Ordnung bringen.
Ishihara: Die Amerikaner geben uns nur Ratschläge, die ihnen selbst nützen. Wir Japaner haben als einzige farbige Rasse einen modernen Staat aufgebaut. Aber Amerika prügelt uns wie einen Vasallen. Unser Premier Keizo Obuchi benimmt sich wie ein Filialleiter der Amerikaner.
SPIEGEL: Dagegen drohen Sie den USA damit, Japan könne seine US-Staatsanleihen, rund 300 Milliarden Dollar, abziehen. Wollen Sie die Weltfinanzen ins Chaos stürzen?
Ishihara: Nein. Aber schon die Drohung mit dem Abzug der US-Anleihen ist für Japan ein wertvoller Trumpf. Irgendwie müssen wir uns ja wehren: Die USA wollen auf dem Weg über die Finanzen in Asien die Führung übernehmen, weil sie in der realen Wirtschaft nicht gegen die japanische Konkurrenz ankommen.
SPIEGEL: Führen Sie die Asienkrise also auf Intrigen der Amerikaner zurück?
Ishihara: Der amerikanische Angriff auf Asien begann nach einer Rede des US-Spekulanten George Soros in Tokio im November 1996. Dabei agierte Soros aber nur als Vorhut der US-Regierung. Als Thailand, Indonesien und Südkorea vor dem Kollaps standen, marschierte der IWF als Besatzungsgruppe der Amerikaner ein. Kurz nach Ausbruch der Krise hat Japan die Bildung eines Asienfonds vorgeschlagen. Doch die USA fürchteten - und zwar zu Recht -, daß ein von Japan finanzierter Fonds bedrohte Firmen in den Tiger-Ländern am Leben erhalten würde, statt sie einfach zu zerstören. Daher hat US-Finanzminister Robert Rubin Japans Vorstoß mit chinesischer Hilfe abgeblockt. Damals ist unsere Regierung eingeknickt, aber künftig dürfen wir vor einer Konfrontation mit den USA nicht zurückschrecken - auch im Interesse der übrigen Ostasiaten.
SPIEGEL: Das klingt sehr uneigennützig. Tatsächlich aber benutzen japanische Firmen ihre Nachbarn bisher als billige Montagestätten.
Ishihara: Firmen wie Toyota denken da schon um. Künftig sollten wir mit Ländern wie Thailand, Malaysia, Indonesien und Südkorea gemeinsame Industrievorhaben verwirklichen.
SPIEGEL: Die Europäer haben einen gemeinsamen Binnenmarkt und bald auch eine gemeinsame Währung.
Ishihara: Um Asien von der Herrschaft des US-Dollar zu befreien, brauchen wir einen Yen-Block. Bisher halten asiatische Länder jeweils nur sieben Prozent an Yen-Reserven; Nippons Banken vergeben dort ihre Kredite überwiegend in Dollar. Das müssen wir ändern.
SPIEGEL: Mit Ihrer Kritik an den Vereinigten Staaten stehen Sie in Japan ziemlich allein. Die meisten japanischen Ökonomen plädieren für eine verstärkte ökonomische Öffnung.
Ishihara: Daß ich nicht allein bin, zeigt schon der erstaunliche Erfolg meines Buches "Kriegserklärung". Innerhalb eines Monats nach Erscheinen sind davon rund 200 000 Stück weggegangen; auf der Bestsellerliste errang es Platz eins.
INTERVIEW: WIELAND WAGNER, TOKIO
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 46/1998
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