09.11.1998

GESCHICHTEAntichrist im Röntgenlicht

Unter Hochsicherheitsbedingungen haben Forscher in Palermo den Sarkophag Friedrichs des Staufers geöffnet. Die rund 750 Jahre alte Mumie ist von giftigen Pilzsporen befallen, der Reichsapfel zerbrochen.
Nur ungern hat sich die Kurie auf die Wiedererweckung ihres einstigen Todfeindes eingelassen. Allenfalls um 35 Zentimeter dürfe der Grabdeckel "Federicos" gelüftet werden, verordnete der Erzbischof von Palermo.
Letzten Montag gingen die Forscher ans Werk. Mit Filtermasken und weißen Overalls bekleidet, schlüpften zwei Mikrobiologen durch eine Druckschleuse ins Innere des blechummantelten Reinraums: acht Quadratmeter keimfreies Gebiet. In der Mitte steht der Porphyrsarg Friedrichs II. von Hohenstaufen (1194 bis 1250).
Punkt 11.45 Uhr wuchtete eine Hydraulik den Aufsatz der Steinkiste empor. Leichentücher wurden sichtbar, braungrau verstaubt wie Kartoffelsäcke. Am Kopfende wölbte sich ein in zwei Teile zerbrochener Reichsapfel.
Was für ein Spektakel haben italienische Forscher da unter dem Blitzgewitter der Presse in der Kathedrale von Palermo angeschoben: Für einen "wissenschaftli-
* Oben: beim Absaugen des Sargmörtels; Fernsehaufnahmen aus der Reinraumzone; unten: Illustration aus Friedrichs Falkenbuch.
chen Eingriff ohne Beispiel" wurde jener "Antichrist" wieder ans Licht geholt, der den Apostolischen Stuhl beinahe hinweggefegt hätte.
Nahezu 40 Jahre lang herrschte der Monarch von Lübeck bis Sizilien, eine furiose Gestalt der abendländischen Geschichte. Der "erste moderne Mensch auf dem Throne", so nannte ihn der Historiker Jacob Burckhardt. Der Kirche galt er als "furchtbarer Gotteslästerer".
Nun steht der Quälgeist wieder im Lichte. Über 747 Jahre hat der Regent in seiner Gruft aus Vulkangestein geruht, bekleidet mit einer roten "Dalmatika" und Stickschuhen aus Seide. Daneben liegt ein verrostetes Schwert. Trotz der langen Liegezeit umflort den Herrscher lebensnahe Frische. "Der Kaiser wurde mumifiziert, seine Haut ist erhalten, die Physiognomie läßt sich gut erkennen", staunte die Projektleiterin Rosalia Varoli Piazza vom Zentralinstitut für Restaurierung in Rom.
Bis Ende letzter Woche wagten sich nur Mikrobiologen in die abgeschirmte Filterzone hinein. Voruntersuchungen ergaben, daß die Mumie von Pilzsporen befallen ist, die Allergien auslösen. Zudem, so die Befürchtung, könnte die Leiche unter Frischluftzufuhr zerbröseln.
Um das zu verhindern, wurde dem Baldachingrab eine Klimaanlage übergestülpt, errichtet von der Jenoptik-Tochter M+W Zander. Die Firma baut sonst Mikrochipfabriken. In der High-Tech-Kammer surren Kühlaggregate, Pumpen treiben staubfreie Luft in den Arbeitsraum.
In diesem "Cleanroom" soll der Tyrann bis Anfang Dezember untersucht werden. Röntgenstrahlen werden den Grabinhalt durchleuchten. Genetiker wollen - für Erbgutanalysen - Knochenproben aus der Mumie bohren.
Das Vorhaben dürfte spannend werden. Den Staufer Friedrich, dem Volksglauben nach in den Ätna entrückt, umranken Geheimnisse. Chroniken zufolge starb der Kaiser an der Ruhr. Oder raffte ihn ein Giftanschlag dahin, wie einige Experten vermuten?
Bereits die ersten Resultate verwirren die Experten. Wie wurde der Tote mumifiziert? Was bedeuten die arabischen Schriftzeichen auf seinem Totengewand? Auch die Krone ist bislang nicht gefunden worden. Barhäuptig ruht der Kopf auf einem Lederkissen.
Schon einmal, 1781, war das Grab geöffnet worden und hatte für Überraschung gesorgt: In dem Sarg liegen zwei weitere Tote. Einer von ihnen, weitgehend verwest, ist in einem Sack vernäht. Die nun angelaufenen Analysen sollen die Identität dieser Personen feststellen.
Das Hauptaugenmerk gilt jedoch Friedrich II., dem "Wandler der Welt". Orientalisches Despotentum haben ihm einige Biographen nachgesagt. Andere verklärten ihn zum Fortschrittsritter und "ersten kritischen Naturforscher": Friedrich schrieb ein Lehrbuch über Falkenjagd, vernähte aus Forscherdrang Vögeln die Augen und experimentierte mit Straußeneiern.
55jährig sank der Titan - mit der Kurie in einen Machtkampf ohnegleichen verkrallt - ins Grab. Kurz danach ist das Geschlecht der Staufer ausgestorben. Das Papsttum triumphierte.
Schon der Start in das Herrscherleben hatte unter schlechten Vorzeichen begonnen. Bereits mit drei Jahren ist der Junge Vollwaise. Papst Innozenz III. übernahm die Vormundschaft. "Unter Verrat und Gefahr in der Nähe von Sarazenen" (Jacob Burckhardt) wuchs der Knabe in Palermo auf.
Diese orientalisch beeinflußte Welt wird den Mann zeitlebens prägen. Wie in einem Traum aus Tausendundeiner Nacht lebt Friedrich später in seinen apulischen Märchenschlössern. Er spricht fließend arabisch. Am teuersten ist ihm ein mechanisches Kunstwerk, das "Goldene Planetarium", ein Geschenk des Sultans von Damaskus.
Doch Friedrich ist auch ein Nordlicht. Der Großvater "Barbarossa" hatte seinen Stammsitz auf dem schwäbischen Berg Hohenstaufen. Als 17jähriger tritt der Enkel sein Erbe an. 1212 wird er in Mainz zum deutschen König gekrönt.
Zu dieser Zeit gilt der Monarch noch als willfähriges Werkzeug des Heiligen Stuhls. "Gehorsam" muß der Jüngling dem Papst schwören, als der ihn im Jahr 1220 zum Kaiser des Römisch-Deutschen Reiches krönt (siehe Karte). Die Fäden in diesem riesigen Imperium zieht die Kurie.
Aber die Marionette macht sich schnell selbständig. Nach acht Jahren im Norden kehrt Friedrich auf seine geliebte Insel zurück und baut Sizilien durch "Massenmord und unendliche Scheußlichkeiten" (Burckhardt) zu seiner Machtbasis aus.
Ein furchterregender Tyrannenstaat entsteht: Der Handel kommt unter staatliche Aufsicht, die Beamtenbürokratie wird gestrafft. Polizeispitzel und eine Ketzerinquisition verwandeln die Untertanen in eine "willenlose, unbewaffnete, im höchsten Grade steuerbare Masse" (Burckhardt). Selbst die Heirat mit Ausländern wird verboten.
Intern, am Kaiserhof in Foggia, herrscht heidnische Lockerheit. Tänzerinnen, Gaukler und Akrobaten unterhalten den Regenten - keine Sauf- und Freßorgien wie sonst im Mittelalter üblich. Auch der Minnesang für die Dame des Hauses fehlt. Friedrichs Frauen schmachten, von Eunuchen bewacht, im Harem.
Privat gibt sich der Monarch sarkastisch, ironisch. Er ist Asket, ißt nur abends und badet - heidnische Unsitte - auch am Sonntag. Arabische Gelehrte umgeben ihn. Von Ibn Sabin will er wissen, ob die Seele unsterblich sei. Auch quält ihn die blasphemische Frage: "Was tun die Engel beständig im Angesicht Gottes?"
Hier blitzen all jene Merkmale auf, die dem Monarchen seine zwiespältige Kontur verleihen. An seinem Hof in Apulien führt Friedrich die Proskynese, den Fußkuß, ein. Zugleich läßt er Gottesurteile verbieten, Folter und Zweikämpfe werden stark eingeschränkt.
Umstritten ist auch sein architektonisches Erbe. Das Jagdschloß Castel del Monte, ein achteckiges Trumm mit abgeplatteten Wehrtürmen, strotzte vor "monumentaler Düsterkeit", wie der Historiker Herbert Nette meint. Andere Kollegen loben die Feste als Ausgeburt "mathematischer Schönheit und Klarheit".
Das Urteil des Papstes indes ist eindeutig. 1227 schlägt er den Kontrahenten, der immer mehr Macht an sich reißt, in Bann. Friedrich leugne die Jungfrauengeburt Marias, heißt es. Zudem würde er einen längst versprochenen Kreuzzug nicht antreten.
Der Exkommunizierte reagiert prompt. Mit einem kleinen Heer überspringt er das Mittelmeer und schwatzt dem Sultan Al-Kamil einen freien Zugang in die Christusstadt ab. In der Grabeskirche krönt er sich zum "König von Jerusalem". Kein Tropfen Blut ist gefallen. Der Vatikan muß den Bann aufheben.
Erstmals im Heiligen Land taucht Friedrichs Idee vom Gottkaisertum auf. Unverfroren setzt er sich mit David und dem Messias gleich - Basis für das später ins Eschatologische aufgeblähte Heilsbrimborium, das diesen Endzeitkaiser umwabert.
Später werden seine Hofschreiber den Gedanken von der Gottesunmittelbarkeit des Kaisertums in pomphaften Formulierungen mit Purpurtinte auf Urkunden kritzeln. Pfaffen haben in dem angestrebten Superstaat, der sich am antiken Imperium Romanum orientiert, nicht viel zu melden.
Auch der Vatikan rüstet ideologisch auf. Innozenz III. hatte die Idee eines "cäsarischen Papsttums" (so der Historiker Ernst Wies) entwickelt. Weltenrichter sei er, dröhnt das greise Oberhaupt: Träger des weltlichen und des geistlichen Schwerts.
Friedrich, jähzornig und eitel, mag die Bevormundung nicht ertragen. Bei seiner Kaiserkrönung in Rom, so bestimmte es das Protokoll, hatte er dem Papst noch den Steigbügel halten müssen. Nun geht er in die Offensive. Von 1230 an bis zu seinem Tod versucht er sein "Heiliges Reich" unter Kontrolle zu bringen. Wo dies gelingt, entsteht eine "Militärdiktatur terroristischen Ausmaßes" (Historiker Wies).
Der Vatikan hält mit allen Tricks dagegen, um den "Samen dieses Babyloniers", wie ein Kardinal formuliert, "zu vernichten". Die Kurie verbündet sich mit dem Lombardischen Bund. Die freigeistigen Stadtstaaten Oberitaliens wollen ihren Nacken nicht beugen. Der Kaiser fährt Katapulte auf und wird - im Jahr 1239 - erneut gebannt.
Der Monarch ist auch militärisch ein Koloß. Seine Kern-Armee besteht aus sarazenischen Kämpfern und deutschen Soldrittern. Mehrfach marschiert Friedrich mit Rammböcken in den Kirchenstaat ein. Der "starrsinnige" Apostel auf dem Stuhl Petri soll den Bann lösen.
Der Papst trotzt der Nötigung: 1244 flieht er nach Lyon. Auf einem eilig einberufenen Konzil läßt er Friedrich absetzen. Der reagiert mit einer wütenden Suada auf die Schmach: "Lange genug war ich Amboß, jetzt bin ich der Hammer."
In dröhnenden Manifesten ist der Zwist auf die Nachwelt gekommen. Die Kurie schmäht den Widersacher als "König der Pestilenz" und "Bestie voller Namen der Lästerung". Friedrich kontert, der Heilige Vater sei ein "Pharisäer, gesalbt mit dem Öle der Bosheit".
Aufgeheizt wird die Debatte durch den apokalyptischen Zeitgeist. Im Jahr 1260, nach einer kurzen Herrschaft des Antichristen, werde die Welt untergehen, hatte der Scholastiker Joachim von Fiore prophezeit. Doch wer war da Antichrist, der Kaiser oder der Papst?
Mitten in diesem Wirrwarr tauchen zu allem Überfluß auch noch die Mongolen in Schlesien auf und schlachten 30 000 Christenkämpfer ab. Die Hysterie ist perfekt.
Der Endkampf zwischen den Weltmächten hat mit gutem Benehmen nichts mehr zu tun: Der Papst schleust gedungene Mörder ins kaiserliche Hauptquartier (1246). Dann versucht er es mit einem Giftanschlag (1249). Der Imperator im Gegenzug hängt Bischöfe auf und vierteilt seine Gegner.
Mitten im Getümmel fesselt eine Darminfektion den Imperator ans Bett. Das Fieber steigt, im Schwall verläßt der Stuhl den Unterleib. Wenige Tage später, am 13. Dezember 1250, stirbt der Staufer.
Was dann geschah, wollen die Wissenschaftler nun rekonstruieren. Offensichtlich wurde der Herrscher nach allen Regeln der Kunst mumifiziert. In seinem Sarkophag herrschen hohe Luftfeuchte und 21 Grad Celsius - schlechte Bedingungen für einen Ötzi-Effekt. Projektchefin Varoli Piazza: "Der Kaiser muß mit einer ausgeklügelten Technik balsamiert worden sein."
Aber wo und wie? Die Experten tippen auf Salerno. An dieser berühmten Heilstätte könnten Ärzte Öle und Natronlaugen gemischt haben, um ihrem Herrn ewiges Leben einzuhauchen. Wie die Rezeptur aussah, sollen nun Hautproben aus dem Leichnam zeigen.
Erst nach der Mumifizierung gelangte der Korpus per Schiff nach Palermo, aufgebahrt in einem Baldachinsarg aus jenen Porphyr-Steinbrüchen, die seit dem 7. Jahrhundert von Arabern kontrolliert wurden.
Ruhe vor den Schwarzkutten hatte der Widersacher aber auch auf seinem Totenbett nicht. Die ersten wissenschaftlichen Resultate aus Palermo deuten auf eine Leichenschändung: "Das Kreuz aus dem Reichsapfel des Monarchen wurde vorsätzlich herausgebrochen", erklärt Projektchefin Varoli Piazza.
Nachdenklich blickt die Forscherin auf das rotschimmernde Grabmal, das nun wie dunkler Kristall unter der Klimakammer aus Blech verborgen liegt: "Auch die bislang nicht aufgefundene Krone könnte von Dieben geraubt worden sein."
Wer mag sie gestohlen haben? Kritiker haben einen Verdacht: Das gute Stück liegt in den Schatzkammern des Vatikans.
MATTHIAS SCHULZ
[Grafiktext]
Herrschaftsgebiete des Staufers Friedrich II. und Friedrichs Gegner
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Herrschaftsgebiete des Staufers Friedrich II. und Friedrichs Gegner
[GrafiktextEnde]
* Oben: beim Absaugen des Sargmörtels; Fernsehaufnahmen aus der Reinraumzone; unten: Illustration aus Friedrichs Falkenbuch.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 46/1998
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