16.11.1998

Die Freiheit ist das Beste

Von Zuber, Helene

Summerhill, einst Pilgerstätte antiautoritärer Pädagogen, hält an den Erziehungsidealen der siebziger Jahre fest.

Natali, 9, spielt Klavier. Beharrlich hackt sie immer dieselbe Folge von Tönen in die Tasten. Carmen, 12, setzt die Melodie von "The Entertainer" über die monotone Begleitung, verliert aber schnell die Lust. Da klimpert Natali allein weiter, einhändig, und legt dazu die Beine auf die Klaviatur - mitsamt den klobigen Turnschuhen.

"Runter mit den Füßen", würde jeder Klavierlehrer brüllen. Aber die Spaßpianistin Natali aus einem Dorf in Rheinland-Pfalz lebt seit drei Jahren im Internat Summerhill im ländlichen County Suffolk, drei Stunden Autofahrt von London entfernt. Wenn einmal pro Woche Klavierstunde stattfindet, geht sie nicht hin.

Sie guckt sich die Griffe von Carmen aus Berlin ab. Die wiederum hat sich den Ragtime von ihrer großen Schwester Janina, 13, zeigen lassen, einer Veteranin der Alternativschule im Osten Englands. Das hochaufgeschossene Mädchen im weinroten Daunenanorak interpretiert ganz leidlich "Für Elise". Daß ein Landsmann den Ohrwurm komponiert hat, weiß sie nicht.

Altersgenossen der Freundinnen zu Hause in Deutschland müssen sich rumkommandieren lassen: "Üb Klavier!" "Hast du deine Hausaufgaben erledigt?" "Wie sieht nur dein Zimmer aus!" Die 57 Kinder aus sieben Ländern zwischen 6 und 17 Jahren jedoch, die in diesem Wintertrimester den heruntergekommenen Klinkerbau, die Wohn- und Klassenbaracken und 5 Hektar Gelände mit Lärm und Chaos füllen, dürfen über ihren Schüleralltag selbst entscheiden.

Vormittags können sie Unterricht in Sprachen, Mathe, Naturwissenschaften, Geschichte, Erdkunde und Kunst nehmen, je nach Alter gestaffelt in drei Klassen. Der Besuch ist freiwillig, Noten, Hausarbeiten, Prüfungen gibt es nicht.

Viele ABC-Schützen und Gymnasiasten in Deutschland - von dort stammt ein Viertel der Internatsinsassen - , England, Frankreich und den USA, besonders die vom Schuldrill verschüchterten Asiaten würden die Summerhillianer glühend um diese Freiheiten beneiden. Aber Selbstbestimmung kann manchmal zur Last werden.

Langeweile plagt die blasse Carmen an diesem sonnigen Novembernachmittag. Einkaufsbummel mit ein paar Großen in der nahe gelegenen Stadt, um ein nabelfreies Top zu kaufen? "Keine Lust." Reiten auf dem Bauernhof der Schulleiterin? "Weiß nicht." Kartenspielen, um Geld natürlich, in der Kantine? "Mal schaun."

"Wenn man später weggeht von Summerhill, wird man sich zurücksehnen", sagt altklug die kleine Natali. Carmen blickt auf die Tennisschuhspitzen und flüstert: "Je länger man hier ist, desto mehr vermißt man die Eltern."

Nichts scheint sich verändert zu haben, seit der Schotte Alexander Sutherland Neill 1927 seine Reformschule gegen die prügelnde Strenge britischer Zuchtanstalten im stillen Städtchen Leiston eröffnete. Der Protestgeneration der 68er galt Neill mit seinen Büchern über antiautoritäre Erziehung als Guru. In Scharen pilgerten angehende Pädagogen aus aller Welt herbei, um die Kinderdemokratie zu bestaunen.

"Keiner ist weise oder gut genug, um den Charakter eines Kindes zu formen", schrieb Neill. Einer Generation, die auf zwei Weltkriege zurückschaut und dennoch drauf und dran sei, einen dritten vom Zaun zu brechen, dürfe man nicht mal "die Charakterbildung einer Ratte" anvertrauen.

In Summerhill sollen die Kinder lernen, sich selbst zu finden, mit ihren Gefühlen zurechtzukommen und mit der Gemeinschaft von Erwachsenen und anderen Kindern in Harmonie zu leben. "Wer den inneren Frieden hat, der hat die Kraft, alles Mögliche anzupacken und zu lernen", doziert Neill-Tochter Zoë Readhead, die seit 1985 Summerhill leitet.

Und aus den meisten Ehemaligen sind tüchtige Bürger geworden. Auf die Karriereleiter begaben sich allerdings die wenigsten. Viele haben kreative Berufe gewählt als Maler, Designer, Fotografen oder Autoren, andere haben sich mit einem Geschäft selbständig gemacht.

Bislang sind genügend Eltern aus aller Welt bereit, etwa 18 000 Mark im Jahr auszugeben, damit ihren Kindern der Schulstreß erspart bleibt.

Für die Englisch-Lehrerin Maureen war Summerhill eine Herausforderung, weil sie jede Stunde voraussetzungslos gestalten mußte. Freilich verdient sie nur halb soviel wie ihre staatlich angestellten Kollegen. Manchmal saß die Kanadierin in leeren Klassenzimmern oder gewährte einem einzigen Lernwilligen Privatunterricht. "Das kann einen auslaugen", gesteht sie. Darum arbeitet sie jetzt als Hausmutter, wäscht Bettzeug, schmust mit den Kleinen, tröstet und berät ihre Schützlinge, wenn sie Kummer haben.

"Niedriges Leistungsniveau" war den Schulinspektoren der konservativen Regierung ständiger Anlaß zu Rügen. Auch die Schulaufsicht des Wirtschaftsfreundes Blair drohte vor einem Jahr mit Schließung, wenn das Internat nicht nachweisen könne, daß seine Zöglinge Fortschritte machen.

Alex, 15, aus Eberbach ist einer der wenigen, die selbst die gestrengen Kontrolleure erfreuen würden. Er verläßt zum Schuljahresende Summerhill, um in Cambridge aufs College zu gehen. Alle nötigen Examina hat der Arztsohn mühelos bestanden - und das, obwohl er schon mit sieben hierherkam.

Die ersten zwei Monate seien "verdammt hart" gewesen, dann hatte er genug von der Sprache aufgeschnappt, um in den Schulversammlungen den Mund aufzumachen. "Die Freiheit", sagt Alex, "ist das Beste hier."

Auf den "meetings" sorgen die Zöglinge selbst dafür, daß Freiheit nicht zur Rücksichtslosigkeit ausartet. Zweimal in der Woche treffen sich Schüler und Personal in der geräumigen Eingangshalle des Haupthauses und machen immer wieder neue Gesetze für ihr Zusammenleben. Jeder hat gleiches Stimmrecht, die Erwachsenen sind in der Minderzahl.

Am Dienstag ahndet das Schultribunal Verstöße gegen die etwa 230 selbstverhängten Regeln: Jeder kann Klagen vor das Plenum bringen, über Mitschüler, die stehlen, hänseln, schlagen, aber auch über nervende Lehrer.

Die Versammlung bespricht die Vorwürfe und stimmt über Strafen ab. So mußten am vergangenen Mittwoch bei strahlendem Wetter vier kleine Missetäter in der Küche Paprika schneiden fürs Abendessen. HELENE ZUBER


DER SPIEGEL 47/1998
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