23.11.1998

Abstieg zum Slum

Drogen, Dreck und Gewalt: Im einstigen Berliner Arbeiterviertel Wedding wächst eine bedrohte Generation heran. Nach dem deutschen Mittelstand zieht auch der türkische fort.
Die Jungs sind noch ganz aufgewühlt. Einer sagt: "Alles Blut, hast du gesehen, die Nase?"
Es war einer dieser geladenen Momente am Billardtisch, in denen es um nichts geht und doch um alles, um Verletzung und Ehre, um Ansehen in der Gruppe. Faustschläge, einer griff zum Stock. Die Betreuer trennten die Kampfhähne. Da war der Sieger schon ermittelt, der große mit dem Palästinensertuch. Er kommt schon länger in den Jugendtreff "Kolsole". Der Verlierer war noch neu.
"In denen steckt viel Aggressivität", sagt der Sozialarbeiter. Eigentlich ist das Haus des Vereins für sportorientierte Jugend- und Sozialarbeit, direkt an der Kreuzung der Soldiner mit der Koloniestraße im Berliner Stadtteil Wedding gelegen, eine Art Schutzraum. Die Wände sind weiß gestrichen, in Glasrahmen hängen Porträtfotos von Kindern und Jugendlichen, es gibt Handwerks- und Internet-Kurse, Klettern, Breakdance. Das Haus soll Jungen und Mädchen vom Kiez eine Chance geben.
Viel mehr als diese eine haben sie nicht. Die Jungen mit den Baseballkappen und den Nike-Turnschuhen sind fast alle Araber und arbeitslos - wenn die Sonder- oder Hauptschule erst mal mit ihnen fertig ist. Sie sind noch laut und ungelenk, stehen unter Strom. Und sie suchen ihren Platz in den alten Schmuddelecken des runderneuerten Wedding.
Im alten Arbeiterbezirk sind Gründerzentren in die Klinkermauern der alten AEG gezogen, bei der Anfang der achtziger Jahre das Licht ausging. Die Werke, in denen die Väter der Ausländer vielleicht noch handlangern konnten, wurden durch Dienstleistungsbetriebe ersetzt.
So gibt den Ausgeschlossenen allein die Clique Selbstbewußtsein. Diese nimmt Mode und Lebensmuster aus Videos von amerikanischen Gangsta-Rappern. Und wenn abends um viertel nach acht die Jugendeinrichtung schließt und sie vor den Hauseingängen lungern, dann genießen sie es ein wenig, daß sie die Nachbarn erschrecken.
Es sind nur zwei Straßen, die sich im lang vergessenen Norden des Wedding kreuzen, nicht weit von dort, wo einmal die Mauer war. Aber sie sind ein Beispiel für die Verwahrlosung eines Wohnquartiers - so wie das dutzendfach in deutschen Großstädten geschieht. Der Soldiner Kiez steht jetzt für Angst und Müll auf dem Gehsteig. Ausländeranteil: 51 Prozent. Der Mittelstand ist geflüchtet, zurück bleiben deutsches Proletariat und kriminelle Jugendbanden.
Ganzen Häuserzeilen wurden in den siebziger Jahren die Fenster vermauert, die Wohnungen dem Verfall überlassen. Die Bewohner wurden in Wohnsilos am Stadtrand umgesiedelt. In die Ruinen zogen Einwanderer ein, vor allem türkische Familien. Sie belebten die Quartiere neu.
In der Koloniestraße erinnert die verlassene Schlachterei Kaplan an diese kurze Blüte. Sie ist verrammelt wie viele andere Läden. Remzi Kaplan, der mit elf Jahren seinem Vater nach Deutschland folgte, hat jetzt einen modernen Schlachtereibetrieb eröffnet - im brandenburgischen Schönwalde. 23 Mitarbeiter liefern von dort Kebabspieße nach ganz Berlin. Kaplan selbst ist ein paar hundert Meter weitergezogen, in eine sanierte Wohnung mit Fahrstuhl und Loft. Ledersofas, Schrankwände - alles glänzt in Weiß. Und der Mittvierziger strahlt die Zufriedenheit des Erfolgreichen aus, der gelassen über seine alte Nachbarschaft hinwegsieht. Er will auch seinen Laden wieder öffnen: mit Geflügel. "Solche Brennpunkte", sagt Kaplan. "finden Sie in jedem Stadtteil."
Daß der Kiez solch ein Brennpunkt geworden ist, weiß seit dem 16. September vergangenen Jahres die ganze Stadt. Da stiegen vier Männer mit Maschinenpistolen aus dem Auto und feuerten ihre Salven ins "Sandalo". Seither ahnen alle, daß es in dem Billardlokal mit blauem Neon und lautem Rap um Drogen gegangen sein könnte, wenn die Männer hinter der Theke verschwanden.
Auch das Lokal gleich um die Ecke wurde schon mehrmals geschlossen, weil dort Heroin über den Tisch gegangen sein soll. "Jetzt verkaufen sie das Zeug im Hof", sagt Carola Schulz, die hier seit 30 Jahren einen Zeitungsladen hat. "Es passiert nicht jeden Tag etwas, aber es ist diese schleichende Veränderung."
Wenn sich morgens Videorecorder auf der Straße stapeln, dann fragt sie nicht mehr, woher die kommen. Und seit die beiden dunkelhaarigen Jugendlichen in ihren Laden stürmten und ihr in den Nacken schlugen, daß sie das Bewußtsein verlor, weiß Carola Schulz, daß das Verbrechen auch vor ihrem bescheidenen Besitz nicht haltmacht. "Früher", erinnert sie sich, "brauchten wir nicht einmal nachts den Laden herunterzulassen."
Das muß die Zeit gewesen sein, als Heinz-Dieter Wottke noch sieben Pferde in einem Stall im Hinterhof hatte. Jetzt hat er schon einmal die Polizei gerufen, weil er in der Nachbarwohnung Schafe blöken hörte. "Die haben die abgeholt und zum Schlachthof gebracht."
Wottke, der den Gasrevolver aus seinen Zeiten als Objektschützer immer bereitliegen hat, ist jetzt selbsternannter Wachmann im Haus. "Dieser ganze Betrug an Vater Staat", schimpft er auf seine Nachbarn, "alle kassieren Sozialhilfe." Schließlich ist das sein Vater Staat, der ihn immer kurzgehalten hat. "Als ich früher einmal stempeln ging, mußte ich mich morgens früh anstellen." Jetzt würde es allen so leicht gemacht. Sie führen neue Autos, mosert er, gemeldet in Jugoslawien, und hätten auch noch einen Lastwagen. Und dann: "5 mieten die Wohnung, 30 sind drin."
Doch Wottke will die Stellung halten, auch wenn der nette türkische Nachbar längst ausgezogen ist: "Der wollte nicht, daß seine Kinder hier aufwachsen."
"Kinder, Mensch wehrt euch doch", ruft Carola Schulz aus ihrem Zeitungsladen manchmal deutschen Schülern zu, wenn sie beobachtet, wie die sich von ein paar kleinen Libanesen einschüchtern lassen, nur weil die Stöcke in den Händen halten. Doch wenn mittags die Schule aus ist, sind nur noch wenige deutsche Schüler auf der Straße. In den Klassen sind sie Vertreter einer Nation unter vielen.
Der Abzug erwerbstätiger Familien mit Kindern ist für den Stadtsoziologen Hartmut Häußermann von der Humboldt-Universität ein klarer Indikator für den Abstieg zum Slum. Wenn sich kein Blumenladen mehr in der Straße finde, sei das ein weiteres Zeichen. "Dann ist Alarm zu geben", sagt Häußermann. Die Konzentration von Stadtbewohnern, die vom Arbeitsmarkt abgekoppelt sind, erzeugt eine Abwärtsspirale.
Die Skrupellosigkeit von Hausbesitzern gibt der Koloniestraße den Rest. Drei Häuser etwa wurden zu Gewerberaum erklärt und kurzfristig vollgestopft mit Familien, die sagten, daß sie aus Bosnien kämen, aber nicht den Namen einer einzigen Stadt dort nennen konnten. Nachbarn glauben, es waren wohl Roma.
Jetzt schiebt Friedrich Hüther, der hier Hausmeister ist, die letzten Müllberge dieser Mieter beiseite. "Die zerschlagenen Scheiben und überall die Scheiße in den Ecken dort, das war schlimm", sagt er. Und die vielen Einkaufswagen, die aufgebrochenen Briefkästen und die Ratten, welche die Müllberge durchwühlten.
Nur "Onkel Ali" in seinem Laden gegenüber schafft noch ein wenig Kiezsolidarität. Auch er tut sich freilich schwerer, seit vor einem Jahr die neue Einkaufsmeile mit 100 Geschäften auf 25 000 Quadratmetern in den modernisierten Teil des Wedding gepflanzt wurde. "Ich habe jetzt am Tag 300 Mark weniger in der Kasse." Der Kaufmannsladen, in dem man auch eine warme Bulette bekommen kann, einen Kaffee oder eine Flasche Schnaps, ist einer der letzten Zufluchtsorte geblieben. "Onkel Ali und die Frau Schulz", sagt eine Rentnerin, "das sind jetzt die einzig netten Leute hier." THOMAS HEISE, KUNO KRUSE
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Kartenausriß Berlin - Lage Wedding
[GrafiktextEnde]
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Kartenausriß Berlin - Lage Wedding
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Von Thomas Heise und Kuno Kruse

DER SPIEGEL 48/1998
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