Von Krach, Wolfgang
Wer als Tourist aus Europa nach Istanbul reist, wird kaum auf die Idee kommen, im "Aden" abzusteigen. Unscheinbar und versteckt liegt der graue Kasten in einer winzigen Seitenstraße im asiatischen Stadtteil Kadiköy, weit ab von den touristischen Sehenswürdigkeiten.
Höllisch laut dröhnt der Lärm vom Stop-and-go-Verkehr des nahe gelegenen Rihtim-Boulevards, in der Luft hängt der penetrante Geruch von Diesel. Eine angenehme Überraschung offenbart das Vier-Sterne-Hotel erst im sechsten Stock. Dort hat man vom Restaurant aus einen traumhaften Panoramablick aufs Marmarameer.
Den konnte vergangene Woche ein besonderer Gast genießen. Er war nicht als Urlauber gekommen, sondern soll nach dem Willen des bayerischen Innenministers Günther Beckstein für immer in der Türkei bleiben: Muhlis A. alias Mehmet, 14, Deutschlands derzeit wohl bekanntester Jugendlicher. Spätestens seit ihn der CSU-Minister am vorvergangenen Samstag wegen der Vielzahl seiner kriminellen Verfehlungen von München aus nach Istanbul hat abschieben lassen, kennt jeder Zeitungsleser und Fernsehzuschauer Muhlis'' Gesicht. Tags zuvor hatte es das Bundesverfassungsgericht abgelehnt, den spektakulären und umstrittenen Schritt durch eine einstweilige Anordnung zu stoppen.
Zusammen mit seiner zwei Jahre älteren Freundin Jasmin K. verbrachte Muhlis mehrere Nächte im "Aden" - für je 90 US-Dollar pro Person und Tag. Wer die Zimmer bezahlt hat, ist unklar.
Fest steht, daß Reporter der "Bild"-Zeitung und des türkischen Massenblattes "Hürriyet" Anfang vergangener Woche kaum einmal von der Seite des jungen Paares wichen. Sie wußten zunächst als einzige, wo Muhlis und Jasmin untergebracht waren, und hielten Kollegen anderer Medien darüber im unklaren. Zeitweise fungierte der "Hürriyet"-Mann gar als Muhlis'' Sprachrohr zur Presse.
Daß Muhlis und Jasmin eine Gegenleistung dafür erhielten, daß sie sich so fürsorglich betreuen ließen, bestreitet "Bild". Das Blatt droht jedem mit Klage, der dies behauptet. Muhlis'' Münchner Anwalt Alexander Eberth sagt, die Kosten für Flug und Unterkunft würden "von dritter Seite" beglichen.
Den Aufenthalt in einem Hotel hält er für "pädagogischen Wahnsinn". Doch habe er, so der Jurist, "keinen Einfluß" mehr auf das, was in Istanbul geschieht.
Wer Einfluß hierauf hat und ob überhaupt jemand das Geschehen im Fall Muhlis steuert, blieb vergangene Woche im dunkeln. In Istanbul spielten sich Szenen aus Absurdistan ab, die zweierlei zeigen: Wie hilflos der deutsche Staat im konkreten Fall reagiert, wenn er mit der beträchtlichen kriminellen Energie eines Jugendlichen mit ausländischem Paß konfrontiert wird - er schiebt ihn einfach ab und exportiert damit das Problem, ohne
* Am 14. November bei der Ankunft in Istanbul (4. v. r.).
es zu lösen -, und wie wenig Sinn eine derartige Aktion macht.
Schon am Abend nach der Ankunft des Lufthansa-Fluges LH 3532, mit dem Muhlis auf dem Atatürk-Airport landet, kommt es zu einer wilden Verfolgungsjagd. Rund zwei Stunden lang rasen deutsche Journalisten der türkischen Polizei hinterher. Am Ende landen sie auf der asiatischen Seite des Bosporus, in Kadiköy. Da liegt das Heim "Hoffnungskinder - Erste-Schritt-Station", wo der in Deutschland geborene und aufgewachsene Muhlis zunächst unterkommen soll. Die Verwandten aus dem Dorf Büyük Yoncali, um hundert Kilometer westlich vom Istanbuler Zentrum, sind - zur Überraschung der Behörden - nicht gekommen.
Das "Hoffnungskinder"-Haus liegt weit abseits vom Stadtteilzentrum Kadiköys. Hier landen die Ärmsten der Armen - obdachlose, meist suchtkranke Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 18 Jahren. "Das hier ist kein Platz für Muhlis", sagt der stellvertretende Heimleiter Serafettin Öztürk. "Unser Haus ist total ungeeignet für ihn." Die Mehrzahl der hier lebenden Kinder seien Klebstoffschnüffler. Natürlich könne man Muhlis ein Dach über dem Kopf bieten, aber angemessen betreuen könne man ihn nicht.
Weil das "Hoffnungskinder"-Haus "kein Gefängnis" ist, wie der Sozialarbeiter zugleich betont, muß Muhlis nur seinen Paß hinterlegen und kann sich sonst frei bewegen. Statt die Nächte in einem der neun Etagenbetten im rund 35 Quadratmeter großen, stickigen Schlafsaal zu verbringen, zieht Muhlis bis Ende vergangener Woche zunächst zu seiner mitgereisten Freundin ins Hotel.
Nur einmal in seinen ersten Istanbuler Tagen, am Montag voriger Woche, kehrt Muhlis zu den "Hoffnungskindern" zurück - und gibt dort Interviews.
Muhlis, der, so sagt er, "seit zwei Tagen keine Minute geschlafen" hat, tritt auf wie ein Medienstar, die Baseballkappe auf dem Kopf, selbstbewußt und herausfordernd. Doch wenn die Kameras abgeschaltet sind, ist zu spüren: Er ist kein 20jähriger Erwachsener, wie er manchmal aussieht, sondern ein 14jähriger Junge - großspurig im Auftreten, aber auch orientierungslos und überfordert.
"Total fertig" sei er, sagt er zu Jasmin, als keine Kamera auf ihn gerichtet ist. Immer wieder suchen seine Augen Halt bei der älteren deutschen Freundin. Sie kann aber nur acht Tage bleiben. Was aus "Mogli", wie sie Muhlis nennt, danach wird, wußte bis Freitag vergangener Woche niemand. Und es scheint auch keinen wirklich zu kümmern - außer den Chef des Musiksenders "Kral TV", der ihm eine Fernsehkarriere angeboten hat.
61 Straftaten hat der Junge laut Polizei verübt. Für keine konnte er belangt werden, weil er noch strafunmündig war. Für seine 62., einen schweren Raub mit Körperverletzung, begangen am 3. Juli, erhielt er dann aber - noch nicht rechtskräftig - ein Jahr Haft ohne Bewährung.
Wegen "gröblicher Verletzung" ihrer Aufsichtspflicht sollten Muhlis'' Eltern, die seit über 30 Jahren unbescholten in Deutschland leben, mit ausgewiesen werden. Doch der Verwaltungsgerichtshof ist dem Innenminister da nicht gefolgt.
"Lieber bin ich in Deutschland im Knast als in der Türkei in Freiheit", sagt Muhlis nun in jedes Mikrofon in Istanbul: "Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ich kenne nix anderes." Seine Taten bereue er. Bei etlichen Opfern habe er sich in Deutschland noch vor der Abschiebung entschuldigt.
Früher hatten seine Opfer Angst vor ihm, nun hat er "Angst vor dem Heim".
Als Alternative gäbe es die Verwandten. Doch die wollen ihn nicht aufnehmen. "Wir können nichts für den Jungen tun", sagt der Bruder von Muhlis'' Mutter, Süleyman Saydam. Zornig steht der frühere Fabrikarbeiter vor seinem Haus in Büyük Yoncali: "Und wenn ihn niemand nimmt, zu mir kommt er trotzdem nicht." Beim anderen Onkel, Ibrahim A., kann Muhlis auch nicht bleiben, weil der nur drei Monate im Jahr in Büyük Yoncali verbringt. Die übrige Zeit lebt der 73jährige Ex-Gastarbeiter in München.
Im Teehaus des Dorfes wird getuschelt, der Militärkommandeur habe Saydam gewarnt, den abgeschobenen Jungen aufzunehmen. Damit sei nur den deutschen Behörden geholfen. Niemand, habe der Kommandeur gesagt, errege sich dann mehr über deren unmenschliche Entscheidung, wenn Muhlis schließlich doch im Kreis der Familie lande.
Die Meinung im Dorf sei klar, bekundet der Zweite Bürgermeister, Metin Aksoy. Muhlis müsse nach Deutschland zurück. Das "Problem Muhlis" sei "in Deutschland entstanden", so Aksoy, "also muß es auch dort gelöst werden". An Muhlis sei "alles deutsch - bis auf seinen Paß". Das dürfe aber nicht dazu führen, daß "ihr das Problem jetzt auf uns abladet".
Für Aksoy, im Hauptberuf früher Lehrer, ist es "in der ganzen Welt anerkannt, daß ein Mensch von der Geburt bis zu seinem 18. Lebensjahr ein Kind ist". Genauso unumstritten sei, "daß ein Kind bei seinen Eltern sein muß". "Warum", fragt er, "soll das für Muhlis nicht gelten?"
WOLFGANG KRACH
DER SPIEGEL 48/1998
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