23.11.1998

AUSBRECHERSchlüssel zur Freiheit

Vier Tage nach seiner Flucht aus dem Potsdamer Knast wurde der angebliche Mafioso und „Erdloch-Mörder“ Sergej Serow in Berlin aufgegriffen. Was bleibt, ist ein Justizskandal.
Um einen Familienstreit geht das hier nicht", erkennt die Verkäuferin Kirstin Bach, 26, als sie kurz vor 15 Uhr nach Hause kommt. Sie fühlt sich eher "wie im Krieg".
In den Innenhof ihres Mietshauses im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg stürmen vermummte Männer in Tarnkleidung, schwere Schilde zum Schutz vor die Körper gestemmt, graugrüne Helme auf den Köpfen. Zwischen lauten Kommandos hört Kirstin Bach plötzlich einen Knall.
In diesem Augenblick haben die Beamten des Sondereinsatzkommandos zwei Blendgranaten in das heruntergekommene Ein-Zimmer-Apartment im Erdgeschoß geworfen, stürmen die Wohnung. Der erwartete Widerstand aber bleibt aus - die überraschte "Zielperson" steht, bekleidet nur mit einem blauen Schlafanzug, gerade im Bad und versucht, sich eine Glatze zu rasieren. Der Mann wird zu Boden geworfen und gefesselt.
Damit ist am vergangenen Mittwoch, 88 Stunden nach seiner Flucht, Deutschlands meistgesuchter Verbrecher wieder hinter Gittern. Der Russe Sergej Serow, 38, hatte vor einem Jahr gemeinsam mit einem Kumpanen den Gastwirtssohn Matthias Hintze, 20, entführt. Hintze starb nach wenigen Tagen in einer Grube, die die beiden Täter in einem Waldstück in der Nähe von Güstrow angelegt hatten - seit seinem Geständnis heißt Serow "Erdloch-Mörder".
Vier Tage vor seiner Festnahme im Prenzlauer Berg war Serow aus der Justizvollzugsanstalt Potsdam einfach abgehauen. Das Echo seiner Flucht wurde gespeist aus einer allzu hartnäckigen Legende. Vier Tage hatte sich die Mär gehalten, ein gefährlicher Russen-Mafioso sei mit Hilfe der Organisation befreit worden und untergetaucht.
Verhaftet aber wurde ein Ausbrecher, der hilflos, frierend und mit nur noch 27,50 Mark in der Tasche rund 40 Kilometer vom Knast entfernt das Mitleid eines ehemaligen Gefangenen geweckt hatte. Und auch die Geschichte des Ausbruchs, so wie sie sich bis zum Freitag abend darstellte, ist eher eine Posse. Sergej Serow ist so etwas wie der Potsdamer Hauptmann von Köpenick - nur daß er nicht ungehindert rein-, sondern rausmarschierte.
Weil das so einfach war, schien in der vergangenen Woche immerhin einer wirklich gefährdet: Brandenburgs Justizminister Hans Otto Bräutigam. Am Mittwoch morgen hatte er Ministerpräsident Manfred Stolpe seinen Rücktritt angeboten, was Stolpe, kaum war Serow gefaßt, prompt ablehnte. Jetzt soll Bräutigam aufklären, warum Brandenburgs Knäste, aus denen in den letzten acht Jahren über 100 Gefangene türmten, kaum sicherer als Sardinenbüchsen sind. Die Flucht des Russen, dem wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge der Prozeß gemacht werden sollte, liefert genug Hinweise.
Als sich am späten Samstag nachmittag hinter ihm die Zellentür schloß, bat Serow darum, am nächsten Tag ausschlafen zu dürfen, er verzichte auch auf das Frühstück. Dem Beamten kam der Wunsch unverdächtig vor, Serow galt als unproblematisch.
Zwar war der Russe als "ausbruchsgefährdet" eingestuft, doch der handwerklich Begabte durfte schon bald nach seiner Einlieferung als Hausarbeiter wirken. Serow erhielt die Erlaubnis, sich relativ frei in der Potsdamer Justizvollzugsanstalt zu bewegen, was er auch weidlich ausnutzte. Zweimal täglich zog es ihn unter die Brause. Heute weiß man, warum: Die Duschräume liegen direkt unter dem Gefängnisdach, und dort befindet sich auch die Luke, aus der sich Serow schließlich abseilte.
Als der Schließer gegangen ist, zieht sich Serow eine beige Stoffhose und ein kariertes Hemd an. Aus einem Versteck holt er zwei Schlüssel, die er sich aus einer Plastik-Klobrille geschnitzt hat. Damit kann er die Klappe öffnen, durch die das Essen gereicht wird, seine Zellentür, die Gittertür im Flur und die Tür zur Kleiderkammer.
Serow öffnet die Luke, greift hindurch und schließt seine Zellentür auf. Es ist gegen 22.30 Uhr, als er auf dem Korridor steht und Richtung Dachboden läuft. Zwei vergitterte Türen auf dem Weg dahin sind unverschlossen. Das sei üblich, wird später Bräutigam erklären. Offene Türen stellten in der JVA eine "Sicherheitsmaßnahme" dar, "damit die Gefangenen beim Auf- und Zuschließen nicht hören, wo sich die Bediensteten befinden".
Mit sich schleppt Serow ein rund fünf Meter langes Seil, das er aus dem Drillich einer zerschnittenen Matratze geflochten hat. Er knotet es fest, zwängt sich durch die geöffnete Dachluke, erreicht die Dachkante und klettert am Seil nach unten.
Das Seil muß Serow in den Wochen vorher produziert haben. Als die Polizei das Gefängnis durchsucht und sogar die Fäkaliengrube überprüft, finden sich nirgendwo Matratzenreste. Kalfaktor Serow, so die Vermutung, hat sie Stück für Stück mit den Essensresten entsorgt.
Jetzt trennt den "Erdloch-Mörder" nur noch eine stacheldrahtbewehrte, knapp drei Meter hohe Mauer von der Freiheit. Er klettert drüber und steht mitten in Potsdam. Das Gefängnis wird eingerahmt von Polizeipräsidium, Innen- und Verkehrsministerium. Es ist kalt und kein Mensch zu sehen, als Serow den Parkplatz des Verkehrsministeriums erreicht.
Serow rüttelt an einem Tor, dann läuft er über den Hof zur Henning-von-Tresckow-Straße. Es ist genau 22.47 Uhr. Die exakte Zeit findet sich später auf einem Überwachungsvideo des Verkehrsministeriums. Etliche Kameras observieren das Gebäude, alle fünf Sekunden wechseln sie die Einstellung. Die Bilder werden auf zwei Monitore übertragen.
Doch der diensthabende Wachmann achtet nicht auf die Bilder, die den Ausbrecher auf der Flucht zeigen. Es sei doch nicht Aufgabe seines Sicherheitsdienstes, die Justizvollzugsanstalt zu überwachen,
* 1997 von den Entführern gemachtes Foto, veröffentlicht durch die Polizei.
erklärt später Ralf Dittrich, der Sprecher des Verkehrsministeriums.
Am Ende des Parkplatzes entdeckt Serow ein offenes Tor, nebenan eine Baustelle. "Betreten verboten", warnt ein Schild. Dann verschwindet Serow in der Dunkelheit.
Womöglich ist er sogar an der zartrosa getünchten bröckeligen Fassade der Polizeiwache vorbeimarschiert. Das Messingschild "Schutzgebiet Potsdam" wird ihn da kaum geschreckt haben. Auf der Havel liegt das Dampfschiff "Sachsenwald", um 23.24 Uhr fährt noch einmal eine Straßenbahn der Linie 92 vom Alten Markt in Richtung Sporthalle. Wie Serow nach Berlin kam, ist unklar. Er sei mit einem Taxi gefahren, erzählte er bei der ersten Vernehmung.
Während Serow sich in Berlin herumtrieb, baute Andreas Schulz - der Anwalt der Familie Hintze und der Familie des verschwundenen Berliner Computerhändlers Alexander Galious, an dessen Entführung Serow auch beteiligt gewesen sein soll - den Flüchtigen mit Presseerklärungen zur Mafia-Größe auf. Organisierte Ganoven hätten, mutmaßte er, den Inhaftierten befreit, um ihn von einer Aussage in dem ungeklärten Entführungsfall abzuhalten.
Aber nur der Lokführer Frank Lesinski, 36, und sein Neffe trafen den "Erdloch-Mörder" in Freiheit. Sie wollen den fröstelnden Entführer wimmernd auf der Straße entdeckt haben. Serow habe erklärt, er sei über die grüne Grenze gekommen. Daraufhin hätten sie ihn in die Wohnung gebeten, ihm ein Mettwurstbrot geschmiert und ihn schlafen lassen. Am nächsten Morgen, auf dem Weg in die Videothek, will Lesinski nach einem Blick in die Zeitung erkannt haben, wem sie da Obdach gaben, er rief die Polizei.
Zweifel an dieser Version kamen vorübergehend auf, als sich herausstellte, daß Lesinski selbst in der DDR und einmal auch nach der Wende eingesessen hat - zuletzt aber nur kurz, als Ersatz für eine Geldstrafe. Überprüfungen ergaben, daß er Serow nie im Knast begegnet sein kann.
So wird aus dem arbeitslosen Lokführer womöglich ein Gastgeber, der den höchsten Übernachtungspreis erzielt, der in Berlin je für ein Bett gezahlt wurde. Um seine Mafia-Theorie zu untermauern, hat Schulz im Auftrag der Galious-Erben eine Belohnung von 300 000 Mark ausgelobt.
WOLFGANG BAYER, THILO THIELKE
[Grafiktext]
Fluchtweg des Häftlings Serow aus dem Postdamer Gefängnis
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Fluchtweg des Häftlings Serow aus dem Postdamer Gefängnis
[GrafiktextEnde]
* 1997 von den Entführern gemachtes Foto, veröffentlicht durch die Polizei.
Von Wolfgang Bayer und Thilo Thielke

DER SPIEGEL 48/1998
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