23.11.1998

VERLAGE„Vielfalt eingeschränkt“

Verleger Gottfried Honnefelder, 52, Chef bei DuMont in Köln, über die Gefahren der geplanten Steuerreform für Buchhandel und Verlage
SPIEGEL: Herr Honnefelder, hat Sie der Plan des Finanzministers überrascht, die Lagerhaltung von Büchern in Zukunft nicht mehr steuerlich zu begünstigen?
Honnefelder: Seitdem der Plan der Bundesregierung bekannt geworden ist, sind alle Buchverleger im Lande alarmiert.
SPIEGEL: Was macht die Sache so brisant?
Honnefelder: Für ein Teilwertabschreibungsverbot gibt es viele gute wirtschaftliche Argumente, doch Buchverlage brauchen ein umfangreiches Lager, wenn sie auch schwierige Bücher für den Leser lieferbar halten wollen. Traditionelle Buchhandlungen sind nach wie vor mit ihrem Sortiment eine Art kollektives Gedächtnis, das nicht mehr funktioniert, wenn man die Lebensbedingungen einzelner Bücher verkürzt. Und um die Backlist lieferbar zu halten, muß ein Lager finanzierbar bleiben.
SPIEGEL: Was würde sonst passieren?
Honnefelder: Die Vielfalt des Buchangebots würde in Deutschland erheblich eingeschränkt werden. Die vollen Regale bescheren dann den Verlegern und Buchhändlern nicht nur wegen der Bilanz nächtliche Alpträume. Wie viele Bücher verramscht oder makuliert werden würden, wenn diese Reform so stattfindet, ist gar nicht auszudenken.
SPIEGEL: Fordert die Buchbranche einen steuerlichen Sonderstatus?
Honnefelder: Lagerhaltung ist ein Wesenszug des Buchgeschäfts. Wenn man die literarische Landschaft auf die schnellverkäuflichen Seller reduziert, wird es zum Beispiel wertvolle Kunstbände, bleibende Klassiker-Ausgaben und wissenschaftliche Grundsatzwerke nicht mehr geben. Solche Bücher sind darauf angelegt, über Jahre lieferbar zu bleiben, und sind auch wirtschaftlich nur unter diesem Aspekt, wenn überhaupt, kalkulierbar. Das geplante Teilwertabschreibungsverbot wäre ein tiefer Einschnitt ins kulturelle System, das bis tief ins Grundgesetz verankert ist.
SPIEGEL: Sind diese Folgen von der neuen Regierung nicht bedacht worden?
Honnefelder: Mir ist dies unverständlich und nur als ein Zeichen von Hektik erklärbar. Doch haben wir mit unserem ehemaligen Kollegen Michael Naumann nun einen erfahrenen Fachmann im Kanzleramt. Deshalb bin ich sicher, daß es darüber noch Gespräche geben wird.

DER SPIEGEL 48/1998
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