12.09.2011

SPD

Die Gezeichneten

Von Hickmann, Christoph

Die möglichen Kanzlerkandidaten Steinbrück, Steinmeier und Gabriel haben noch nie eine Wahl gewonnen. Doch was haben sie aus ihren Niederlagen gemacht?

Für Olaf Scholz ist der Auftritt vorbei, als sich von rechts ein Schatten ins Bild schiebt. Scholz ist Hanseat, Erster Bürgermeister der Stadt Hamburg, eher leise, zurückhaltend, er steht in einer kleinen Gruppe und plaudert, als der Schatten stehen bleibt.

Er gehört zu Peer Steinbrück, Hanseat, Bundestagsabgeordneter, eher laut und eher nicht so zurückhaltend, er kräht: "Stör ich?" Kopfschütteln, gemurmelte Neins. Scholz weiß, was jetzt kommt.

Es ist ein warmer Abend in Berlin, kurz vor der Sommerpause, die SPD-Bundestagsfraktion hat zu einem Fest ins Haus der Kulturen der Welt geladen, Steinbrück übernimmt das Gespräch. Die Gruppe um ihn herum wird schnell größer, es sind vor allem Reporter, sie bilden einen Halbkreis, richten sich auf Steinbrück aus wie Nadeln auf einen Magneten. Scholz steht jetzt am Rand.

Steinbrück scherzt, trinkt, raucht. Steinbrück ist das Ereignis des Abends.

Er sagt, dass er jetzt mal in den Urlaub fahren und ein paar Wochen lang die Klappe halten werde. Ein Reporter bringt ihm ein neues Glas Wein. Er erzählt, welche Bücher er im Urlaub lesen werde. Ein Reporter bringt ihm eine Zigarette, die er eigens außerhalb des Halbkreises besorgt hat. Und eine Reporterin fragt Steinbrück, ob er nicht auch finde, dass die frühen Romane des John le Carré besser seien als die späteren. "Ab-so-lut", näselt Steinbrück. Das ist der Moment, in dem Olaf Scholz sich auf den Heimweg macht.

Scholz hat vor einem halben Jahr bei der Wahl in Hamburg die absolute Mehrheit geholt. Steinbrück hat noch nie eine größere Wahl gewonnen, er hat 2005 Nordrhein-Westfalen an die CDU verloren, nach fast vier Jahrzehnten sozialdemokratischer Regierung.

Scholz ist ein Wahlsieger, Steinbrück ein Wahlverlierer, man merkt davon an diesem Abend nichts. In den kommenden Wochen aber wird davon die Rede sein.

Am nächsten Sonntag wählen die Berliner ihr Abgeordnetenhaus, alles deutet darauf hin, dass Klaus Wowereit nach dieser Wahl weiterhin Regierender Bürgermeister sein wird. Es wäre sein dritter Wahlsieg in Folge, und es gibt in der SPD einige Leute, die den Wahlsonntag kaum abwarten können. Sie wollen der Debatte um die Kanzlerkandidatur endlich eine neue Wendung geben und Wowereit ins Spiel bringen. Ihnen geht es vor allem darum, Steinbrück zu schaden.

Wie man das macht, zeigte in der vergangenen Woche Michael Sommer: Der nächste SPD-Kanzlerkandidat solle möglichst schon mal eine Wahl gewonnen haben, sagte der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Das hat bisher weder Steinbrück geschafft noch die beiden anderen Aspiranten, Parteichef Sigmar Gabriel und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Sie bilden die aktuelle SPD-Troika, und sie alle sind Wahlverlierer.

Jeder von ihnen ist genau einmal als Spitzenkandidat angetreten. Steinbrück hat Nordrhein-Westfalen verloren, das gelobte Land der Sozialdemokratie. Gabriel hat Niedersachsen verloren, das Erbe Gerhard Schröders. Steinmeier hat bei der Bundestagswahl vor zwei Jahren 23 Prozent eingefahren. Danach hieß es, dies sei das Ende der SPD als Volkspartei.

Für einen Kandidaten Wowereit sprechen die Siege. Aber können auch Niederlagen für eine Kandidatur sprechen?

Frank-Walter Steinmeier leidet. Es ist das Ende eines langen Tages in Mecklenburg-Vorpommern, kurz vor der Landtagswahl dort, im Schweriner Seglerheim hat sich die örtliche SPD versammelt, um gemeinsam das Fernsehduell der Spitzenkandidaten anzusehen. Bratwurst, Nackensteak, Kartoffelsalat, Bier.

Steinmeier sitzt in der ersten Reihe und hat Mitleid mit dem Spitzenkandidaten der CDU. Der heißt Lorenz Caffier und ist immerhin Landesinnenminister in der Großen Koalition, wird aber gerade von seinem Chef Erwin Sellering vorgeführt.

Steinmeier zieht einen kleinen Stapel Organspendeausweise aus der Tasche, die er vorhin verteilen wollte. Er fächert sie auf, schiebt sie wieder zurück, auf, zurück. Caffier sieht immer schlechter aus, er greift seinen Chef nicht einmal an, als der mit der Linken kokettiert. Steinmeier sagt leise: "Das tut weh."

Er hat jetzt seinen Autoschlüssel aus der Tasche gezogen, er drückt auf den Knopf, der Schlüssel klappt auf, er biegt ihn zurück, drückt wieder. Klick, klack, klick, klack. Irgendwann sagt er: "Der hat doch gar keine Chance, der andere, ne." Klick, klack. Der Sozialdemokrat Steinmeier sieht dabei fast so traurig aus wie der traurige CDU-Mann Caffier.

Steinmeier weiß, wie das ist, Wahlkampf in einer Großen Koalition zu machen, keine Chance zu haben. Auch er konnte Angela Merkel 2009 nicht richtig angreifen. Seine Themen zogen nicht, am Ende standen die 23 Prozent. Er war nicht irgendein Verlierer. Er war der größte Verlierer aller Zeiten. Und wurde Fraktionschef im Bundestag.

Die Niederlage ist immer noch da, man merkt das in Momenten wie in Schwerin vor der Leinwand, wo er mit dem politischen Gegner leidet. Sie ist zu frisch und war zu heftig, um schon vergessen zu sein, er wird noch oft danach gefragt.

Die Zahl 23 klebt an Steinmeier, doch allmählich löst er sich von ihr. Er spricht vergleichsweise offen über die Zeit nach dem Absturz, er versucht nicht mehr, krampfhaft zu verbergen, wie tief sein Tal war. Er hat das auch nicht mehr nötig.

Steinmeier hat seine Niederlage auf preußische Art verarbeitet. Er hat sich nicht allzu lang in die Depression fallen lassen, sondern angefangen zu arbeiten. Er ist zum Parlamentarier geworden, zum echten Politiker, nach einem Berufsleben in der Administration. Müsste man seine Entwicklung nach der Niederlage in einem Diagramm zusammenfassen, ergäbe sich eine Aufwärtskurve, nicht allzu steil, aber stetig.

Mittwochnachmittag vergangener Woche, Berlin, Friedrich-Ebert-Stiftung, Peer Steinbrück hat mal wieder über die Krise geredet, die Finanzmärkte, die Zukunft. Jetzt hat jemand nach dem neuen Steuerkonzept der SPD gefragt, ein Spitzensteuersatz von 49 Prozent ist vorgesehen, Steinbrück sagt, das sei "absolut vertretbar". Über das Konzept sagt er, es enthalte "richtige Ansätze".

Es klingt, als lobe ein Professor die Arbeit eines mittelmäßig begabten, immerhin fleißigen Seminaristen. Das Konzept ist Gabriels Produkt.

Man muss sich bei Steinbrück immer wieder in Erinnerung rufen, dass er etwas von seiner Partei will: Kanzlerkandidat werden. Bei ihm klingt es immer, als wolle ausschließlich die Partei etwas von ihm. Er findet sich selbst ja ziemlich gut.

Das war schon 2005 so. Als am Wahlabend im Mai feststand, dass die sozialdemokratische Ära in Nordrhein-Westfalen vorbei war, machte sich Steinbrück sehr gefasst auf seine Tour vor die Kameras: Niederlage eingestehen, Verantwortung übernehmen, er war ein guter Verlierer. Es sprach kein gebrochener Mann.

Steinbrück war der Meinung, alles getan zu haben. Wie sollte man das sozialdemokratische Stammland halten, nachdem die SPD ihren Stammwählern die Agenda 2010 hingeknallt hatte? Es waren die Umstände, da waren sich Steinbrück und seine Leute sicher. Er blieb noch für eine Weile Landtagsabgeordneter, las Bücher, hatte Zeit für die Familie, am Ende des Jahres war er Bundesfinanzminister.

Die Niederlage hat nichts mit Steinbrück gemacht, weil er nichts mit sich hat machen lassen. Es gibt viele Menschen, die unter der Last eingeknickt wären, der vorerst letzte SPD-Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen gewesen zu sein. Steinbrück läuft noch heute sehr aufrecht durch die Gegend. Müsste man seine Niederlagenkurve aufmalen, ergäbe sich keine Kurve, sondern eine Gerade.

Goslar, Sigmar Gabriel trägt Sonnenbrille. Er sitzt in seiner Heimatstadt vor einem Café, hat über die SPD geredet und drei Tassen Kaffee getrunken. Jetzt stellt die Bedienung ihm ein Wasser hin.

Gabriel grinst und sagt: "Das hab ich nicht bestellt."

"Du kannst aber nicht nur Kaffee trinken, das ist ungesund."

Ob seine Freundin angerufen habe, fragt Gabriel und grinst noch breiter.

"Nee, da bin ich von allein draufgekommen."

Die beiden kennen sich ganz offensichtlich, am Ende fasst Gabriel die Frau am Arm: "Willst du mich heiraten? Ach nee, du bist ja schon verheiratet." Sie lachen.

Gabriel mag solche Frotzeleien, er will immer ein bisschen balgen, er braucht Reibung, es geht nicht ohne eine Portion Hallodri. Das Problem ist, dass dies auch für die Politik gilt.

Wenn Gabriel einen guten Tag hat, meint er, die Welt gehöre ihm und seinen Ideen. Bremst ihn dann niemand, kann das fatal enden. Deshalb war der Bruch in seinem politischen Leben so entscheidend, jener Februar 2003.

Wie Steinbrück hatte auch er das Amt des Ministerpräsidenten geerbt, von seinem Vorgänger Gerhard Glogowski, der es von Gerhard Schröder geerbt hatte. Und auch bei Gabriel spielten die Umstände eine große Rolle.

In Berlin stolperten SPD und Grüne durch die ersten Monate ihrer zweiten Legislaturperiode, und als Gabriel die Vermögensteuer zu seinem Wahlkampfschlager machen wollte, grätschte Schröder ihm dazwischen: Die werde es unter ihm nicht geben.

Gabriel verlor die Wahl, er war Anfang vierzig, er zweifelte, haderte, wollte raus aus der Politik. Ließ sich überreden, doch den Fraktionsvorsitz im Landtag zu übernehmen, machte ein bisschen Opposition, gründete eine Firma und ließ es wieder bleiben, wurde zum Pop-Beauftragten der SPD gemacht. Das war der Tiefpunkt, man lachte über Gabriel. Erst als Umweltminister erarbeitete er sich wieder Respekt.

Er lernte Ernsthaftigkeit, vier Jahre lang, er war dazu gezwungen. Und er weiß seither ziemlich genau, wie tief man fallen kann. Beides ist gerade bei einem wie ihm wertvoll, auch wenn er seine Lektionen in Ernsthaftigkeit immer wieder vergisst.

Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er ohne die Niederlage nicht mehr in der Politik wäre. Er wäre hoch geflogen und irgendwann abgestürzt, berauscht von sich selbst. In seiner Kurve nach der Niederlage gibt es viele Dellen, sie verläuft wie eine Welle, auf und ab. Immerhin.

Politiker ohne Niederlagen sind nicht gezwungen, mit dem Verlieren umzugehen, daran zu wachsen. Helmut Kohl hat verloren, Willy Brandt brauchte drei Anläufe, bis die Zeit reif war.

Frank-Walter Steinmeier ist gewachsen, Peer Steinbrück hat die Unerschütterlichkeit einer Panzerechse bewiesen, Sigmar Gabriel hat den Dämpfer bekommen, den er brauchte. Sie alle sind auf ihre Weise gezeichnet von der Niederlage. Und dadurch stärker als zuvor. Sie haben verloren, aber sie sind keine Verlierer mehr.

In Berlin hängen seit ein paar Tagen neue Plakate von Klaus Wowereit. Zu sehen ist, ganz klein, das SPD-Logo, ansonsten nur das Gesicht des Bürgermeisters. Es sind die Plakate eines Siegers, er ist die Botschaft, sonst nichts.

In Berlin mag das funktionieren, doch im Grunde ist es eine politische Bankrotterklärung. Es sind die Plakate von einem, dem es ganz gut getan hätte, auch mal zu verlieren.


DER SPIEGEL 37/2011
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