12.09.2011

Beweglicher Grußarm

Ortstermin: In Worms-Pfeddersheim kommen militärische Antiquitäten aus dem Zweiten Weltkrieg unter den Hammer.
Kommt noch was?", fragt Alexander von Renz von seiner Kanzel herunter. Es kommt nichts mehr, sein Hämmerchen geht nieder. Der "SS-Helm, Modell 1935, komplett mit Innenfutter und Kinnriemen" geht für 165 Euro an einen Telefonbieter.
Rund hundert Sammler sind persönlich angereist zur "27. Wormser Militaria-Auktion" in Worms-Pfeddersheim, über 400 Artikel sollen über den Tisch gehen, Orden und Ehrenzeichen, Uniformen, Kopfbedeckungen, Schulterstücke, Waffen, Urkunden, Fotoalben, das meiste aus dem Zweiten Weltkrieg. Militaria-Fans aus der ganzen Welt bieten telefonisch oder schriftlich mit. "Das Hakenkreuz ist da halt immer mit drauf", sagt Renz später mit entschuldigendem Bedauern, "so wie auf allem Preußischen nun mal der Adler drauf ist."
Renz, 41, lebt sein Leben in Verteidigungsstellung. Immer ist da dieser Verdacht. Sobald der Militaria-Händler jemandem erzählt, was er beruflich macht, kommt die Frage zurück, ob er nicht dauernd mit Rechtsradikalen zu tun habe, ob er nicht vielleicht selber einer sei. Hat er aber nicht, sagt er. Ist er schon gar nicht.
Die Leute sammeln nun mal gern. Einer sammelt Batman-Comics, ein anderer Überraschungsei-Figuren und ein Dritter eben Soldatennippes. Bei ihm selbst, sagt Renz, liege es in der Familie, badischer Militäradel, lauter Stabsoffiziere in der Ahnenreihe, der Großvater Truppenarzt in beiden Weltkriegen. Man müsse das trennen, sagt Renz, das Militärhistorische und das Ideologische. Aber wie macht man das? Gibt es eine Schönheit des Löwenkopfsäbels ganz abgesehen vom Heeresadler auf dem Bakelitgriff? Der Säbel geht für 1350 Euro.
Renz' Geschäftspartner Erich Lösch, 54, Gründer des Auktionshauses, kann die Nazi-Frage nicht mehr hören. "Das ist doch hier jedem völlig klar, dass das eine Riesenschandtat war, damals." Er verkaufe historisches Kulturgut. Und mit Kriegsverherrlichung habe er "so was von nichts zu tun". Sein Gebiet ist eigentlich das antike Spielzeug, bunte Modellautos, hübsche Puppen, und im Bereich Eisenbahnen bis Spurbreite 16,5 Millimeter ist sein Haus führend. Der ganze Ärger fing an für Erich Lösch, als er auch Spielzeug aus den dreißiger und vierziger Jahren ins Sortiment aufnahm. Weil er die Sachen nicht wegschmeißen wollte, wenn wieder ein kompletter Nachlass bei ihm eintraf. Vor fast jeder Auktion geht seither eine anonyme Anzeige gegen ihn ein, mehrmals meldete sich der Verfassungsschutz, einmal kam die Polizei und wollte gleich den Laden schließen.
Lösch ist Radikalsammler. Sobald er von etwas drei Stück hat, macht er eine Sammlung auf. Er häuft auch historische Reklameschilder an, Romano-Levi-Grappa-Flaschen, Louis-Vuitton-Taschen. Im Erdgeschoss liegen die Spielsachen aus. Lösch zeigt die Vitrinen mit Soldatenfigürchen, es sind Hunderte, sieben Zentimeter hoch, wie sie die Firmen Lineol und Elastolin bis 1945 herstellten. "Alles, was es in der Wirklichkeit gab, gab es auch als Spielzeug", erklärt Lösch, für die Kinder daheim. Jede erdenkliche militärische Spezies ist zu sehen, da sind Feldpfarrer, Feldbäcker, ein SA-Mann bei der Morgenwäsche sowie sämtliche Führungspersönlichkeiten als Einzelanfertigungen, darunter "Dr. Goebbels in Zivil" oder "SA-Stabschef Ernst Röhm stillgestanden". Zu den Höhepunkten der Auktion gehört ein Paradewagen des Führers, "mit richtiger Kardanwelle", und, so der Katalog, "besetzt mit vier Figuren, dabei A. Hitler mit beweglichem Grußarm (dieser lose)".
Wer will so etwas? Im Publikum finden sich zwar viele Glatzen, aber das ist altersbedingt. Die Sammler reden nicht gern mit der Presse. Und wenn doch, dann nur ohne Namen. Sie wissen, dass ihr Hobby einen schlechten Ruf hat. Ein Herr aus Stuttgart, der seit 30 Jahren sammelt, will seine Kollektion "Eiserne Kreuze" komplett kriegen, er sammelt getrennt nach Herstellern. Ein junges Ehepaar aus dem Raum Bielefeld, sie hochschwanger, hat alte Familienalben gekauft, denn die beiden betreiben zum Geldverdienen einen kleinen Online-Handel mit Weltkriegsfotografien. Das verlange Fingerspitzengefühl bei den Bildbeschreibungen, sagt er. Wo andere "Toter Neger am Baum" drunterschreiben würden, stehe bei ihm "Erhängter Kolonialsoldat".
Nur einer der Käufer lässt sich namentlich zitieren. John Harron, 44, ist Amerikaner und lebt in Wiesbaden. Er sammelt "military stuff" aus Leidenschaft und als Wertanlage, seine Pretiosen schätzt er auf eine halbe Million Euro. Deutsche Militaria erzielen weltweit viel höhere Preise als Armeeantiquitäten anderer Länder. In den vergangenen Jahren sei ein richtiger Boom entstanden, sagt Harron, "alle wollen deutsches Zeug". Das Angebot wächst, weil die Kriegsgeneration definitiv verschwindet und die Speicher geleert werden. Und die Nachfrage wächst, glaubt Harron, weil sich auch in Deutschland langsam eine Wertschätzung entwickle für die militärischen Leistungen der Vergangenheit. "Sie hatten die besten Kommandeure! Die besten Waffen! Überlegene Technologien!" Und die Sache mit dem Nationalsozialismus? Harron wischt mit der Hand durch die Luft. "Hundert Jahre her!" Er rechnet nach. "Beinahe."
Alexander von Renz glaubt nicht an die These vom schwindenden schlechten Gewissen der Deutschen. Das Schuldbewusstsein werde noch Generationen belasten, sagt er, "und zwar zu Recht".
Dass der Markt blüht, das jedoch kann er bestätigen. 410 Posten hat er heute versteigert. Umsatz: 75 000 Euro.
Von Guido Mingels

DER SPIEGEL 37/2011
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