12.09.2011

SPORTWETTEN

Spitzname Scorpion

Von Buschmann, Rafael und Wulzinger, Michael

Der milliardenschwere asiatische Wettmarkt zieht Glücksritter wie Gauner an. Wer die Mechanismen dieser Zockerwelt verstehen will, findet auf den Philippinen Antworten. In Manila sitzen die drei größten Buchmacher - erstmals gewährt einer von ihnen Einblick.

Das RCBC Plaza in Makati, dem Finanzdistrikt der philippinischen Hauptstadt Manila, ist ein Bürohochhaus aus Stahl und Glas, auf dem Dach können Hubschrauber landen. Sicherheitskräfte in Uniform kontrollieren jeden, der durch die Drehtür in die Lob-by eintritt. "Bitte fragen Sie nach dem nächstgelegenen Schließfach für Ihre Feuerwaffen", steht in großen Lettern an der Wand.

Auf das Unternehmen, das im 17. Stock untergebracht ist, weist weder im Erdgeschoss noch in den Hochgeschwindig-keitsfahrstühlen ein Schild hin. Ein fensterloser Gang führt zu einer Tür, die von einer Kamera überwacht wird. Dahinter sitzt eine Firma, deren Umsatz im vori-gen Jahr höher war als der vieler Dax-Konzerne: der Buchmacher IBC, größter Sportwettenanbieter Asiens.

In der Welt des Sports hat der asiatische Wettmarkt einen legendären Ruf. Er ist ein Paradies für Zügellose, er steht für gigantische Einsätze und Umsätze - und er liefert endlose Möglichkeiten zur Betrügerei.

Antworten darauf, wie die Mechanismen dieser Zockerwelt funktionieren, finden sich auf den Philippinen. Denn in Manila sitzen die Wettanbieter, die zwei Drittel der gesamten Branche beherrschen: die Unternehmen IBC, SBO und Singbet.

Wie viel Geld in Asien jährlich mit Sportwetten bewegt wird, lässt sich nur schwer schätzen. Die drei wichtigsten Buchmacher setzen über 100 Milliarden Dollar jährlich um, allein Marktführer IBC kam im vergangenen Jahr auf knapp 45 Milliarden Dollar - fast dreimal so viel wie der Sportartikelkonzern Adidas. Die Umsatzrendite lag bei 0,67 Prozent, der Gewinn demnach bei etwa 300 Millionen Dollar. Netto.

Der Mann, dem die Mehrheit an IBC gehört, hat eine eigene Leibgarde und lebt auf der zu China gehörenden Halbinsel Macao. Paul Phua, Spitzname: "The Shot", der Schuss, hat sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und investiert sein Milliardenvermögen in Bürotürme in Singapur und den Bau von Casinos, der in ganz Südostasien boomt.

Sein Statthalter im IBC-Hauptquartier in Manila heißt Mister Lam. Auch er hat einen Spitznamen: "Scorpion". Den trägt er aus der Zeit, als der Wettanbieter noch verboten war und von der Stadt Miri im malaysischen Teil der Insel Borneo aus operierte.

Lam ist ein schmächtiger Mann um die vierzig, sein genaues Alter verrät er nicht. Er trägt ein verwaschenes T-Shirt und hellblaue Jeans, die an beiden Knien eingerissen sind. Lam spricht schnell und laut, sein Englisch ist nur schwer zu verstehen. Er raucht Kette, Marlboro Lights. Die halbgepafften Kippen versenkt der Skorpion in einem Glas Wasser, das vor ihm auf dem Tisch steht.

Sein Büro ist höchstens sechs Quadratmeter groß. Es bietet Platz für einen Tisch, einen Computer und drei Aquarien, in denen jeweils ein rotschimmernder Fisch schwimmt, ein Asiatischer Gabelbart. Stückpreis: 20 000 Dollar.

Auf den Philippinen heißt es, das teure Tier bringe Glück.

Das Wettgeschäft in Asien ist ein unregulierter, ein wilder Markt. Bei Buchmachern gibt es, anders als in Europa, keine Limits bei den Einsätzen, selbst absurd erscheinende Wetten sind möglich: auf den ersten Einwurf bei einem Zweitligaspiel in Griechenland; auf die Anzahl der Fouls bei einem Erstligaspiel in Litauen; auf die Anzahl der Gelben Karten bei einem Zweitligaspiel in Mazedonien.

Das Kalkül der Wettanbieter: je mehr Umsatz, desto höher ihr Gewinn, wenn sie die Quoten richtig austarieren. So kommt es vor, dass IBC in Manila sonntagmorgens um elf Uhr mitteleuropäischer Zeit Live-Wetten auf ein A-Jugend-Bundesligaspiel in der westfälischen Provinz anbietet.

In vielen Ländern Asiens und Europas sind Sportwetten per Internet verboten, auch der deutsche Glücksspiel-Staatsvertrag untersagt sie. Mister Lam reagiert auf Einwände, seine Gewinne beruhten größtenteils auf illegalen Geschäften, mit einem abschätzigen Blick. "Hören Sie auf damit", antwortet er gereizt, "wir sind keine Hinterhofklitsche im Untergrund, wie uns von den Europäern vorgeworfen wird. Hier läuft alles ganz legal nach philippinischem Recht."

Gleich neben Lams Büro befindet sich die Herzkammer des Unternehmens, der sogenannte Operations Room. Dort sitzen etwa hundert Mitarbeiter, junge Männer und Frauen aus allen Ländern Südostasiens, und starren auf Zahlenkolonnen in ihren Computern. Es sieht aus wie im Handelsraum einer Investmentbank - mit dem Unterschied, dass auf den Fernsehbildschirmen, die an der Decke hängen, keine Börsenkurse flimmern, sondern Fußballspiele aus aller Welt übertragen werden.

Hier kommt Computer-Hightech aus dem indischen Bangalore zum Einsatz. Hier werden die Quoten gemacht, angepasst und überwacht. Hier gehen die Wetten ein. Und hier wird das Geld umgeschlagen, durchschnittlich über 115 Millionen Dollar am Tag.

Vor allem am späten Abend und in den frühen Morgenstunden herrscht Hochbetrieb, wenn in Europa die großen Ligen spielen: Bundesliga, italienische Serie A und spanische Primera División, aber vor allem englische Premier League und Champions League. Allein mit Wetten auf das Finale Manchester United gegen den FC Barcelona Ende Mai setzte IBC über 50 Millionen Dollar um.

IBC ist in der philippinischen Sonderwirtschaftszone Cagayan als Sportwettenanbieter registriert. In die Staatskasse zahlt die Firma lediglich 100 000 Dollar pro Jahr - für die Erneuerung der Lizenz.

Am großen Rad auf dem asiatischen Wettmarkt können von Europa aus nur Profizocker drehen, sogenannte High Roller. Gewöhnliche Glücksspieler, die in Wettbuden an deutschen Fußgängerzonen ihr Geld setzen, kommen nicht zum Zug. Denn wer in Asien zocken will, benötigt einen Wettvermittler, einen "Agenten".

IBC wickelt sein komplettes Geschäft direkt mit etwa hundert dieser Zwischenhändler ab. Sie sitzen verstreut über die ganze Welt: in Thailand, in Indonesien, in Vietnam, in Malaysia, in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien. Dort haben sie ein pyramidales System von Zuträgern, Geldeintreibern und Geldboten aufgebaut. Wer Zugang zur Spitze der Vermittler, den sogenannten Super Agents, bekommen will, braucht ein Entree: die Empfehlung eines anderen Profizockers.

Der wohl einflussreichste Wettvermittler Asiens ist ein Indonesier, der in Singapur und in Jakarta residiert. Sein Vorname ist Paul. Allein IBC verschaffte Paul im vorigen Jahr Wettumsätze von über fünf Milliarden Dollar. Der Super Agent ist ein Mann Anfang sechzig mit einem markanten kahlen Schädel. Er sitzt in einem der brandneuen Casinos von Manila in einem Restaurant, isst Haifischsuppe und trinkt Chardonnay aus Kalifornien.

Zu seinen Kunden gehören auch Glücksritter und Spielsüchtige aus Europa. Seit zwei Jahren arbeitet Paul zum Beispiel mit einer Zockergruppe zusammen, die sich Corner Group nennt. Die Wetter stammen aus Dänemark, über einen Profizocker aus England waren sie mit Paul in Verbindung getreten. Sie setzen bei ihren Spielen ausschließlich darauf, dass es eine Mindestanzahl von Eckbällen gibt. Mit dieser Methode sahnten sie bis zu drei Millionen Euro pro Monat ab. Mittlerweile hat IBC die Quoten nach unten korrigiert.

Paul spricht voller Bewunderung von der Corner Group. Er traf die Männer einmal im thailändischen Ferienort Phuket, sieben Mathematik-, Statistik- und Informatikstudenten, keiner älter als 27. Sie hatten eine komplexe Software entwickelt, mit der sie die Häufigkeit von Eckstößen errechneten.

Wenn Paul die Geschichte der Corner Group erzählt, klingt das wie ein Drehbuch zu einem Film. Weil er Überweisungen auf dem Bankweg verhindern will, um keine unangenehmen Fragen nach der Herkunft des Geldes beantworten zu müssen, bezahlt Paul die Gewinne an die Studenten in bar aus. Die Geldübergabe erfolgt über einen Mittelsmann in Neapel. Den Rückweg treten die Dänen meist im Nachtzug von Rom aus an, im Gepäck Taschen voller Schwarzgeld.

"Das sind smarte Jungs", sagt Paul. Gewiefte Spieler, keine Betrüger. Es ist ihm wichtig, das zu betonen. Denn natürlich sind in seiner Branche eine Menge Gauner unterwegs.

In der Anonymität und Undurchdringlichkeit des asiatischen Zockermarkts gedeiht der Wettbetrug wie ein außer Kontrolle geratenes Virus. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, der Belgier Jacques Rogge, nennt nicht Doping das "größte Übel der Sportwelt", sondern "illegale Sportwetten". Gianni Infantino, der Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union, bezeichnete Wettbetrüger als "das Krebsgeschwür, das wir herausoperieren müssen".

Der Weltfußballverband hat den ehemaligen Interpol-Mann Chris Eaton eingesetzt, um gegen die Wettmafia vorzugehen. Dafür stellte die Fifa 20 Millionen Dollar bereit. Doch es ist ein Kampf an einer unübersichtlichen, unüberschaubaren Front. Wer Freund und wer Feind ist, lässt sich oft nicht unterscheiden.

Im Westen Londons, nicht weit entfernt vom Wembley-Stadion, hat die Firma Samvo Entertainment Limited ihren Sitz im ersten Stock eines neuerrichteten Gebäudes, etwa 300 Quadratmeter Bürofläche. Samvo gilt als einer der renommiertesten Buchmacher und Anbieter von Sportwetten in Europa. Gründer und Direktor Frank Chan, ein Geschäftsmann aus Hongkong, ist bestens vernetzt auf dem asiatischen Zockermarkt. Sein Vater war jahrelang eine große Nummer in der illegalen Wettszene Chinas. Besonders intensiv waren Chans Kontakte zu den Wettgiganten IBC und SBO.

Im November 2009 durchsuchten Beamte der Londoner Polizei gut neun Stunden lang die Geschäftsräume von Samvo, bei der Razzia anwesend war auch ein Ermittler des Polizeipräsidiums Bochum. Die Firma steht im Verdacht, in großem Stil auch als Vermittler verschobener Wetten auf dem asiatischen Markt aktiv gewesen zu sein - und mit den Manipulateuren wie dem deutsch-kroatischen Zockerkönig Ante Sapina gemeinsame Sache gemacht zu haben.

Über ein halbes Jahr lang wertete die Bochumer Polizei die Unterlagen aus. Von August 2008 bis November 2009 soll Samvo demnach bei IBC in Manila im Auftrag Sapinas und seiner Kumpanen Wetten in Höhe von 11,8 Millionen Euro gesetzt, beim Buchmacher SBO für die Bande sogar 15,2 Millionen Euro platziert haben. Der Gewinn: über 1,2 Millionen Euro.

Nach den Erkenntnissen der Ermittler soll die Führungsetage bei Samvo gewusst haben, dass darunter jede Menge manipulierter Spiele waren. Auf die verschobenen Partien habe Samvo sogar auf eigenen Konten bei den großen asiatischen Buchmachern nachgewettet. Die Firma Samvo, die von einer Münchner Anwaltskanzlei vertreten wird, äußerte sich bis Redaktionsschluss nicht zu den Vorwürfen.

Meist standen die Wettbetrüger per Chat mit den Samvo-Leuten in London in Verbindung, wie am Nachmittag des 23. November 2008 lief es häufig. Kurz nach Anpfiff eines Zweitligaspiels in Portugal, so steht es in den Akten, hatte einer der Wettbetrüger aus Österreich 65 000 Euro dar-auf gesetzt, dass mindestens drei Tore fallen würden. "Zur Halbzeit werde ich einen Anruf erhalten", schrieb er dann an einen Samvo-Mann.

20 Minuten später, die zweite Hälfte hatte gerade begonnen, setzte Samvo für den Österreicher weitere 100 000 Euro, diesmal darauf, dass nun mindestens vier Tore fallen würden. Der Zocker frohlockte: "Halleluja!" Das Spiel endete 4:0.

Mister Lam, der Mann, der beim Wettgiganten IBC in Manila das Sagen hat, kennt die Bosse von Samvo persönlich. Er könnte zur Aufklärung beitragen. Doch absolute Verschwiegenheit ist Teil des Geschäfts. Auch die Fifa-Ermittler waren schon bei Lam vorstellig, aber es kam zu keinem Gespräch. "Warum soll ich mit denen reden?", fragt Lam im Nebel seiner Zigarette, "wir sind die Geschädigten, wenn Spiele manipuliert werden - aber die halten doch uns für die Betrüger."

Draußen ist es dunkel geworden. Mister Lam, der Skorpion, ruft einer Assistentin zu, sein Auto solle aus der Tiefgarage vorgefahren werden, er möchte essen gehen. Zehn Minuten später steht der Wagen vor dem RCBC Plaza. Es ist ein weißer Porsche Cayenne. Bevor Lam einsteigt, steckt sein Chauffeur eine Pistole unter sein Sakko. Sie lag im Handschuhfach.

Dann gibt er Gas. Lams Porsche hat ein philippinisches Polizeikennzeichen.


DER SPIEGEL 37/2011
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