30.11.1998

Total normal?

Von Mohr, Reinhard

Der Streit zwischen Martin Walser und Ignatz Bubis wühlt die Nation auf. Ist die Debatte über die "Dauerpräsentation" der Nazi-Verbrechen Auftakt für eine neue deutsche "Normalität" der Berliner Republik? Von Reinhard Mohr

Das ist sie also, die neue deutsche Normalität: Über 53 Jahre nach der Befreiung der letzten Überlebenden von Auschwitz debattieren hochgeachtete liberale Persönlichkeiten plötzlich über die "Instrumentalisierung unserer Schande", über Erinnerung, Gewissen, den Zwang zum Wegschauen und eine "Moralkeule" namens Holocaust, ganz so, als sei Hitlers Terror-Herrschaft eben erst zu Ende gegangen.

Seit Martin Walsers Rede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche am 11. Oktober tobt ein erbitterter öffentlicher Streit über den Umgang mit der jüngeren deutschen Geschichte, dessen Heftigkeit und Leidenschaft eher an 1968 als an 1998 denken läßt.

Ob Walser, Bubis oder Dohnanyi: gekränkte Seelen, verletzte Gefühle, Mißverständnisse allüberall. Und der Ton wird immer gereizter. Zuletzt forderte der hanseatische Sozialdemokrat Klaus von Dohnanyi, Sohn eines hingerichteten NS-Widerstandskämpfers, von Bubis gar "eine Aussprache vor dem vollständigen Zentralrat der Deutschen Juden" mit einem symptomatischen Fehler im Eifer des Gefechts: Der Name der Institution ist "Zentralrat der Juden in Deutschland". Das Gespräch, so entschied das Direktorium des Zentralrats, wird vorerst nicht stattfinden.

Schließlich schaltete sich auch noch Altbundespräsident Richard von Weizsäcker ein: "Der Streit wird gefährlich", mahnte er, äußerte Verständnis für Bubis'' Erregung und erinnerte daran, daß wir "gegen das ungeheuerliche Gewicht des geschehenen Verbrechens" nicht mit einem noch so verständlichen "Schutz unserer Verletzbarkeit" ankämen.

Neben dem Streit um das geplante Holocaust-Mahnmal ist diese, für viele Beobachter überraschend scharfe Auseinandersetzung die erste große Debatte im Vorschein jener "Berliner Republik", die eine neue Epoche in der deutschen Nachkriegsgeschichte einleiten soll. Der erste, paradoxe Befund lautet: Die alten Gespenster kehren zurück. Zugleich hat eine neue Generation die Regierungsmacht in Bonn übernommen, deren Verhältnis zur deutschen Vergangenheit abgeklärter, selbstverständlicher, souveräner zu sein scheint. Bundeskanzler Schröder, wie sein Außenminister Fischer Repräsentant der Revolte-Generation von ''68, artikuliert einen ganz neuen Ton der deutschen Politik, der freilich nicht überall ohne Skepsis aufgenommen wird.

Da wünscht er sich etwa ein Holocaust-Denkmal, "wo man gerne hingeht", spricht von der Verteidigung deutscher Unternehmen gegen "unberechtigte", gleichsam globalisierte Ansprüche ehemaliger KZ-Zwangsarbeiter und bleibt dem Gedenken an den 80. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs in Frankreich "aus Termingründen" fern. Auch sein Antrittsbesuch in Moskau ließ jede historische Sentimentalität, etwa gegenüber der deutschrussischen Tragödie dieses Jahrhunderts, vermissen. Geld brachte er schon gar nicht mit.

Schröders Umgang mit der Geschichte sei "nicht so verzagt", bestätigt Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye. Die europäischen Nachbarn sollten sich daran gewöhnen, "daß Deutschland sich nicht mehr mit dem schlechten Gewissen traktieren läßt". Ist das also schon die neue deutsche Unbefangenheit, der Schröder-Sound einer neuen "Normalität", die sich nicht mehr von "vergangenheitspolitischen Letztbegründungen", so der Soziologe Heinz Bude, fesseln lassen will? Kommt nun das Ende der Demut, Beginn einer "zweiten Befreiung" Deutschlands?

In seiner Regierungserklärung unter dem Motto "Weil wir Deutschlands Kraft vertrauen" sprach der Kanzler vom "Selbstbewußtsein einer erwachsenen Nation, die sich niemandem über-, aber auch niemandem unterlegen fühlen muß", ein Wort, das seinem Vorgänger Kohl, der vor Verdun noch Hand in Hand mit dem französischen Staatspräsidenten der Weltkriegstoten gedacht hatte, von linken Kritikern als böse Verdrängung der Geschichte, als neue deutsche Großmannssucht angekreidet worden wäre.

Verkehrte Welt - nun werden verdächtig konservativ-patriotische Vokabeln wie "Selbstbewußtsein", "erwachsen" und "Nation" von regierenden Alt-68ern zur Definition der "Berliner Republik" in Anspruch genommen, die sie gestern noch den Nationalkonservativen der CDU vom Schlage eines Alfred Dregger um die Ohren gehauen haben. "Die selbstbewußte Nation" - so lautete der damals noch provozierende Titel eines 1994 erschienenen Sammelbandes der "Neuen Rechten" mit Autoren wie Heimo Schwilk, Ernst Nolte und Rainer Zitelmann.

Klingt so jetzt also die Coolness der "Neuen Mitte" ein knappes Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung - nationaler Interessenpragmatismus statt Kohlschem Geschichtspathos und dem moralischen Imperativ des immerwährenden Gedenkens an deutsche Schuld?

Der Streit um die Walser-Rede und Schröders Normalitätsrhetorik - beides markiert jedenfalls das Spannungsfeld deutscher Identität an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Und es kann ja sein, daß die eher zufällige Parallelität der Ereignisse tatsächlich einer höheren Dialektik der Geschichte gehorcht - Möglichkeit für einen neuen Anfang, der aber ohne die erinnernde Bewahrung der alten Schrecken nicht denkbar ist. Ein genaues und immer wieder neues Hinsehen, das jede Art von Fixierung, sei sie negativ oder positiv, überflüssig macht.

So wäre es denn die Chance einer "Berliner Republik", irgendwann wirklich ein "moralisch souveränes Bewußtsein" zu entwickeln, das "weder dem Zwang des Vergessens noch dem Zwang des Erinnerns erliegt", wie Thomas Assheuer in der "Zeit" formulierte.

Erst diese Haltung, die tatsächlich einem aufgeklärten nationalen Gedächtnis nahekäme, würde ein annähernd normales, nicht neurotisches Verhältnis zur jüngeren deutschen Vergangenheit und damit einen freieren Blick in die Zukunft erlauben.

Doch davon sind wir weit entfernt.

Immer noch beherrschen Reiz-Reaktionsmechanismen, Abwehrrituale, wohlfeile Bekenntnisse und dumme Selbstbezichtigungen die öffentliche Diskussion - und das, obwohl die wesentlichen historischen Fakten, jenseits kleiner, unbelehrbarer Minderheiten, völlig unumstritten sind. So schrieb der "Stern" jüngst in fetten Lettern: "Die Deutschen und ihre Vergangenheit - das ist eine Geschichte aus Verdrängung, Hochmut und der Unfähigkeit zu trauern": ein offensichtlich gedankenloser Unfug, der mit der Wirklichkeit der vergangenen Jahrzehnte so gut wie nichts zu tun hat.

Spätestens seit dem Auschwitz-Prozeß 1963 haben sich Millionen Deutsche mit der Nazi-Tyrannei und dem Völkermord an den Juden in oft schmerzhafter Weise auseinandergesetzt. Auch die Revolte von 1968 wäre ohne die scharfe und bittere Anklage gegen die damalige Vätergeneration der Frontsoldaten und Nazi-Mitläufer nicht denkbar gewesen, und selbst die Gründung der terroristischen "Rote Armee Fraktion" (RAF) war noch ein - verheerender - ideologisch bedingter Reflex auf das Trauma des Holocaust und das moralische Versagen einer ganzen Generation.

In seinem Filmepos "Die zweite Heimat" zeigte Regisseur Edgar Reitz in eindrucksvollen Szenen die ganze, manchmal ungerechte Wucht der Attacken gegen die Eltern, die freilich auch eine Reaktion auf die bleierne Verdrängung war, die viele Mütter und Väter zum Selbstschutz aufgebaut hatten.

Niemand kennt die Zahl der familiären Wortgefechte beim Sonntagsbraten zwischen Flensburg und Füssen, die notorischen Szenen der Vater-Sohn- und Mutter-Tochter-Zerwürfnisse überm aufgeschnittenen Rehrücken mit Kartoffelklößen - Millionen kleiner Dramen, in deren Verlauf die "Moralkeule" (Walser) beidseitig und vielhändig eingesetzt wurde: "Was habt ihr damals gemacht? Was habt ihr gesehen? Was habt ihr gewußt? Warum habt ihr geschwiegen?" fragten die einen. "Ihr habt ja keine Ahnung! Ihr habt leicht reden!" antworteten die anderen.

So heillos diese chaotischen Aussprachen meist endeten, so sehr haben sie doch jener mühsamen gegenseitigen Aufklärung gedient, die Deutschland verändert hat.

Der Generationenkonflikt - nicht nur - am Mittagstisch, die Mischung aus Protest und Selbstverteidigung, Lüge und Wahrheit, Gefühl und Härte war Teil jenes unbequemen, aber extrem realitätshaltigen Diskurses, der auf Dauer gegen die Tendenzen zur Verdrängung arbeitete, auch wenn er sie keineswegs besiegte. Oft hat sie sich nur verschoben. Aber er stärkte die Gegenkräfte.

Als 1979 die amerikanische Serie "Holocaust" lief, schwappte eine neue, diesmal stark medienbeeinflußte Woge von Erregung und Debatte durchs Land, die seitdem immer wieder neue Nahrung erhielt: ob durch Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" oder den Historikerstreit über die Vergleichbarkeit von Hitlers Holocaust und Stalins Gulag, durch beeindruckende Fernsehdokumentationen wie "Soldaten für Hitler" (ARD) und "Hitlers Helfer" (ZDF), den Streit über die provozierenden Thesen des Historikers Daniel Jonah Goldhagen ("Hitlers willige Vollstrecker") oder die heftig befehdete Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht - ganz zu schweigen von den unzähligen, mehr oder weniger populärwissenschaftlichen Publikationen über fast sämtliche Aspekte des Geschehens zwischen 1933 und 1945.

In all diesen Jahren schien es, als rückten die Nazi-Verbrechen mit dem zeitlichen Abstand der Jahre immer näher, bedrängend nahe - Vergangenheit, die nicht vergeht. Längst und unvermeidlich war Auschwitz zur Chiffre geworden für den historisch einzigartigen, nahezu industriell vollzogenen Genozid, für das Jahrhundertverbrechen, den Zivilisationsbruch schlechthin. Und für eine nie wieder gutzumachende deutsche Schuld, die unentrinnbare Erbschaft einer Nation und ihrer Elite.

Immer neue Jahres- und Gedenktage erinnern daran. Die Worte der Gedenkredner ähneln und wiederholen sich, ja, sie nutzen sich ab. Da erscheint vieles floskelhaft, wie der Vollzug eines puren Rituals. All die Ermahnungen, ja nicht zu vergessen, was geschehen ist, mögen die Jüngeren abstumpfen, bei den Älteren metaphysische Phantomschmerzen und im übrigen jene "Betroffenheit" auslösen, die wenig kostet, aber viel gute Gesinnung demonstriert.

Auschwitz und der Holocaust, so sagte der Berliner Historiker Heinrich August Winkler, wurden für viele Wohlmeinende und politische Gutmenschen eine Art "negativer Sinnstiftung", eine profane Erlösungsreligion als letzte Utopie ex negativo - andererseits eine billige Münze noch billigerer Vorwürfe gegenüber politischen Gegnern oder sonstwie Andersdenkenden.

An diesem Punkt muß man Walser recht geben: Ja, Auschwitz und der Holocaust sind vielerorts zu wohlfeilen Metaphern plattgeredet worden, zu argumentativem Kleingeld gepreßt. Es stimmt: Manche Intellektuelle versuchen, sich auf die Seite der Opfer der deutschen Geschichte zu schleichen, um als die besseren Deutschen dazustehen. Und es ist richtig, daß der Massenmord an den Juden immer wieder auch "instrumentalisiert" wird, um allerlei Unfug moralisch zu rechtfertigen, zum Beispiel die deutsche Teilung als Strafe für Auschwitz oder jenen deutschen Rassismus von links, der den unreflektierten Selbsthaß in der blinden Liebe alles Fremden und irgendwie Nichtdeutschen aufgehen läßt.

Freilich: Man kann recht haben und doch danebenliegen. Oft ist der Ton entscheidend, Stil, Auftritt und Haltung, auch Ort und Zeit. Schon der Ton war merkwürdig. Walsers Friedenspreisrede kam wie die Offenbarung einer lange gehegten, unterdrückten Mischung aus Meinung und Empfindung daher, fein gesponnen, doch auch verquält verquast, eindeutig und ambivalent zugleich. Keine Spur französischer clarté oder englischer Prägnanz.

Hier sprach ein laokoonhaftes Ich, das scheinbar mit den Ungeheuern der Vergangenheit ringt, Goyas Schreckensbilder im Kopf, höchst gewissenhaft, fast pedantisch ins Innerste schauend, aber auch borniert, selbstbezogen, eitel, dabei triumphal, ein Gewissensriese in Dauernöten: Seht her, hier stehe ich und kann nicht anders!

Er sprach intim fast, sozusagen "zur Seite", doch zugleich in allergrößter Öffentlichkeit, authentisch betroffen, literarisch und politisch in einem Atemzug - ein "performativer Widerspruch" par excellence: Eine intime Beichte als Kapuzinerpredigt mit Fernseh-Live-Übertragung.

Er wollte nur für sich reden und konnte doch sicher sein, vielen, ja der großen Mehrheit nicht nur im Saale geradezu aus der Seele zu sprechen. Der große Beifall gab ihm recht und zeigte: Hier artikuliert sich gewiß keine kleine, tapfere Minderheit gegen den übermächtigen Mainstream politischer Korrektheit, hier bricht sich ein Gefühl Bahn, das nur noch ausgesprochen werden mußte.

Dabei brach Walsers Sonntagsrede Tabus, die längst keine mehr sind: Das Berliner Holocaust-Mahnmal - ein "fußballfeldgroßer Alptraum". Wie oft haben wir das gelesen? Der Historiker Michael Wolffsohn warnt seit langem davor, bei jeder noch so nichtigen Gelegenheit die "Auschwitzkeule" zu schwingen, und die schöne Formel von der "Banalität des Guten", die Walser aus dem Hut zauberte, wurde von dem Hannah-Arendt-Bewunderer Eike Geisel geprägt.

Wenn Walser fast schon kokett mitteilt, immer wieder "wegschauen" zu müssen, und dies auch noch quantifiziert - "bestimmt schon zwanzigmal" -, wenn er bekennt: "Auch im Wegdenken bin ich geübt" und die "Dauerpräsentation unserer Schande" anprangert, dann fragt sich, wer ihn eigentlich mit alldem belästigt dort unten am schilfumrankten Bodensee, wer ihn zwingt und bedrängt - wenn nicht er selbst und sein eigenes Gewissen.

Auch sein Fernsehapparat wird eine Fernbedienung besitzen, und wenn im ZDF Guido Knopps Serie "Hitlers Krieger" läuft, ein Film über Anne Frank oder irgendeine Dokumentation mit alten "Wochenschau"-Bildern aus Bergen-Belsen, dann reicht ein Knopfdruck, um zur satirischen Sat-1-"Wochenshow", "Veronas Welt" oder Rudi Carrells "7 Tage, 7 Köpfe" zu gelangen. Nebenher: Ist hier nicht eher jene Abstumpfung das Problem als schmerzhaft aufwühlende Erinnerung? Und: Wo bleibt bei alldem das intellektuelle Vermögen der Abstraktion, ohne das Verstehen sowieso nicht möglich ist?

Walsers deutsche Klage zeigt: Man kann auch die Individualisierung der Erinnerung und des Gewissens wie der "Schande" zum Ritual der Selbstinszenierung eines großen, fast poetisch leidenden Ich überhöhen, das sich scheinbar vor dem Ansturm des moralischen Trommelfeuers heroisch ducken muß, um sein eigenes Recht, sein Recht auf die Privatheit des Gewissens zu behaupten.

Doch seltsam, all die "Gewissenswarte der Nation", die "Meinungssoldaten", die "mit vorgehaltener Moralpistole den Schriftsteller in den Meinungsdienst nötigen" - sind das nicht eher Figuren aus den siebziger Jahren, als Walser selbst der DKP nahestand und ziemlich genau wußte, wie man Agitation für den Weltfrieden betreibt?

Die heftigen ideologischen Großdebatten jedenfalls sind mit der allmählichen Auflösung der politischen Lager seit 1989 längst auf dem Rückzug, und so nimmt sich auch der historische Augenblick der Walserschen Intervention eigenartig anachronistisch aus. Welche Furien des ritualisierten, zwanghaften Erinnerns an die Nazi-Greuel verfolgen ihn denn in unseren Tagen der selbst-referentiellen Massenmedien, da Verona Feldbusch und Harald Schmidt den fröhlichen Zeitgeist der Nation prägen?

Und wie sieht sie aus, jene "Dauerpräsentation unserer Schande" im Alltag von Martin Walser, in unser aller täglichem Leben zwischen Monica Lewinsky, Saddam Hussein und der rot-grünen Steuerreform?

Auch die vielfältigen Reaktionen auf Walser, ob zustimmend oder ablehnend, lieferten kein Anschauungsmaterial zu seiner These, keine Beweismittel für etwaigen Psychoterror, Hinschauzwang oder Diskursverbote und so auch keine Anhaltspunkte dafür, daß das "Wegschauen" angesichts der "Dauerpräsentation unserer Schande" zur neuen Bürgertugend der "Berliner Republik" erhoben werden müßte.

Selbst entschiedene Walser-Verteidiger wie Klaus von Dohnanyi und Monika Maron wollten nur des Dichters Warnung vor "bequemer Routine" beim Gedenken, vor "ritualisierten Lippenbekenntnissen" und Auschwitz als "Drohgebärde" gehört haben, nicht aber jenen zumindest mißverständlichen Tonfall des Überdrusses an den Bildern der Vergangenheit selbst, die der empfindsamen deutschen Seele zusetzen.

Ist also diese "notwendige Klage eines gewissenhaften nichtjüdischen Deutschen über das schwierige Schicksal, heute ein solcher Deutscher zu sein" (Dohnanyi), mehr als ein halbes Jahrhundert danach nicht auch ein bißchen wehleidig, am Ende eher eine unbewußte Selbstanklage, die den Weg der Freudschen Projektion einschlägt und Bedrängung von draußen vermutet, wo es eigentlich um Selbstbedrängung, um unbewältigte eigene Konflikte geht?

Auch Dohnanyis Stellungnahme in der "FAZ" mutet in diesem Zusammenhang höchst zwiespältig an. Auch er spricht, wenngleich im Ton gelassener, vom "allzu häufigen Versuch anderer, aus unserem Gewissen eigene Vorteile zu schlagen. Es zu mißbrauchen, ja zu manipulieren".

Wen und was meint er damit? Die französische Diplomatie, Englands kommerzielle Fernsehstationen, Hollywood, amerikanische Anwälte von Holocaust-Opfern, holländische Fußballer, die Weltmeinung? Und weiter: Vorteile aus unserem Gewissen? Warum sagt er nicht, welche Vorteile und welche Nachteile er im Auge hat? Lassen wir Deutschen uns tatsächlich manipulieren und mißbrauchen? Wozu, mit welchen Folgen?

Noch ein weiteres befremdet. Dohnanyi schreibt: "Allerdings müßten sich natürlich auch die jüdischen Bürger in Deutschland fragen, ob sie sich so sehr viel tapferer als die meisten anderen Deutschen verhalten hätten, wenn nach 1933 ,nur'' die Behinderten, die Homosexuellen oder die Roma in die Vernichtungslager geschleppt worden wären."

Richtig verstanden: Die wenigen jüdischen Überlebenden des Holocaust und ihre Kinder sollen jetzt auch noch in der deutschen Öffentlichkeit Rechenschaft darüber ablegen, "wie tapfer" sie sich verhalten hätten, wenn ihre Eltern, Großeltern und Geschwister nicht gerade von den Deutschen erschlagen, erschossen und vergast worden wären. Die "taz" kommentierte zynisch böse: "Wie die Juden beim Holocaust beinahe mitgemacht hätten".

De gustibus non est disputandum. Aber keine Frage: Da ist Aggression im Spiel. Und ein Stück Absurdistan im Jahre 1998. Könnte es also sein, daß der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex recht hat, wenn er zum Verhältnis von Tätern und Opfern die polemisch-paradoxe Erklärung liefert: "Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen."

Das trotz aller Bekenntnisse zur historischen Verantwortung immer auch leicht Verdruckste und bloß Angedeutete in der Debatte, all die dunklen Hinweise auf Mißbrauch und Manipulation des deutschen Gewissens markieren den wunden Punkt: die anhaltende tiefe Kränkung jener Generationen von nichtjüdischen Deutschen, die das "Dritte Reich" noch bewußt, als Jugendliche oder junge Erwachsene, erlebt haben.

Da mischen sich Schuldgefühle und Verdrängung, Scham angesichts der Verbrechen und das Gefühl, persönlich völlig unschuldig zu sein, die Unfaßbarkeit des Geschehenen, das Empfinden, immer wieder unter Generalverdacht zu stehen, und der Wunsch, irgendwann einmal davon erlöst zu werden - eine Gemengelage aus objektiven und subjektiven Tatsachen, die wahrscheinlich wirklich nicht zu "bewältigen" ist.

Erst recht nicht für jene Juden, die wie Ignatz Bubis den Holocaust knapp überlebt haben, während die Familie vernichtet wurde. Viele Bücher sind über die Scham der jüdischen Überlebenden geschrieben worden, über die ganz eigene Not, den Schrecken zu verdrängen, das individuelle Leid zu mildern und doch nie davon abzulassen, die Erinnerung an die Schoah wachzuhalten. Man darf unterstellen, daß nicht viele Deutsche die literarischen oder historischen Berichte dieser lebenslangen Verletzung - von Primo Levi bis Ruth Klüger - gelesen haben.

Trotz dieser offensichtlichen und in diesen Tagen wieder spürbaren Unüberbrückbarkeit der biographischen Standorte, Gefühle und Gedanken zwischen Opfern und Tätern und ihren Nachkommen hat gerade der liberale Geschäftsmann Bubis das demokratische Deutschland in aller Welt verteidigt - ganz besonders in jenen prekären Zeiten nach der Wiedervereinigung 1990.

Obwohl sein Haus in Frankfurt am Main bis auf den heutigen Tag rund um die Uhr bewacht werden muß - übrigens genauso wie die Jüdische Schule, das Gemeindehaus und die Synagoge -, hat er selbst im Herbst 1992, als in Deutschland die Asylbewerberheime brannten, die Reife der deutschen Republik gegen Befürchtungen aus den eigenen Reihen verteidigt, man müsse vielleicht schon wieder ans Auswandern denken.

Bubis, der wie viele prominente Juden Tag für Tag antisemitische Drohbriefe erhält, ist, trotz seines überzogenen Urteils über Walsers Rede ("geistige Brandstiftung"), alles andere als ein Eiferer. Im SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 50) sagt er: "Wenn ich nach 1945 nicht verdrängt hätte, was geschehen war, hätte ich Selbstmord begangen. Aber die Geschichte holt einen wieder ein."

Normal jedenfalls ist an alldem gar nichts. Wer damit nicht leben kann, flüchtet in ewige Wahrheiten wie das Talmud-Zitat, das an jedem 9. November aufs neue strapaziert wird: "Das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung."

Auch Ignatz Bubis hat am 9. November diesen Satz gesprochen. Doch nicht alles, was im Talmud steht, ist weise und realitätstauglich. Erinnerung führt nicht automatisch zur Erlösung. Erinnerung kann auch ein Fluch sein, vor allem, wenn Kollektive eine gemeinsame Geschichte haben, an die sie sich verschieden erinnern, wie es zwischen Deutschen und Juden, aber auch zwischen Israelis und Palästinensern der Fall ist. "Denn das Leiden stiftet ein gemeinsames Gedächtnis", schrieb Ulrich Raulff in der "FAZ", "die Schande aber zerstört es."

Während für Bubis allein in der Erinnerung an das Leiden ein Stückchen Erlösung liegt, bedeutet Walsers Erinnerung an die Schande die Fortdauer einer unauflösbaren Spannung. Das Drama kennt kein Happy-End. "Sie sind verletzbar und wollen Ihren Seelenfrieden haben", schrieb

* Mit Staatsminister Günter Verheugen.

Bubis an Dohnanyi. "Damit kann ich nicht dienen."

Und dennoch - es gibt so etwas wie eine langsam wachsende Normalität in Deutschland, auch im Verhältnis zu seiner Vergangenheit. Eine neue Generation der 40- bis 50jährigen repräsentiert sie bereits. Sie stellt die Bundesregierung, sitzt in den Chefredaktionen der großen Medien, leitet Theater, Universitäten, Weltkonzerne.

Sie nimmt tatsächlich, ob sie will oder nicht, und ganz unverdient Kohls "Gnade der späten Geburt" in Anspruch. Und sie dankt dem Himmel, daß sie an keiner Ostfront gekämpft hat, in deren Rücken die Genickschußkommandos der SS-Einsatzgruppen wüteten. Aber: Sie hat sich mit dieser Geschichte immerhin auseinandergesetzt.

Es ist deshalb kein Wunder, daß sie sich jetzt freier, ja souveräner fühlen kann als ihre Vorgänger. Das aber ist nicht zuletzt Folge der öffentlichen Konfrontation mit anderen Haltungen, Erfahrungen, Biographien - Konsequenz jener politischen Auseinandersetzungen, die mit der heute etwas altertümlich klingenden linken These begannen, daß das Politische privat sei und das Private politisch. Aber es stimmt ja: Wenn das Gewissen des einzelnen sich zur Handlung gedrängt sieht, dann muß es auch aus sich herausgehen, sich öffentlich artikulieren, streiten und kämpfen. Genau dies postulierten Rudi Dutschke & Co. an Weihnachten 1967, als sie in der Berliner Gedächtniskirche den Gottesdienst zur Protestveranstaltung gegen den Vietnamkrieg und die Napalmbomben der US-Streitkräfte umfunktionierten.

Trotz der windungsreichen Irrtumsgeschichte der 68er: Da hatten sie recht. Erinnerung und Gewissen sind individuell, aber wenn sie dem Kantischen Imperativ folgen wollen, werden sie Teil der sozialen Gemeinschaft, das Gewissen der Gesellschaft. Ihr Versagen machte die Katastrophe des Nationalsozialismus erst möglich.

Die "Berliner Republik" hat einen - auch ganz unverdienten - Startvorteil: Ihre unmittelbare Vorgeschichte sind 50 Jahre Bundesrepublik, 50 Jahre teils hart umkämpfte demokratische Tradition, die sich mit dem antifaschistischen, aber auch dem antitotalitären Erbe der DDR verbindet. Der neue, 50 Jahre alte Außenminister Joschka Fischer ist nicht zufällig so etwas wie ihr nahezu idealtypischer inoffizieller Repräsentant.

Denn seine Lebensgeschichte voller Brüche und Wendungen ist auch die Geschichte einer Generation, die ihre antiautoritäre Staatsfeindschaft überwunden hat, ohne in autoritäre Staatsgläubigkeit zu verfallen - deren linksradikaler Antifaschismus im Bewußtsein von der Kostbarkeit einer zivilen Gesellschaft aufging.

So hat sie sich auf Ab- und Umwegen die westliche Demokratie angeeignet, hier und da mit neuen, partizipatorischen Elementen angereichert.

Nur von dieser Normalität eines demokratischen Deutschland kann die Rede sein. Doch sie entsteht nicht durch ihre ständige Beschwörung - dies wäre ein Zeichen von Unnormalität -, sondern dadurch, daß das klare Bewußtsein von dem, was war, sich in der Gegenwart ganz selbstverständlich niederschlägt: in der immer wieder gefährdeten Souveränität, zugleich moralisch und vernünftig zu handeln.

"Die Deutschen sind jetzt ein normales Volk, eine gewöhnliche Gesellschaft wie jede andere", sagte der israelische Historiker Saul Friedländer vergangene Woche in seiner Dankesrede zum "Geschwister-Scholl-Preis". Aber: "Ist eine normale Gesellschaft eine Gesellschaft ohne Erinnerung, eine, die sich der Trauer entzieht, eine, die sich von der eigenen Vergangenheit abwendet, um nur noch in Gegenwart und Zukunft zu leben?"

Im besten Falle also wäre der Walser/ Bubis-Streit das schrille Fanal gewesen, das den Übergang in die Berliner Republik begleitet.

* Mit Staatsminister Günter Verheugen.

DER SPIEGEL 49/1998
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