30.11.1998

KINDESTÖTUNG„Es gibt doch nichts Hilfloseres“

Die Schwangerschaft hat sie verschwiegen, das Baby nach der Geburt erwürgt. Kindestötung klingt archaisch, doch immer wieder stehen Frauen deswegen vor Gericht - so wie Monika M., eine dreifache Mutter, die aus Angst vor ihrem Mann zur Täterin wurde.
Die Frau, die ihren leblosen Sohn in einen Bottich legte, ins Wasser zu den schwimmenden Goldfischen, wird Monika M. nie verstehen. Sie wird für sie wohl immer eine Fremde bleiben. Eine Person, die sie ein Leben lang um Vergebung bitten wird, ohne sie jemals zu bekommen.
Monika M. weiß genau, was diese Unbekannte in jener Nacht getan hat. Andere haben es ihr erzählt, jede Kleinigkeit. Sie nahm das Kind, das gerade erst wenige Atemzüge getan hatte, würgte es, preßte es an sich und hüllte es in ein Tuch. So trug sie das Neugeborene die Kellertreppe herunter, wickelte es in die Badematte, die vor der Waschmaschine lag, und tauchte es in die Plastikwanne. Später fand man es dort, tot wie die Fische.
Das Schlimmste für eine Mutter, sagen Mütter, sei es, sein eigenes Kind zu überleben. Auch Monika M. möchte das Ungeheuerliche nicht glauben; aber noch weniger als Christians Tod kann sie fassen, daß sie selbst jene Frau sein soll, die ihn umgebracht hat.
Kindestötung, das wurde lange als besonders grausames Delikt angesehen. Kann man sich ein wehrloseres Opfer vorstellen? Was bringt einen Menschen, der Leben schenken kann, dazu, dieses Leben zu vernichten? In einer Zeit, in der Verhütungsmittel für jeden zu haben sind und für den Notfall das Recht der Abtreibung bleibt?
Kinder sind unschuldig, und Mütter, so will es das Ideal, sollen sie beschützen. Das klingt wie ein Naturgesetz; das Strafrecht unterschied bis vor kurzem die Tötung von nichtehelichen und ehelichen Kindern. Erst im April wurde die mehr als 100 Jahre alte Regelung geändert: Seitdem gilt eine solche Tat gleich nach der Geburt grundsätzlich als "minder schwerer Totschlag" und wird mit ein bis zehn Jahren Gefängnis bestraft.
Nicht nur überforderte Teenagermütter, auch erwachsene Frauen mit scheinbar intakten Familien empfinden ihre Babys als unerträgliche Last. 1997 wurden 24 Fälle von Kindestötung bekannt.
"Es gibt kein größeres Verbrechen", sagt Monika M. Das Gedächtnis hilft ihr, ihre eigene Tat ungeschehen zu machen: Es hat den 23. März 1998 in ein schwarzes Loch verwandelt. Sie hat alles vergessen; die Ärzte mußten ihr sogar sagen, daß es ein Junge war. Ihre Erinnerungen liegen unter der Schuld begraben.
Monika M. ist 35, eine schmale Frau mit einem blassen, ungeschminkten Gesicht und mädchenhaft zurückgesteckten Haaren. Ihr Mann Günther, 37, ist das Gegenteil: klobig, rund und zu laut, um unauffällig zu sein. Er ist Lastwagenfahrer, verdient 4000 Mark. Das reicht kaum, um die Raten für ihr Haus zu bezahlen. Seit zehn Jahren leben sie in dem Dorf bei Euskirchen. Trotzdem hat sie niemanden dort, dem sie sich anvertrauen kann. Ihr Mann sieht es nicht gern, daß sie zu den Nachbarn Kontakt hat.
Irgendwann im sechsten Monat, so sagt sie, habe sie festgestellt, daß sie schwanger war. Diese Erkenntnis traf sie so plötzlich wie der Fußtritt des Babys; bis dahin hatte sie sich keine Gedanken darüber gemacht, warum ihre Periode ausblieb. Vielleicht fiel es ihr deshalb leichter zu glauben, was sie glauben wollte: Auch ihre Familie gab sich mit dem Gedanken zufrieden, sie habe bloß ein bißchen zugenommen. Ihr Mann merkte nichts, ihre Eltern merkten nichts, ihre Schwestern merkten nichts.
Heute wundert sich Monika M., wie sie mit dieser Lüge soweit kommen konnte; noch zwei Tage vor der Geburt hat sie mit ihrem Mann geschlafen, ohne daß ihr Vertuschen aufflog. "Ich frage mich manchmal, hat der wirklich nix gesehen?" flüstert sie. Doch auch sie selbst hat ja die Augen zugemacht, um nicht zu sehen, was unübersehbar war.
Da gab es schon Michael, Florian und sogar "die Kleine". Manuela, die Jüngste, die ihr besonders am Herzen liegt, weil sie auch dieses Kind so lange leugnete, bis sie vor seiner Existenz kapitulieren mußte, vor der Wucht, mit der es in die Welt drängte. Erst als die Wehen sie in die Knie zwangen, bat sie ihren Mann, sie ins Krankenhaus zu fahren. Im Kreißsaal brüllte er nur von Vertrauensbruch, dann verstummte er vor Wut für mehr als eine Woche. Und strafte sie für ihr monatelanges Verschweigen, indem er den Autoschlüssel nicht herausrückte. So konnte sie nicht ins Kran-
* Am Grab ihres Sohnes.
kenhaus fahren, um ihre Tochter im Brut-
kasten anzuschauen.
Ihr Mann fragte nie, warum sie nichts gesagt hat. "Er schiebt so etwas beiseite", vermutet sie. Er glaubt, der Ärger um den Hausbau habe beide so sehr abgelenkt, daß sie vergaßen, miteinander zu reden. Erst der Therapeut und der Richter verlangen, daß Monika M. endlich den Mund aufmacht.
Sie erzählt, stockend wie jemand, der sich von Kindheit an selbst so wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat, bis er daran glaubte, diese nicht wert zu sein. Schon das Recht, sich zu äußern, läßt sie zittern. Doch sie widersteht der alten Versuchung, sich unsichtbar zu machen, und preßt die Worte hervor: Nachdem Florian vor fünf Jahren geboren wurde, hat sie von ihrem Mann immer wieder den Spruch gehört "Wenn du noch ein Kind kriegst, dann schlag'' ich dich tot." Sie nahm die Drohung ernst. Sie kannte seine Anfälle. Sobald er tobte, zog sie sich zurück und nahm sich vor, später in Ruhe mit ihm darüber zu sprechen. Dazu kam es nie.
Günther M., sagt seine Schwägerin vor Gericht, sei ein Mann, "bei dem man immer das Gefühl hat, da kommt nix Freundliches raus". Er selbst gibt zu, seiner Frau mal einen solchen Satz entgegengeschleudert zu haben. "Ich bin ein aufbrausender Typ, der das dann aber gar nicht so meint." Sie seien sich ohnehin einig gewesen, sich nach dem Hauskauf keinen weiteren Nachwuchs leisten zu können, nicht bei Schulden von mehr als 300 000 Mark. Daß seine Frau die Pille nur gelegentlich nahm, weil die so teuer war, darum kümmerte er sich nicht. Das sei ihre Sache, sagte er.
Als Monika M. das Baby in ihrem Leib spürte, hatte allein ein Gedanke Platz: Dies ist mein Ende. Sie tröstete sich mit der Hoffnung, irgendwie werde sich doch noch alles von allein lösen - durch die vielen Tabletten, die Zigaretten, das schwere Tragen und Putzen. Aber die längste Zeit hoffte sie nicht, sondern wartete.
Bis zum letzten Moment. Am 22. März, einem Sonntag, hatte sie gekocht, und danach sahen sie zusammen fern. Mehr Familienglück war nicht drin; ihr Mann verzog sich für gewöhnlich gleich nach dem Essen in die Garage, um an seinen Autos herumzuschrauben. Nachmittags bekam Monika M. plötzlich Schmerzen, die nicht mal nach 20 Thomapyrin verschwanden. Ihrem Mann erzählte sie, sie habe ihre Tage bekommen und fühle sich nicht besonders. Abends konnte sie wegen der Wehen nicht einschlafen; deshalb legte sie sich im Wohnzimmer aufs Sofa.
Das Gericht nimmt an, sie habe das Kind morgens um vier geboren, die Nabelschnur fein säuberlich mit einer Bastelschere durchtrennt und es dann getötet, bevor sie die Leiche im Keller versteckte.
Der Ehemann will, als er um 5.30 Uhr zur Arbeit aufbrach, noch einen Blick auf die Couch geworfen haben: Ihm sei nichts aufgefallen. Ein paar Stunden später bat Monika M. ihren neunjährigen Sohn darum, von der Nachbarin Schmerz- und Kreislaufmittel zu holen. Gegen die starken Blutungen stopfte sie sich Pampers in die Hose. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits zuviel Blut verloren, um sich gegen den Rettungswagen zu wehren, der sie ins Krankenhaus brachte.
Drei Wochen blieb sie in der Psychiatrie, und dort, endlich, begannen die Versuche, sich selbst zu erklären, die Annäherung an diese Fremde, die sie war. Abtreiben konnte sie nicht, "es gibt doch nichts Hilfloseres als so ein kleines Würmchen", sagte sie immer, aber ein lebendes Baby erwürgen, das konnte sie schon, diese seltsame Frau? Sie stellt sich andauernd dieselben Fragen: Warum ist sie nicht einfach weggegangen, zusammen mit den Kindern, und hat ihr eigenes Leben zu leben begonnen? Es hätte sicher einen Weg gegeben. Wenigstens um Hilfe hätte sie bitten können.
Für die im Dorf steht fest, daß sie eine Mörderin ist. Ihr Mann möchte, daß die Ehe irgendwie weitergeht. Ihre beiden Jungen wissen Bescheid. Florian sagt manchmal morgens, wenn seine kleine Schwester gewickelt wird: "Das wäre schön, wenn wir jetzt das Baby hier hätten. Mama, ich weiß, du hättest das auch gerne."
Im psychiatrischen Gutachten heißt es, Monika M. sei im Augenblick der Tat nur vermindert steuerungsfähig gewesen: "Die psychosoziale Belastungssituation" - die Schulden und ihr gleichgültiger Ehemann - hätte zusammen mit der seelischen und körperlichen Erschütterung durch den Geburtsakt zu einer "tiefgreifenden Bewußtseinsstörung" der Angeklagten geführt. Der Psychiater ist überzeugt, daß Monika M. ihr Kind nicht töten wollte: Eine solche Tat sei ihr wesensfremd.
"Wider die Natur" hat sie gehandelt, glaubt auch Monika M. Bloß warum? Mutterliebe ist sofort da, sagt sie, "denn es gibt nix mehr auf der Welt, was man liebt wie seine Kinder - die sind ja in einem entstanden".
Nach der Tat sehnte sie sich danach, noch ein Baby zu bekommen, eines, an dem sie alles wiedergutmachen könnte. Mittlerweile erträgt sie jene Fragen, die jede Mutter quälen, die ihr Kind verloren hat: Hätte der Kleine schon Zähne? Würde er anfangen zu laufen? Wäre er so lebendig wie die anderen drei?
Am Donnerstag vergangener Woche sprach das Bonner Landgericht das Urteil: "Zwei Jahre auf Bewährung". Über den Richterspruch ist sie froh. Weil das Wort "schuldig" nicht länger nur durch ihren Kopf kreist, sondern endlich in einer Akte steht. ANUSCHKA ROSHANI
* Am Grab ihres Sohnes.
Von Anuschka Roshani

DER SPIEGEL 49/1998
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