30.11.1998

RAUSCHGIFTPositiv enthemmt

Cannabis entwickelt sich zur vermeintlichen Wunderwaffe im Leistungssport. Jetzt rücken Mediziner den Kiffern zu Leibe.
Der Laborbericht brachte zunächst den erwarteten Befund: Mit einschlägigen Wachstumshormonen, Erythropoietin (Epo) und Corticoiden, das ergab jüngst das Testergebnis französischer Ermittler, hatten sich Fahrer des niederländischen TVM-Teams während der Tour de France in Fahrt gebracht.
Doch dann stießen die Pharma-Fahnder auf einen unerwarteten Stoff: Die Haaranalyse eines Fahrers förderte die Einnahme einer Substanz ans Licht, die bislang eher in Szene-Kneipen und auf Partys zum Einsatz kam, aber nicht an den Berghängen der Pyrenäen: Der Mann hatte Cannabis intus.
Der Fund bestätigt eine Tendenz, die Experten mit wachsender Beunruhigung beobachten: In den sechziger Jahren schluckten Leistungssportler Amphetamine, später peppten zusätzlich Muskelmastpräparate, systematisch eingenommen und injiziert, den Athletenkörper. Nun beginnt die Zunft auch noch zu kiffen.
Die stark duftenden Rauschmittel Haschisch und Marihuana, gewonnen aus der Hanfpflanze Cannabis sativa und bevorzugt verabreicht in Form eines "Joints" oder auch als Pfeifchen, finden Anwendung quer durch alle Disziplinen.
Zeitgleich mit dem Testergebnis von TVM wurden in den USA zwei Schwimmer wegen Cannabisgenusses gesperrt. Der Eishockey-Profi Christan Pouget von Adler Mannheim war wegen des gleichen Vergehens kurzzeitig suspendiert. Und in Frankreich geriet wegen des Rauschmittels vor zwei Jahren fast der Sportbetrieb außer Kontrolle: In 85 Dopingproben hatten Kontrolleure den Zauberstoff gefunden. Besonders bei Fußballprofis, zeigten die Untersuchungen, waren Haschisch und Marihuana beliebt. Zu den Ertappten gehörten auch die Torhüter Fabien Barthez und Bernard Lama, die in diesem Jahr mit der französischen Nationalmannschaft Weltmeister wurden.
Bislang taten sich Dopingexperten schwer, die Rauchzeichen zu deuten. Die Frage nämlich ist: Welche Wirkung wollen Sportler mit der Kifferei erzielen?
Abgesehen von einem aphrodisierenden Effekt, den Cannabis in Verbindung mit Damiana-Blättern ("joints for sex") haben soll, ist der Konsum für Sportler eher leistungsbremsend. Der Hauptwirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC), das haben wissenschaftliche Tests erwiesen, beeinflußt das Großhirn und verursacht eine "kontemplative Stimmung bei apathischer Antriebslage". Oder anders: Der Proband ist wie benebelt.
Vereine und Verbände behandelten den Griff zur betörenden Droge lange als exzessives Freizeitverhalten fehlgeleiteter Athleten. Als 1996 bei den Ski-Weltmeisterschaften in der Sierra Nevada die Dopingprobe der Siegerin im Abfahrtslauf, Piccabo Street, Spuren von THC aufwies, wurde um den Fall, auch im Hinblick auf drohenden Imageschaden, kein Aufhebens gemacht.
Allmählich jedoch kommen die Mediziner dem Modedope auf die Schliche: Ein kleiner Joint zum rechten Zeitpunkt, so die neueste These, mache durchaus Sinn.
Richtig dosiert, so weiß Dopinganalytiker Wilhelm Schänzer, Leiter des Biochemischen Instituts der Sporthochschule Köln, helfen Marihuana oder Haschisch zum einen bei der Bewältigung eines anstrengenden Trainings- oder Wettkampftages. Störende Nachwirkungen wie etwa bei großzügiger Zufuhr von Alkohol braucht der Athlet nicht zu fürchten. Nach zwei bis drei Stunden ist der tranceartige Zustand verflogen: "Man ist einfach nur relaxter."
Zum anderen steigert der Konsum von Cannabis die Risikofreudigkeit. "Die sedative Wirkung", so Schänzer, sorge für eine "positive Enthemmung". Ein No-fear-Effekt, der vor allem bei waghalsigen Leibesübungen wie Extremklettern oder einer Bergabfahrt bei einem Radrennen durchaus von Vorteil sein kann. Die einschlägige Literatur in Doperkreisen widmet dem Thema regelmäßig mehrseitige Abhandlungen.
Trotz solcher Erkenntnisse spaltet die Droge nun die Sportgemeinde. Beim Internationalen Leichtathletikverband IAAF gehört Cannabis nicht zu den verbotenen Substanzen. Das IOC indes führt den Stoff auf seiner Dopingliste, seit bei den Olympischen Spielen in Nagano Snowboarder Ross Rebagliati mit Marihuana im Körper die Goldmedaille gewann.
Strittig ist vor allem die Frage, wann ein Befund überhaupt als positiv zu bewerten ist. Internationale Sportverbände haben sich bei Cannabis, das bis zu drei Wochen nach der Einnahme im Blut nachweisbar ist, jetzt zwar auf einen Grenzwert von 15 Nanogramm THC-Abbauprodukte pro Milliliter geeinigt.
Die Verwirrung um das Phänomen hat sich damit allerdings keineswegs gelegt. Im Zuge der Einführung von Drogenkontrollen im Straßenverkehr zeigte sich nämlich: Die kritische Marke ist auch durch den Verzehr von Hanföl, beispielsweise am Salat, oder durch Passiv-Rauchen zu erreichen. GERHARD PFEIL
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 49/1998
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