30.11.1998

FERNSEHENKnattern und Fiepen

www.ccnacht.de
Seit fast 18 Jahren recken die Moderatoren des WDR-Computerclubs am Ende der Sendung wie zur ersten Ausstrahlung des Dauerbrenners im Januar 1981 den Daumen in die Höhe. "Ein Bit übrigbehalten" bedeutet die Geste an gleichgesinnte Datenweltreisende. Sie stammt aus jener fernen Epoche, als Speicherplatz ein rares Gut und der "Volkscomputer" Commodore VC 20 ein technischer Meilenstein war. Wolfgang Back, 55, studierter Elektrotechniker mit dem spröden Charme eines Anlageberaters, und Wolfgang Rudolph, 52, gelernter Automechaniker mit Obelix-Attitüde, bekommen immer noch glänzende Augen, wenn sie in den Innereien eines Rechners einen neuen Chip entdecken. Legendär ist auch der Hardbit-Rock aus der Frühzeit: Software wurde mit Knattern und Fiepen über den Tonkanal übertragen, so daß Zuschauer sie vom Kassettenrecorder in Hobbyrechner wie TRS 80 oder ZX-81 einlesen konnten. Als ausufernde Programme wie der äußerst nützliche "Blüh- und Pflanzkalender" schon vier Minuten Sendezeit verschlangen, war es damit jedoch vorbei. Auch der angeschlossene Fanclub mit bis zu 30 000 Mitgliedern fand ein Ende, als öffentlich-rechtliche Justitiare einen Verstoß gegen das Rabattgesetz befürchteten, weil Clubmitglieder verbilligten Eintritt zu Computermessen erhalten hatten. Seinerzeit war die Techniksendung im Fernsehen geradezu exotisch, heute wärmt es jeden Samstagnachmittag das Herz, zu sehen, daß Freaks nicht immer jung und langhaarig sein müssen. Dieses Wochenende steigt die 250. Sendung mit einem wahren High-Tech-Festival: Von 23.30 Uhr bis Sonntag früh um 6.15 Uhr übertragen WDR, Phoenix, Deutschlandradio und Deutsche Welle die "ComputerNacht" aus dem Heinz Nixdorf Museum in Paderborn. Auch im Internet wird man zum Beispiel den Rekordversuch life mitverfolgen können, den "größten Linux-Cluster der Welt" aus über 512 PC zusammenzustöpseln. Wer bis zum Ende durchhält, kann vielleicht sogar erleben, wie die Computer-Veteranen Schlips und Jacket ablegen.
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DER SPIEGEL 49/1998
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