30.11.1998

SCHAUSPIELERDie Liebe siegt

Ihr spröder und rebellischer Charme glänzte schon in dem Film „Das Leben ist eine Baustelle“. Auch in Wirklichkeit ist Christiane Paul ein wahres Glückskind.
Direkt von der Klinik kommt sie ins feine "Borchardt" an diesem naßkalten Novemberabend in Berlin-Mitte unweit des Gendarmenmarkts, legt den Mantel ab, setzt sich im Winterpullover an den weiß gedeckten Tisch und fängt an zu reden: Ob es in Ordnung sei, daß ihr Freund sie so gegen zehn, halb elf abholen komme - oder doch lieber etwas später, aber man habe jede Menge Zeit, kein Grund, sich irgendwie gedrängt zu fühlen, bloß das nicht, und schon hat sie das Handy in der Rechten und versucht, ihren Freund zu erreichen. Mist, nicht zu Hause, na ja, trotzdem bloß keinen Streß, immer mit der Ruhe, erst mal einen Schluck nehmen. Übrigens sehr schön hier, elegant und doch familiär. Die Worte rasen nur so: "Man müßte mitstenografieren", seufzte Kurt Tucholsky schon in den zwanziger Jahren.
Christiane Paul, 24, Model, Schauspielerin und angehende Ärztin, läßt von Anfang an jene durchaus Berliner Metropolenmischung aus Energie, Lebenslust und Disziplin spüren, mit der sie schon fast 20 Filme gedreht und ihr Medizinstudium so weit vorangetrieben hat, daß das dritte Staatsexamen in Sichtweite ist.
Die weibliche Hauptrolle in Wolfgang Beckers Film "Das Leben ist eine Baustelle" (1997) war ihr bislang größter Erfolg; die frische, leichthändige Darstellung jener Vera, die Jan (Jürgen Vogel) zufällig bei der gemeinsamen Flucht vor einem Polizeitrupp kennenlernt und fortan mit ihm durchs wild-urbane Berlin der späten Neunziger streift, wurde als cineastische Entdeckung gefeiert: eine Schauspielerin, die nie eine Schauspielschule besucht hat, in einem deutschen Film, der weder dem notorischen Komödien-Zwang huldigt noch jener tiefgründelnden Abgehobenheit, die unterhalb des Himmels, über Berlin und anderswo, gar nicht erst ans filigrane Werk geht.
Ungestüme, abenteuerlustige Gegenwärtigkeit war das Merkmal des ungewöhnlichen Streifens, jene ernsthafte ästhetische Neugier auf das Leben, die überhaupt erst Situationen provoziert, in denen Witz und Ironie entstehen, kleine und große Wahrheiten übers Dasein.
Christiane Paul verkörpert diese Haltung bis heute, auch wenn ein Teil ihrer beachtlichen Filmographie, etwa Peter Timms verunglückte Klamotte "Dumm gelaufen" oder die gnadenlos überzogene Filmpersiflage "Workaholic", nicht zu den Meisterwerken des zeitgenössischen Kinoschaffens gehört.
An diesem Montagabend zeigt das ZDF den mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneten Fernsehfilm "Mammamia" (Buch und Regie: Sandra Nettelbeck), in dem Christiane Paul alias Paula mit Clara, gespielt von Senta Berger, den Mutter-Tochter-Konflikt einmal quer durchs allgemeine Beziehungschaos exerziert, bis am Ende doch die Liebe siegt.
Obwohl sie schon 1996 den Max-Ophüls-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin und 1997 den Bayerischen Filmpreis erhielt, fühlt sie sich nicht mehr als der ewige "Jungstar", das schmächtige, wenngleich langbeinige Küken der schnellebigen Branche. "Immerhin habe ich meinen ersten Film mit 17 gedreht", sagt sie fast trotzig - und auch sonst kann sie einschlägige Kerben am Veteranenstock der Medienwelt vorweisen.
Dreimal war sie bereits Gast in der "Harald Schmidt Show", zweimal Gesprächspartnerin von Roger Willemsen, und ungezählte andere Talkshow-Auftritte haben ihren kurzen Weg vom OP ins virtuelle Wunderland von Film und Fernsehen gepflastert.
"Worum geht''s überhaupt bei diesem Medienrummel?" fragt sie sich dennoch immer wieder, "bei dieser ganzen maßlosen PR-Maschinerie, die ohne jedes substantielle Interesse an der Sache auskommt?" Die Antwort gibt sie gleich selbst: "Um nichts".
Gleichzeitig ist ihr bewußt, daß auch sie Teil dieser Maschinerie ist, die alle drei Monate "neue junge unverbrauchte Gesichter" auswirft und schlechte Filme zum "Kult" oder "Trend" erklärt, womit anschließend wieder für das fadenscheinige Produkt geworben wird. Allein die "Harald Schmidt Show" verbraucht jährlich mindestens 150 "superattraktive" Jungschauspielerinnen und Models, die sich entweder bei Sat-1-Schockern wie "Unschuldig zur Unzucht gezwungen - Blutjung auf dem Babystrich" einen Namen gemacht haben, gerade für den "Playboy" die Hüllen fallen ließen, dies bald vorhaben oder im Gespräch für die 14. Nebenrolle in Til Schweigers übernächstem Kassenknüller "Neues vom Eisbär" sind.
Die Konkurrenz auf den dekolletésatten Titeln der Fernsehzeitschriften und Illustrierten, die Umlaufgeschwindigkeit des jeweils allerneuesten Gesichts ist groß, und Christiane Paul weiß, daß sie sich auch unter den Bedingungen dieses neuen deutschen Fräuleinwunders behaupten muß. Unumwunden erzählt sie, daß sie "drei- oder viermal für den Eisbär gecastet" wurde und nach der endgültigen Absage "natürlich enttäuscht" war.
Doch Christiane Paul ist ein Glückskind, eine vom Schicksal begünstigte Pendlerin zwischen den Welten, zwischen Ost und West, Vergangenheit und Zukunft. Bis 16
* Im Film "Das Leben ist eine Baustelle", 1997.
war sie Bürgerin der DDR, Tochter eines Orthopäden und einer Anästhesistin, geborgen in einer glücklichen Kindheit. Noch heute wohnt sie in der Umgebung der frühen Jahre, in Berlin-Pankow, einst Synonym für die SED-Herrschaft von Walter Ulbricht und Willy Stoph.
Als "rote Socke" verrufen, kämpfte das junge Mädchen Ende der achtziger Jahre in nächtelangen Diskussionen "für die Idee des Sozialismus", vertraute ihrer Heimat namens DDR und jener alltäglichen "Solidarität", deren Fehlen heute von vielen im Osten beklagt wird. Auf ihrer Oberschule bekleidete sie das Amt einer "GOL"-Agitatorin der FDJ: "Grundorganisationsleiterin" der sozialistischen "Freien Deutschen Jugend".
Als die Mauer fiel, war sie "irritiert". Dann begann die Desillusionierung, das Ende der Utopie: "Als ich von den Waffenexporten der DDR erfuhr, von den politischen Gefangenen in Bautzen und Egon Krenz'' Unterstützung für die blutige Niederschlagung des Aufstandes auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens, da war ich schockiert."
Bis heute aber ist "der Westen" für sie ein zwiespältiges Phänomen. Ohne ihn, das weiß die Einser-Abiturientin, hätte sie weder eine Chance im Modelwettbewerb von "Miss Vogue" bekommen noch die darauffolgenden Film- und Fernsehangebote. Andererseits beobachtet sie die glitzernde Oberflächlichkeit der Unterhaltungsindustrie mit Unbehagen, kritisiert das Scheinhafte der überbordenden Info-Welt mit lauter "News", die niemand mehr verarbeiten kann, und steht den politischen Inszenierungen von Schröder & Co. skeptisch gegenüber.
Doch es ist diese Fremdheit gegenüber der westlichen Ego- und Konsumgesellschaft, dieser Hauch von innerer Distanz und die Messerspitze Ossitum, die Christiane Pauls widerständigen Charme ausmachen, der im Westen so erfolgreich ist - gerade weil er nicht spurlos im allgemeinen Bohai untergeht, sondern immer wieder eigenartig spröden Glanz verbreitet: Sex-Appeal aus Pankow.
"War mein Auftreten jetzt zu forsch?", so fragt sie sich zuweilen selbst, wenn sie wieder mal vom Set ins Krankenhaus geeilt ist und es innerlich noch nicht ganz geschafft hat, aus ihrer neuesten Filmrolle in den weißen Chirurgenkittel zu gleiten: In ihrem gerade abgedrehten Film "Die Häupter meiner Lieben", nach einem Roman von Ingrid Noll, spielt sie zusammen mit Heike Makatsch ein männermordendes Frauen-Duo.
"Manchmal finde ich meine Mitte nicht mehr", sagt sie, "aber ich liebe es eben auch, in fremde Charaktere zu schlüpfen."
Da liegt ihr Kopf aber schon an der Schulter ihres Freundes, der sie bald nach Hause fährt. Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker. REINHARD MOHR
* Im Film "Das Leben ist eine Baustelle", 1997.
Von Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 49/1998
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