19.09.2011

GLOBALISIERUNGEin merkwürdiges Land

Kaum noch Schulden, sparen ohne Murren, begeistert von Europa - die Esten sind ein Mustervolk inmitten der Krise. Sie leben in einer vollvernetzten Digitalrepublik und haben obendrein noch entdeckt, wie man kostenlos in die Welt telefoniert. Von Ralf Hoppe und Jan Puhl
Wenn ein Grieche ein sonniges Land voller Olivenbäume, herrlicher Strände und warmer Wellengischt verlässt, wenn er aus einem siebenmonatigen Sommer in ein Land zieht, in dem ihn die meiste Zeit ein endloser Winter gefangen hält, stellen sich ein paar Fragen. Einige haben mit dem Land zu tun, das er verlassen hat, noch mehr Fragen allerdings wirft seine neue Heimat auf. Und eine Frage betrifft beide Länder: Warum funktioniert die eine Gesellschaft so, dass sie Menschen vertreibt, und warum die andere so, dass sie Menschen anzieht? Fragt man etwa Loukas Nakosmatis, einen netten Griechen mit rundem Bauch und Dreitagebart, Chef und Besitzer vom "Artemis", dann bekommt man eine Geschichte zur Antwort. Dann erzählt Nakosmatis von seinem Rosenkrieg.
Vor vier Jahren, sagt der 46-Jährige, begann er ein Geschäft aufzuziehen. Er lebte damals noch in Athen. Blumen aus den Niederlanden, über Nacht eingeflogen mit der Frachtmaschine. Vor allem Rosen, Tulpen, auch ein paar Exoten, in Athen wollte er sie verkaufen, die Bewohner dieser staubigen, steinernen Stadt sind verrückt nach Grün und frischen Blumen. Nakosmatis hatte Verträge und Absichtserklärungen mit drei, vier Dutzend Blumengeschäften, die ihm seine Ware abnehmen wollten. Die Profitspanne bei Blumen, sagt Nakosmatis, ist groß, Faktor 10, Faktor 20, sie reichte für uns alle, für die Händler wie auch für mich als Importeur, alles ließ sich großartig an.
Aber es war eine Falle, sagt er.
Nach einem Jahr hatte Nakosmatis Außenstände von etwa 30 000 Euro, nach eineinhalb Jahren waren es 45 000 Euro. Fast jeder seiner Abnehmer schuldete ihm Geld, sie hatten seinen schwachen Punkt erkannt: Er stand unter dem Druck, die frische Ware loswerden zu müssen. Du musst eine Rose verkaufen, sagt Nakosmatis, sonst verkauft sie dich, weil sie stirbt, es ist ein griechisches Sprichwort.
Seine Geschäftspartner arbeiteten mit allen Tricks und Schummeleien, sie ließen ihn kommen, den Lieferwagen voller Blumen, aber dann waren sie gerade mal weg, oder sie hatten gerade kein Bargeld, versprachen aber, später zu bezahlen, ganz bestimmt anderntags oder gleich am nächsten Montag, auf Ehrenwort - aber sie haben mich immer nur vertröstet, sagt Nakosmatis.
Der Kredit wurde zum Gewohnheitsrecht. Am Ende schuldeten ihm 43 von 46 Blumenhändlern Geld. Irgendwann gab er die Hoffnung auf und floh auf Umwegen nach Estland. Immer noch schulden ihm seine Geschäftspartner 45 000 Euro, die er wiederum seiner Bank schuldet, die die Bank wahrscheinlich anderen Banken schuldet.
Eine Kettenreaktion quer durch Europa, sagt er.
Konnte er nicht zum Gericht gehen, seine Schulden eintreiben, einklagen?
Bitteres Lachen. Ha! Geh nur zum Gericht, wenn du es dir leisten kannst, ein griechisches Sprichwort, sagt er.
Loukas Nakosmatis sitzt, während er dies erzählt, draußen, unter einem blauen Abendhimmel, sitzt mit Elias, Kostas, Krikor, seinen Freunden im Exil, vor seinem kleinen Straßenrestaurant "Artemis", das Loukas hier in der Fußgängerzone von Tallinn eröffnet hat. Die Geschäfte laufen gut. Nakosmatis hat angefangen, seine Schulden abzuzahlen. Am Nebentisch wird Souflaki serviert, gemischte Grillplatte, Ouzo, Greek Salad.
Es ist einer der wenigen Sommerabende in Tallinn, an denen man draußen essen kann. Im "Artemis" sind ein Dutzend kleiner Tische aufgestellt, die Hälfte ist besetzt, Japaner, Finnen, Dänen, Holländer, jedoch keine Esten, für die sei solch ein Essen zu teuer, sagt Nakosmatis. Und dann erzählt er von den zwei Estinnen, die er als Kellnerinnen eingestellt hat.
"Sie sind fleißig, auf die Minute pünktlich und ehrlich", sagt er.
Für einen Moment schweigen sie alle, Elias, Kostas, Loukas.
"Merkwürdiges Land", sagt Elias.
Wieso funktioniert ein Land? Was ist so großartig an Estland?
Fragt man zum Beispiel Naphtali Peral, den Spanier, dann sagt er: muchas cosas pequeñas, viele kleine Dinge. Und erzählt, dass er hier seine Firma innerhalb eines halben Tages gegründet habe, größtenteils online. Der Rekord für eine Firmengründung liege übrigens bei 18 Minuten. Der Staat sage also nicht: He, Peral, was glaubst du, wer du bist, dass du einfach so eine Firma gründen kannst? Nein, der Staat ermuntere einen: Du hast eine Idee, Peral? Na los! Und dann erzählt er, dass er seine halbjährliche Steuererklärung in 20 Minuten schaffe und dass die estländischen Minister, als es ans Kürzen des Staatshaushalts ging, bei sich selbst angefangen hätten.
"Und ihr Gehalt war schon nicht sehr hoch. Ich meine, es sind nicht diese Leute, die sich die Taschen vollmachen. Darunter sind teilweise wirklich smarte, fähige Leute, die in anderen Jobs viel mehr verdienen könnten!"
Peral hat eine kleine Firma für Sprach-Coaching, er gibt Kurse, er trainiert Manager, er berät Filmproduzenten, die im Baltikum arbeiten wollen. Peral stammt aus Almería in Andalusien, er hat dort Abitur gemacht, studiert. An der Uni, sagt er, gab es ein paar Jungs, die wirklich begriffsstutzig waren - die gingen in die Politik.
"Und was taten unsere Politiker, kaum dass sie irgendein Amt ergattert hatten? Sie bestellten sich einen Dienstwagen. Einen BMW, irgendwas mit i hinten, und dazu am besten noch einen Chauffeur. Und sie schmierten sich Gel ins Haar und kauften sich dunkle Anzüge und waren ständig irgendwohin unterwegs, um irgendwas einzuweihen, zu besichtigen, eine bedeutende Rede zu halten, die ein anderer geschrieben hatte - aber in dieser Zeit hätten sie arbeiten können, für das Land, für die Leute, die sie gewählt hatten."
Und in Estland, Señor Peral, ist alles besser?
"Na ja, für einen Spanier sind die Menschen hier sehr kühl. An einem Tag in Spanien werde ich öfter umarmt und geküsst als hier in einem Jahr. Andererseits ist das gesellschaftliche Klima fair, offen, man kann der Polizei, den Politikern, den Bürokraten vertrauen."
Wieso funktioniert Estland, was ist hier anders? Wenn man Juhan Parts fragt, den Wirtschaftsminister des Landes, bekommt man eine sehr kurze Antwort: nichts.
Sie seien ein kleines, aber ganz normales Land. Nichts Besonderes, das könne man schnell bei einem Kaffee besprechen.
Mitte dieses Jahres stuften die Rating-Agenturen Standard & Poor's und Fitch Estland herauf, nicht herunter. Der Saldo des Staatshaushalts liegt im ersten Halbjahr mit 115 Millionen Euro im Plus, fürs ganze Jahr steht ein nahezu ausgeglichener Haushalt in Aussicht. Die Staatsverschuldung beträgt etwa 6,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Italien liegt die Verschuldung bei 120 Prozent, in Griechenland bei 160, in Deutschland bei 80 Prozent. Die estnische Wirtschaft wuchs in den ersten beiden Quartalen 2011 aufs Jahr gerechnet um acht Prozent.
Was können Griechen, Deutsche, Italiener von den 1,4 Millionen Esten lernen, Herr Minister?
"Lernen? Das ist ja ein lustiger Gedanke! He, was halten Sie von dem Tisch dort hinten, unter den Bäumen? Setzen Sie sich schon mal. Ich hole uns den Kaffee. Wollen Sie so ein Schoko-Ding?"
Juhan Parts, 45 Jahre alt, Jurist, geboren in Tallinn, war Parteigründer, war Ministerpräsident, jetzt ist er Wirtschaftsminister, ein seltsamer Minister.
Weil das Gartencafé auf Selbstbedienung eingestellt ist, stellt er sich in die Schlange, wartet, bis er an der Reihe ist. Ordert zwei Kaffee, zwei Schokoladentörtchen, balanciert das Tablett an den Tisch. Er ist einfach so gekommen, ohne Bodyguard, ohne Stab, ohne Sprecher, mit dem Familienauto, "wir wollen den Apparat sparsam halten".
Als Parts Ministerpräsident war, ließ er alle Ministervorlagen, Notizen und Akten elektronisieren, es war der erste vollkommen papierlose Kabinettstisch Europas.
Parts ist kräftig, blond, sportlich, müde, er gähnt verstohlen. Seine Frau und er haben gerade ihr viertes Kind bekommen, sagt er, die Nächte seien kurz. "Vergleiche sind immer schwierig. Aber wir hatten, nachdem wir dem Sowjetsozialismus endlich entkommen waren, von staatlichem Zentralismus die Nase voll. Wir wollten in allem das Gegenteil: Wir wollten einen transparenten Staat. Einen Staat, der sich nicht dauernd einmischt, der Betriebe verstaatlicht, über alles eine Bürokratie setzt, den Menschen in allen Dingen Vorschriften macht."
Und was, Herr Minister, ist mit den Verlierern des sozialen Wandels? Muss der Staat nicht helfen?
Parts seufzt, holt eine Schachtel Kent-Zigaretten hervor, als er sieht, dass der Fotograf die Kamera zückt, zögert er, steckt sie wieder ein, grinst dem Fotografen zu, Pech gehabt.
Natürlich, sagt er, sei es wichtig, wenn man den Verlierern einer Gesellschaft helfen kann, denen, die zurückbleiben. Es wäre wunderbar, wenn man ein tolles Gesundheitssystem hätte, soziale Garantien für alle Notfälle. "Aber das Geld muss man auch haben. Wir haben es nicht. Unser Durchschnittseinkommen liegt bei 800 Euro. Also müssen wir uns darauf besinnen, was wichtig ist für die Entwicklung einer Gesellschaft. Das sind die Leistungsträger, die Erfolgreichen. Ideen! Firmen! Produkte! Wenn man nur verwaltet, daraus entsteht nichts. Der Staat muss denen, die was auf die Beine stellen wollen, den Weg frei machen, das ist die Aufgabe des Staates."
Er sieht, dass der Fotograf gegangen ist, zündet sich eine Zigarette an, inhaliert, kneift die Augen zusammen.
"Ich will mir über Deutschland oder Griechenland kein Urteil anmaßen. Ich kann nur sagen, dass Estland seinen Teil zum Rettungsschirm beiträgt. Auch wenn unser Durchschnittseinkommen geringer ist als das der Griechen. Und das ist für viele Esten übrigens sehr bitter."
Er drückt seine Zigarette aus, schaut auf die Uhr. "He, kennen Sie Skype?"
Als das sowjetische System zerbrach, vor fast genau 20 Jahren, da krochen die Esten unter den Trümmern hervor, erklärten ihre Unabhängigkeit und erfanden sich neu: Rechtswesen, Verwaltung, Legislative, Wirtschaftsordnung, alles so unsozialistisch wie möglich. Es half, dass Estland 1991 heruntergewirtschaftet war, bevölkerungsarm und unbedeutend. Die Esten hatten nichts zu verlieren.
Zuerst privatisierten sie alle Staatsbetriebe, die mit Gewinn arbeiteten, machten alle Fabriken dicht, die unrentabel waren. Dann lockten sie Investoren an und Touristen, indem sie die Innenstadt von Tallinn in ein mittelalterliches Disneyland verwandelten, mit Kopfsteinpflaster, Glockentürmen und buntbemalten Bürger- und Gildehäusern. Heute stolpert man von einem Restaurant in den nächsten Souvenirshop, kauft Designerschokolade, Strickmützen, Rentiersalami, Bernstein, obwohl es in ganz Estland praktisch keinen Bernstein gibt. Die Japaner fotografieren die wasserstoffblonden Kellnerinnen in ihren Mittelalterkostümen, die Russen kaufen Goldschmuck, die Finnen bunkern Wodka.
Im Januar dieses Jahres trat Estland der Euro-Zone bei, endlich. Der Euro war stets das erklärte Ziel gewesen. In den Jahren zuvor, von 2008 an, hatten sich die Esten durch ihre bisher schwerste Wirtschaftskrise gekämpft, ausgelöst durch die globale Finanzkrise, dann durch das Platzen der eigenen Immobilienblase. Im Jahr 2009 etwa war die Wirtschaft um 14 Prozent abgestürzt.
Nun passierte dreierlei: Zuerst verkündete die Regierung ein hartes Sparprogramm. Der Staatsapparat wurde ausgedünnt, Gesundheitswesen und Sozialleistungen wurden zusammengestrichen, sogar die nächtliche Straßenbeleuchtung in Tallinn wurde um halb vier Uhr morgens abgeschaltet. Unternehmen kürzten die Löhne ihrer Mitarbeiter um bis zu 40 Prozent - mit dem Versprechen, sie wieder anzuheben, sobald die Konjunktur anziehe. Der Staat pumpte kein geliehenes Geld in den Wirtschaftskreislauf, er machte das, was Ökonomen eine interne Abwertung nennen.
Die zweite Seltsamkeit: Die Esten nahmen diese Einschränkungen stoisch hin, kein Aufruhr, keine Demostrationen.
Das Resultat, drittens, dieser Blut-Schweiß-und-Tränen-Strategie: Estland erfüllte im vergangenen Jahr die Maastricht-Kriterien mit Leichtigkeit, die Staatsfinanzen waren so solide wie nirgends sonst in der Europäischen Union.
Und während der Rest der Euro-Länder dazu neigte, in der Gemeinschaftswährung mehr Fluch als Segen zu sehen, waren die Esten unerschütterlich. Die Euro-Einführung wurde gefeiert. Bei Elena, im "Viru Tattoo Studio", kann man sich seitdem das Bild der Euro-Münze auf den Oberarm oder Nacken ritzen lassen, zum Spezialpreis von 45 Euro, in 20 Minuten.
"Skype müssen Sie sehen", sagt der Minister, "ist nicht weit von hier, es ist eine sehr estländische Geschichte."
Skype, das ist ein fünfstöckiges Haus, gelegen im Technopark und Industriegebiet von Tallinn, in der Nähe der Universität, am Stadtrand. Das Haus ist schmutzig grau und könnte unscheinbarer nicht sein, aber es beherbergt die Denkfabrik für eine der verrücktesten Geschäftsideen der vergangenen zehn Jahre.
Warum telefoniert man nicht übers Internet? Das wäre doch viel billiger! Und warum telefoniert man nicht wie im Fernsehen in der Sendung "Raumschiff Enterprise", indem man sich sieht, man könnte eine Kamera am Bildschirm befestigen und sich gegenseitig zulächeln, während man telefoniert? Das war die Idee. Dann mussten die vier Software-Entwickler aus Estland nur noch drei Jahre lang total vertrackte Programme schreiben.
Gerade hat Microsoft diese Idee und diese Firma Skype gekauft, für 8,5 Milliarden Dollar. Inzwischen kann man sich bei Skype ziemlich mühelos einloggen und zum Nulltarif nach Australien telefonieren. Im März hatten sich das erste Mal gleichzeitig etwa 30 Millionen Menschen eingeloggt. Acht Jahre nach Geschäftsgründung zählt der Dienst 170 Millionen Nutzer, ein kommunizierender Club. Skype-Manager Sten Tamkivi war schon am Anfang als User dabei, er hat übrigens eine Club-Mitgliedsnummer, Sten war User 59.
Er ist 33 Jahre alt, bleich, überarbeitet, fröhlich. Man soll ihn Sten nennen, alle duzen sich, sagt er.
Und dann führt er durch die Etagen, durch riesige Großraumbüros, in denen junge Männer mit Pferdeschwanz und Frauen mit seltsamen Brillen versunken hinter Laptops sitzen, und er zeigt den Billardtisch, an dem zwei Männer mit Ziegenbart und Black-Sabbath-T-Shirts spielen, er zeigt die Computerspielecke, steigt über Kinder hinweg, denn hier kann man seine Kinder einfach mitbringen, überall liegt Spielzeug herum, und schließlich zeigt Sten die Firmensauna. Und zwischendurch rattert er Zahlen herunter.
Skype ist kostenlos, bis auf ein paar Sondernutzungen, und die bringen in der Summe immerhin einen Jahresumsatz von 800 Millionen Dollar.
Das Netzwerk sei die Idee des Ganzen, sagt Sten. Wer mitmacht, wer sich einloggt, bildet einen Knoten. Wer das Netzwerk nutzt, hat davon seinen Vorteil, kann die Rechenkapazität des Netzwerks nutzen. Gleichzeitig leistet er für das Netzwerk einen Beitrag, indem er seine eigene Rechnerkapazität zur Verfügung stellt. Möglich wird dieser alchimistische Trick durch eine hochkomplexe Software, die im Hintergrund arbeitet und alle eingeloggten Computer anzapft, verbindet, für Transportoperationen nutzt.
Komprimieren, verfeinern, optimieren, das ist unser Job, sagt Sten. Die technische Idee hinter Skype ist wie ein Motto für Europa: Hilf den anderen, dadurch wird dir geholfen.
Ist Skype auch so etwas wie eine Metapher für Estland?
"Weil wir kein Geld hatten, haben wir uns eben was einfallen lassen. Wir haben auf drei Säulen gebaut: auf die Kommunikation in den Netzwerken, auf die Idee der Schrankenlosigkeit, auf die Zukunft. Wir fangen klein an und bauen auf. Je mehr Leute mitmachen, um so leistungsfähiger wird das Netzwerk."
Was kann Europa von Skype lernen?
Er lacht. "Europa? Für so eine Frage bin ich nicht smart genug. Ich kann sie nicht als Skype-Manager beantworten. Allenfalls als Bürger von Europa. Nun, wir haben in vielen Ländern Europas zu viele Begrenzungen, Verbote, Lobbyisten, Besitzstandswahrer. Und die Staaten müssen so simpel handeln, wie die Leute denken, nach denselben Prinzipien. Mein Urgroßvater zum Beispiel war Bauer. Wenn er ökonomisch sein Jahr plante, dann überblickte er, was er hatte, was er ausgeben konnte für Saatgut, für Werkzeug, ein Pferd. Ganz einfache Rechnung: So viel verdiene ich, so viel gebe ich aus. Realistisch. Wenn man in diesem Klima hier aufwächst, wird man so. Der nächste Winter kommt, auch wenn man dagegen demonstriert. Aber trotzdem braucht man seine naiven Wünsche, Träume."
Wovon handeln die Träume in Estland?
"Ich würde sagen: von Europa. Wir wollten immer dazugehören. In Estland haben wir immer von Europa geträumt, an Europa geglaubt. Wir dachten, Skandinavien, Nordeuropa, da gehören wir hin, das ist unsere Welt."
Dabei ist Estland kein Wirtschaftswunderland: Die Exporte des Landes sind überschaubar, meist Halbfabrikate, deren Wertschöpfung gering ist. Die Produktivität ist nicht besonders hoch, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei rund 40 Prozent des EU-Durchschnitts. Das Land will fleißige Europäer anlocken, tüchtige Leute wie den Griechen Loukas Nakosmatis oder den Spanier Naphtali Peral, es soll sich in Europa herumsprechen, dass es hoch im Norden einen kleinen, smarten Staat gibt, in dem man gut lebt, auch wenn der Lohn nicht zum Spitzenverdienst reicht.
Der Mann, der Estland mit Zukunftsglauben pusht, ist groß, kahlköpfig und durchtrainiert, er hat Mathematik studiert, Firmen gegründet, verkauft, viel Geld verdient. Er heißt Linnar Viik und ist der Image-Erfinder von Estland. Schon beim Neustart, 1991, war er als Berater dabei: diskret im Hintergrund.
Am frühen Nachmittag lädt Viik seine beiden Kinder in seinen schwarzen Land Rover und fährt raus auf die Viimsi-Halbinsel, hier wohnt Viiks Vater.
Viik hatte sich vor ein paar Jahren, nach der Scheidung, vorgenommen, nicht mehr als 100 Tage im Jahr zu arbeiten, er wollte das einfache Leben, Zeit mit seinen Kindern verbringen. Bislang, sagt er, habe es ganz gut geklappt. Seit er seine Software-Firmen, die er in den Neunzigern gründete, verkauft hat, unterrichtet er an der Uni, er sitzt im Aufsichtsrat diverser skandinavischer Banken, die in Estland investiert haben, zwischendurch sammelt er Stratocaster-Rockgitarren und Kunstwerke.
Viik war es, der maßgeblich das Image vom "e-Estonia" erfand, das Image eines digitalen, vollvernetzten, ultramodernen Landes.
Viik studierte Mathematik, und im Institut, wusste er, standen noch alte Rechner aus der Sowjet-Ära, sie waren groß wie Wandschränke, dazu gab es im Keller drei Computer bulgarischer Herkunft. Viik ließ sie zusammentragen, ließ sich einen Termin beim Ministerpräsidenten geben und machte ihm ein Angebot, das der nicht ablehnen konnte. Er bat um den Posten im Regierungsbudget, der für Fotokopierer und Papier vorgesehen war. Von dem Geld kaufte er eine kleine Wagenladung PC, dann überzeugte er die Politiker davon, die Regierungsarbeit von nun an papierlos zu betreiben, aus zwei Gründen. Einerseits hatte Viik die Ersparnis berechnet, vor allem aber wollte er die Symbolik. Überall im Land wurden WLAN-Zonen eingerichtet. Er ließ große Verkehrsschilder drucken: "Achtung, WLAN-Zone!" Das Recht auf Internetzugang wurde in die Verfassung geschrieben.
Wenn die alten Industrienationen Europas wie Limousinen sind, groß, behäbig, komfortabel, sollte Estland der Smart sein, batteriebetrieben, aber einfachste Ausstattung, keine elektrisch betriebenen Fensterheber.
Mit vier Eimern voller Pflaumen fahren Viik und seine Kinder am Abend zurück. Zehn Eimer bleiben bei seinem Vater, der Mus kocht und Pflaumenwein keltert. Viik bringt die Kinder ins Bett, setzt sich noch für ein paar Stunden an den Laptop. Am nächsten Morgen ist er bei einem Empfang für den Dalai Lama, an der Akademie der Wissenschaften, auf dem Toompea-Hügel, in der Altstadt. Dann fährt er mit der Fähre nach Helsinki, Aufsichtsratsitzung der NIB-Bank. Eineinhalb Tage später ist er pünktlich zurück, als seine Kinder aus der Schule kommen, und hat ihnen ein Mittagessen aus Kartoffeln, Gemüse, dazu etwas Fisch in Salzlake, bereitet. Ein Image-Berater, der weiß, wie man leben muss, wenn man Image-Berater ist. Als Nachtisch selbstgepflückte Pflaumen, die hellgrünen, die Linnars Tochter so liebt. ◆
Von Ralf Hoppe und Jan Puhl

DER SPIEGEL 38/2011
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