19.09.2011

Der Fremde

Von Hornig, " Frank; Loll, Anna; Schwarz, Ulrich; Wensierski, Peter

Sechs Jahre nach seiner Wahl zum Papst ist die Euphorie der Deutschen über Benedikt XVI. in Enttäuschung übergegangen. Der erhoffte Aufbruch ist ausgeblieben, Erzkonservative gewinnen in der Kirche an Einfluss, auf wichtige Fragen moderner Gesellschaften hat sie keine Antworten.

Sie werden lächeln, beide, so viel steht fest. Verläuft alles nach Plan, begrüßt der Bundespräsident den Papst an diesem Donnerstag um 11.15 Uhr vor Schloss Bellevue. Fotografen und Kameraleute werden aufgeregt um die besten Plätze rangeln, die Sicherheitsbeamten angespannt die Umgebung mustern, und Christian Wulff wird seinem Gast in der gebotenen Herzlichkeit die Hand schütteln.

Doch dann? Worüber werden das Staats- und das Kirchenoberhaupt reden, wenn sie kurz nach Benedikts Landung in Berlin zum ersten Mal zusammentreffen? Über die Scheidung und Wiederheirat des gläubigen Katholiken Wulff, die ihn nach den geltenden Regeln der Kirche vom Abendmahl ausschließt?

Wird Benedikt XVI. am Nachmittag im Bundestag das heikle Thema ansprechen, wenn er vor dem Parlament redet? Zwar wollen rund hundert Abgeordnete seinen Auftritt boykottieren, aber Gerda Hasselfeldt dürfte mit Sicherheit da sein. Die katholische Vorsitzende der CSU-Landesgruppe ist ebenfalls geschieden und in zweiter Ehe verheiratet. So wie ihr Parteichef Horst Seehofer, der außerdem noch ein uneheliches Kind zeugte, oder der frühere Jesuitenzögling Oskar Lafontaine.

Um 18 Uhr soll Benedikt im Berliner Olympiastadion ankommen. Dort ist vor der Festmesse eine Begegnung mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit geplant. Wird der Papst den katholischen Sozialdemokraten, der seit langem mit seinem Freund zusammenlebt, zu Enthaltsamkeit auffordern und ihn ermutigen, seine Neigung nicht auszuleben? So wie es seine Kirche von Homosexuellen verlangt?

Welch ein Glück für den Nachfolger des Apostels Petrus, dass er mit zwei anderen prominenten Gesprächspartnern kein Problem hat. Die Kanzlerin (wie-derverheiratet) und der Außenminister (schwul) sind Protestanten.

Doch selbst auf die Katholiken, die sich an alle Regeln zu halten scheinen, ist kein rechter Verlass. So machte sich einer seiner Berliner Gastgeber, Bundestagspräsident Norbert Lammert, vor kurzem im Vatikan unbeliebt, als er mit seiner CDU-Parteifreundin Bundesbildungsministerin Annette Schavan und anderen Reformkatholiken einen nachdenklichen Text über das Eheverbot für Priester veröffentlichte. Wer eisern am Zölibat festhalte, meint Lammert, "führt die Gemeinden sehenden Auges in den seelsorgerischen Notstand".

Die offene Kritik am Papst kam in Rom nicht gut an. Lammerts Appell sei eine "Beleidigung Christi", donnerte Kurienkardinal Walter Brandmüller, ein enger Vertrauter Benedikts.

Und so treffen Welten aufeinander, wenn Joseph Ratzinger in dieser Woche zum ersten Staatsbesuch in sein Vaterland kommt. Rund hundert Parlamentarier, die ihn erleben könnten, verzichten darauf. Abgeordnete wie die SPD-Frau Ulla Burchardt aus Dortmund. "Ein Staatsoberhaupt, das Arbeits- und Frauenrechte und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung missachtet", sagt sie, "sollte nicht im Bundestag sprechen."

Ihr grüner Kollege Toni Hofreiter findet es "bedenklich, den Papst über den Trick, ihn als Staatsoberhaupt zu definieren, ins Parlament einzuladen". Er bleibt der Rede fern. Und Alexander Süßmair von den Linken kann sich "überhaupt nicht vorstellen, was die demokratische Bundesrepublik vom Vertreter einer absolutistischen Monarchie lernen könnte". Damit kein Stuhl leer bleibt, sollen nun Ex-Abgeordnete als Lückenbüßer anrücken.

Viele der Menschen, denen Benedikt begegnen wird, sind geschieden, schwul, leben in wilder Ehe zusammen oder wollen vom Verbot der Empfängnisverhütung nichts wissen. Aber obwohl sie katholisch sind, fühlen sie sich nicht als Sünder. Es ist eine moderne Gesellschaft mit modernen Repräsentanten, auf die der Papst trifft, der als einer der letzten absoluten Monarchen der Erde über seinen Kirchenstaat herrscht.

Vier Tage lang wird Benedikt das Land bereisen, er wird vom Papamobil aus seinen Segen verteilen und in die Menge winken. Aber die Antworten seiner Kirche passen nicht mehr so recht zur deutschen Gesellschaft im 21. Jahrhundert.

Die Begeisterung, die Aufbruchsstimmung sind verschwunden, auf beiden Seiten. Was vor sechs Jahren mit der "Bild"-Schlagzeile "Wir sind Papst" wie eine Liebesbeziehung begann, ist ein distanziertes Verhältnis geworden.

Der Papst und seine Landsleute verstehen sich nicht gut, ihre Romanze von 2005 ist verflogen, die Erwartungen, Hoffnungen aus jener Zeit haben sich nicht erfüllt. Die Euphorie der frühen Jahre war ein Missverständnis. Nur noch acht Prozent der Bürger wünschen sich laut aktueller SPIEGEL-Umfrage, dass die katholische Kirche in Deutschland mehr Einfluss auf Politik und Gesellschaft haben soll (siehe Grafik).

Getäuscht haben sich vor allem die Deutschen. Ratzinger wurde nicht zum altersmilden, liebevollen Kirchenfürsten und Brückenbauer ("Pontifex maximus"), als den sie ihn gern gesehen hätten. Im Gegenteil, er zeigte sich konservativer, als die Deutschen zunächst glauben wollten. Aus der Rolle des Großinquisitors, des Chefs der vatikanischen Glaubensbehörde, ist er nie herausgewachsen. Statt sich im Glauben zu öffnen, zog er sich in eine Festung zurück, er wurde zum Unbelehrbaren.

Seine Kirche errichtet neue Mauern, weil Benedikt es so will. Ausgerechnet in Deutschland, dem Land der Reformation, bauen seine Gefolgsleute die Gemeinschaft der Katholiken zu einer Anstalt klerikalen Gehorsams um. Die Lehrmeinung des Vatikans und die Lebenswirklichkeit der meisten Gläubigen rücken immer weiter auseinander. Traditionalisten gewinnen vielerorts die Oberhand über liberale Katholiken.

Mehr und mehr Bischöfe in Deutschlands Bistümern suchen ihr Heil in der Vergangenheit der Kirche. Während die Gesellschaft täglich dynamischer wird, muslimischer, atheistischer, bunter. Sie streitet über den Umgang mit Zuwanderern, sucht Auswege aus der Atomwirtschaft, eine Lösung der Schuldenkrise, Antworten auf ihre Überalterung. Doch in all diesen Debatten werden Benedikt und seine Kirche kaum noch gehört. Weil sie mit der Reinheit der Lehre und ihren eigenen Problemen beschäftigt sind.

Denn die Folgen des Missbrauchsskandals sind immer noch nicht überstanden, die Kirche hat sich aus der tiefsten Identitätskrise ihrer jüngeren Geschichte bislang nicht befreit. Benedikt zeigte zwar seine Betroffenheit über das Ausmaß der Verbrechen; eine tiefgreifende Ursachenforschung hat er aber nicht betrieben. Stattdessen schiebt er die Schuld auf den Teufel, der ihm und seinen Priestern "Schmutz ins Gesicht geworfen" habe.

Als Kardinal Jorge Medina Estévez am 19. April 2005 von der Loggia des Petersdoms den Namen des neuen Papstes verkündete, erhob sich nicht nur auf dem Petersplatz ein Jubelsturm. Auch nördlich der Alpen löste die Wahl des ersten deutschen Kirchenoberhaupts seit 482 Jahren Begeisterung aus. Selbst kirchenferne Intellektuelle schwärmten plötzlich von dem Feingeist an der Spitze der Kurie.

Beim katholischen Weltjugendtag in Köln feierten wenige Monate später Hunderttausende junger Menschen den Papst wie einen Popstar. "Nun bebt das Land unter den Begeisterungsstürmen der katholischen Weltjugend", jubelte die "Welt am Sonntag".

Heute ist von der Euphorie nichts mehr zu spüren, der Run der Jugend auf die Kirche ist ausgeblieben. Köln war nur ein rauschhaftes Event ohne Folgen. Benedikt führt seine Kirche nicht in eine weltoffene Zukunft, sondern zurück in eine enge Vergangenheit.

Das zeigen seine Worte und Taten. So hat ausgerechnet der deutsche Papst die Protestanten vergrätzt, denen er abspricht, Kirche "im eigentlichen Sinne" zu sein. Er hat die Muslime mit harschen Worten gegen den Propheten Mohammed vor den Kopf gestoßen. Und zugleich die Juden beleidigt, indem er in die Karfreitagsliturgie die Bitte um de-ren Bekehrung wieder einfügte, die der Benedikt-Vorgänger Paul VI. nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil als Geste der Versöhnung getilgt hatte.

Signale der Verständigung und Sympathie sandte Ratzinger stattdessen an den konservativen Rand des Katholizismus. Mit seiner Anbiederung an die traditionalistische Piusbruderschaft rückte er die Kirche Richtung Vergangenheit und brachte die große Mehrheit der Gläubigen gegen sich auf.

Der Reformstau in der Kirche, der sich unter dem konservativen Vorgänger Johannes Paul II. aufgebaut hatte, hat sich unter Benedikt noch verstärkt. Nach wie vor lehnt der Vatikan künstliche Empfängnisverhütung unter Androhung ewiger Höllenstrafe ab. Millionen Aids-Tote beeindrucken die Hüter katholischer Sexualmoral nicht.

Weiterhin ist die Hälfte der Kirchenmitglieder von allen Leitungsfunktionen ausgeschlossen. Frauen dürfen nicht Priester geschweige denn Bischof werden. Noch immer grenzt die offizielle Kirche Lesben und Schwule aus ihrer Gemeinschaft aus.

"Ein Mann wie er ist nicht dafür geschaffen, eine Gemeinschaft von mehr als einer Milliarde Menschen zu leiten und mit Leben zu erfüllen. Es mangelt ihm besonders an Charisma", lautet das Urteil von Leonardo Boff. Der lateinamerikanische Befreiungstheologe kritisiert Ratzinger seit langem, zumal ihn der Deutsche als Chef der vatikanischen Glaubensbehörde einst wegen angeblicher Ketzerei geschurigelt hat.

Dabei hatte Ratzinger am Anfang seiner Karriere ganz anders gedacht - weltoffen und liberal. Beim Zweiten Vatikanischen Konzil 1962 gehörte er neben Hans Küng zu jenen Theologen, die ihre verkrustete Kirche öffnen wollten und gegen den Allmachtsanspruch der Kurie kämpften.

Doch das Jahr 1968 wurde zur Zäsur in seinem Leben. Als Professor erlebte er an der Universität Tübingen, wie Studenten ihn ausbuhten und in seiner Vorlesung skandierten: "Verflucht sei Jesus". Es war ein Schock, den er nie verwunden hat. Der aufgeschlossene Kirchenlehrer wandelte sich zum konservativen Dogmatiker, voller Misstrauen gegen alle Reformversuche.

Für ihn ist die katholische Kirche seither die alleinige Hüterin einer göttlichen Wahrheit. Dass diese um der Menschen und nicht einer absoluten Idee willen gegründet wurde, dieser Gedanke spielt in Ratzingers Theologie keine Rolle mehr.

Für die Kirche doppelt fatal ist, dass sich Ratzingers Wahrheitsfanatismus mit einer Angst vor der Welt und ihren unübersichtlichen Verläufen paart. Wie schon Johannes Paul II. glaubt er, dass die diesseitige, hedonistische Gesellschaft eine Kultur des Todes ist, mit der sich die Kirche nicht gemein machen dürfe. So verspielt der Papst die Chance, die weltliche Gesellschaft mitzugestalten - Abschottung statt Offenheit.

Ausgerechnet in seiner Heimat stößt Ratzinger damit auf besonders großen Widerstand. Ein breites Bündnis aus rund 70 Protestgruppen, darunter der Verband für selbstbestimmte Sexualität Pro Familia und die Deutsche Aids-Hilfe, hat für Donnerstag zu einer Kundgebung im Berliner Zentrum aufgerufen. Etwa 15 000 Teilnehmer werden erwartet, sie sollen "gegen die menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik, die Hetze gegen Homosexuelle, die Missachtung der Frauenrechte und die leidige Kondompolitik" demonstrieren.

Katholische Reformgruppen wie "Wir sind Kirche" machen unter dem Motto "Wir sind (nicht) Papst" gegen Benedikt mobil. Ehemalige Heimkinder und Missbrauchsopfer wollen sich öffentlich darüber empören, dass die Kirche für den Papstbesuch bis zu 30 Millionen Euro spendiert - während es für Opfer sexueller Gewalt bisher kaum mehr als zwei Millionen Euro Entschädigung waren.

Ein radikales Anti-Papst-Bündnis ("What the fuck") hat bereits eine Gegenpäpstin aufgestellt. Rosa I. rüttelte schon vor Wochen am Zaun der vatikanischen Botschaft in Berlin und bezeichnete Benedikt als "falschen Papst mit einem falschen Menschenbild".

Weltlichen Segen für solche Kritik gab es sogar vom Regierenden Bürgermeister Berlins. Wowereit äußerte "großes Verständnis" für die Proteste, da "die Kirche mit ihrer Lehre Thesen vertritt, die weit in die zurückliegenden Jahrtausende gehören, aber nicht in die Neuzeit".

Für den 84-jährigen Kirchenführer Ratzinger wird unter solchen Umständen seine dritte Reise nach Hause seit 2005 zugleich wohl seine schwierigste.

Der Weltjugendtag in Köln und ein eher privater Bayern-Besuch 2006 waren zumindest atmosphärisch ein Erfolg, auch wenn Impulse für den deutschen Katholizismus schnell verpufften. Diesmal dagegen wird Benedikt zum Zeugen eines für ihn bedrückenden Niedergangs seiner Heimatkirche.

Allein im vergangenen Jahr traten unter dem Einfluss des Missbrauchsskandals mehr als 181 000 Deutsche aus der katholischen Kirche aus (aus der evangelischen Kirche etwa 150 000). Seit 1990 verließen nach den jüngsten Statistiken der Deutschen Bischofskonferenz insgesamt über 2,6 Millionen Menschen die Kirche. 87,4 Prozent der Katholiken tauchen am Sonntag nicht im Gottesdienst auf. Noch nie wollten so wenige Männer Priester werden, noch nie war die Zahl der Taufen so gering, noch nie gab es so wenige katholische Eheschließungen (siehe Grafik Seite 62/63).

Zu beobachten ist ein flächendeckender, historischer Rückzug der katholischen Kirche aus der deutschen Gesellschaft. Klöster müssen schließen, weil Orden aufgeben. Bundesweit werden etwa 700 Kirchen verkauft oder abgerissen.

Manchmal geht sogar eine 1000-jähri-ge Geschichte zu Ende, zum Beispiel in Siegburg bei Bonn, wo gerade die 1064 gegründete Benediktinerabtei Michaelsberg geschlossen wurde. Zuletzt lebten nur noch zwölf alte Mönche in der mächtigen, über dem Ort thronenden Kirchenfestung, die einst mehrere hundert Ordensleute beherbergte.

Überall im Land werden Pfarrgemeinden zu "pastoralen Großräumen" von 10 000 Personen und mehr zusammengelegt. Es wird fusioniert, verschlankt, zentralisiert. Vielerorts müssen die Bischöfe auf indische, polnische oder lateinamerikanische Priester zurückgreifen, was in etlichen Gemeinden zu Verständigungsproblemen führt.

Katholische Kindergärten werden aufgegeben, ebenso Krankenhäuser, Altersheime und Bildungsstätten. Auch das publizistische Flaggschiff der Katholiken überlebte nicht als selbständige Zeitung, der "Rheinische Merkur" wurde im vergangenen November eingestellt.

Trotzdem ignorieren viele Bischöfe die Alarmsignale. Andere sind sogar stolz auf den Schrumpfungsprozess; vor allem die Traditionalisten können sich für eine kleinere Kirche begeistern, in der sich nur noch die frommsten Katholiken versammeln.

Fast zwangsläufig schwindet so auch der politische und gesellschaftliche Einfluss der Hirten. Die vorläufig letzte Niederlage kassierten sie im Juli, als der Bundestag gegen ihren Protest eine begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) beschloss.

Eine offene Debatte über ihren Bedeutungsverlust und mögliche Rezepte dagegen findet in der Amtskirche nicht ernsthaft statt. "Es gibt ein selbstverordnetes Schweigen über die Krise in der Kirche", sagt Jesuitenpater Klaus Mertes, der Anfang 2010 sexuelle Gewalt an einer Berliner Ordensschule publik machte und damit den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Deutschland ins Rollen brachte.

"Die kirchliche Hierarchie hat bisher den Mut nicht aufgebracht, ehrlich und ungeschönt zuzugeben, wie die Lage wirklich ist", sagt der Theologe und Papstkritiker Hans Küng (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 70).

Liberale Stimmen hatten es schon unter Johannes Paul II. nicht leicht. Nach seinem Tod sind sie noch mehr in die Defensive geraten. Lange hatte der Mainzer Kardinal Karl Lehmann in Deutschland das Reformlager angeführt, als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz scheute er nicht den Konflikt mit Rom, wenn es um einen modernen Katholizismus in Deutschland ging.

Diese Zeiten sind vorbei. Auf einem gemeinsamen Empfang der Bistümer Limburg und Mainz im Garten des Limburger Priesterseminars war die Kräfteverschiebung Ende August fast körperlich zu spüren. Lehmann, 75, musste sich nach einer Knieoperation auf Krücken stützen, der vielleicht letzte große Liberale seiner Kirche wirkte schwach; auf die Frage nach den Reformern in Deutschlands Bistümern antwortete er mit einem müden, resignierten Blick. Der alte Hirte vermisst seine Weggefährten von einst, sie sind im Ruhestand oder tot. "Die anderen", sagt Lehmann, hätten nun das Sagen im deutschen Episkopat. Höchstens ein Drittel der Bischöfe steht noch klar auf seiner Seite.

Wenige Meter von Lehmann entfernt arbeitete sich ein prominenter Vertreter "der anderen" emsig durch die Gästeschar: Franz-Peter Tebartz-van Elst, ein junger, kraftvoller Bischof, der die früher liberale Limburger Diözese entschieden auf Benedikts Traditionskurs bringt.

Glühende Papstverehrer wie er und seine Brüder in Berlin, Regensburg, Essen, Fulda, Eichstätt oder Speyer geben im deutschen Katholizismus nun den Ton an, viele von ihnen sind Schützlinge des konservativen Kölner Kardinals Joachim Meisner, der Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust verglichen hat und schon vor Gericht zog, um nicht als "Hassprediger" bezeichnet zu werden.

Eigentlich sollten sich die Oberhirten in christlicher Liebe um ihre Gemeinden kümmern, doch im Alltag sind sie allzu oft mit sich selbst und ihren ideologischen Auseinandersetzungen beschäftigt. Konservative Gruppen und Grüppchen, Sekten und Sektierer prägten die Debatte, klagt einer der Bischöfe. Selbst der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Jesuitenpater Hans Langendörfer, spricht bereits von einer "Vergiftung der innerkirchlichen Atmosphäre".

Die von Benedikt gewollte konservative Wende erfasst über die Bischöfe inzwischen große Teile des deutschen Katholizismus. Die Traditionsanhänger sind bestens vernetzt und setzen sich bundesweit für eine Abkehr von der liberalen Gesellschaft ein, für mehr Frömmigkeit und einen kritiklosen Gehorsam gegenüber der römischen Hierarchie.

Die Zahl rückwärtsgewandter Gruppen geht in die Hunderte, viele haben sich inzwischen zusammengeschlossen. Das "Forum Deutscher Katholiken" etwa versteht sich als konservativer Gegenpol zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken, der liberalen Laienorganisation.

Wie einflussreich das Sammelbecken geworden ist, zeigte sich vor einer Woche bei einem Treffen in Karlsruhe. Rund tausend Traditionalisten kamen dort zusammen, um für den anstehenden Papstbesuch mobil zu machen ("Deutschland pro Papa").

Zu den Teilnehmern gehörte Andreas Laun, ein Salzburger Weihbischof, der für seine Thesen gegen eine angebliche "Homosexualisierung der Gesellschaft" gefeiert wird. Der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Werner Münch, wetterte gegen die "Entchristlichung der Politik".

Um die Deutschen auf den rechten Pfad des Glaubens zurückzuführen, waren auch die ultrakonservativen Legionäre Christi nach Karlsruhe gereist, die sich als geistliche Miliz verstehen. Ihre Freunde von den Petrusbrüdern machten sich auf dem Kongress für die lateinische Messe stark, in der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde stehend das Paternoster murmeln. Vertreter der völkisch orientierten Katholischen Pfadfinderschaft Europas versuchten Jugendliche für den Folklore-Tanz als "Deine Disco-Alternative" zu begeistern. Zwischendurch verteilten Abtreibungsgegner kleine Embryonen aus Plastik - ganz im Sinne des Forum-Chefs Hubert Gindert.

Er forderte kürzlich alle Katholiken in Deutschland auf, ihre Kinder vom Religionsunterricht abzumelden, falls ihr Lehrer Sympathien mit reformorientierten Theologen zeige. Auch aus dem Sexualkundeunterricht sollten sie den Nachwuchs herausnehmen können. Dort gebe es nur eine "manipulierende und schamzerstörende Sexualerziehung von Kindern durch den Staat".

Dass es sich dabei nicht um bedeutungslose Splittergruppen handelt, zeigt ein Blick ins Kuratorium des Forums Deutscher Katholiken. Dort sitzen Papst-Vertraute wie der emeritierte Kurienkardinal Paul Josef Cordes, und aus Deutschland engagieren sich neben Kardinal Meisner Bischöfe wie Heinz Josef Algermissen aus Fulda. "Wir stecken in einem Kulturkampf", rief Algermissen bei einem früheren Forum-Treffen seinen Anhängern zu. Es gelte, sich gegen die "Irrtümer der Zeit" zu wehren.

Sogar Robert Zollitsch erteilte dem Forum bei einem Eröffnungsgottesdienst in Karlsruhe seinen Segen. Der Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz gehört zwar selbst nicht zu den Konservativen, ihren Ruf kann er aber nicht länger ignorieren. Wer mich kennt, weiß, dass ich Brücken bauen will", sagt Zollitsch.

In Wirklichkeit treiben Konservative und Traditionalisten die Bischofskonferenz vor sich her. Als Zollitsch kürzlich in der "Zeit" mit Verständnis über die Probleme wiederverheirateter Katholiken wie Bundespräsident Wulff sprach und eine Lösung des Problems in Aussicht stellte, prügelten Anhänger des anderen Lagers umgehend auf ihn ein. "Applaus bekommt das Zirkuspferd, wenn es die richtigen Pirouetten dreht", schrieb der bei Traditionskatholiken beliebte Autor Alexander Kissler gehässig.

In der Vergangenheit blieben erzkonservative Kirchengruppen sich selbst überlassen, sie bildeten einen geschlossenen Zirkel, der an der Basis nicht wahrgenommen oder belächelt wurde.

Das hat sich nun geändert, auch weil Benedikt die entsprechenden Signale setzt. Die Protagonisten dieser Bewegung machen sich daran, quer durch Deutschland das Gemeindeleben aufzumischen und in ihrem Sinne zu prägen.

Zum Beispiel die lange exkommunizierten Bischöfe der Piusbrüder, die bis zur Papstwahl Ratzingers in der Kirche nicht gesellschaftsfähig waren. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", sagt nun ein führendes Mitglied der Bruderschaft. Holocaust-Leugner Richard Williamson wurde von der Zentrale abgemahnt, drei weitere Brüder mussten wegen antisemitischer Äußerungen die Gemeinschaft verlassen.

"Es gibt für Rom überhaupt keinen Grund mehr, unsere Bruderschaft aus der Kirche herauszuhalten", meint Bischof Bernard Fellay, der Chef der Bruderschaft. Als Zeichen höchster Anerkennung durften seine Priester nach zweijährigen Verhandlungen vor wenigen Wochen sogar eine Messe nach altem Ritus im Petersdom feiern. "Der konservative Katholizismus hat durch uns an Einigkeit und Stärke gewonnen", schwärmte ein Vertreter der Bruderschaft, die die Ökumene ablehnt und die Gläubigen in eine fromme Kirchenwelt aus der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil zurückführen möchte.

Sollte der Papst, wie in Rom diskutiert, demnächst die Bruderschaft als Weltbistum anerkennen, könnte schon bald ein Teil der weltweit 500 Pius-Priester in Deutschland anrücken und mit seinen Retro-Messen den ortsansässigen Seelsorgern Konkurrenz machen. Gemeindepfarrer, die Laien in den Gottesdienst mit einbeziehen und Diskussionen über die Kirche zulassen, gelten im konservativen Milieu ohnehin nicht viel. Sie werden gern als "linke Konzilspriester" beschimpft.

Mitten in der Kirche angekommen ist inzwischen auch das Opus Dei, eine konservative Laien-Organisation, deren Mitglieder je nach Status zur Selbstkasteiung ermuntert werden - sowie zur täglichen Kommunion und zu häufigen Gebeten.

Es gibt kaum einen deutschen Bischof, der dem in Spanien gegründeten "Werk Gottes" nicht wohlwollend gegenübersteht. Der neue Berliner Erzbischof Rainer Woelki promovierte an der römischen Universität des Opus Dei, sein Förderer und früherer Chef Kardinal Meisner hält in Köln Festmessen für den Opus-Gründer, und auch der Papst zeigte gleich zu Beginn seiner Amtszeit seine Sympathie; die einzige Pfarrei, die er 2005 beim Weltjugendtag besuchte, war die Opus-Dei-Gemeinde St. Pantaleon in Köln.

Prälat Christoph Bockamp ist seit 1996 der Deutschland-Chef der Organisation. Zum Gespräch empfängt er im Kaminzimmer des Kölner Studentinnenwohnheims Campus Muengersdorf, das von einer Opus-Dei-nahen Stiftung getragen wird.

Es ist eine seltene Gelegenheit, Bockamp und sein Gotteswerk halten normalerweise größtmöglichen Abstand zur Öffentlichkeit. Er selbst, sagt Bockamp mit feinem Lächeln, habe das Opus Dei als Jugendlicher mit Begriffen wie Mafia und Geheimbund in Verbindung gebracht, aber das sei natürlich Unsinn.

Wie schon der Chef der Piusbrüder betont auch Bockamp die vollkommene Einheit mit dem Pontifex und der römisch-katholischen Kirche. "Wir kommen weltweit kaum noch hinterher, neue Zentren zu eröffnen", sagt er, so sehr sei mittlerweile die Arbeit des Opus Dei in der Kirche geschätzt.

Erst Anfang des Monats erkämpften Opus-Dei-Mitglieder gegen das Land Brandenburg vor Gericht das Recht, in Potsdam ein neues Jungengymnasium zu eröffnen. In zahlreichen deutschen Diözesen ist das Opus Dei inzwischen aktiv, er halte zu allen Bischöfen Kontakt, sagt Bockamp. "Wir treffen uns auf Empfängen, oder ich bitte um ein Gespräch und erzähle ihnen ein bisschen, was wir in ihrem Bistum machen."

Früher waren katholische Basisgruppen auch dafür bekannt, mit der Friedens- und Umweltbewegung zu sympathisieren, kirchliche Jugendgruppen fuhren begeistert ins französische Taizé, um dort mit jungen Gläubigen verschiedener Konfessionen die Ökumene zu feiern. Dass Mädchen Messdienerinnen werden dürfen, war selbstverständlich. Sonntags halfen in den Gemeinden Laien beim Verteilen der Hostien und der Gestaltung von Gottesdiensten.

Vieles von dieser Welt ist bis heute erhalten, zahllose Pfarrgemeinden führen ein buntes Leben, weil sich Seelsorger und Gläubige engagieren, ohne sich von konservativen Kreuzzügen besonders beeindrucken zu lassen.

Und doch ist gerade bei jungen Katholiken ein Wandel zu beobachten. Beim Weltjugendtag in Köln 2005 waren über 100 000 Besucher Mitglieder des Neokatechumenats, "beim Treffen in Madrid vor wenigen Wochen waren es wohl bereits 250 000", sagt Gianpaolo Carpanese von den Neokatechumenalen, "unser Weg ist von Gott inspiriert". Es ist eine schnell wachsende neokonservative Bewegung, die außerhalb der Kirche kaum bekannt, inzwischen aber mit knapp hundert Gruppen in fast jeder größeren Stadt vertreten ist.

Katechumenat bedeutet: Vorbereitung auf die Taufe. Neokatechumenen sind besonders fromme Gläubige, die durch eine Neuentdeckung der Taufe zu wahren Christen werden wollen. Dazu müssen sie über mehrere Jahrzehnte verschiedene Stufen durchlaufen, ähnlich den wiedergeborenen Christen in den USA.

Wie "Neokats" eine Gemeinde verändern können, erlebte zum Beispiel Gertrud Brück, 62. Ein Leben ohne die katholische Kirche konnte sie sich nie vorstellen, sie engagierte sich in der Pfarrei der St.-Marien-Gemeinde von Köln-Nippes, war im Vorstandsteam der Frauengemeinschaft, organisierte die Blumengestecke in der Kirche, und sonntags übernahm sie Lesungen in der Messe.

Eines Tages kam ihr Pfarrer von einer Priesterratskonferenz zurück, wo ihn die Neokatechumenen begeistert hatten. Auch sie solle sich unbedingt "dem Weg" anschließen, sagte er ihr: "Wer da nicht mit reingeht, der ist nur religiös und nicht katholisch."

Brück folgte anfangs seinem Rat. "Bei vielen Treffen ging es immer nach dem gleichen Schema", berichtet sie. "Man stand vorn und sagte: Ich war ein schlechter Mensch, erst durch das Neokatechumenat bin ich auf den Weg der Besserung gebracht worden." Wenn sie Fragen hatte, wurde sie abgewiesen.

Die Kölnerin fühlte sich in der eigenen Kirche, als wäre sie in eine Sekte geraten. Sie distanzierte sich. "Von einem freiheitlichen Glauben ist beim Neokatechumenat nichts zu spüren", sagt Brück.

"Egal wo die Neokatechumenen hinkommen: Sie spalten die Gemeinden und vertreiben andere Gläubige", sagt Johannes Krautkrämer, Pfarrvikar in der Kölner Südstadt. Nachdem er das Verhalten der frommen Tauf-Anhänger in einem Brief an Kardinal Meisner thematisierte, bekam er keinen Job mehr als selbständiger Pfarrer. Der Kirchenfürst mag sich Kritik an der konservativen Bewegung offenbar nicht gefallen lassen. Trotz heftiger Auseinandersetzungen im Priesterrat seines Erzbistums genehmigte er in Bonn ein Priesterseminar des Neokatechumenalen Weges.

Wie sehr sich das Klima unter den Gläubigen verschlechtert hat, zeigt sich auch an der aggressiven Kritik, mit der konservative bis reaktionäre Christen so ziemlich jeden überfallen, der nicht konsequent zum rechtgläubigen Lager steht.

Jesuitenpater Mertes, der den sexuellen Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg publik machte, spricht von "Dunkelkatholiken", die mit Denunziationen und wüsten Angriffen die Gegenseite diffamierten. "Teile der Hierarchie kuschen vor diesen Schimpfern, aus Angst davor, selbst beschimpft zu werden."

Das vielleicht aktivste Sprachrohr dieser Szene ist die Internetseite kreuz.net, auf der meist anonyme Autoren tagesaktuell auf ihren jeweiligen Gegner eindreschen. In ihrer Welt ist Mertes ein "dekadenter deutscher Jesuit" und "Missbrauchspropagandist", der nur der heiligen Kirche schaden wolle.

Der homosexuelle Theologe David Berger, jahrelang selbst Mitglied der rechtsgläubigen Katholikenszene, wird unter anderem als "Berufsschwuchtel" diffamiert, nachdem er ein Enthüllungsbuch über den konservativen Katholizismus veröffentlichte. Bald war auch seine Privatadresse auf kreuz.net zu finden. Berger erwog, sich öffentlich nicht mehr kirchenkritisch zu äußern, entschied sich aber dagegen. "Dann hätte die Hetze ihr Ziel erreicht." Auch der SPIEGEL wird regelmäßig als "Kirchenkampf-Magazin" attackiert, das "in Goebbels-Manier" gegen die Rechtgläubigen hetze.

Stehen Reformkatholiken auf verlorenem Posten? Haben ihre konservativen Gegner die Deutungshoheit über ihren eigentlich gemeinsamen Glauben etwa schon gewonnen?

Monika Grütters ist Bundestagsabgeordnete der CDU. Zwei Wochen vor dem Papstbesuch sitzt sie morgens in ihrem Büro und erzählt vom schwierigen Leben als überzeugte Katholikin.

Jede erste Januarwoche fährt sie mit rund 50 Bundespolitikern zu Besinnungstagen ins Eifel-Kloster Maria Laach. Sonntags geht sie zur Messe in die Kirche St. Ludwig in Berlin-Wilmersdorf. "Dort haben vier weltoffene, humorvolle, bodenständige Franziskaner einen Treffpunkt des geistigen Berlins geschaffen", sagt sie. Mit fünf Gottesdiensten ist die Kirche jedes Wochenende voll; wenn es in einer Predigt, wie kürzlich, um "dringend nötige Reformen" in der Kirche geht, gibt es spontanen, heftigen Applaus in den Reihen.

Dann wühlt Grütters zornig in einem Stapel mit Briefen und ausgedruckten E-Mails: "Hier!" Eine Flut von Beschimpfungen ist über sie hereingebrochen. Nur weil sie im Berliner "Tagesspiegel" gesagt hatte, sie hoffe, dass Gerüchte über eine Opus-Dei-Nähe des neuen Berliner Erzbischofs Woelki nicht zuträfen: "Das wäre verheerend."

Sie sei eine "Zeitgeist-Domina", konnte sie zum Beispiel in den Briefen lesen. Fromme Katholiken wollten dafür sorgen, dass sie auf keine Liste für ein Bundestagsmandat mehr gelangte. Andere schrieben direkt an die Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel; die Parteispitze solle ein Ausschlussverfahren anstrengen, wenn Grütters nicht sofort ihr Mandat niederlege.

"In einer so großen Organisation wie der katholischen Kirche darf und soll es eine ebenso große Meinungsvielfalt geben", meint die katholische Politikerin. "Doch vom energischen Auftreten der Konservativen und Traditionalisten, ihrem Organisationsgrad und mancher Rücksichtslosigkeit darf die große Zahl weltoffener, zukunftsgewandter Katholiken und reformorientierter Laien sich nicht verunsichern lassen."

Jesuitenpater Mertes, mit dem sie im Gespräch ist, findet es "tragisch, dass solche Kreise in der Kirche in den letzten Jahren von der Hierarchie gefördert worden sind und so eine hohe institutionelle Legitimation bekommen haben". Darüber müsste man sich mit den Bischöfen und anderen Hierarchen endlich auseinandersetzen.

In Köln versuchen viele Seelsorger genau das seit etlichen Jahren. Anfang September trafen sich fünf von ihnen in einer Wohnung im Stadtteil Ehrenfeld. Viele Stunden berichteten sie von ihren Enttäuschungen, von der dunklen Macht des Klerus, vom Befehlston in ihrer Diözese, von den vielen Tabuthemen. Und von der Angst, die das Klima in ihrer Kirche bestimme.

Pfarrer Michael Jung aus Meckenheim am Rande der Eifel war einer von ihnen. Er hatte Kardinal Meisner in einem Brief höflich um mehr Transparenz und Dialog bei der bevorstehenden Zusammenlegung von Gemeinden gebeten. Offenbar ein Fehler: Transparenz und Dialog sind Reizworte im Kölner Erzbistum. Nur eine Woche nach diesem Brief wurde Jung aufgefordert, sein Amt als Pfarrer von sich aus niederzulegen - mit 41. "Unter Angestellten und Priestern geht die Angst um, abgeschossen zu werden", sagt er.

Selbst Kleinigkeiten bekommen in der konservativen Glaubenswelt mitunter übergroße Bedeutung. Hat der Priester den Hirtenbrief des Erzbischofs vorgelesen oder nur ausgelegt? Trägt er Pullover und Jeans oder stets einen Priesterkragen? In Pfarreien nicht nur der Kölner Erzdiözese überwachen selbsternannte Glaubenspolizisten die Reinheit der Lehre schon anhand solcher Äußerlichkeiten.

Ist das die katholische Kirche der Gegenwart?

Der Münchner Autor Peter Seewald hat im Sommer 2010 über mehrere Tage hinweg Interviews mit Benedikt geführt und daraus ein populäres Gesprächsbuch gemacht. "Die Krise der Kirche ist das eine, die Krise der Gesellschaft das andere. Beides ist nicht ohne Zusammenhang", schreibt Seewald im Vorwort.

Er spricht von den Scheinwelten der Finanzmärkte, von einer Moderne, die ihre Wertmaßstäbe verliert, von einer ökologischen Katastrophe, von einem krankmachenden Hochgeschwindigkeitsleben, vom Universum des Internets, auf das es noch keine Antworten gebe.

Das sind wichtige Punkte, Debatten, zu denen das Oberhaupt von rund 1,2 Milliarden Katholiken etwas beitragen könnte. Doch Papst Benedikt wird zu solchen Themen kaum wahrgenommen. Weil er zu sehr mit seiner angeschlage-nen Amtskirche und ihrer Reinigung beschäftigt ist.

Stundenlang haben sich der Pontifex und sein Interviewer im Sommer 2010 in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo für ihr Gesprächsbuch Gott und die Welt erklärt. Was am Ende übrig blieb, was öffentlich Schlagzeilen machte, war eine leichte Akzentverschiebung Benedikts beim Gebrauch von Kondomen. Diese könnten, in seltenen, streng definierten Ausnahmefällen, nun vielleicht doch benutzt werden. Es war ein weiterer Beleg für die tiefe Kluft zwischen dem Papst und der weltlichen Gesellschaft.

In Köln-Ehrenfeld ist es spät geworden in der Diskussionsrunde der enttäuschten Katholiken. Vier Stunden lang haben sie sich ihren Frust von der Seele geredet. Vom Papstbesuch erwartet sich keiner Impulse.

"Benedikts Auftritt täuscht für ein paar Tage über den wahren Zustand der Kirche hinweg", sagt einer, "danach geht unser Leiden weiter."


DER SPIEGEL 38/2011
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Der Fremde