19.09.2011

KONZERNE„Kapitel abgeschlossen“

Ende einer Ära bei Siemens: Vorstandschef Peter Löscher, 54, verkündet den endgültigen Abschied aus dem Atomgeschäft.
SPIEGEL: Herr Löscher, was ging Ihnen durch den Kopf, als im März in Fukushima die Atommeiler in die Luft flogen?
Löscher: Ich habe mit meiner Familie vier Jahre in Japan gelebt und dort viele Freunde. Denen galt unsere große Sorge, wir haben sofort mit ihnen Kontakt aufgenommen, um zu sehen, ob und wie wir helfen können.
SPIEGEL: War Ihnen die Tragweite der Katastrophe für Deutschland und Ihr eigenes Unternehmen sofort klar?
Löscher: Damals ging es mir wirklich nicht um die Landtagswahlen in Baden-Württemberg oder die weltweite Zukunft der Atomenergie, sondern um das Schicksal auch der Siemens-Beschäftigten in Japan. Hier in Deutschland wurde dann ja schnell deutlich: Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hat dieses Ereignis als das wahrgenommen, was es war - Fukushima gab dem atomaren Restrisiko ein Gesicht. Deutschland hat darauf mit der Energiewende reagiert. Das hat auch für uns bei Siemens die Dinge verändert.
SPIEGEL: Soll das heißen, Sie steigen aus dem einst so lukrativen Geschäft mit der Atomkraft endgültig aus?
Löscher: Ja. Wir werden künftig zwar noch Komponenten liefern wie etwa konventionelle Dampfturbinen. Aber das heißt eben auch: Wir beschränken uns auf Technologien, die nicht nur in Kernkraftwerken, sondern auch in Gas- oder Kohleanlagen zum Einsatz kommen. In die Gesamtverantwortung des Baus von Kernkraftwerken oder deren Finanzierung werden wir nicht mehr einsteigen. Das Kapitel ist für uns abgeschlossen.
SPIEGEL: Als Konsequenz aus Fukushima?
Löscher: Auch als Antwort auf die klare Positionierung von Gesellschaft und Politik in Deutschland zum Ausstieg aus der Kernenergie.
SPIEGEL: Hat die Bundesregierung Sie zu dem Atomabschied gedrängt?
Löscher: Definitiv nein.
SPIEGEL: Siemens war früher führend in der Atomtechnik. Können Sie uns den zuletzt eher wirren Kurs Ihres Konzerns erklären?
Löscher: So wirr, wie Sie glauben, war der nicht. Denn schon im Jahr 2001 hatte Siemens beschlossen, sich aus dem sogenannten heißen Teil der Nukleartechnik zu verabschieden und das Nukleargeschäft in ein deutsch-französisches Gemeinschaftsunternehmen unter Führung des französischen Partners einzubringen. Zur selben Zeit hatte die damalige rot-grüne Bundesregierung den Atomausstieg auf den Weg gebracht, auch wenn der zu jener Zeit noch sehr weit weg schien.
SPIEGEL: Ihr Vorvorgänger Heinrich von Pierer ließ früh durchblicken, dass man als hiesiges Unternehmen nicht auf Dauer Produkte exportieren könne, die zu Hause ihre gesellschaftliche Akzeptanz verlieren. Andererseits war Siemens auch unter Ihrer Führung noch in dem deutsch-französischen Atomunternehmen Areva aktiv.
Löscher: Ja, für uns war aber schnell klar: Wir wollten auf Dauer nicht in einer Partnerschaft bleiben, in der wir nur einen Minderheitsanteil ohne unternehmerischen Einfluss hatten und einseitig hätten vor die Tür gesetzt werden können. Seit 2009 wäre der französische Partner dazu rechtlich in der Lage gewesen.
SPIEGEL: Also begann der große Scheidungskrieg, der Siemens kürzlich 648 Millionen Euro Vertragsstrafe kostete, um Areva verlassen zu können. Wenn das kein Missmanagement war!
Löscher: Wirtschaftliches Handeln bedeutet unternehmerisches Risiko. In diesem Fall haben unsere externen Ratgeber und wir das Risiko so nicht gesehen.
SPIEGEL: Eigentlich wollten Sie nach dem Areva-Abenteuer doch mit dem russischen Konzern Rosatom ein neues Joint Venture eingehen.
Löscher: Das war unsere Absicht. Aber nun werden wir das ursprünglich beabsichtigte Joint Venture nicht eingehen, und es wird im Bereich der Nukleartechnologie nicht zu der angedachten Kooperation mit unserem russischen Gesprächspartner kommen.
SPIEGEL: Rosatom wird von Ihrer Kursänderung ebenso wenig begeistert sein wie Ministerpräsident Wladimir Putin.
Löscher: Auf russischer Seite war die Reaktion sehr verständnisvoll. Dort versteht man den Primat den Politik. An einer Partnerschaft sind beide Beteiligten weiterhin sehr interessiert. Aber sie wird sich auf andere Felder beziehen.
SPIEGEL: Bedeutet Ihre Entscheidung denn nun, dass Sie der Atomkraft generell keine Zukunft mehr geben, oder nur, dass Ihr Unternehmen damit eben nichts mehr zu tun haben will?
Löscher: Wie sich die Kernenergie entwickeln wird, hängt nicht von Siemens ab, sondern von jeweils nationalen energiepolischen Rahmenbedingungen. Am Ende ist so ein Abschied auch für eine Firma eine unternehmenspolitische Entscheidung.
SPIEGEL: So radikal wie Deutschland wendet sich keine andere Nation von der Atomkraft ab. Weltweit sollen bis zum Jahr 2030 angeblich 400 neue Atommeiler entstehen, die rund eine Billion Euro kosten. Sie verzichten auf ein Riesengeschäft.
Löscher: Die Welt hat unterschiedlich auf Fukushima reagiert. Italien etwa hat längst keine Kernkraftwerke mehr, war aber vor Fukushima drauf und dran, wieder einzusteigen. Selbst in Japan artikulieren sich neuerdings Bürgerproteste. Wir sind in 190 Ländern vertreten. Aber zugleich sind wir ein Unternehmen mit deutschen Wurzeln und Werten, das sich nun aus diesem Geschäft zurückzieht.
SPIEGEL: Sie sind auch Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Teilen Sie den Eindruck, dass China von Fukushima nicht sonderlich beeindruckt ist?
Löscher: China verfolgt konsequent viele Ziele gleichzeitig: Die Chinesen legen Wert auf einen breiten Energiemix und setzen in ihrem jüngsten Fünfjahresplan sehr stark auf den Ausbau erneuerbarer Energien, daneben stark auf Kohle und auch weiterhin auf Kernkraft. Einen weiteren Schwerpunkt setzt China auf Energieeffizienz.
SPIEGEL: Ist es denn realistisch, dass die Welt ihre selbstgesteckten Klimaziele ohne Atomkraft erreicht?
Löscher: Diesen Weg hat die Politik angelegt, und wir gehen ihn gern mit. Siemens wird ein Motor der deutschen Energiewende sein und sieht darin eine Chance für den Investitionsstandort Deutschland, wenn es uns gelingt, dieses Projekt voranzutreiben und zugleich die industrielle Wertschöpfung im Land zu erhalten.
SPIEGEL: Siemens als Krisen- und Kriegsgewinner?
Löscher: Welches Krieges?
SPIEGEL: Ihr globaler Rivale General Electric (GE) hat Ihnen in Deutschland gerade den "Technologie-Krieg" erklärt.
Löscher: Die beiden Firmen kennen und respektieren sich seit über hundert Jahren. Es ist nicht meine Aufgabe, auf martialische Sprüche eines Mitarbeiters von GE-Chef Jeffrey Immelt einzugehen. Siemens ist breiter aufgestellt als jedes andere Unternehmen, von der effizientesten Gasturbine der Welt über Know-how beim Thema Hochspannungsnetze bis zu Komplettlösungen im Bereich Sonnen- und Windenergie.
SPIEGEL: Und gegen alles gibt es irgendwo immer sofort eine Protestbewegung. Den Deutschen können Sie's nie recht machen, oder?
Löscher: Das ist leider wahr. Man kann nicht erneuerbare Energien fordern und dann zum Beispiel die notwendigen Überlandleitungen torpedieren. Einen Kampf um jeden Strommast darf es nicht geben. Die Energiewende bedarf eines konsequenten Monitorings, und es wird auch nicht so sein, dass schon morgen alles durch Wind und Sonne ersetzt werden kann. Saubere Kohle und hocheffiziente Gaskraftwerke sind noch lange unverzichtbar, um jederzeit eine sichere Energieversorgung in Deutschland zu gewährleisten. Und das wichtigste Thema ist Energieeffizienz, also Stromsparen im Alltag.
SPIEGEL: Wie realistisch ist das deutsche Ziel, den Ökostrom-Anteil bis 2020 auf 35 Prozent zu erhöhen?
Löscher: Die Energiewende ist das Jahrhundertprojekt der Deutschen. Schon heute ist das Land mit 20 Prozent auf gutem Weg. Man muss aber klar sehen: Zu einem solchen Projekt kann niemand heute schon alle Antworten parat haben. Siemens arbeitet daran voll mit - auch mit einer steten Weiterentwicklung der Technologien. Das Windgeschäft ist dem Ziel, ohne jeden Zuschuss erfolgreich arbeiten zu können, übrigens schon weit näher als etwa das mit der Sonne …
SPIEGEL: … das im schattigen Deutschland ohnehin kaum Sinn macht.
Löscher: Fakt ist, Solarenergie liefert heute 3,5 Prozent des Stroms in unserem Land - bekommt aber 55 Prozent der Zuschüsse aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. In anderen Regionen der Welt ist absehbar, dass Solarthermie dagegen künftig eine entscheidende Rolle spielen kann.
SPIEGEL: Das größte Solarenergie-Projekt der europäischen Industrie ist Desertec. Kann daraus überhaupt etwas werden angesichts der aktuellen Unruhen von Tunesien bis Syrien?
Löscher: Desertec ist eine Vision. Zu ihrer Realisierung braucht es unter anderem auch stabile Rahmenbedingungen. Zurzeit ist diese Voraussetzung nicht überall erfüllt. Aber Desertec darf man sich auch nicht als eine einzige riesige Anlage vorstellen, sondern als ein afrikanisch-europäisches Projekt mit vielen Bausteinen.
SPIEGEL: Entwickelt Siemens Szenarien für den Fall, dass der Euro-Raum zerfällt?
Löscher: Dieser Fall wird nicht eintreten. Davon bin ich überzeugt.
SPIEGEL: Ihr klares Bekenntnis in Ehren, aber es bedeutet im Umkehrschluss, dass Deutschland für dieses Europa einstehen muss - koste es, was es wolle.
Löscher: Es heißt, dass wir voll hinter der weiteren europäischen Integration und den Europazielen der Bundeskanzlerin stehen, auch wenn sich viele Deutsche völlig zu Recht fragen, ob die immer neuen Milliarden-Zusagen in Ordnung sind. Solche Diskussionen sind legitim.
SPIEGEL: Siemens lebt zu einem erklecklichen Teil von öffentlichen Aufträgen. Was bedeutet es, wenn nun viele Staaten drastische Sparprogramme auflegen müssen?
Löscher: Wir sind überall auf der Welt zu Hause. Es gibt genug Geld auf der Welt. Und wo Wachstum ist, da sind auch wir.
SPIEGEL: Internationaler Währungsfonds und Weltbank warnen überraschend schrill vor einer neuen globalen Rezession.
Löscher: Das Wachstum lässt nach. Aber die Lage in der Realwirtschaft ist weitaus besser und stabiler als die Stimmung an den Finanzmärkten.
Von Dinah Deckstein und Thomas Tuma

DER SPIEGEL 38/2011
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