19.09.2011

ÖKOLOGIEGuter Räuber, böser Räuber

Seit mehr als zehn Jahren streifen wieder Wölfe durch Deutschlands Wälder, sie vermehren sich rasant. Der Mensch aber hat noch nicht gelernt, mit ihnen zu leben. Naturschützer und Jäger zanken über das graue Wildtier. Die einen verklären es, die anderen fürchten es als Rivalen.
Szenen, wie Franz Graf von Plettenberg sie von seinem Hochsitz aus beobachtet hat, kennt er sonst nur von Tierfilmen aus der Serengeti: Nur ist es hier ein Hirsch (kein Gnu), der entspannt durch die Heidelandschaft stakst - obwohl der böse Killer, ein Wolf (statt eines Löwen), in Sichtweite zum Wald hin schnürt. Es scheint, als spüre das potentielle Opfer, dass dieser Wolf sich bereits satt gefressen hat.
Plettenberg ist Förster, für fast 35 000 Hektar Staatsforst und Offenland trägt er die Verantwortung. Dazu gehört auch ein Truppenübungsplatz, der inzwischen berühmt geworden ist - als Heimstatt des ersten Wolfsrudels in Deutschland nach 150 Jahren.
Plettenberg mag den Wolf, denn der hilft ihm, das Schalenwild zu dezimieren. Das ist gut, weil zu viele Rehe und Rothirsche den Wald schädigen. Sie lieben die Triebspitzen junger Bäumchen und schälen die Rinde größerer Gewächse - alles nicht gut für einen, der mit Holz Geld verdienen will.
Doch sehr viele Jäger teilen Plettenbergs Meinung nicht. Jene Waidgenossen betrachten den Neuankömmling als Rivalen, der ihnen die Beute und die Herrschaft im Walde streitig macht. "Wenn sich die Jäger bisher für ihr Tun rechtfertigen mussten, dann hieß es stets, dass sie den Job des Wolfs erledigen müssen, weil der eben nicht mehr da ist im deutschen Forst", sagt Plettenberg. Jetzt sei der Wolf zurückgekehrt. Und die Jäger? Beschwerten sich, dass er das Wild vertreibe.
Mehr als zehn Jahre ist es jetzt her, dass das erste Paar polnischer Wölfe in der sandigen und einsamen Heidelandschaft des Truppenübungsplatzes Oberlausitz in Sachsen zusammenfand und Welpen aufzog. Zwei Fähen gingen aus dieser Familie hervor, die ihrerseits Partner fanden und seither jedes Jahr zuverlässig geworfen haben.
Offiziell, seit man sie betäubt und ihnen einen Sender um den Hals gelegt hat, heißen die beiden Weibchen FT3 und FT1. Aber natürlich haben die Forscher ihnen längst sympathischere Namen gegeben: Einauge tauften sie das eine leicht humpelnde Weibchen; auf den unscharfen Bildern, die Fotofallen von ihm schossen, prangt ein dunkler Fleck, wo einst ein Auge war. Inzwischen hängt ein Altdamenbauch zwischen mageren Altdamenbeinen - viel länger als Einauge mit ihren zehn oder elf Jahren leben Wölfe in freier Wildbahn nicht.
Und dann ist da noch Sunny, ihre Schwester, die sich genauso erfolgreich vermehrt. Sunny und Einauge werden wohl als Urmütter der neuen deutschen Wölfe in die Geschichte eingehen. Überwiegend aus ihrem Clan sind mittlerweile mindestens 158 Welpen hervorgegangen. Viele davon sind gestorben, wieder andere haben sich auf Wanderschaft in die Weiten des Ostens gemacht. Alan etwa, ein besenderter Sohn Einauges, schaffte es bis nach Weißrussland. Dennoch, einige blieben und gründeten neue Familien (siehe Grafik Seite 114).
Heute, im Sommer 2011, schnüren annähernd 90 Exemplare von Canis lupus durch Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Eine Fähe, Zora, schaffte es bis kurz vor Hamburg, wo sich ihre Spur verlor.
Inzwischen ist klar: Die Wölfe werden bleiben. Niemand wagt eine seriöse Prognose, aber es ist durchaus möglich, dass die Raubtiere es in den nächsten zehn Jahren bis in die Mittelgebirge schaffen, in den Harz sowieso, aber auch in Taunus, Eifel, Westerwald. Dort und in Bayern, Baden-Württemberg und im Saarland könnten sie auf ihre Vettern aus Italien und Frankreich treffen, was genetisch betrachtet ein Glücksfall für sie wäre.
In Bayern streifte bis zum Frühjahr ein Tier wohl aus jener mediterranen Verwandtschaft herum, einer der kleinen Italiener schlug sich bis nach Gießen durch, wo er angefahren wurde - seitdem ist er nicht mehr gesehen worden. Im Juli löste einer der Südländer eine Fotofalle im Elsass aus, 60 Kilometer von Freiburg entfernt. Das Bundesamt für Naturschutz hat ausgerechnet, dass Deutschland 440 Rudeln Platz böte.
Deutschland ist Wolfsland. Überall sind die grauen Räuber auf dem Vormarsch, auf dem gesamten europäischen Festland.
Nur: Längst nicht alle Menschen freuen sich darüber.
Kein Tier hat so viele Freunde und Feinde zugleich, keines schürt so viel Zwietracht. Da werden biedere Verbandsvertreter zu Intriganten und artige Naturschützer zu Berserkern, da wird gehetzt, denunziert, verklagt. Beteiligt sind Politiker, Biologen, Förster, Jäger, Bauern und Städter.
Die Kirche sah im Wolf einst den Satan höchstpersönlich, Rotkäppchen sowie die sieben Geißlein brachten schon kleinen Kindern bei, das Wildtier zu fürchten. Der Wolf war Ungeziefer, er wurde geschossen, vergiftet, totgeschlagen. Hass und Hatz haben Canis lupus fast in ganz Mitteleuropa ausgerottet, ihn verbannt in seine reine Märchenexistenz.
Sachlich begründet ist die Angst nicht: Der Beutegreifer fällt gemeinhin keine Menschen an; das tun allenfalls tollwütige oder angefütterte Tiere. Die Tollwut gilt als ausgerottet in Deutschland, und bisher war niemand so wahnsinnig, Wölfen ein Schüsselchen Schlachtfleisch vor die Haustür zu stellen.
Aber um Sachargumente geht es meist nicht - in Sachsen nicht, und vermutlich wird es künftig auch andernorts nicht darum gehen, wenn die wilden Wölfe wieder durch Wälder und Felder streifen.
In der Lausitz lässt sich besonders gut beobachten, was geschieht, wenn die grauen Räuber kommen und bleiben, es wird klar, wie unversöhnlich sich ihre Fans und ihre Feinde auch nach mehr als zehn Jahren noch gegenüberstehen.
Jetzt gibt es einen neuen Kriegsgrund: Der Wolf, so hat es der sächsische Landwirtschafts- und Umweltminister Frank Kupfer kürzlich verkündet, soll dem Jagdrecht unterstellt werden. Damit wird der Wolfsschutz fortan auch Aufgabe der Jäger sein. Für viele Naturschützer ist das ein Skandal: ausgerechnet die Jäger! Die sind ihnen als potentielle Wolfsmörder verdächtig. Unter Waidgesellen, meinen die Naturfreunde, gelte doch nur das Gesetz der drei S: Schießen, Schaufeln, Schweigen. Tatsächlich sind in Deutschland, seit die Wölfe hier wieder heimisch sind, sieben Tiere erlegt worden, der letzte Wolf im Mai in der Lausitz.
Die Jäger wiederum halten den Wolfsschützern vor, dass sie das Raub- zum Kuscheltier verklärten. Und worüber regten die sich eigentlich auf? Der Wolf dürfe auch unter dem Jagdrecht nicht erlegt werden, an seinem Schutzstatus ändere sich also nichts.
Wer, darum geht es hier, darf am Ende darüber bestimmen, wie viel wildes Tier der Mensch in seiner bis zum letzten Eckchen beackerten und gehegten Nachbarschaft ertragen soll?
Naturschützer und Wildbiologen fühlten sich eigentlich stark. Bisher haben sie sämtliche Gefechte gewonnen. Der Graupelz ist streng geschützt, in Sachsen gibt es einen Managementplan getreu EU-Vorgaben, der so vorbildlich ist, dass ihn Mecklenburg-Vorpommern und in Teilen auch Bayern bereits kopiert haben. Mit den Schafhaltern hat man sich arrangiert, sie bekommen Entschädigungen für getötete Schafe, Zuschüsse zum Kauf von Zäunen und Hilfe bei der Anschaffung spezieller Herdenschutzhunde.
Aber die Jäger fühlen sich zu kurz gekommen. Sie wollen weder Wolf noch Naturschützer die Herrschaft über ihren Wald überlassen. Deshalb haben die Waidmänner den sächsischen Umweltminister Frank Kupfer davon überzeugt, den Wolf "unter den Schutz des Jagdrechts" zu stellen, wie es heißt. Die Betonung legt Kupfer, wenn er die Sache erklären soll, überdeutlich auf "Schutz".
Der schwedische Umweltjournalist Henrik Ekman hat ein Buch darüber geschrieben, wie es war, als der Wolf wieder durch die skandinavischen Landschaften streifte, wie seine Feinde ihn dämonisierten und seine Freunde ihn fröhlich begrüßten.
Man muss nur die Namen der Ortschaften ersetzen, dann stellt man fest, wie sich in Deutschland nun alles wiederholt. Das Werk liest sich wie das Drehbuch für ein universelles Laienspiel. In der Lausitz sind die Rollen längst verteilt.
Die Wildbiologen
Ilka Reinhardt, eine von zwei hauptamtlichen Wolfsbeobachterinnen in der Lausitz, öffnet das Fenster ihres Geländewagens und reckt den Kopf hinaus. Den Seitenspiegel hat sie eingeklappt, er nimmt ihr die Sicht. Fahrtwind zaust ihr kinnlanges Brünetthaar. Sie mustert den Boden neben und vor dem Auto während der Fahrt, Tempo 25. Reinhardt sucht nach Spuren.
Davon gibt es eine Menge. Sie ziehen sich kreuz und quer und längs der weiten Sandschneisen des Truppenübungsplatzes Oberlausitz, wie auf einem Schnittmusterbogen.
"Schale", murmelt Reinhardt. "Schale, und hier auch, Schale." Sie spricht von Schalenwild, dazu zählen Rehe, Rothirsche, Wildschweine. Dann bremst Reinhardt abrupt. "Da!" Eine Wolfsfährte? "Nicht zu gebrauchen", sagt sie. "Da ist er im Galopp gelaufen." Im Schritt und im Galopp lässt sich die Spur des Wolfs nicht von der eines Haushundes unterscheiden. Nur im Trab verrät sich der Räuber, da setzt er die Pfoten in Reihe, wie Perlen an einer Schnur.
Also kein gültiger Wolfsnachweis, Reinhardt gibt Gas und fährt weiter. Sie und ihre Kollegin Gesa Kluth überwachen in der Lausitz und in Sachsen-Anhalt die Wölfe. Sie fahren oder radeln über Land, im Gepäck Maßbänder zum Vermessen der Pfotenabdrücke und Trittabstände, Probenbeutel für Wolfskot zur Beute- und Gen-Analyse und Speicherkarten für die Fotofallen.
Sie wollen die Wölfe dingfest machen. Sichtungen, die von Spaziergängern gemeldet werden, reichen so wenig wie Galoppspuren - erst wenn Kluth und Reinhardt wirklich klare Beweise haben, etwa scharfe Bilder aus den Fotofallen, fügen sie der Statistik jeweils Welpen oder auch ganze neue Rudel hinzu.
Wölfe zählen - was sich wie wissenschaftliche Routine anhört, ist ein Politikum. Und es gibt wohl nur wenige Biologen in Deutschland, deren Forschung so umstritten ist wie das, was Reinhardt und Kluth in der Lausitz tun.
Reinhardt denkt nach über ihre neun Jahre mit den Wölfen, über die Diskussionen, die Nachtwachen bei gefährdeten Schafherden, sie erzählt von dem Angriff der "Bild", die Gesa Kluth vorwarf, für ihren Job würden sinnlos Steuergelder verschwendet. Oder die Briefe, in denen stand, dass man erst die Wölfe schießen werde, dann die "Wolfsfrauen". Angeheizt wurde die Stimmung lange von einem Jäger, dem Sprecher eines kleinen Vereins von Wolfshassern: "Erst wenn wir den ersten Schulranzen eines Kindes an der Haltestelle allein auffinden, werden die Menschen aufwachen."
"Ich bin das so leid", sagt Reinhardt. "Hey, ich bin Biologin. Ich will einfach nur meine Arbeit machen." Die Wissenschaftlerin schließt die Schranke zum Truppenübungsplatz hinter sich, es ist Abend, für heute macht sie Schluss. Immerhin, in einem Rudelterritorium hat sie Welpenspuren gefunden.
Die Jäger
"Brimbamborium" nennt Heinz Baacke das Monitoring von Canis lupus. Wieso sollte man das allein den Wildbiologen überlassen, fragt der Vertreter des Landesjagdverbandes Sachsen. Gucken könnten die Jäger schließlich genauso gut. "Wenn ich mich auf'n Hochsitz setze", sagt er, "mache ich doch nicht die Augen zu, wenn der Wolf vorbeikommt!"
Ohnehin hat Baacke den Verdacht, dass Kluth, Reinhardt und deren Helfer die Zahl der Wölfe bewusst kleinrechnen. Dass sie ein Interesse daran haben, liegt für ihn auf der Hand: "Ich sag nur: Je weniger Wölfe es gibt, desto mehr muss man sie schützen", sächselt der bärtige Waidmann, der sich gern mit seiner Rauhaarteckelhündin Belina ganz zünftig mit Filzhut und in grünem Loden auf die Pirsch begibt.
Die Umweltschützer wiederum fürchten, dass die Jäger jeden Wolf vielfach zählen werden. Ein Rudel hat in der Lausitz ein Streifgebiet von rund 250 Quadratkilometern, das ist zweieinhalbmal die Fläche der Insel Sylt. Da rennen die Tiere im Laufe einer Nacht an vielen Hochsitzen vorbei. Schlampiges Monitoring, so der Vorwurf der Biologen, habe dazu geführt, dass der Pardelluchs in Spanien und Portugal unbemerkt dahinschwand.
Wohl wahr, gibt Baacke zu, die Jäger hätten sich bisher nicht gerade gedrängelt, Sichtungen oder Wildrisse zu melden. Aber das sei eine "psychologische Sache". Die Jäger hätten sich bisher ausgegrenzt gefühlt. "Das hat sie natürlich fürchterlich beleidigt."
Das werde sich ändern, sobald der Wolf dem Jagdrecht unterstellt sei, versichert Baacke. Dann würden sich die Jäger verpflichtet fühlen, Risse zu melden und auch Kot zu sammeln. "Schließlich sind sie die Gruppe, die am meisten betroffen ist durch die Wölfe." Denn sie müssten sich mit ihnen die Beute teilen.
Dann wagt sich Baacke in die Welt der Metaphern: Jäger seien wie Stiere, Naturschützer wie Ochsen. Impotent eben.
Die Schafshalter
Da war viel Blut auf der Weide, vor einer Woche. Silvia und Klaus Münster hocken an dem wachstuchbedeckten Tisch vor den Plastikrosen, die den Treppenaufgang zu ihrem Haus im sächsischen Steinitz säumen. Es riecht nach Hühnerkot, überall stolziert und gackert Geflügel, und ein Hahn kräht so nah, dass Silvia Münster lauter sprechen muss.
"Den Anblick vergisst man nicht", sagt sie, die Arme über der Brust verschränkt. "Da war nüscht mehr viel da von den Kamerunschafen." Ein Pansen hier, ein Kopf da und ein zerfetztes Bein.
Wahrscheinlich bekommen die Münsters nicht einmal Entschädigung für die vier Tiere, die sie bei dem Gemetzel verloren haben. Die Wiese war nicht komplett umzäunt. "Hat ja keener mit gerechnet, dass die durchs Schilf da am Wassergraben durchkommen", sagt Silvia Münster. "Ha, das war ja die größte Freude für die Leute, die dann gekommen sind. Das sei ja auch eine Einladung zum Dinner, hat die Frau gesagt, die mit dem Hund."
Die mit dem Hund war Ilka Reinhardt, die bei Schafsrissen nachsieht, ob wirklich ein Wolf zugeschlagen hat und nicht ein wildernder Haushund. Ihr Langhaar-Weimaraner Jacques ist darauf trainiert, Wolfsspuren zu folgen. Er fand verschleppte Kadaverteile der münsterschen Kamerunschafe. Ja, so Reinhardts Resümee, hier hatte ein Wolf zugeschlagen.
"Das ist eine Zumutung, dass der Wolf wichtiger ist als der Mensch", meint Silvia Münster. Überhaupt ist sie sauer auf Ilka Reinhardt und deren Mitstreiter. "Die haben den doch hierhergebracht, den Wolf, zu wissenschaftlichen Zwecken, zu Beobachtungszwecken!" Diese Theorie vom Kofferraumwolf, in der Lausitz weitverbreitet, lässt sie sich nicht ausreden.
Und jetzt sagt auch ihr schweigsamer Mann mal etwas: "Ich hab keene Angst vor dem Wolf, ich würd den totschlagen."
Die Wolfsfreunde
Der größte Fanclub des grauen Räubers, die "Gesellschaft zum Schutz der Wölfe", hat um die tausend Mitglieder, und dann gibt es noch den "Freundeskreis freilebender Wölfe", 200 Mitglieder. Macht also mehr als zehn Wolfsschützer pro Wolf in Deutschland, Organisationen wie WWF, Nabu und IFAW nicht mitgerechnet. Die Vereinsfunktionäre bereisen das ganze Land, um die Leute positiv auf den Beutegreifer einzustimmen.
An diesem Abend ist das Saarland dran. Unter den Freunden von Canis lupus gilt es als "Wolfserwartungsland". Die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe hat geladen: zu einem Info-Abend in der Scheune Neuhaus nördlich von Saarbrücken, ein heimeliger Ort mit rohen Mauern und Holztischen.
Die grüne Umweltministerin ist da und der Chef der Landesforsten. Auch Jäger waren eingeladen, doch gekommen sind sie nicht. Es sitzen nur Gesinnungsgenossen im Saal, während ein Vertreter der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe zwei Stunden lang vom Isegrim an sich schwärmt und von den "wirklich niedlichen Kinderbüchern", die sein Verein vertreibt, um schon bei den ganz Kleinen die Liebe zum Graupelz zu wecken.
Die Ministerin geht nach einer Stunde, aber das Publikum bleibt gnädig. Es lauscht auch noch, als Werner Freund auftritt, murmelnd, nuschelnd und mit seinen 78 Jahren schon ziemlich greis. Der Mann besitzt einen Wolfszoo im saarländischen Merzig. Er zeigt einen Film, in dem seine Gehegewölfe ihm den "Fang" abschlecken - so nennt er seinen Mund. Und wenn es Fleischabfälle vom lokalen Schlachter gibt, dann beißt er als Leittier zuerst hinein. Er findet es toll, sich als Wolf zu fühlen.
Leidenschaft, Politik, Kleinkrieg, Hetze - es ist nicht das Tier an sich, das die Leute so erregt. Es ist das, was der Mensch diesem Räuber aufgebürdet hat. Der Wolf ist zum Symbol geworden. Ihn zu verteidigen oder ihn zu hassen ist Religion.
Der Naturschützer nutzt den Wolf als eine Art Panda Europas, ein Wappentier. Es repräsentiert die Rückkehr der Wildnis, die letzte Chance, die klaffende Wunde zu heilen, die das grausamste aller Tiere, der Homo sapiens, der Natur zugefügt hat. Endlich stehe der Graupelz wieder an seinem angestammten Platz an der Spitze der Nahrungskette, das Ökosystem Wald, so die Hoffnung, kehre damit wieder in seinen Urzustand zurück. Es wäre alles wieder gut, so, als hätte Eva nicht von der verbotenen Frucht genascht.
Für viele Jäger, Bauern und Schafzüchter hingegen bedeutet die Wiederkehr des Beutegreifers einen Rückschritt in der Zivilisationsgeschichte. Seit Zehntausenden Jahren habe der Mensch die Natur gebändigt. Und nun soll man sich plötzlich wieder den Wald mit einem Raubtier teilen? Wozu ist es gut, Nutzvieh heranzuzüchten, wenn jetzt Isegrim kommt und im Blutrausch Schafe und Zicklein reißt?
Die Vertreibung und Vernichtung der großen Beutegreifer, das hat eine umfangreiche Übersichtsstudie in "Science" gezeigt, war "der wohl folgenschwerste Eingriff der Menschheit in die Natur".
In den USA, im Yellowstone Park, hat sich die Wiedereinführung des Wolfs als ökologische Erfolgsstory erwiesen. Er hat die riesigen Wapiti-Herden nach Jahrzehnten wieder dezimiert, prompt wuchsen wieder Bäume und Buschwerk an den Wasserläufen, der Biber kam und staute die Flüsse, seltene Vögel und anderes Getier siedelten sich an, Aasfresser profitierten. Eine Wiederauferstehung des Ökosystems.
Ist Ähnliches auch in Deutschland möglich? Die meisten Forscher bezweifeln es. Hier wirkt überall der Mensch.
Ein Wolfsrudel, so das Ergebnis einer Studie, vertilgt etwa ein Reh täglich. Hinzu kommen noch zwei Sauen und ein Stück Rotwild pro Woche - eine ordentliche Portion. Menschen jedoch erlegen auf der gleichen Fläche, 100 Hektar, doppelt so viele Hirsche und viermal so viele Wildschweine wie der Wolf.
In einem derart gebändigten Ökosystem wird Canis lupus seine ökologische Rolle schlecht spielen können - es sei denn, die Jäger überließen ihm komplett das Feld. Aber dazu müssten vielleicht mehr von ihnen dem grauen Räuber mal tief in die Augen schauen.
Wie sich das anfühlt, hat der Biologe und Philosoph Andreas Weber einmal beschrieben, der "auf der Stelle in den Bann geschlagen" war. Es geschah, als er durch äthiopisches Hochland wanderte.
"Als ich aufblickte, sah mir der Wolf direkt in die Augen", notiert Weber. "Ich erstarrte, und was dann geschah, lässt sich nicht anders beschreibens als damit, dass wir Blicke tauschten. Die schwarzen Augen des Raubtiers waren unbeweglich auf mich gerichtet wie aus einem Abgrund von Fremdheit. Aber zugleich erblickte ich in ihnen nichts als mich selbst: einen einsamen Wanderer in den stummen Bergen."
Weber spürte der Faszination nach, die dieser Moment mit dem Abessinischen Wolf für ihn hatte, und kam zu dem Schluss, dass der Mensch in den Jahrhunderttausenden seines Überlebens in der Wildnis eine tiefe, bis heute überdauernde Kenntnis darüber erlangt habe, dass er nur existiert, weil es diese Wildnis gibt.
Dieses Sich-Spiegeln, das Sich-Einordnen in die Natur fällt dem heutigen Homo sapiens in seiner Erscheinungsform als Jäger eher schwer. Ein Lausitzer Waidmann drückt das so aus: "Ich bin doch der Depp, der auf Schalenwildabschüsse verzichten muss, nur damit der Wolf gehegt und gepflegt wird!"
Von Rafaela von Bredow

DER SPIEGEL 38/2011
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