26.09.2011

GRÜNE

Spitze, Doppel, Team, Quartett

Von Beste, Ralf

Nach der gescheiterten Bürgermeisterkandidatur in Berlin verschieben sich bei den Grünen die Gewichte. Wer führt die Partei in die nächste Bundestagswahl?

Natürlich war das nur ein Scherz. Ob Claudia Roth Spitzenkandidatin der Grünen bei der Landtagswahl in Bayern 2013 werden wolle, fragte Fraktionschef Jürgen Trittin die Parteivorsitzende feixend. Roth wehrte ab, ebenfalls lachend, natürlich.

Wäre ja noch schöner. Nach dem gescheiterten Versuch von Renate Künast, Regierungschefin in Berlin zu werden, hat selbst die streitbare Bayerin Roth wenig Lust, sich eine Klatsche zu holen. Trittin darf also weiter mit der lieben Claudia auf der Bundesebene rechnen, genauso wie mit der lieben Renate, die am Donnerstag bei der Papstrede wieder in der ersten Reihe des Bundestags saß, als wäre sie nie in die Landespolitik verschwunden. Auch auf Roths Co-Parteichef Cem Özdemir kann Trittin zählen, wenn es um die Frage geht, wer die Grünen in die nächste Bundestagswahl führt - und damit womöglich auch in die nächste Regierung.

Die Grünen haben ein Jahr mit beispiellosen Wahlerfolgen im Rücken. Sie sind erstmals in ihrer Geschichte in allen Landtagen vertreten und stellen in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten. Künasts Scheitern in Berlin hat zwar klargemacht, dass eine Kanzlerkandidatur bei weniger als 20 Prozent der Stimmen sinnlos wäre. Die Rolle als Königsmacher im Bund dürfte der Partei dennoch in den Schoß fallen.

Wären die Grünen eine andere Partei, gäbe es in dieser Lage keine Führungsfrage. Dann wäre Trittin der natürliche Spitzenkandidat, qua Erfahrung, Bekanntheit und strategischer Stärke. Aber die Grünen sind antiautoritär, libertär, feministisch, kurz gesagt: in Machtfragen kompliziert. Ein Einzelner darf nicht die ganze Macht haben, schon gar kein Mann. Und deswegen fängt bei den Grünen die Debatte jetzt erst an.

Am Donnerstag trafen sich die vier Partei- und Fraktionschefs diskret in einem Raum im Bundestag, um die Lage zu besprechen. Keine Mitarbeiter waren zugelassen, nur die großen vier saßen am Tisch. Man redete über die Berlin-Wahl und über die Führungsfrage.

In der grünen Parteigeschichte gibt es verschiedene Formate, wie eine Wahlkampfspitze aussehen kann. Nie sah sie aus wie bei anderen Parteien, sie erinnert eher an die taktischen Aufstellungen, mit denen beim Fußball die Feldspieler verteilt werden. Dort ist von 4-2-3-1 oder 4-1-4-1 die Rede. Bei den Grünen waren es: 2002 - Joschka Fischer mit Künast/ Roth im Gefolge sowie vier Helfern (4-2-1); 2005 - Fischer, dahinter Künast und sieben weitere (7-1-1); 2009 - die Doppelspitze Trittin/Künast, dazu die beiden Parteichefs und drei andere (3-2-2).

Kein Wunder, dass solche Lösungen nicht in einer einstündigen Sitzung gefunden werden. Die Viererrunde vertagte sich bis auf weiteres. Das Belauern dauert an, mit Angriffen ist zu rechnen.

So wie vorige Woche, als Cem Özdemir, 45, eine günstige Gelegenheit nutzte. Unter den vieren ist er der Schwächste, er muss zusehen, wie er vorankommt. Beim Parteirat am Montag rechnete er mit dem Wahlkampf der Berliner Spitzenkandidatin Künast ab. Die Plakate seien schlecht gewesen, es habe an zündenden Inhalten gefehlt, sogar einzelne Veranstaltungen zerpflückte der Parteichef.

Doch Özdemir beließ es nicht dabei. Die blanke "Personalisierung" tue den Grünen nicht gut, resümierte er, Künast hätte führende Berliner Grüne besser einbinden müssen. Teilnehmer der Sitzung verstanden den Hinweis: Auch im Bund wäre es nicht klug, die Kampagne auf eine einzelne Person wie etwa einen Kandidaten Trittin zuzuschneiden.

Ob Trittin sich das bieten lässt oder darauf beharrt, allein in der ersten Reihe zu stehen, ist eine der offenen Fragen. Voriges Jahr erlitt er einen Herzinfarkt, kürzlich gab er zu, dass er die Rückkehr Künasts an die Fraktionsspitze nahezu ersehne, weil sie ihn von Arbeit entlaste. Zudem lehnen viele grüne Frauen es aus Prinzip ab, wenn die Partei männliche Alleinkandidaten aufstellt.

Mit einer Doppelspitze wie 2009 ist derzeit auch nicht unbedingt zu rechnen. Künasts Image als populäres Gegengewicht zum kühlen Strategen Trittin hat durch ihren Einbruch in Berlin gelitten. Die Parteichefs Roth und Özdemir würden auf Augenhöhe mit Künast drängen.

Künast braucht jetzt Zeit, um sich wieder zu berappeln. Gelingt das nicht, wäre ein Quartett mit vier Kandidaten wahrscheinlich. Es könnte auch zu einer Urabstimmung der Basis kommen, aber das wollen die Oberen lieber vermeiden. Die Grünen streiten zwar gern über Inhalte, Postenkämpfe aber schätzen sie nicht.

Die Parteivorsitzenden haben im Frühjahr geheim untersuchen lassen, wie beliebt die vier Spitzenleute sind. Trittin schnitt schlechter ab als erwartet, Roth und Özdemir lagen sogar knapp vor ihm. Das dürfte ihren Anspruch auf einen Spitzenplatz untermauern.

1998 traten die Grünen schon einmal mit vier gleichberechtigten Partei- und Fraktionschefs zur Bundestagswahl an. Damals wählten die Kreisverbände ihre Zugpferde selbst, indem sie Plakate mit den Kandidatenporträts bestellten. 28 000 Plakate mit Fraktionschef Joschka Fischer verkaufte die Grünen-Zentrale, das waren achtmal so viele wie die mit dem Gesicht des Parteivorsitzenden. Der hieß damals Jürgen Trittin.


DER SPIEGEL 39/2011
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