26.09.2011

G1 mal G2 mal G3 mal G4

Ortstermin: In Berlin erklärt ein Finanzwissenschaftler, was die Deutschen glücklich macht - und was nicht.
Zuerst spricht Jürgen Gerdes von der Deutschen Post. Das ist verwirrend, weil es ja um den "Glücksatlas Deutschland 2011" geht, nicht um eine Briefmarken-Sonderedition. Gerdes wird vorgestellt als "Vorstand der Post, Geschäftsbereich Brief, zu dem auch der Bereich Paket gehört". Gerdes sitzt vor einer postgelben Wand im Haus der Bundespressekonferenz und sagt: "Warum unterstützen wir als Deutsche Post eigentlich das Projekt Glücksatlas? Nun, weil wir jeden Tag für die Menschen in Deutschland da sind."
Womöglich haben sie bei der Post auch einfach nur gedacht: Glück ist gelb.
"So, jetzt kommt Professor Raffelhüschen mit den Glücksdetails", sagt Gerdes, der Paketvorstand. Bernd Raffelhüschen ist ein blondgelockter, gutgelaunter Professor, allerdings nicht für Glück, sondern für Finanzwissenschaft. Zusammen mit Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach hat Raffelhüschen das Glück der Deutschen erforscht. Die Ergebnisse stehen im "Glücksatlas Deutschland 2011". Der Glücksatlas soll klären, wie und wo die Deutschen glücklich sind. Und was sie glücklich macht.
Die Frage nach dem Wie beantwortet Raffelhüschen sehr präzise: 7,0. Das ist der durchschnittliche deutsche Glückswert. Der Deutsche ist nicht überglücklich, aber ziemlich glücklich. Die Glücksskala reicht bis zehn. Im europäischen Vergleich ist der Däne glücklicher und auch der Belgier, und wer jemals in Dänemark Urlaub machte oder in Belgien, wird sich fragen: Wie ist das möglich?
Raffelhüschen weiß es auch nicht. Er hat Deutschland untersucht. Die glücklichsten Deutschen leben in Hamburg. Glückswert 7,38. Danach kommt Niedersachsen Nord, Glückswert 7,14, und man denkt: Schau an, die Niedersachsen. Leben in Delmenhorst und Umgebung und sind trotzdem gut drauf.
Der Hamburger ist überdurchschnittlich reich, gesund, hat Arbeit, Kultur und lebt in "intakten Beziehungsgeflechten", sagt Raffelhüschen. Das alles macht glücklich. Der Thüringer wiederum hat den Thüringer Wald und die Rostbratwurst, aber wenig Geld, wenig Arbeit, wenig Gesundheit, wenig Kultur und oft den Blues. In Thüringen leben die unglücklichsten Deutschen. Glückswert 6,45.
Überhaupt ist der Osten glücksmäßig unterversorgt. Ein Grund, sagt Raffelhüschen, sei mangelnde Geselligkeit. "Geringer ausgeprägtes Sozialkapital". Wer sich wöchentlich mit Freunden trifft, ist um 0,23 Prozent glücklicher als derjenige, der keine Freunde trifft. Oder keine Freunde hat. In Brandenburg treffen sich 30 Prozent der Befragten wöchentlich mit Freunden. In Bayern sind es 46 Prozent. In Strukturförderprogramme umgesetzt, kann das für die Zukunft nur bedeuten: mehr Kneipen für Brandenburg. Brieffreundschaften nach Thüringen.
Berlin hat mehr Kneipen als jede andere Stadt, trotzdem läuft es nicht mit dem Glück. Unteres Mittelfeld, Glückswert 6,68. Der Berliner lebt zu ungesund. Gesundheit ist aber der größte Glücksbringer überhaupt, sagt Raffelhüschen. Kokain für die Seele, sozusagen. Weit vor der Partnerschaft, Freunden, Sport und dem Eigenheim. Von den befragten Berlinern sagten nur 35 Prozent, sie seien gesund oder sehr gesund. Der Rest leidet. Aber woran? Auch das weiß Bernd Raffelhüschen nicht. Glück ist kompliziert, philosophisch und mathematisch.
Glück gilt als ewige Verheißung und noch immer als schwer definierbar. Bei Raffelhüschen ist Glück gleich Lebenszufriedenheit. John Lennon wiederum sang "Happiness is a warm gun". Der Mensch kann die DNA entschlüsseln und Schweineherzen transplantieren. Aber wie berechnet man Glück? "G1 mal G2 mal G3 mal G4", sagt Raffelhüschen. Die vier G stehen für: Gesundheit, Geselligkeit, Geld und Genetik, im Sinne von Mentalität. Jahrhundertelang sollte der Mensch das Glück vor allem suchen. Von Berechnen und Finden war nie die Rede. Was braucht er also vor allem, um glücklich zu sein? Geld?
"Ja", sagt Raffelhüschen, "am Anfang". Ab 5000 Euro monatlichem Nettoeinkommen beginne dann aber die Glückssättigung. Geld hilft irgendwann nicht weiter. Genauso wenig wie Wirtschaftswachstum. Seit Jahrzehnten pflegen die Deutschen ihr Bruttoinlandsprodukt wie einen Schatz. "Wachstum" ist eine Art Zauberwort, und will man es als deutscher Politiker zu was bringen, sagt man irgendwann den Satz: "Wir brauchen mehr Wachstum."
Womöglich muss man umdenken. Mehr Wohlstand macht uns nicht automatisch glücklicher, glaubt Raffelhüschen. Aber was dann? Bringen Kinder Glück? Kinder sind ja das Glück der Erde.
Aber nicht für die Eltern, sagt Raffelhüschen. "Kinder machen nicht glücklich. Kinder sind glücksneutral." Und die Ehe? "Macht glücklich." Aber am glücklichsten seien verwitwete Personen mit neuem Partner. Bestperformer, Glückswert 7,2. Woraus man die Lehre ziehen kann, dass der Tod eines geliebten Menschen manchmal doch auch sein Gutes hat. So wie das Alter überhaupt. Das Glücksniveau verläuft in U-Form. Jugend macht glücklich, bis 30. Zwischen 30 und 60 sitzt der Deutsche dann ganz unten im U. Zu viel Arbeit, zu viele Ambitionen, zu wenig Gelassenheit. Mit 60 wird es besser.
Menschen zwischen 65 und 70 sind dann wieder so glücklich, wie sie es zwischen 20 und 30 mal waren.
Bernd Raffelhüschen schließt den Glücksatlas und blinzelt in die Kameras.
Womöglich bedeutet Glück also vor allem eines: durchhalten.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 39/2011
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