26.09.2011

TOURISMUS

Im Bett bei Sinatras

Von Tietz, Janko

Das Online-Portal Airbnb gilt als nächstes großes Ding im Internet. Es bietet weltweit Zugriff auf Tausende Privatunterkünfte. Das Hotelgewerbe ist alarmiert.

Ein bisschen Berlin steckt sogar in San Francisco. Wer den zweiten Stock eines graugetünchten Industriebaus nahe dem Szenestadtteil Soma betritt, findet sich mitten in einem ostdeutsch-plüschigen Wohnzimmer aus dem Berlin-Friedrichshain der siebziger Jahre wieder.

Auf einem der Sofas fläzt sich Brian Chesky, gähnt und erzählt, dass seine Designer auf Flohmärkten, im Internet und bei Trödlern so lange suchten, bis sie alle Originalteile beisammen hatten, um das Zimmer aus Berlin bis ins letzte Detail nachbauen zu können. Daneben hat Chesky auch Studios aus Hongkong, New York sowie ein pilzartiges Baumhaus aus dem Süden Kaliforniens nachgebaut - den sogenannten "Mushroom Dome".

Chesky macht das nicht zum Spaß, die Räume sind Kopien von Wohnungen, die er selbst mit seiner Firma Airbnb vermittelt. Das Kürzel steht für "Airbed and breakfast", also: Luftmatratze und Frühstück. Das Online-Portal bietet Privatpersonen die Möglichkeit, Zimmer oder Schlafgelegenheiten in ihren Wohnungen zu offerieren.

Wer ein solches Angebot annimmt, zahlt eine Provision an das Unternehmen

sowie die Miete für die Tage, an denen er in der Wohnung Unterschlupf gefunden hat. Der vorher festgelegte Betrag wird dem Gast abgebucht und 24 Stunden lang von Airbnb verwahrt. Erst wenn feststeht, dass alles in Ordnung ist, gibt Airbnb das Geld frei.

Das Geschäftsmodell klingt wie ein Studentenwitz, gilt aber als großes neues Ding im Netz. Chesky ist einer der drei Gründer. Gerade erst haben sich Investoren mit 112 Millionen Dollar beteiligt. Die Axel Springer AG will angeblich ebenfalls mit 70 Millionen Euro einsteigen, hat das manager magazin erfahren. Doch Airbnb dämpft die Hoffnungen des Verlags: "Wir haben unsere Finanzierungsrunde im Juli abgeschlossen", sagt Airbnb-Deutschland-Chef Gunnar Froh. "Eine weitere ist im Augenblick nicht geplant." Auch sei der von Springer geplante Investitionsbetrag illusorisch. "Frühere Geldgeber haben bei nachfolgenden Finanzierungen ein Mitspracherecht. 70 Millionen Euro wären viel zu viel", so Froh. Das gesamte Unternehmen wird mittlerweile mit 1,3 Milliarden Dollar bewertet.

"Was Ebay für die Vermittlung von Gegenständen ist, ist Airbnb für die Vermittlung von einzigartigen Räumlichkeiten", sagt Chesky, der das eigentlich alte Prinzip der Mitwohnzentrale immerhin perfektioniert, professionalisiert und auf die ganze Welt ausgedehnt hat.

Neben kleinbürgerlichen Absteigen hat er luxuriöse Übernachtungsmöglichkeiten im Angebot, die man in keinem normalen Hotelkatalog findet: zum Beispiel Boote in Panama, Holzhütten im Yosemite Nationalpark oder die für Frank Sinatra und seine Frau Nancy gebaute "Twin Palms"-Villa von 1947 in Palm Springs. Entsprechend alarmiert reagiert der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband, der moniert, dass die Unterkünfte oft nicht mal die klassischen Standards wie Hygiene, Brandschutz und Sicherheit gewährleisten würden. Außerdem sei es ja wohl nicht hinnehmbar, dass einzelne Anbieter eine Art grauen Hotelmarkt entwickeln würden.

Die Kapitalgeber sehen das entspannter. Das Wirtschaftsmagazin "Business Week" kürte Chesky zu einem der besten Nachwuchsunternehmer der Internetindustrie. Dabei war seine Karriere eher der Not geschuldet: Er brauchte Geld.

Bis 2004 studierte Chesky Industriedesign. Er war erst 26, als er mit seinem Honda Civic nach San Francisco umzog und eine Wohnung suchte. Ernüchtert von den horrenden Mietpreisen, griff er schließlich beim "günstigsten" Angebot zu: 1000 Dollar pro Monat für eine kleine, mittelmäßige Wohnung.

Während einer Konferenz hörte Chesky von Kollegen, dass alle günstigeren Hotels in San Francisco ausgebucht waren. Die Gäste aber suchten dringend Schlafmöglichkeiten.

Ihm und seinem damaligen Mitbewohner Joe Gebbia kam der Gedanke, die Messebesucher einen Teil ihrer eigenen Miete mitbezahlen zu lassen. Deshalb wollten sie eine Website basteln, um billige Schlafgelegenheiten in ihrer Wohnung anbieten zu können. Da beide keine Ahnung von Programmierung hatten, fragten sie ihren Kumpel Nathan Blecharczyk, ob er das mal schnell machen könne. Auf der Konferenz legten sie Werbezettel für die Seite aus, innerhalb weniger Stunden waren die Schlafplätze vergeben - und die Miete für den Rest des Monats gesichert.

Begeistert vom eigenen Erfolg wandte das Trio ein Jahr später die gleiche Taktik in Denver an. Damals war in der Stadt der Parteitag der Demokraten, bei dem Barack Obama offiziell zum Präsidentschaftskandidaten nominiert wurde. Dazu waren mehr als 80 000 Menschen in der Stadt und suchten Schlafplätze. Erstmals boten Chesky, Gebbia und Blecharczyk nicht selbst Plätze an, sondern machten ihre Internetseite zur Vermittlungsplattform.

Airbnb war geboren. Seither sind die Buchungen jedes Jahr um das Achtfache gestiegen. "Meine Mutter fand die Geschäftsidee ziemlich blöd", sagt Chesky. "Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die Spaß daran haben, ihren Wohnraum mit Fremden zu teilen. Ihre größte Sorge war, ob wir jemals das Startkapital zurückzahlen könnten."

Seit der Gründung 2008 wurden über Cheskys Seite mehr als zwei Millionen Übernachtungen gebucht. Airbnb beschäftigt inzwischen mehr als 130 Mitarbeiter. Die Firma hält angeblich mehr als 100 000 Wohn-Offerten in 19 000 Städten und 190 Ländern bereit. Längst gibt es eine Vielzahl von Nachahmern. Einige davon kommen aus Deutschland, 9flats oder Wimdu der Gebrüder Oliver, Marc und Alexander Samwer sind nur die prominenteren.

Problemlos ist das Geschäft nicht. Das Airbnb-Image hat schon erste Kratzer: So wurde im Sommer das Apartment einer Frau aus San Francisco derart von ihren Kurzfrist-Untermietern verwüstet, dass sie sich eine komplett neue Einrichtung anschaffen musste. Lange reagierte Airbnb gar nicht, dann zögerlich. Seit der Druck zu groß wurde, bietet das Unternehmen jetzt eine Gästegarantie an, eine Art Kulanzregelung in Höhe von bis zu 35 000 Euro, die Gastgeber nach Diebstahl und Vandalismus entschädigen soll.

Doch wann die Garantie greift und wie oft sie bereits in Anspruch genommen wurde, darüber hüllt sich Chesky in Schweigen. Viel lieber erzählt er, dass er seit gut einem Jahr selbst keine Wohnung mehr hat und sich seither in mehr als 40 verschiedenen Unterkünften eingemietet hat.

Glücklich sei er aber erst, "wenn wir irgendwann mal ein Zimmer im Haus von Microsoft-Gründer Bill Gates im Angebot haben".


DER SPIEGEL 39/2011
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