26.09.2011

PARIS

Betteln und beten

Von Leick, Romain

Aktion saubere Stadt: Frankreichs Innenminister verdrängt Habenichtse und Muslime von der Straße.

Emile Zola hat dieses Viertel in seinem Roman "Der Totschläger" mit brutalem Realismus geschildert: La Goutte d'Or im Pariser Norden am Fuße von Montmartre, in der Darstellung des Schriftstellers ein geschlossener sozialer Raum, aus dessen Elend, Gewalt und Trunksucht es für seine Heldin, die gutherzige Wäscherin Gervaise, kein Entkommen gibt.

Auch 130 Jahre nach Zolas Schocker ist La Goutte d'Or eine Welt für sich. Damals siedelten sich dort zugewanderte Arbeiter aus der französischen Provinz an, heute beherrschen Immigranten aus dem Maghreb, Schwarzafrika und Asien die schmalen Straßen. Die Gegend ist offiziell als urbane Problemzone eingestuft, der Ausländeranteil beträgt etwa 30 Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, und die Verheerungen, die früher der Fusel verursachte, werden nun von Crack, Prostitution und Straßenraub angerichtet.

La Goutte d'Or, von Zolas Zeitgenossen Aristide Bruant in einem bekannten Chanson besungen, ist arm, aber malerisch. Exotisch, aber unbarmherzig. Multikulturell, aber glaubensstark. Wohl nirgendwo sonst in Paris sind so viele praktizierende Muslime konzentriert wie in dieser Gegend.

Zwischen Halal-Metzgereien und Gewürzläden, afrikanischen Restaurants und orientalischen Cafés, Handy-Shops und farbenprächtigen Stoffgeschäften, Dealern und Straßenhändlern verlieren sich unauffällig und bescheiden zwei Moscheen, Inseln der Ruhe im marktschreierischen Treiben und nach allem, was die gut sichtbare Polizei weiß, mitnichten Brutstätten des Dschihad.

Doch an jedem Freitag zur Stunde des Mittagsgebets verwandelten sich bisher die kleinen Straßen vor der Khalid-Ibn-Walid- und der Al-Fath-Moschee in eine Art islamische Arena.

Hunderte, oft Tausende Gläubige, die in den überfüllten Gebetshäusern keinen Platz fanden, knieten draußen im Freien auf mitgebrachten Teppichen, dem eigenen Anorak oder einfach einer Plastiktüte. "Was sollen wir tun?", sagt Moustapha Hamdaoui von der Al-Fath-Moschee, in der die Schwarzafrikaner beten. "Wir haben 2500 bis 3000 Gläubige hier, die Leute knien nicht zum Spaß im Regen oder unter der Sonne." Ungewollt wurde so aus der rituellen Versammlung der Frommen eine religiöse Großkundgebung. Oder gar eine Demonstration des expansiven Islam?

So jedenfalls sahen es die Politiker, die mit solchen Vorwürfen auf Stimmenfang gingen: Marine Le Pen, die Führerin des rechtsextremen Front national, sah die Notwendigkeit einer neuen Résistance gegen fremde Eindringlinge gekommen und forderte ein Ende der "Besatzung". Präsident Nicolas Sarkozy, stets darauf bedacht, sich als Flic suprême von niemandem übertreffen zu lassen - gerade hat er 30 000 neue Gefängnisplätze versprochen -, wünschte sich, bitte schön, einen diskreten, demütigen Islam.

Sein Mann fürs Grobe, Innenminister Claude Guéant, ein Bürokrat des Polizeiapparats, meldete nun Vollzug: Beten auf der Straße ist seit einer Woche verboten. "Unwürdig, inakzeptabel, ein offener Verstoß gegen das Prinzip der Laizität", sagte der Minister und kündigte eine lückenlose Überwachung an: "Sollte es Widerspenstige geben, werden wir ihnen das Handwerk legen."

Mit ähnlicher Strenge hatte er kurz zuvor bereits die Bettler aus dem touristischen Schaufenster der Hauptstadt, den Champs-Elysées, vertrieben. Vor allem Bettlergruppen aus Rumänien waren aggressiv aufgetreten, die Zahl der Delikte hatte sich im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Jüngste Spezialität der Schnorrer: Mit blitzschnellem Zugriff räumen sie in den Straßencafés Trinkgelder und auf den Tischen liegende Handys ab.

So wie die Bettler nun in andere Stadtteile auswichen, zogen die Gläubigen murrend, aber gehorsam aus der Goutte d'Or in einer langen Schlange hinauf zum Boulevard Ney am Stadtrand, wo eine alte Feuerwehrkaserne notdürftig zur Behelfsmoschee umgerüstet worden ist. 4000 Muslime trafen an der neuen Gebetsstätte ein, gut 3000 fanden drinnen in drei großen Hallen Platz, der Rest musste wie gewohnt unter freiem Himmel niederknien, nur diesmal auf dem Parkplatz innerhalb des riesigen, abgeschlossenen Geländes.

Die Meinungen waren geteilt. "Okay, man sieht uns nicht mehr, aber wir sind zusammengetrieben wie Schafe in ihrem Pferch", empörte sich ein Gläubiger aus einer Gruppe von Draußengebliebenen.

Scheich Mohammed Salah Hamza dagegen ist erleichtert, etwas stolz sogar, nunmehr der größten Moschee von Paris vorzustehen. "Ich habe sehr gut verhandelt", brüstet er sich und gibt an, die vom Staat für die Kaserne verlangte Jahresmiete von 50 000 auf 30 000 Euro gedrückt zu haben.

"Noch fehlt hier das Sakrale", räumt der Imam ein. Vielleicht hat er deshalb für seine erste Predigt am neuen Ort ein seltsam profan anmutendes Thema gewählt, irgendwie passend und doch befremdlich: "Stress und Depression".


DER SPIEGEL 39/2011
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