26.09.2011

SPORTGESCHICHTE„Ich will nur eines: Medaillen“

Auch in Westdeutschland gab es vor der Wende offenbar ein staatlich gefördertes Dopingsystem. Das behaupten Historiker aus Berlin und Münster nach zwei Jahren intensiver Forschung. Vor allem Sportmediziner geraten ins Zwielicht.
Anfang der siebziger Jahre stand die Sportwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland vor einem Problem: Woher Pornofilme bekommen?
Es war eine Zeit, in der viel darüber geforscht wurde, wie Medikamente bei Athleten wirken, zum Beispiel auf die Potenz der Männer. Es war aber auch eine Zeit, in der Pornos verboten waren.
Am 31. August 1973 beantragte ein Forscher beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) Geld für eine Studie. Er wollte mehr über "die psychosexuelle Reaktionsbereitschaft vor und nach der Einnahme" eines anabolen Steroids herausfinden. Einem Teil der Probanden sollte monatelang ein Anabolikum gespritzt werden, dem anderen nicht. Nach einer Weile sollte kontrolliert werden, ob Sexvideos die behandelten Athleten weniger erregen als die Vergleichsgruppe.
Kosten von 24 000 Mark kalkulierte der Forscher für seine Testreihe, überwiegend für die Produktion eines Phallografen, einer Apparatur mit einer Öse, die Umfang und Härte des Penis messen sollte. 500 Mark veranschlagte er für die "Beschaffung von Filmen".
Was wäre das für ein Skandal geworden, wenn eine Bundesbehörde wie das BISp Steuergeld für illegale Pornos verwendet hätte? In seiner Not bediente sich der Mitarbeiter anderswo: beim Landeskriminalamt in Düsseldorf. Die Polizei half leihweise mit beschlagnahmten Sexfilmen aus der Asservatenkammer aus.
Veröffentlicht wurde die Pornostudie nie, die Akte 1120/13 verschwand im Archiv des BISp in Bonn. Der Phallograf erwies sich "als sehr störanfällig", wie der BISp-Mann im Abschlussbericht notierte. Das Experiment blieb nutzlos für den Kampf um Medaillen und Titel.
Inzwischen lässt sich nachlesen, wie weit es Wissenschaftler trieben, um westdeutsche Leistungssportler in die Weltspitze zu hieven. Zwei Jahre lang erforschten Historiker unter Leitung Giselher Spitzers von der Berliner Humboldt-Universität und Michael Krügers von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster die Geschichte des Dopings in der Bundesrepublik vor der Wende, so gründlich wie niemand zuvor. Sie sichteten zeitgeschichtliche Dokumente in Archiven wie denen des Deutschen Olympischen Sportbundes und des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, in Nachlässen wie denen der Sportfunktionäre Willi Daume und August Kirsch, sie befragten mehr als 50 Zeitzeugen, sie bewerteten das Material und deckten Zusammenhänge auf. Das BISp selbst hatte den Wissenschaftlern den Auftrag erteilt.
Entstanden ist ein düsteres Gesamtbild. Sportmediziner, die ihre Arbeit als Anti-Doping-Forschung etikettierten, betrieben demnach häufig das Gegenteil: Sie interessierten sich für die leistungssteigernden Effekte der Pharmaka; sie suchten nach Mitteln und Wegen, um Muskeln zu stärken und Ausdauer zu dehnen; ihr Ziel war, Höchstleistung über die Grenzen der Natur hinaus zu verschieben.
Dabei gab es Mediziner und Pharmakologen, die früh gewarnt hatten, etwa vor den zerstörerischen Folgen der Anabolika für die Gesundheit, Ärzte, die dafür von den sechziger Jahren an Nachweise erbrachten. Doch sie drangen kaum durch gegen die Lobby aus den Zentren der Sportmedizin in Freiburg und Köln, dort, wo die Professoren Joseph Keul und Wildor Hollmann und ihre Stäbe viele der besten Athleten Westdeutschlands betreuten.
Kliniken und Hochschulen waren demnach Teil des Systems nationaler Hochleistungssport, und ihre Leiter wussten wichtige Fürsprecher hinter sich. Sportfunktionäre befeuerten die fragwürdige Forschung, Politiker trugen sie mit und förderten sie finanziell.
Doping war in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn erwünscht, daran bestehen nach den Berichten der Historiker kaum noch Zweifel.
In München traten 1972 erstmals bei Sommerspielen zwei vollständig getrennte deutsche Olympiamannschaften an, Ost und West. Das stachelte den Ehrgeiz der Bundesrepublik auf allen Ebenen an. Der Kampf der Systeme erreichte die Tartanbahn, der Kalte Krieg die Stadien.
Zwar existierte im Westen kein zentral gesteuerter Dopingauftrag wie der Staatsplan 14.25 in der DDR. In Bonn reichte es aus, dass der für den Spitzensport zuständige Innenminister den Eindruck vermittelte, ihm sei so gut wie alles recht, um in der Weltspitze mitzuhalten. Und so entwickelte sich unter den Bedingungen von Demokratie und Marktwirtschaft eine Dopingkultur, die offenbar aufs Gleiche zielte: Erfolg, Erfolg, Erfolg, auch unter Preisgabe der Gesundheit.
Und wie in der DDR war die Geheimhaltung von Forschungsergebnissen ein wichtiger Teil der Arbeit. Bis zum heutigen Tag, das ergaben die Recherchen der Historiker, blieben viele Untersuchungen, die der Steuerzahler finanziert hatte, unter Verschluss.
So funktionierte die Doppelstrategie: Nach außen hin galt eine Distanz zu allem, was nach Manipulation aussah. Intern redete man anders. Vor Olympia 1972 knöpfte sich ein Bonner Minister im BISp einen Mitarbeiter vor: "Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eines: Medaillen für München." - "Herr Minister: ein Jahr vorher? Wie sollen wir da noch an Medaillen kommen?" - "Das ist mir egal." So hat es zumindest der BISp-Mann den Berliner Historikern erzählt.
Unter Regie von Sportfunktionären und Medizinern hatte das Innenministerium 1970, zwei Jahre vor München, das BISp gegründet, als Schnittstelle zwischen Staat, Sport und Wissenschaft. Als Behörde bekam es den Auftrag, die Forschung voranzutreiben und dafür zu sorgen, dass die Ergebnisse bei den Praktikern landeten. Doch die Kontrolle darüber überließ das Ministerium weitgehend dem Sport und den Medizinern.
Und die griffen gern zu. Das Institut hatte Steuermillionen zu verteilen. Von Anfang an kassierten die Sportärzte kräftig. Weil Kapazitäten wie Keul und Hollmann im Fachausschuss, der über die Medizinförderung entschied, in entscheidenden Positionen saßen, floss das Geld vor allem in ihre eigenen Zentren. Im Berliner Untersuchungsbericht heißt es, das BISp sei für sie ein "lukratives Finanzierungsinstrument" gewesen.
Doping, so stellt sich jetzt heraus, war auch im Westen ein lohnendes Geschäft. In der DDR gab es ein klares Prämiensystem: Wenn Sportler mit Hilfe der Pillen Medaillen gewannen, profitierten auch die Funktionäre, Trainer und Wissenschaftler davon; ihnen winkten Geld, Auslandsreisen, Aufstiegschancen. Auch in der Bonner Republik war es sehr lukrativ, mit hochklassigen Athleten zusammenzuarbeiten. Auf diese Weise flossen die Zuschüsse aus dem Topf des Staates. Außerdem genossen die Mediziner öffentliche Aufmerksamkeit - ein hohes Gut in modernen Gesellschaften.
Niemand verstand es besser, sich ins rechte Licht zu rücken, als ein weißhaariger Professor aus Freiburg: Joseph Keul. Der Leiter der Abteilung Sport- und Leistungsmedizin des Klinikums der Albert-Ludwigs-Universität war so etwas wie die Spinne in einem weitverzweigten Netz, das sich um die Athleten spann. Keul betreute als leitender Arzt viele deutsche Olympiateams. Dies allein schon garantierte ihm über Jahrzehnte Einfluss, Macht und hohe Apanagen.
Die Historiker fanden auch jetzt keine Beweise dafür, dass Keul persönlich im großen Stil Dopingmittel verabreicht hätte. Allerdings war Keul stets dabei, wenn Dopingforschung betrieben wurde.
Zudem erfüllte der Mediziner mit seinen Auftritten in den Medien eine wichtige Rolle, indem er die Dopingpest in
Deutschland-West verharmloste. Obwohl der Professor die einschlägige Literatur kennen musste, spielte er die Risiken des Medikamentenmissbrauchs herunter, auch noch nach der Wende.
Anabolika? "Jeder, der einen muskulösen Körper haben und männlicher wirken möchte, kann Anabolika nehmen."
Wachstumshormon? "Keine Leistungsförderung."
Clenbuterol? "Kein Leistungsvorteil."
Mit seiner Strategie des Abwiegelns trug Keul wesentlich dazu bei, dass Dopingkontrollen, wie die Autoren jetzt resümieren, "unzureichend umgesetzt" und Trainingskontrollen "systematisch verschleppt" wurden. Keul schreckte später sogar davor nicht zurück, seine wissenschaftliche Reputation zu nutzen, um Athleten vor Gericht vom Verdacht des Dopens reinzuwaschen.
Die Berliner Historiker kommen zu dem Ergebnis, dass sich Keul mit den Sportfunktionären abgestimmt haben muss. Er unterhielt beste Beziehungen zu den Spitzen des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und zum Deutschen Sportbund. Auch mit August Kirsch, lange Jahre in Personalunion Direktor des BISp und Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, arbeitete der Freiburger eng zusammen. Selbst Willi Daume, jahrzehntelang NOK-Präsident und so etwas wie das gute Gewissen des deutschen Sports, erhielt demnach früh Hinweise auf die Dopingmast in Westdeutschland. Zu dem 1996 verstorbenen Sportführer "bestand lange ein Vertrauensverhältnis, ihm ließ Keul sogar Interna zur Anabolika-Praxis zukommen", schreiben die Geschichtsforscher.
Keul genoss nicht nur die Rückendeckung der Sportfunktionäre. Die Historiker fanden auch Belege dafür, dass die Bonner Politiker Doping als Mittel im Kampf zwischen Ost und West direkt unterstützten. Ein Schlüsseldokument ist ein Filmausschnitt aus dem Oktober 1976. Damals reiste der Leiter der Sportabteilung des Bundesinnenministeriums zur Eröffnung eines Neubaus nach Freiburg. An den "lieben Herrn Professor" richtete der Spitzenbeamte aufmunternde Worte: "Wenn keine Gefährdung oder Schädigung der Gesundheit herbeigeführt wird, halten Sie leistungsfördernde Mittel für vertretbar. Der Bundesminister des Inneren teilt grundsätzlich diese Auffassung."
Das war zu einem Zeitpunkt, als die Langzeitfolgen der Dopingmittel wissenschaftlich bewiesen waren. In der Rede zeigte sich eine Grundhaltung zum Doping, die sich in der Universität Freiburg über mehr als 30 Jahre von Generation zu Generation vererbte.
Für Keul und seine Jünger zahlte sich der Dienst am Vaterland in barer Münze aus. Über viele Jahre kassierte das Freiburger Institut sechsstellige Summen vom BISp. Aufwendige Anträge waren dazu offenbar nicht notwendig. Und: Die Historiker fanden heraus, dass sich Keul auch Forschungsgelder auf ein Privatkonto überweisen ließ statt wie üblich an die Universitätskasse. So sehr ist das Freiburger Institut ins Zwielicht geraten, dass die Universitätsleitung immer noch eine Kommission aufklären lässt, wie intensiv welche Sportmediziner dort getrickst und betrogen haben.
Aber auch die Deutsche Sporthochschule in Köln (DSHS), bisher eher unverdächtig, hatte offenbar dunkle Seiten. Vor mehr als einem halben Jahrhundert hatte der Kardiologe Wildor Hollmann das Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der DSHS gegründet. Er baute es zu einem Mittelpunkt des Fachs aus - und zementierte damit auch seinen Einfluss. Die Geschichte des Hochleistungssports in Westdeutschland wäre ohne Hollmann anders verlaufen.
"Ich bin von Haus aus ein knallharter Naturwissenschaftler", sagte er einmal. Mit heute 86 Jahren kann Hollmann auf eine lange, breite Karriere zurückblicken. Hunderte Athleten und Trainer suchten ihn auf, er diente der Fußball-Nationalelf, den deutschen Hockeyspielern und den Golfern. Hollmann häufte Amt auf Amt, knüpfte Funktion an Funktion. Die westdeutschen Sportärzte wählten ihn zum Präsidenten, ebenso der Weltverband. Nach der Wende zog er sogar ins Präsidium des NOK ein - nun war er auch noch Sportfunktionär geworden.
Um sein Kölner Institut zu versorgen, ließ sich Hollmann auch das BISp, dieses staatliche Füllhorn, nicht entgehen. Im Fachausschuss Medizin des BISp hielt der Kölner Kardiologe von Anfang an seine Hand auf das Budget. Seit 1970 leitete er dieses Gremium, 22 Jahre lang blieb er, bis nach dem Mauerfall.
Wohin und in welcher Höhe die Forschungsgelder flossen, darüber entschied maßgeblich auch er. Sein Kölner Institut bescherte er offenbar reichlich. Es erhielt Jahr für Jahr Zahlungen für eine Dauerstudie "Arbeits- und Trainingsuntersuchungen", in guten Zeiten flossen bis zu 230 000 Mark per annum.
Steuermittel seien "ohne echte Kontrolle verwendet" worden, stellen die Berliner Forscher fest, "die Dominanz der sportmedizinischen Achse Köln-Freiburg" habe "einen wissenschaftlichen Wettbewerb verhindert". Mehr noch: "Diejenigen, die es wagten, die sportmedizinische Reputation Kölns oder Freiburgs oder die wissenschaftliche Deutungshoheit dieser Institute in Frage zu stellen, mussten Willkür bei der Vergabe der Forschungsmittel befürchten."
Gegenüber dem SPIEGEL weist Hollmann die Darstellung der Historiker als "teilweise grotesk anmutende Unterstellungen" zurück. In seinem Kölner Institut sei "niemals Dopingforschung betrieben" worden. Bei der Bewilligung der Forschungsmittel habe es unter seinem Vorsitz im BISp-Fachausschuss Medizin "nie Willkür in Entscheidungen gegeben". Freiburg und Köln hätten nur deshalb die üppigsten Fördermittel erhalten, "da es sich um die beiden größten und forschungsintensivsten sportmedizinischen Institute der Bundesrepublik handelte".
Auf dem Sportärztekongress im Oktober 1976 in Freiburg gab Hollmann die Linie vor. Anabole Steroide standen bereits auf den Dopinglisten, die Mediziner diskutierten, ob sie für eine Freigabe eintreten sollten. Hollmann redete vom "Dilemma der Sportmedizin" und formulierte die möglichen Auswege für die Ärzteschaft.
Eine denkbare Haltung, so Hollmann damals, laute: "Wir verkünden, dass wir in der Bundesrepublik keine Anabolika verabreichen, und überlassen dem Ostblock den Weltstandard." Er sprach sich für eine andere Position aus: "Wir unterstützen als Ärzte jede Maßnahme zur Leistungssteigerung des Spitzensportlers, die nicht gesundheitsschädlich ist."
Heute distanziert sich Hollmann von seinem Vorstoß auf dem Kongress. Diese Meinung habe er zu einer Zeit vertreten, als "in den USA und in der Sowjetunion" gegen die Verabreichung von Anabolika "keinerlei Bedenken erhoben" wurden. Doch habe er stets seinen "Standpunkt angepasst" - "angesichts des Wissensstandes der letzten drei Jahrzehnte stehe ich nicht mehr zur dargestellten Aussage".
1974 war der ostdeutsche Sportmediziner und Dopingfachmann Alois Mader in den Westen geflohen. Mader bewarb sich in Köln und kam dort schnell unter, als enger Mitarbeiter des Institutsleiters Hollmann. Der soll sich später damit gebrüstet haben, genau zu erfahren, woran in den streng abgeschirmten DDR-Labors in Leipzig geforscht würde. "Wir kennen alle Details", sagte Hollmann damals.
Heute erklärt er, mit Mader nur über die politischen Zustände in der DDR gesprochen zu haben. Die Institutsstelle habe er Mader "mit Freude" verschafft, "da mir seine wissenschaftlichen Leistungen vom Hörensagen bekannt waren". Der Kölner Professor war auch behilflich, als sich 1987 ein weiterer Dopingexperte aus der DDR absetzte. Hartmut Riedel kam vom Sportmedizinischen Dienst in Kreischa, dort hatte er als Chefarzt geforscht und mit einer Arbeit über die Wirkung anaboler Steroide bei Leichtathleten habilitiert. Schon kurz nach seiner Flucht fing er im Sportmedizinischen Institut der Universität in Paderborn an. 1989, kurz vor der Wende, stieg Riedel in Bayreuth sogar zum Professor auf, obwohl seine Habilitationsschrift aus der DDR nicht vorlag. Das ließ sich regeln: Hollmann empfahl Riedel persönlich.
Tatsächlich gab es im Westen kaum einen besser vernetzten Sportwissenschaftler als Hollmann. Es konnte ihm auch nicht entgehen, wie deutlich Kollegen vor den Gesundheitsschäden durch Anabolikakonsum warnten. So begutachtete er in den siebziger Jahren eine Dissertation des Leverkusener Mediziners Gerd Reinhard, der die gruseligen Folgen beschrieb: Leberschäden, schrumpfende Hoden, bei Frauen Bartwuchs und Zyklusstörungen. Hollmann selbst wies 1976 in einem Buch auf mögliche Risiken hin, riet aber lediglich "vor der unkontrollierten Einnahme dringend ab". Wenn Sportärzte darüber wachten, so damals sein Credo zum Wohle des Berufsstands, dann würde schon nichts schiefgehen.
Hollmann blieb lange inkonsequent, wenn es um Doping ging. Er hätte von Anfang an laut aufbegehren können, er wusste genug, er verstand genug, er hätte sich Gehör verschafft als Westdeutschlands oberster Sportmediziner. Doch er tat es nicht.
Keul und Hollmann beeinflussten über Jahrzehnte stark die Zielrichtung der Forschung in der Sportmedizin. Sie mochten einander nicht besonders, aber in die Quere kamen sie sich nicht, weil Deutschlands sportmedizinische Zentren geradezu paradiesische Möglichkeiten hatten.
Schon bei den ersten Experimenten mit Anabolika zu Beginn der siebziger Jahre sollen das BISp und Keuls Freiburger Institut zusammengespielt haben. "Die ersten Dopinggedanken sind damals in Freiburg entwickelt und gefördert worden, auch geistig, und dann sind diese Gedanken bewusst vom BISp getragen und finanziert worden", so sagte es ein früherer BISp-Mitarbeiter den Historikern.
Zu der Zeit, als Anabolika umstritten und teilweise schon verboten waren, gaben Keul und seine Mitarbeiter nach Tests an Gewichthebern in mehreren Veröffentlichungen Entwarnung. Gesundheitliche Schäden seien nicht festgestellt worden, konstatierten sie dann 1976.
Wie geschmeidig das westdeutsche Dopingkartell funktionierte, machen die Historiker anhand bisher unveröffentlichter Briefe in der Affäre um die sogenannte Kolbe-Spritze deutlich. Nachdem Ruder-Weltmeister Peter-Michael Kolbe bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal nur Silber gewonnen hatte, weil er kurz vor dem Ziel klar führend eingebrochen war, machte er eine Injektion für seine Niederlage verantwortlich. Vor dem Endlauf hatte man ihm eine Kombination aus Berolase und Thioctacid verabreicht, zwei Präparate zur Behandlung Diabeteskranker, die damals auf keiner Dopingliste standen. Nach Kolbes Beschwerde stellte sich heraus, dass die westdeutschen Mediziner mindestens 1200 solcher Spritzen in Montreal gesetzt hatten, bei Schwimmern, Radfahrern und Leichtathleten.
Für die Historiker ist dieser Vorgang "eines der peinlichsten Kapitel der deutschen Sportgeschichte". Deutschlands Sport-Asse hätten das Präparat quasi im "wissenschaftlichen Blindflug" bekommen, es sei in keiner Weise erforscht gewesen. Der bloße Verdacht, das Mittel bringe ein bis eineinhalb Prozent Leistungssteigerung, habe ausgereicht, es einzusetzen. Attraktiv waren die Spritzen wohl auch deshalb, weil sie der damals aus der DDR geflohene, in Köln arbeitende Mediziner Mader empfohlen hatte. Offensichtlich waren die Westdeutschen gierig auf ein Stück Ost-Know-how.
Als die Diskussion um die Kolbe-Spritze abgeebbt war, machten die Sportmediziner weiter, als sei nichts geschehen - immer auf der Suche nach neuen Methoden, die Sportler noch schneller und stärker zu machen. Spätestens mit dem spektakulären Dopingfall Ben Johnsons 1988 in Seoul war den Medizinern klar, dass sie Alternativen zu den leicht aufzuspürenden synthetischen Anabolika brauchten. Nun sollte das körpereigene Sexualhormon Testosteron das Mittel der Wahl sein: wirksam und schwer nachweisbar.
Unter dem Vorwand, nachzuforschen, ob Sportler besser regenerieren, wenn ihnen Testosteron verabreicht wird, finanzierte das BISp drei große Studien zwischen 1986 und 1990. Es sei "erstaunlich", schreiben die Historiker nach Auswertung interner Akten, "dass alle beteiligten Auftragnehmer die Vorgabe ignorierten, die Wirkung des Testosterons ausschließlich hinsichtlich der Regeneration abzuhandeln". In nahezu allen Publikationen habe "vielmehr das Thema der leistungssteigernden Effekte eine herausragende Rolle" gespielt.
Dass die Forschung nichts mehr mit dem ursprünglichen Auftrag zu tun hatte, störte offensichtlich niemanden im BISp und im Bundesinnenministerium. Dort reagierte man ebenso wenig darauf, dass Keul es zunächst unterließ, einen Abschlussbericht für eine Arbeit zu liefern, die den Steuerzahler 298 000 Mark gekostet hatte. Die Sportmediziner konnten folglich davon ausgehen, resümieren die Geschichtswissenschaftler, "dass seine anwendungsorientierte Dopingforschung sportpolitisch gewollt war".
Die Frage ist, was nun passiert. Angesichts dessen, was die Historiker zutage gefördert haben, kann niemand mehr ernsthaft behaupten, Doping sei ein Phänomen des Ostens gewesen. Der Westen war kaum besser.
Unter den beteiligten Personen - Politikern, Sportfunktionären und Ärzten - sind die meisten im Ruhestand oder tot. Die Institutionen gibt es natürlich noch, das Bundesinstitut für Sportwissenschaft, die Kliniken, Verbände. Beifall von dort wird nicht zu erwarten sein, eher Protest, Zweifel, bestenfalls Schweigen. Es könnte ein Lehrstück darüber werden, ob die alte Bundesrepublik die dunkle Seite ihrer Sportgeschichte wahrhaben möchte.
Es ist eine ironische Wendung, dass ausgerechnet das BISp die Geschichtsforscher auf die Spur gesetzt hat. Am Anfang stand der Wille zur Aufklärung, nun erweist sich das BISp als Teil des Problems. Das Ergebnis der Gutachten aus Berlin und Münster lässt den Auftraggeber in einem schlechten Licht erscheinen.
Im BISp, das sich zu den Berichten der Historiker vorerst nicht öffentlich äußert, ahnten sie das wohl eine Weile lang, inzwischen wissen sie es.
Die Forscher durften bei ihrer Arbeit zwar allerlei Dokumente sichten, aber zunächst keine Kopien mitnehmen. Namen sollen außerdem nur beschränkt genannt werden, argumentiert wurde mit dem Datenschutz. Und vor gut zwei Wochen schrieb BISp-Direktor Jürgen Fischer eine Mail an Mitglieder des Projektbeirats, in der er über die Berichte urteilt: Bevor sie veröffentlicht würden, bedürften sie "aus meiner Sicht erheblicher Überarbeitung".
(*) Nach seiner Niederlage im Einer-Finale bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976.
Von Detlef Hacke und Udo Ludwig

DER SPIEGEL 39/2011
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