01.10.2011

Doggy, lass es

Ortstermin: In Berlin hat ein Reha-Zentrum für problematische Hunde eröffnet - mit Physiotherapie und Seniorenhaus.
Seit Doggy in Therapie ist, macht er Fortschritte. Keine großen, aber was kann man erwarten nach zwei Wochen? "Doggy fehlt jeglicher Grundgehorsam", sagt Heike Iben. Deshalb muss man ganz von vorn anfangen, therapiemäßig: Sitz, Platz, Komm her, Guck mich an, Spring mich nicht an! Vor allem mit dem Anspringen macht sich Doggy keine Freunde. Doggy ist groß. Ziemlich groß. Das Anspringen ähnelt einer Umarmung, und nicht jeder will von einem schwarz-grauen Dogge-Mix umarmt werden. Doggy, glaubt Heike Iben, ist kein schlechter Kerl. Nur eben unerzogen, verwahrlost, hoher Speichelfluss, und er mag keine anderen Hunde.
Doggy kommt aus Neu-kölln. Nach allem, was man weiß, soff sein Besitzer viel und kümmerte sich wenig. Doggy saß in der Wohnung fest und wurde immer knurriger. Irgendwann, vor dem Supermarkt, verbiss sich Doggy dann in einen Hund, den er übel zugerichtet zurückließ. Anschließend kam die Polizei, die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, Doggy wurde amtlich sichergestellt. Er kam nicht in den Knast, sondern ins Tierheim Berlin, zu Trainerin Heike Iben - in das neueröffnete Hunde-Reha-Zentrum.
Früher gab es Reha-Zentren nur für Menschen. Über Hunde hörte man selten die Sätze: Er ist in der Reha. Oder in Therapie. Oder zur Kur an der See. Hatten Hunde ein Problem, kamen sie allenfalls zum Arzt. Oder ins Tierheim. Dort saßen sie in Boxen und warteten darauf, dass sich jemand ihrer erbarmt und sie mitnimmt. Mit den Jahren wurden die wartenden Hunde immer mehr. Der Bestand wuchs auf über 300 Hunde.
Das Tierheim Berlin ist nach eigenen Angaben das größte Europas, es liegt am Rande der Stadt wie ein Raumschiff aus Beton. 16 Hektar, 20 Fußballfelder - mit Friedhof, Krankenhaus, Bauernhof und Exotenhaus für Affen und den Madagaskar-Baumleguan. Aber hundemäßig gibt es längst Kapazitätsprobleme.
Berlin ist Deutschlands Hundehauptstadt. Über 100 000 registrierte Hunde leben hier und weiß Gott wie viele unregistrierte. Berlin hat vermutlich mehr Hunde als FDP-Wähler. Das ist einerseits erfreulich, andererseits stellt es das Tierheim vor Probleme. Die Hunde kommen - aber zu wenige gehen. 85 Prozent gelten als schwer vermittelbar. Zu alt, zu krank, zu verhaltensauffällig. Zu sehr Kampfhund.
Auch deshalb kam man im Tierheim auf die Idee, ein Hunde-Reha-Zentrum zu errichten. Man will dadurch die Vermittlungschancen erhöhen. Die Hunde fit machen. Für draußen. Für Menschen in Haft gibt es Resozialisierungsprogramme zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Für Hunde im Berliner Tierheim gibt es jetzt Gruppenstuben, Freilaufflächen, Badetümpel, ein Seniorenhaus, Therapiepläne, ein Unterwasserlaufband für die Physiotherapie und vor allem Heike Iben, die Hundetrainerin.
Zurzeit sind sechs Hunde bei ihr in der Reha. Zwölf sollen es werden. Anti-Aggressionstraining, Desensibilisierung, Konfliktverhalten, Berührungseinheiten - das ist der Therapieplan.
"Doggy, sitz!, Doggy, Platz!, Doggy, lass es!", ruft Iben. Und: "Eh, Freund Nase!" Doggy ist ein mittelschwerer Fall, spricht aber Deutsch.
Viele Hunde sprechen in Berlin nur Türkisch, Russisch oder Vietnamesisch. "Die muss man zunächst in ihrer Heimatsprache ansprechen", sagt Heike Iben. "Die Hunde schwenken dann schnell auf Deutsch um." Der Berliner Hund als solcher ist integrationswillig.
Mit Doggy will Iben täglich ein, zwei Stunden lang arbeiten. Wenn die Reha anschlägt und der Grundgehorsam da ist, hat Doggy keine schlechten Vermittlungschancen, glaubt sie. "Das werden natürlich nie wieder normale, freundliche Hunde sein", sagt Heike Iben. "Aber ganz okay."
Schwerer haben es Staffordshire-Bullterrier. Davon gibt es im Tierheim viele. Über 50 Prozent der Hunde sind sogenannte Kampfhunde. Abgegeben vom Halter, der sie nicht halten konnte oder wollte. Oder von der Polizei. Kampfhunde waren in Berlin mal sehr modern. Heute sind sie schwer vermittel-bar. Das macht es für Boss nicht leichter.
Boss ist ein Staffordshire-Mix und wirkt nicht so, als könne man seine Hundebox zurzeit freiwillig betreten, ohne Teile der Wade zu verlieren. "Dünnes Nervenkostüm, geringe Frustrationsschwelle", sagt Iben. Jim, der zähnefletschende schwarze Rottweiler-Labrador-Mix, hat eine "übersteigerte Beute- und Futteraggression", so Iben. "Gehe ich da mit halbvollem Napf wieder raus, greift er mich an." Was kann man tun? "Maulkorb-Training, Handfütterung, soweit möglich. Und möglichst viel Berührung".
Sherlock, ein Staffordshire, ist eigentlich ein "super Lieber", nur eben hyperaktiv und in Erregung nicht ansprechbar. "Reizarm Gassi gehen, viel massieren, viel streicheln", sagt Iben.
Sheyla, eine Schäferhündin, hat Angst vor Menschen. Wahrscheinlich schlech-te Erfahrungen. "Es hat zwei Wochen gebraucht, bis Sheyla so entspannt war, dass sie beim Gassigehen mal pinkeln konnte."
Seit 20 Jahren beschäftigt sich Heike Iben mit Tierheim-Hunden. Es gab noch traurige Zeiten, sagt sie, da war es in Heimen üblich, die Tiere nach einer gewissen Zeit totzuspritzen, um Platz zu schaffen. Heute gibt es das neue "Seniorenhaus", gleich neben der Reha.
Man kann dort alt werden als Berliner Tierheim-Hund. Wenn alles nichts hilft. Und niemand mehr kommt.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 40/2011
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